Ich habe einen Hugh-Grant-Doppelgänger engagiert, um mich in einen Privatclub zu mogeln

Außerdem habe ich mich als Blumen-Zusteller verkleidet und als reicher Schnösel angezogen.

|
14 Februar 2017, 3:00am

London ist eine Stadt, mit der die allermeisten ihrer Einwohner kaum etwas anfangen können. Kein Wunder bei den tristen Luxuswohnungen, den Läden mit unnützem Krimskrams und den horrenden Mietpreisen. Zu diesem verqueren Bild gehören auch die vielen Privatclubs in Englands Hauptstadt – also die geschmackvoll und teuer eingerichteten Rückzugsorte der Elite. Dort können die Reichen und Mächtigen in Frieden an ihren Negronis nippen, ohne dass sie der gemeine Pöbel nach einem Kippenfilter anschnorrt. 

Ich selbst gehöre zu diesem Pöbel und habe mich immer gefragt, welcher Luxus sich wohl hinter den Türen der Privatclubs versteckt. Blöderweise kann ich das nicht so leicht rausfinden – dank meines starken Midlands-Akzent, meiner dreckigen Chucks und meines nicht vorhandenen Vermögens. Diese Aspekte sollen mich jedoch nicht mehr länger einschränken. Ich habe mir drei todsichere Taktiken einfallen lassen, die mir den Weg in einen exklusiven Privatclub ebnen werden. Los geht's.

Flower Power

Um in einen Club zu kommen, musst du doch eigentlich nur am Türsteher vorbei oder nicht? Daniel Craig hat sich in den letzten Bond-Filmen mit seinem Schmollmund in genug Läden geschmuggelt, um das zu wissen. Plan A ist also ganz simpel: Ich gebe mich als Blumenlieferant aus.

Alle Fotos: Chris Bethell und Bekky Lonsdale

Eine umgedrehte Cap, ein Bouquet und eine kurze Jeans später habe ich mein Einwegticket ins Shoreditch House zusammen – einen Privatclub in Ostlondon, der dermaßen auf Medienleute ausgelegt ist, dass es dort ein Krawattenverbot gibt. Niemand, der im Medienbereich arbeitet, trägt schließlich eine Krawatte. 


Ich schreite geistesabwesend pfeifend durch die Lobby, die Augen auf mein Klemmbrett gerichtet. 

Ein "Entschuldigen Sie?" erklingt und erwischt mich kalt wie Eiswasser. "Kann ich Ihnen weiterhelfen?"

"Klar, ich habe hier ein paar Blumen für einen ... Simon?" Der Empfangsmitarbeiter wirkt plötzlich frustriert.

"Wir haben Hunderte Simons. Haben Sie etwas mehr Informationen?" Ich schüttle den Kopf. "Von welcher Firma kommen Sie denn?" .

"That's Flowers."

"'That's Flowers?' OK, cool. Ich schau mal gerade bei Google." Scheiße. "Keine Treffer. Komisch. Könnte ich mit Ihrem Chef telefonieren?"

"Klar. Ich hole nur eben mein Handy aus dem Auto." 


Und schon mache ich mich aus dem Staub. Das war wohl ein Schuss in den Ofen. 

Ich gebe jedoch nicht auf und wage mich an den zweiten Versuch.

Wenn du sie nicht besiegen kannst, dann werde einer von ihnen

Wen haben diese Privatclubs eigentlich vor Augen, wenn sie entscheiden, welche Thunfischsorte sie auf ihre Sashimi-Platte packen? Du kennst sie. Die Typen, die vor der Arbeit Squash spielen. Die Frauen, die Kunden zum dreistündigen Nachmittagstee in edle Etablissements ausführen. Die jungen Investmentbanker, die statt einer Persönlichkeit eine Kokainsucht entwickelt haben. Warum die Privatclubs diesen Gestalten den roten Teppich ausrollen? Weil sie die fetten Geldbündel in deren Taschen riechen können. 

Was ich damit eigentlich sagen will: Sich leise durch die Hintertür zu schleichen, kommt hier nicht in Frage. Ich werde deshalb meinen besten Anzug rauskramen, mir etwas Haargel mopsen, mein Portemonnaie prall füllen und durch den verdammten Haupteingang stürmen. 


