Bier

Dieser Typ macht Pils aus Pisse

Es ist der „Circle of Life" von dem Elton John singt. Aus Bier wird Urin, aus Urin Bier.
1.8.16

Wie wir aus einer der besser bekannten Stellen der Bibel bereits wissen, hat Jesus einmal eine Hochzeit in Kana gecrasht und sechs Wasserkrüge in ziemlich guten Wein verwandelt. Zwei Belgier haben es möglicherweise geschafft, den berühmtesten christlichen Partytrick zu toppen: Sebastiaan Derese und Arne Verliefde, Forscher an der Universität Gent, haben eine Maschine entwickelt, die mithilfe von Solarenergie menschlichen Urin in Trinkwasser verwandelt und aus diesem Wasser machen sie—wahrscheinlich einfach weil sie Belgier sind—Bier.

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In den letzten zwei Jahren haben die beiden daran geforscht, wie man aus Urin Trinkwasser und Pflanzennährstoffe gewinnen kann, damit Bauern in Entwicklungsländern mit dieser Technik ihre Felder düngen können. Derzeit testen sie das Verfahren und verwandeln nebenbei Pisse in Bier. Kürzlich haben sie ihre „Installation", wie Verliefde die Anlage nennt, auf einem Musik- und Theaterfestival in Gent, dem Gentse Feesten, präsentiert und genug Pipi gesammelt, um daraus fast 1.000 Liter Wasser zu gewinnen, die sie dann ein eine kleine Brauerei vor Ort geliefert haben. Das Brauergebnis wird in Flaschen abgefüllt und unter dem Namen „From Sewer to Brewer" [etwa: „Von der Kanalisation in die Brauerei"] verkauft, was ein bisschen weniger ekelhaft klingt als ein ähnliches Bierprojekt auf dem Roskilde-Festival, „From Piss to Pilsner" (ja, ob du es glaubst oder nicht, mehrere Forscher arbeiten daran, aus deinem Urin Bier zu machen).

ARTIKEL: Die Jesusmaschine verwandelt in wenigen Sekunden Wasser in Bier

Uns hat Verliefde verraten, warum er sich für dieses Forschungsfeld entschieden hat und wie Urin-Bier schmeckt.

MUNCHIES: Sie waren Co-Autor verschiedener Paper über Wasser- und Nährstoffgewinnung aus menschlichem Urin. Wie sind Sie auf dieses Forschungsgebiet gekommen? Arne Verliefde: Es ist Teil einer Studie meiner Forschungsgruppe, die vor zwei Jahren begann. Sebastiaan Derese und ich interessieren uns für die Arbeit in Entwicklungsländern und wie man Ressourcen zurückgewinnen kann, was wichtig ist, weil bestimmte Düngestoffe einfach knapp sind. Wenn man sich einmal anschaut, wie viel ein Mensch pro Jahr pinkelt und wie viele Nährstoffe darin stecken, reicht das aus, um gut 135 Kilo Mais pro Jahr zu düngen.

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Wie viel Urin produziert denn ein Mensch pro Jahr? Typisch sind zwei Liter pro Tag, das macht 700 Liter pro Jahr.

Das ist ganz schön viel Mais. Wir haben uns gefragt: Wenn wir daraus Pflanzennährstoffegewinnen können, warum dann nicht auch Wasser? Erst haben wir es im Labor ausprobiert und da es mit der Anlage gut funktioniert hat, wollten wir es in echt ausprobieren, und zwar beim Gentse Feesten, weil wir einen Ort brauchten, wo wir viel Urin sammeln konnten. Und dann hatten wir die Idee, mit dem sauberen Wasser Bier zu brauen. Das hier ist eigentlich die dritte Bierversion, für die erste haben wir wiederaufbereitetes Wasseraus einer Brauerei genommen, für die zweite gefiltertes Wasser aus einem städtischen Abwasserwerk. Und die dritte ist die Urin-Version des From Sewer to Brewer. Beim Gentse Feesten konnte man die zweite Version aus Abwasser kaufen.

Kam das gut an? Viele haben sich dafür interessiert und wollten es kaufen, viele haben es probiert, sogar meine Familie, auch wenn ich da ein bisschen Überzeugungsarbeit leistenmusste.

Wie schmeckt es? Haben Sie es selbst probiert? Es schmeckt echt gut, ein bisschen wie ein Tripel oder ein Amber. Es hat ungefähr 7 Prozent, also relativ viel, ein etwas schwereres Bier.

Also war dieses Abwasser-Bier die Grundlage für das dritte Bier, nachdem es jeder ausgepinkelt hat? Ja, in dem gesammelten Urin könnten sich noch einige Spuren davon befinden.

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Stellen Sie sich vor, ich bin ein kleines Kind und Sie müssen mir erklären, wie man aus Urin Trinkwasser macht. Zuerst sammeln wir den Urin. Beim Gentse Feesten haben wir nur den Urin von Männern gesammelt, weil kein Kot drin sein durfte. Vom Pissoir geht der Urin dann in einen Sammeltank. Dann wird alles mithilfe von Solarenergie aufgeheizt, sodass wir Wasser und Nährstoffe herausfiltern konnten. Das saubere Wasser haben wir aufgefangen und aus dem Rest machen wir ein Pulver oder Kristalle mit allen Pflanzennährstoffen: Stickstoff, Phosphor, Kalium.

Das mit dem Bier ist schon interessant, aber so soll die Technik ja eingesetzt werden? Nein, das Bier ist eher ein Gimmick und eine Art Sozialexperiment, nach dem Motto: Würden Menschen ein Bier trinken, das aus Urin gemacht wurde? Wir wollen uns allerdings eher an Bauern in Entwicklungsländern richten.

Arbeiten Sie mit einer bestimmten Brauerei für dieses Bier zusammen? Ja, mit einer Brauerei in Gent, De Wilde Brouwers. Der Brauer hat sogar mal an unserer Fakultät [an der Universität Gent] studiert. Er braut alle drei Versionen des Sewer to Brewer zu Hause, circa 2.000 Liter pro Monat.

Wann wird es die dritte Version geben? Wir haben das Wasser getestet und wissen, dass es trinkbar ist, aber die Lebensmittelbehörde muss noch Tests durchführen, wahrscheinlich im September, und danach beginnen wir mit dem Brauen. Ende des Jahres sollte es dann so weit sein.

Dieses Interview wurde aus Platz- und Verständnisgründen redigiert.