Wie gefährlich ist die Pille danach?

Seitdem die Pille danach in Deutschland rezeptfrei erhältlich ist, ist ihr Absatz enorm gestiegen. Wir haben eine Gynäkologin gefragt, ob man sich Sorgen machen muss, wenn man das Notfall-Verhütungsmittel regelmäßig nimmt.
9.5.16
Eine Frau mit der Pille danach auf der Zunge
Photo via Stocksy / Joselito Briones

Laut einer US-amerikanischen Studie hat sich der Einsatz der Pille danach in den letzen zehn Jahren fast verdoppelt—und auch in Deutschland ist der Absatz deutlich gestiegen, seitdem sie rezeptfrei erhältlich ist. Grundsätzlich ist das gut, denn das bedeutet, dass es weniger ungewollte Schwangerschaften gibt und Frauen ihr Recht auf reproduktive Selbstbestimmung nutzen—zum Preis von 16-30 Euro und einem Besuch in der nächsten Apotheke. Beunruhigender ist dagegen, dass die Studie auch zeigt, dass immer mehr Jugendliche die Pille danach als reguläres Verhütungsmittel nutzen. Anstatt die Pille zu nehmen oder Kondome zu benutzen, wird der Plan B für viele Teenager zum Sicherheitsnetz.

Obwohl so gut wie jede andere Verhütungsmethode nicht nur günstiger, sondern auch praktischer wäre, kann man auch verstehen, warum die Verhütung für den Notfall in der allgemeinen Wahrnehmung immer mehr zur Verhütung für den „Notfall, den ich genau genommen hätte verhindern können" wird: Eine kurze Google-Suche versichert, dass die Pille danach zu 100 Prozent zuverlässig ist. Große Universitäten erzählen uns, dass die positiven Aspekte der Pille die negativen überwiegen. Und Forschungsunternehmen betonen, dass man die Pille danach so oft man nehmen kann, wie man will, ohne ernstzunehmende Nebenwirkungen befürchten zu müssen.

Dennoch ranken sich seit Jahren ziemlich üble Geschichten um die Pille danach. Immer wieder wurde sie für Blutgerinnsel, Krebs und Herzkrankheiten verantwortlich gemacht und hatte (wenig überraschend auch innerhalb der Anti-Abtreibungs-Bewegung) den Ruf, ein Abtreibungsmittel zu sein. Besonders häufig stößt man im Netz und in den Medien auf panische Spekulationen, ob die Pille danach dafür verantwortlich ist, dass Frauen später nicht mehr schwanger werden können. Meistens werden solche Bedenken durch die himmelhohe Hormon-Dosis der Pille danach geschürt: beispielsweise enthält das Präparat PiDaNa 1,5 mg Levonorgestrel. Das ist das 12- bis 13-fache der normalen Dosierung gängiger hormoneller Verhütungsmittel. Wenn man bedenkt, wie viele Frauen hormoneller Verhütung misstrauen, ist es kein Wunder, dass viele Frauen dazu neigen „viele Hormone" mit „zerstören dein Leben" gleichsetzen.

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Vielleicht bist du ja eine der Glücklichen, die die Pille danach genommen hat und sich anschließend quietschfidel gefühlt hat. Oder du bist wie ich und hast dich nach der Einnahme für drei Monate in ein aufgedunsenes, müdes, emotionales Wrack verwandelt, das mit einer Mischung aus Depressionen, Ängsten und Müdigkeit zu kämpfen hatte. Vielleicht ging es dir aber auch noch schlechter als mir: Eine Frau erzählt in einem Erfahrungsbericht, dass ihr „so unglaublich schlecht war, dass [sie] kaum etwas tun konnte" und sie mit dem unangenehmen Gefühl zurechtkommen musste, dass ihre „Organe explodierten."

Wenn dich die einmalige Einnahme in bestimmten Fällen schon so fertig machen kann, was passiert dann, wenn man die Pille danach immer wieder über mehrere Monate verteilt einnimmt? Ist die Pille danach wirklich so gut verträglich wie die Werbung sagt—egal wie oft man sie nimmt? Oder sind die Bedenken vielleicht doch gerechtfertigt?