OK, jetzt sehe ich aus wie ein neureicher Pinkel. Das Problem: Ich bin nicht neureich. Ich besitze lediglich 20 Pfund. Und wie soll ich damit den Türsteher, den Manager und den Concierge schmieren? Ich muss mir etwas einfallen lassen und diese 20 Pfund in mehr Geld verwandeln.


Heureka! Seht her und staunet: 7.200 ungarische Forint. Die Zeit ist gekommen, mich in Londons bestem Privatclub für erfolgreiche Geschäftsmänner vorzustellen: dem Devonshire Club.

Als ich ganz selbstsicher zum Eingang stolziere, nicke ich schon mal allen vorbeilaufenden Geschäftsmännern zu, um mich in Stimmung zu bringen.

"Guten Abend, mein Herr!"


Ich biete dem Türsteher zuerst meine Hand an und stecke ihm dann einen 500-Forint-Schein zu. Wir halten Augenkontakt, schütteln die Hände und er nimmt mir meinen Regenschirm ab. Ein Kinderspiel! Ich werde durch einen nur minimal beleuchteten Gang in eine Lobby geführt, wo mir ein Angestellter ein warmes Handtuch anbietet. Anschließend bittet mich eine Frau zu sich rüber.

"Toll, dass Sie an diesem Abend zu uns gefunden haben. Dürfen wir Ihnen die Jacke abnehmen?"

"Ganz schön kühl da draußen, nicht wahr?" Ich betone die Vokale besonders vornehm.

"Absolut! Wie lautet Ihr Name?" "Richard."

"Und Ihr Nachname? Wir müssen das nur schnell mit unserer Mitgliederliste abgleichen."

"Schauen Sie … ", sage ich und lehne mich dabei über die Rezeption. "Ich dachte nicht, dass das nötig sei." Die Augen der Frau wandern von links nach rechts. Ich fahre fort: "Ich bin kein Mitglied. Da ich mir jedoch nur einen kleinen Drink genehmigen will, bevor ich zum Gala-Dinner weiterschreite … reichen 500?"

Die Frau schaut erst den Geldschein, dann mich und schließlich wieder den Geldschein an. Ich ziehe meine Augenbrauen fragend nach oben.


Sie lässt sich durch mein Angebot nicht aus der Reserve locken. Deshalb sage ich, dass ich die Sache "kläre", und gebe mindestens zehn Minuten lang vor, mit jemandem zu telefonieren. Schweißnass und völlig ideenlos gebe ich schließlich auf und ergreife die Flucht.

Mir bleibt nur noch ein Versuch – und der muss es in sich haben.

Hugh Grant + ich = der süße Geschmack des Erfolgs

Immer noch von der Niederlage gebeutelt, streife ich durch Londons Innenstadt und zerbreche mir den Kopf. Worauf legen Privatclubs Wert? Wen können sie nicht abweisen? Da kommt mir ein Geistesblitz: Prominente! Natürlich! Ich muss nur einen bekannten Star finden, der mit mir vorfährt, und die Sache ist geritzt. Es dauert 45 Minuten und ich habe meinen Mann, meinen Schlüssel zur Welt der Reichen und Erfolgreichen. Ein unbezahlbares Werkzeug für den lächerlichen Preis von 300 Pfund. Darf ich vorstellen:


HUGH GRANT! Oder auch Simon. Simon ist ein Hugh-Grant-Doppelgänger, der (genau wie Hugh Grant) vor allem in den 90ern erfolgreich war und es inzwischen etwas ruhiger angehen lässt. Bis zum heutigen Abend.

Der Plan ist denkbar einfach: Wir lassen Sohos exquisitesten Privatclub, The Groucho, denken, dass Hugh Grant (Simon) und sein PR-Berater (ich) nur schnell etwas trinken wollen. Der Haken: Simon besitzt einen starken Essex-Akzent. Deswegen muss ich das Reden übernehmen. Um dem Ganzen noch mehr Authentizität zu verleihen, wird unser Fotograf Chris so tun, als sei er ein Paparazzi auf der Jagd nach einem Bild vom Tatsächlich … Liebe-Protagonisten.


Sonnenbrille zurechtgerückt, Fotograf bereitgestellt, Showtime! Wir treten raus auf die Dean Street und es blitzt wie bei einem Gewitter. Chris spielt seine Rolle perfekt. Ich schirme meinen Klienten ab und geleite ihn in Richtung Privatclub.


Die Frau am Eingang hält uns die Tür auf und bittet uns herein.

