Warum betreibt Nordkorea Restaurants im Ausland?
Die nordkoreanische Botschaft in Peking. Bild via Imago.
Nordkorea

Warum betreibt Nordkorea Restaurants im Ausland?

Niemand weiß so recht, wofür sie gut sind. Aber wenn es mal nicht so gut läuft, wird als erstes den Kellnerinnen das Gehalt gestrichen.
18.10.16
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„No photo! No photo!", ruft mir eine Frau mit gelben Satinkleid zu und stöckelt mit ihren kurzen Pfennigabsätzen über den löchrigen Asphalt auf mich zu. Sie ist hübsch, ihre fast schon geisterhafte Haut wirkt durch eine gut einen halben Zentimeter dicke Schicht Puder noch blasser, ihre dunklen Haare hat sie in einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie ist aber auch ziemlich wütend, das wird auch trotz Sprachbarriere klar. „No photo", sagt sie noch einmal. Hinter der Fensterscheibe im schummerigen Innenraumbeobachtet mich ein weiteres Augenpaar. Ich sollte wirklich nicht überrascht sein, Nordkorea ist nicht gerade dafür bekannt, eine innige Beziehung zur Presse zu haben.

Als die Demokratische Volksrepublik Korea eine PR-Kampagne gelauncht hat, haben sie das Ganze so geheimniskrämerisch wie nur irgendwie möglichgemacht. Zur Zeit gibt es weltweit mehr als 100 nordkoreanische Auslandsrestaurants, die augenscheinlich der Regierung Geld bringen und uns ein bisschen mehr über die glorreiche Kultur des Landes verraten. Einige haben die Restaurants in Verdacht gehabt, eigentlich nur eine ausgeklügelte Geldwäsche-Maschinerie zu sein. Die Kellnerinnen—es werden nur die schönsten und die patriotischsten ausgewählt—dürfen die Gebäude angeblich nicht ohne Begleitung verlassen, und wenn das Geschäft mal nicht gut läuft, wird wohl als Erstes ihnen das Gehalt gestrichen. Anfang des Jahres ist es 13 Frauen aus einer chinesischen Filiale gelungen, sich nach Südkorea abzusetzen. Nur wenige andere haben sich das getraut.

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Als ich hörte, dass es in Bangkok mehrere Filialen der Pyongyang-Restaurants gibt, hat mich die Neugier gepackt. Keine Websites, das Personal ist nicht gerade multilingual—als ich anrufe, höre ich am anderen Ende der Leitung nur ein dumpfes Lachen. Sie scheinen sich nicht gerade um Kunden zu reißen. Nachdem ich mich durch kleine Gassen gekämpft habe und immer wieder erfolglos nach dem Weg fragen musste, stieß ich plötzlich auf ein einsames Plastikschild, das für das Mittagsangebot im Pyongyang Okryu wirbt. Ganz naiv denke ich mir, dass es schon keiner mitbekommen würde, wenn ich schnell ein paar Schnappschüsse vom Gebäude mache—obwohl doch eindeutig auf der Tür ein Schild mit einer durchgestrichenen Kamera angebracht ist.

Ein paar Augenblicke später schwöre ich der gelben Satinkleid-Frau hoch und heilig, dass ich keine Fotos mehr machen werde und nur Mittag essen will. Sie schaut mich skeptisch an und fragt mich eindringlich: „North Korean food delicious?"

„Yes, yes, very delicious", antworte ich kleinlaut. „I am very sorry."

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Das scheint sie nicht ganz zufriedenzustellen, ich bekomme einen Platz am Rand, der ganze Raum ist in Neon-Licht getaucht, überall Glitzerdeko, kitschige Bilder hängen an der Wand. Von einer Ecke aus starrt sie mich an. Sobald sie gehen muss, übernimmt eine ihrer Kolleginnen in passenden blauen und roten Kleidern ihren Platz. Während der nächsten zwei Stunden gehen auch die einzigen anderen beiden Gäste und draußen ergießt sich einer der für Thailand typischen Wolkenbrüche. Ich entscheide mich für ein Gericht, das auf der Karte als „Beef Noodle" angekündigt wird und keine Nudeln enthält, dann noch „Mixed Vegetable", diesmal mit Nudeln. Aus den Boxen schmettern patriotische Songs. Meine „Escorts" in Primärfarben beobachten mich.