„Keine der Geschichten, die man über die Pille danach hört, ist wahr", sagt Dr. Charlotte Wilken-Jensen, Leiterin des Fachbereichs für Gynäkologie und Geburtshilfe des Hvidovre Krankenhauses in Dänemark. „Die Packungsbeilage rät zwar dazu, die Pille danach nur einmal pro Zyklus zu nehmen, aber eigentlich kann man sie ohne Probleme jedes Mal nehmen, wenn man ungeschützten Verkehr hatte. Natürlich steigt aber das Risiko für Nebenwirkungen, wenn man sie mehr als einmal nimmt."

Allein das Wort „Nebenwirkungen" lässt bei mir die Alarmglocken schrillen—aber was ist mit dem Gerücht, dass man nicht mehr schwanger werden kann?

„Die Pille danach hat definitiv keinen Einfluss darauf, wie die Chancen stehen, dass man später schwanger werden kann", versichert mir Dr. Wilken-Jensen. „Die Nebenwirkungen, die durch das Hormon hervorgerufen werden—wie Übelkeit, Schwindel und Unwohlsein—können jedoch die allgemeine Lebensqualität mindern, einfach nur, weil man sich nicht so gut fühlt. Depressionen sind dabei ebenfalls ein wichtiges Thema. Das ist wirklich nicht schön."

Nein, sich mehrere Monate lang wie ein schläfriger, wütender Wal zu fühlen, ist wirklich nicht schön—und das gilt auch nur für den Fall, dass du die Pille danach nach einem netten, nüchternen Schäferstündchen im Heu genommen hast. Wenn du schon einige Gin Tonics zu viel hattest oder andere Substanzen zu dir genommen hast, bevor du deine sexuellen Eskapaden gestartet hast, besteht auch die Chance, dass dein Kater die Wirkung der Pille danach herabsetzt.

Wenn die Eizelle bereits befruchtet wurde, ist die Pille danach wirkungslos.

„Ungeschützter Geschlechtsverkehr nach Alkohol- oder Drogenkonsum ist ein bekanntes Problem", seufzt Dr. Wilken-Jensen. „Glücklicherweise haben Drogen und Alkohol langfristig keinen Einfluss auf die Nebenwirkungen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass man erbrechen muss oder Magenprobleme hat, ist höher. Das würde die Wirkung der Pille danach definitiv beeinflussen: Wenn man erbricht oder Durchfall hat, wirkt die Pille nicht mehr so gut oder konnte vielleicht nicht richtig wirken, bevor sie wieder aus dem Körper herauskommt. Ansonsten gibt es keine Wechselwirkung zwischen Drogen oder Alkohol und der Pille danach."

Aber was ist mit Blutgerinnseln oder Herzkrankheiten? Oft warnt der Beipackzettel junge Frauen davor, dass die Pille danach bei entsprechender Veranlagung dazu führen könnte. Obwohl manche Menschen befürchten, dass sie durch die extra starke Hormondosis anfälliger für solche Probleme werden könnten, versichert Dr. Wilken-Jensen, dass das nicht stimmt. „Die neuen Wirkstoffe, die für die Pille danach verwendet werden (meist Levonorgestrel), befeuern weder Blutgerinnsel noch Herzkrankheiten", sagt sie. „Ältere Präparate enthielten Östrogen, was das Risiko für Blutgerinnsel erhöht hat—genau wie bei der normalen hormonellen Verhütung. Solche Präparate werden in Europa aber nicht mehr verwendet."

Was man ebenfalls wissen sollte: Die Pille danach hat nichts mit Abtreibung zu tun. „Wenn die Eizelle bereits befruchtet wurde, ist die Pille danach wirkungslos," sagt sagt Dr. Wilken-Jensen. „Das liegt daran, dass die Pille danach lediglich den Eisprung verschiebt. Ehrlich gesagt, weiß niemand so genau, wie das funktioniert, aber wir wissen, dass sie nicht viel mehr macht."

Gute Nachrichten also: Sich die Pille danach wie Tic Tacs einzuwerfen, schadet nicht—du musst dich nur darauf vorbereiten, dass du dich unter Umständen ziemlich scheiße fühlen wirst, während dein Körper mit einer Flut aus Hormonen kämpft. Vielleicht bekommst du nicht einmal irgendwelche Nebenwirkungen, aber falls doch, dann sind sie nur temporär. Das ist scheiße, aber hey, immerhin geht es dir auf lange Sicht gut.