"Können wir Ihnen behilflich sein?", fragt der Empfangschef.

"Ja", antworte ich. "Wir hätten gerne einen Tisch für zwei."

"OK. Wie lautet der Mitgliedsname?"

Ich mache einen auf schockiert. "Ich bin mit Hugh hier", sage ich und blicke über meine Schulter. Simon starrt gedankenverloren ins Kaminfeuer. "Hugh Grant!"


Dem Empfangschef klappt erstmal die Kinnlade runter. Kurz darauf werden Simon und ich in die Lounge gebracht. Ich bestelle mir ein Bier und einen Gin Tonic für meinen Klienten. Die Angestellten nehmen meine Visitenkarte entgegen und reichen uns noch ein paar Salzstangen. So fühlt sich also ein Sieg auf ganzer Linie an. Ich bin jedoch neugierig, wie weit ich unsere List treiben kann. Ich sage Simon, er soll verärgert schauen.

"Hugh fühlt sich hier unten nicht recht wohl. Haben Sie vielleicht eine noch etwas ruhigere Örtlichkeit zu bieten?", frage ich den Barkeeper.

"Aber natürlich."

Wir folgen dem Mann nach oben, wo er uns lächelnd eine versteckte Tür öffnet.


Simon und ich legen einen kleinen Tanz hin und lassen die Gläser in unserem eigenen Privatzimmer knallen. Zumindest kurz. Dann wird uns nämlich langweilig. Eigentlich sind exklusive Privatclubs gar nicht so cool, oder? Soweit ich das beurteilen kann, handelt es sich dabei lediglich um hübsch eingerichtete Kneipen, die übertrieben viel Eintritt verlangen. Wir haben genug. Zeit zu gehen. Ich verlange die Rechnung.

"Oh, Sie verlassen uns schon?", fragt der Angestellte. "Haben wir etwas falsch gemacht? Falls ja, dann lässt sich das mit Sicherheit regeln."

"Nun", antworte ich wie elektrisiert, "zwei Gläser Champagner wären womöglich schon angebracht?" "Natürlich!" Dann hält er inne. "Kann ich Ihnen die Getränke persönlich bringen?" Mein Magen zieht sich zusammen.

Als ich wieder nach oben gehe, frage ich mich, ob ich zu weit gegangen bin.

Ja, das bin ich. Definitiv. Ich erkläre Simon die Situation. Er verfällt sofort in Panik. Wir tauschen Plätze, damit er mit dem Rücken zur Tür sitzt, und hoffen auf das Beste. Der Angestellte kommt herein. Wir sagen kein Wort. Er stellt uns den Champagner hin und dreht sich zu Simon. "Hugh", sagt er lächelnd. "Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Abend bei uns."


Mich beschleicht das schlechte Gewissen. Wir trinken aus und ich benachrichtige Chris, damit der sich wieder bereitmacht.


Als wir aus dem Privatclub rauskommen, ist das Blitzlichtgewitter stärker denn je. Ich schreie Chris fast an, dass er damit aufhören soll. Aber das ist nicht Chris. Nein, das ist ein Mann mit einer riesigen Spiegelreflexkamera in der Hand. Dieser Mann blendet uns mit seinen grellen Blitzen.


"Hast heute morgen ja schön Tennis gespielt, Hugh", lacht er. Zuerst noch überrascht laufen wir nun eilig die Straße runter. "Hey Hugh!", ruft uns der Fotograf nach. "Gab's jetzt noch ein paar Drinks?"

Wir flüchten uns in einer Bar, wo ich mir erstmal versuche, mir einen Reim auf die ganze Situation zu machen. Ist das der Preis, den man zahlen muss, wenn man in exklusive Privatclubs stürmt und nach Champagner verlangt? Ist das der Grund, warum Hugh Grant immer so unglücklich aussieht? Simon und ich schauen uns mit großen Augen an und fangen an zu lachen. Ich klopfe ihm auf die Schulter und er fragt mich lächelnd: "Kann ich jetzt gehen?"

Ich gebe ihm sein Geld und er zieht von dannen.

Der heutige Tag hat mich ganze 361 Pfund gekostet – das sind 11 Pfund mehr, als die einjährige Mitgliedschaft für Unter-30-Jährige im Groucho Club kostet.

Fick dich, Simon. Und fick dich, London.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Mehr VICE
VICE-Kanäle