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Kann der penetrante Geruch eines Pilzes Frauen wirklich zum Orgasmus bringen?

Das Internet ist ein merkwürdiger Ort, das wissen wir alle. Kürzlich kursierte eine Geschichte über einen Pilz, dessen Geruch Frauen sofort zum Orgasmus bringen kann. Klingt verrückt, aber ist da was dran? Wir haben nachgefragt.

von Alex Swerdloff
16 Oktober 2015, 11:15am

Das Internet ist ein sehr merkwürdiger Ort—das versteht sich von selbst. Vor ein paar Tagen kursierte eine Geschichte über einen Pilz, dessen Geruch Frauen sofort zum Orgasmus bringen soll. Wir als Inspektoren von allem Essbaren wollten es genauer wissen. Die Geschichte klingt völlig absurd, ist da wirklich was dran?

Wer sich die Artikel genau angeschaut hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass sie alle auf eine Studie aus dem International Journal of Medicinal Mushrooms von John Halliday und Noah Soule verwiesen. Klingt seriös, oder? Als wir aber sahen, dass die Studie aus dem Jahr 2001 stammt, wurde unsere Skepsis ein bisschen größer. Deshalb hat MUNCHIES versucht, mit Halliday und Soule Kontakt aufzunehmen—die mysteriöserweise nicht aufzufinden waren.

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Aber die Studie war doch so fesselnd, so mitreißend! In den Artikeln stand, dass Halliday und Soule von einem hellorangen Pilz gehört hatten, der in Lavaströmen auf einer hawaiianischen Insel sprießt. Die nicht genauer benannte Dictyophora-Art soll unter den Einheimischen als sehr starkes Aphrodisiakum gelten—so stark, dass sie Frauen, wenn sie nur daran riechen (keine Sporen-Inhaltion nötig, nur ganz kurz riechen), in Ekstase versetzt. Das Wissenschaftsduo soll mit 16 Frauen und 20 Männern einen „Riechtest" durchgeführt haben. Dabei sollen sechs der Frauen einen spontanen (aber nicht „weltbewegenden") Orgasmus erlebt haben, während sie an dem Pilz rochen, bei den anderen zehn, die kleinere Dosen erhielten, stieg der Puls an.

Was genau war der Auslöser dieser spontaner Orgasmen? Halliday soll spekuliert haben, dass der üble Geruch des Pilzes einen „hormonähnliche Verbindung" hat, die eine gewisse „Ähnlichkeit mit menschlichen Neurotransmittern, die während sexueller Begegnungen ausgeschüttet" werden, haben soll.

Die männlichen Studienteilnehmer hingegen gaben an, dass sie den Geruch des Pilzes als absolut widerwärtig wahrnahmen.

Kann das alles wahr sein? Ist das echte Viagra für Frauen ein Pilz, der in Lava auf Hawaii wächst?

Kurz gesagt: Wir haben keinen blassen Schimmer. Keine weiteren wissenschaftlichen Studien scheinen die Resultate zu bestätigen. John Halliday wird als der Präsident von Aloha Medicinals Inc. in Carson City, Nevada, geführt, eines Unternehmens, zu dessen Produkte Hundefutter, Zahnbonbons für Hunde und Bücher wie Help Your Dog Fight Cancer zählen. Noah Soule ist von der Bildfläche verschwunden—außer er betreibt ein Rafting-Unternehmen in Oregon und hat bei medizinischem Marihuana seine Finger im Spiel. Wir haben auch versucht, das Rafting-Unternehmen zu kontaktieren, aber leider ohne Erfolg.

Wir konnten das aber einfach nicht ungeklärt auf uns sitzen lassen und mussten irgendwie Licht in die Sache bringen.

