Thump

Geständnisse eines Studentenparty-DJs

Besoffene Medizinstudenten, beschissene Musikwünsche und vögelnde Menschen in der DJ-Kabine – das alles hat unser Autor als DJ in einem Kellerlokal erlebt.

von Harold Heath
23 Februar 2017, 2:24pm

Header: Rebecca Searle | Flickr | CC By 2.0

Wir alle haben eine gewisse Vorstellung vom Dasein als DJ. Wir denken an Glanz, Glamour, luxuriöse Hotels und Flüge in der Business Class, Freigetränke und eine sich anbahnende Psychose. Und für einige DJs sieht das Leben auch tatsächlich so aus. Für andere allerdings nicht: Ihre Expertise in rumänischem Minimal ist eher mäßig, sie mixen nicht vor staunenden Bewunderern gekonnt und fehlerlos Track um Track ineinander und gehen auch nicht mit einem Sack Kohle nach Hause. Es sind die DJs, die auch mal Songwünsche annehmen, Geburtstage über die Anlage bekannt geben und so ziemlich alles spielen, was die Leute hören wollen – so sehr es ihnen auch in ihrer eigenen Seele wehtut. Die Rede ist von Studentenparty-DJs. Ich war früher einer von ihnen.

Zwei Jahre lang hockte ich jeden Montag und Dienstag im Keller einer Bar in Central London und spielte Musik für ein Publikum, das größtenteils aus angehenden Medizinstudenten bestand. Aus meiner dreckigen Holzhütte von einer DJ-Kanzel heraus pumpte ich eine toxische Mischung aus 50 Cent, J-Lo und Bryan Adams in den Raum und machte die fettesten Ansagen, die mein krüppeliges Billig-Mikro hergab. Das war ich. Das war, was ich tat und wer ich war.

Für mich war Musik das Hauptaugenmerk meiner Tätigkeit, für die Schlachtenbummler war sie oft nur schmückendes Beiwerk. Ihr Fokus lag vielmehr darauf, die ständig abgefahrener werdenden Getränke-Angebote und sich gegenseitig abzugreifen. Der Durchschnittsgast erschien gerade rechtzeitig zur Happy Hour, haute sich ein paar Dirty Russians und Adios Motherfuckers hinter die Binde, um sich dann den üblichen Balzritualen zu widmen: schlecht tanzen und mich fragen, warum die Musik so schlecht ist. Das alles in der Hoffnung, etwas verschwitzte Zungen-Action abzubekommen, bevor er oder sie einen doppelten Cheeseburger runterwürgte und sich in den Nachtbus in den Vorort setzte.

"Halt sie bei der Stange. Diese 'Utz-Utz'-Scheiße kannst du dir für jemanden sparen, den das interessiert." – Mein Chef

Aus Schutz vor Unannehmlichkeiten oder gar rechtlichen Scherereien nennen wir den Laden, in dem ich aufgelegt habe, einfach Los Crazios. Neben Großbritanniens zukünftigen Proktologen zog Los Crazios auch Austauschstudenten, Touristen, Reisende, Büroangestellte, Prolls auf Junggesellenabschied, Verlorene, zufällig Hereingeratene und Streuner an. Neben dem ganzen Partyvolk gab es auch noch eine Hardcore-Clique lokaler Marktstandbesitzer, die den Laden wie ihre Stammkneipe behandelten – was er in vielerlei Hinsicht auch war, wenngleich wohl die wenigsten Stammkneipen voll mit angehenden Ärzten sind, die versuchen, ihr Liebesglück zu finden, ohne Kotzen zu müssen.

Wie du dir vorstellen kannst, ergab das eine Publikumsmischung, die man unmöglich zufriedenstellen konnte – jedenfalls als DJ. Das führte schließlich dazu, dass das Auflegen im Los Crazios weniger eine musikalische Reise war als der verzweifelte Versuch, ein angeschlagenes Schiff über eine klebrige Tanzfläche und alkoholschwangere Wogen zu steuern. Die einzigen Hilfsmittel waren zuckersüßer Teen-Pop, Konsens-R'n'B und nostalgische 80er-Hymnen. Ich hatte nicht die Aufgabe, gleichermaßen zu unterhalten und Neues zu zeigen. Um Gottes Willen, nein. Meine Aufgabe war es, die trinkwütige Gesellschaft davon abzuhalten, sich in einen anderen Laden zu verpissen. Durst sollten sie haben und beständig ihre Scheinchen über den Tresen reichen – das war alles. Und was die Musikauswahl anging, war der Betreiber ziemlich deutlich: "Halt sie bei der Stange. Diese 'Utz-Utz'-Scheiße kannst du dir für jemanden sparen, den das interessiert – woanders."

Redakteur Josh Baines (ganz links) mit Freunden in einem ganz ähnlichen Laden wie dem Los Crazios


Als pflichtbewusster Angestellter spielte ich also genau das, was die Kunden hören wollten. Fleißig lud ich die neusten Singles von Ja Rule, Britney Spears und R. Kelly runter, sobald sie in den Handel kamen. Illegal über Soulseek natürlich. Dafür wollte ich dann wirklich kein Geld ausgeben. Großes Sorry, Musikindustrie! Ich gab nicht nur kein Geld für das Zeug aus, ich hörte es mir noch nicht einmal an. Stur steckte ich mir zum Schichtbeginn Ohrstöpsel in meine Hörorgane und nahm sie erst um 03:01 Uhr wieder raus, wenn der Laden zugemacht hatte.