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Als die kleine Sintflut vorüber ist, lasse ich mir die Rechnung bringen—über 600 Baht [circa 15 Euro], was für Bangkok ganz schön gepfeffert ist—und gehe.

„North Korean food delicious", sagt mir die gelbe Satinkleid-Frau zum Abschied. Blaues Kleid und Rotes Kleid nicken unisono. Ja, ja, ist es.

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Ich will nicht noch einmal dort hin, brauche aber noch Fotos. Also verzichte ich auf meine klobige Spiegelreflex, nehme stattdessen ein Smartphone und versuche zusammen mit einem Freund mein Glück in der zweiten Filiale in Bangkok, dem Pyongyang Haemaji. Auf dem Schild draußen sind zwei fröhliche Figuren in Trachten und man wird mit Promo-Fotos der boomenden Tourismusindustrie Nordkoreas empfangen. Fenster scheint es keine zu geben.

Drinnen ist es leer. Statt ergreifender nationalistischer Musik herrscht hier bedrückende Stille. Unsere Kellnerin mit großen Augen und Porzellangesicht spricht wenig Englisch und noch weniger Thai, aber wir erfahren, dass sie 20 ist, aus Pjöngjang kommt und dass nordkoreanisches Essen „delicious" ist.

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Ehrlich gesagt ist es das in diesem Laden sogar. Auch wenn wir Gerichte mit so tollen Namen wie „Stir-Fried Rape" nicht probieren konnten, waren die Reiskuchen mit Meeresfrüchten und der geschmorte Pak Choi ziemlich lecker, wenn ich auch keinen Unterschied zu den südkoreanischen Varianten feststellen konnte. Das Beste waren die Pyongyang naengmyeon, eine Spezialität des Landes: kalte, glitschige Buchweizennudeln in einer scharfen Brühe mit hartgekochten Eiern, Schwein und verschiedenen Saucen, die die Kellnerin feinsäuberlich vor uns aufbaut und dabei, gut fünf Minuten lang, immer wieder kichert. Im Hintergrund gehen ihre Kolleginnen langsam umher. Eine starrt apathisch an die Wand und fängt dann laut an zu singen.

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„Do you sing?", fragen wir unsere Kellnerin. Sie lächelt und nickt. Diese Restaurants sind noch mehr für ihre abendlichen Musikshows berühmt als für ihr Essen.

„Tonight. You come?", fragt sie. Wie könnten wir nicht?

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Und so sitze ich am Abend bereits zum dritten Mal in nur 36 Stunden in einem nordkoreanischen Restaurant und schaue einer Frau in einem hautengen, bestickten, waldgrünen Kleid dabei zu, wie sie die wohl bewegendste Version von „My Heart Will Go On", die ich jemals gehört habe, ins Mikro schmettert. Ein paar Wörter lässt sie zwar aus und verwurschtelt hier und da den Text, aber Céline Dion hat es nie so aufrichtigen gesungen. Die anderen Kellnerinnen mit ihren strassbesetzten Stilettos stöckeln vorüber, ein paar südkoreanische Geschäftsmänner, die einzigen anderen Gäste, kippen sich ein Singha-Bier nach dem anderen hinter. Eine Kellnerin mit starrem Blick schwirrt um unseren Tisch umher, bewacht uns.

Klar, alles ist grell erleuchtet, aber es ist fast menschenleer. Doch die Sänger lassen sich davon überhaupt nicht entmutigen. Mit breitem, starrem Lächeln tänzeln sie zwischen den Tischen umher und versuchen das nicht vorhandene Publikum zu animieren. Ihre High Heels klackern auf dem Linoleumboden, nicht ganz synchron. Der Vorhang auf der Bühne geht immer wieder auf und zu und Frauen, eine mit einem spitzenbesetzten weißen Kleid, flitzen hin und her. Mit einem schrillen „Bye bye" werden wir in die Nacht verabschiedet.

Pyongyang Okryu 72 Sukhumvit Road Soi 63; +66-2-020-0220; täglich von 11–23 Uhr, Live-Shows um 19.30 Uhr

Pyongyang Haemaji 83 Sukhumvit Road Soi 26; +66-2-262-1033; täglich von 11–23 Uhr, Live-Shows um 20.00 Uhr