Deswegen haben wir mehrere Mykologen kontaktiert, von denen sich einige nicht einmal an das Thema heranwagen wollten. Ein angesehner Pilzexperte, der aber an dieser Stelle anonym bleiben möchte, wollte keinen Kommentar abgeben und nannte die Studie in einer E-Mail, die von Anfang bis Ende in Comic Sans MS geschrieben war, „völligen Schwachsinn" und warf ein Zitat von George Bernard Shaw nach: „Kämpfe nie mit einem Schwein, ihr werdet euch beide schmutzig machen."

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Zum Glück gibt es noch den Mykologie-Veteranen und Gründer von Radical Mycology, Peter McCoy, der bereits unseren amerikanischen Kollegen von MOTHERBOARD seine Pilzexpertise zur Verfügung gestellt hat. Er sagt, er habe bereits eine Präsentation der Studie von John Halliday gesehen, der hinter den Ergebnissen seiner Studie über diesen mysteriösen Sex-Pilz stehe. Das klingt nach brauchbarer Information, also hat MUNCHIES bei Peter genauer nachgefragt.

MUNCHIES: Das Experiment soll mit 16 Frauen und 20 Männern durchgeführt worden sein. Gehen wir mal davon aus, dass das Experiment stattgefunden hat und dass es wissenschaftlich korrekt durchgeführt wurde. Wäre es dann überhaupt groß genug angelegt gewesen, um irgendetwas zu beweisen? Peter McCoy: Hmm. Statistische Signifikanz basiert auf dem Vergleich des Ergebnisses mit der Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis reiner Zufall ist. Es kommt mir recht unwahrscheinlich vor, dass spontane Orgasmen zufällig sein könnten. Aber jedes gute Experiment sollte sich mit dem gleichen Ergebnis wiederholen lassen und eine sogenannte „Effektgröße" und eine Standardabweichung für die angegebenen Resultate beinhalten.

Die Autoren der Studie behaupteten, dass „bedeutende Eigenschaften der sexuellen Erregung in dem üblen Geruch dieses einzigartigen Pilzes" vorhanden sind und bezogen sich damit auf die nicht näher bezeichnete Art der Gattung der Dictyophora. Gibt es nach deinem Wissen irgendwelche Pilze, die eine Art psychosomatische Reaktion hervorrufen könnten, allein weil man ihr Aroma wahrnimmt? Das ist das erste Mal, dass ich davon höre. Viele Pilze haben sehr individuelle Gerüche. Der geehrte Matsutake (Tricholoma matsutake) hat beispielsweise den Geruch von scharfen Zimtbonbons und dreckigen Socken. Und dann gibts natürlich noch die italienischen Trüffel.

Das liegt nicht an den Sporen, sondern an den aromatischen Substanzen, die diese Artenfreisetzen. Viele andere Pilze riechen nach Mandeln, nach Aprikosen oder anderen angenehmen Dingen. Wenn man die Sporen eines giftigen Schimmels einatmet, kann einem schlecht werden oder man verliert die Orientierung.

Hast du schon einmal von einem Pilz gehört, der eine messbare sexuelle Reaktion hervorruft? Ja, Reishi und Cordyceps sind bekannt für ihre „sexuelle Verstärkung" und ihre Fähigkeit, die Libido zu erhöhen. Besonders der Cordyceps sinensis.

Sind dir irgendwelche Aspekte der Mykologie bekannt, die voraussetzen würden, dass Männer und Frauen aufgrund ihres Geschlechts auf den gleichen Geruch anders reagieren? Sporen, nein. Essbarkeit und medizinische Wirkung kann von Konsument zu Konsument variieren, egal, welchem Körpertyp sie angehören.

Kannst du uns irgendetwas über diesen seltenen Pilz der Dictyophora-Gattung erzählen? Nicht mehr, als in dem Artikel steht. Andere Stinkmorcheln werden in Asien kultiviert und ganz jung als Delikatesse gegessen. Ihre Konsistenz und ihr Geschmack sind sehr vielschichtig und eigen.

Vielen Dank fürs Gespräch, Peter.