Ich konnte allerdings immer noch genug hören, um elendig lange Diskussionen mit Mädchen namens Megan zu führen, die total ausrasteten, wenn du J-Kwon gespielt hast, während sie auf dem Klo waren, und jetzt aggressiv einforderten, dass du ihn noch einmal spielst, obwohl du ihn vor fünf Minuten erst gespielt hast. Einmal packte sogar eine ganze Gruppe ihren Scheiß zusammen und zog geschlossen ab, weil ich mich geweigert hatte, zweimal hintereinander "Fantasy" von Mariah Carey zu spielen.

Dann gabe es noch die Unaufmerksamen:

Gast: "Kannst du etwas von Justin Timberlake spielen?!"
Ich: "Mache ich. Das ist Justin Timberlake."
Gast: "Nicht dieser."

Oder hier in anderen Variationen:

"Kannst du etwas spielen, das meine Freundin mag?"
"Kannst du etwas spielen, das wir alle mögen?"
"Kannst du etwas anderes spielen?"
"Kannst du etwas Tanzbares spielen?"
"Drei große Wodka-Tonics und drei Bacardi Breezer, bitte!?"

Dann gab es noch diese beinahe philosophischen Fragen:

"Was gibt es heute für Musik?"
"Weißt du, wo meine Freunde sind?"
"Wann wird es besser?"

Die Frage, die mir immer die meisten Probleme bereitete, war: "Was für Musik hast du denn?" Das war zu einer Zeit vor USB-Sticks und bevor man alles mit dem Wisch eines Zeigefingers sichtbar machen konnte. Abgesehen von einer ausgedruckten Excel-Tabelle mit einer alphabetischen Auflistung meiner Sammlung zum Aushändigen gab es nicht viel, was ich tun konnte, um die wissbegierigen Horden zu besänftigen. Der Abend war dominiert von Geschrei, Gästen, die nach meinem CD-Ordner griffen, während ich durch die Kanzel wankte, schwer angetüdelt von dem einen oder anderen Freibier, das mir von meinen Vorgesetzten vorbeigebracht wurde, die Ohrstöpsel bis zum Anschlag drin.

Das hier stand im Mittelpunkt – nicht die Musik. Foto: linmtheu / Flickr / CC By 2.0

In einem solchen Umfeld aufzulegen, hat nichts mit einer Erzählung, Stimmung, subtilen Wechseln oder butterweichen Übergängen zu tun. Es geht nicht um Masters at Work oder Michael Mayer. Alles, was hier zählte, war "Crazy in Love" und "Dirrty", wild in "The Final Countdown" von Europe abzudriften oder Bon Jovis "Livin' on a Prayer" rauszuhauen, was die Menge jedes Mal zum Eskalieren brachte. Und ja, ich habe die Lautstärke im Refrain von Letzterem runtergedreht und dabei zugeschaut, wie eine ganzer Raum lauthals und schief "WOOO-AAAHHHH" grölte – ein Raum, kurzzeitig vereint in volltrunkener Verzweiflung. Mir blieb derweil nichts anderes übrig, als zu seufzen und mir eine neue Kippe anzuzünden, um den Gestank von Chlor und Kotze zu überdecken, der von den Toiletten rüberwehte. Dann spielte ich "Drop It Like It's Hot".

Eine Sache, die du noch über Los Crazios wissen solltest, war, dass die DJ-Kabine kein Schloss hatte. Als ich also eines Abends vom Klo zu meinem unverschlossen Rückzugsort zurückkehrte, musste ich feststellen, dass die Musik komplett aus war. Vier junge Damen waren in mein Reich eingedrungen, hatten drei verschiedene aber allesamt sehr klebrige Getränke über dem Mixer verschüttet, die Musik aus- und das Strobo angedreht und beglückten den Club mit einer A capella-Version von "Dancing Queen".

Wenn die Gäste nicht gerade schief sangen, dann trieben sie es miteinander. Eine blockierte Kanzeltür führte mich einst zu einem hosenlosen Pärchen, das auf dem Boden zugange war – auf einem Boden wohlgemerkt, der zentimeterdick mit den Ablagerungen verschütteter Biere bedeckt war. Und wenn sie nicht sangen oder vögelten, dann stritten sie sich. Die Kämpfe, die ich miterlebte, waren meistens halbherzige Zankereien unter sehr besoffenen jungen Männern, die sich seit der Schule nicht mehr richtig gekloppt hatten und auch kein Interesse daran hatten, das jetzt zu tun.

Nach zwei Jahren in der hölzernen Kabine war ich am Ende. Der Alkopop, der das Fass zum Überlaufen brachte, kam in Form einer langen, alkoholgeschwängerten und außerordentlich sinnlosen Konversation mit einem zahlenden Gast über meine mangelnde Auswahl an Songs von Paul McCartney und Wings. Er sprach von der Gruppe immer nur als Paul McCartney und Wings, als würde es in der Welt nur so wimmeln von Bands, die Wings heißen. Auf diese Interaktion folgte fast augenblicklich ein wesentlich kürzerer, aber umso erleuchtenderer Austausch, der mir die ganze Sinnlosigkeit des Ganzen vor Augen führte.

"Kannst du etwas spielen, das ich mag?", fragte mich atemlos eine rotbackige junge Frau.
"Ja", antwortete ich. "Klar."
"Super!"

Sie rannte wieder davon. Ich spielte "Jump Around" von House of Pain und wartete, bis es endlich 3 Uhr war. Ich händigte sofort meine Kündigung ein und kehrte nie wieder zurück.

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

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