Drogen

Gibt es jetzt einen Zusammenhang zwischen Cannabis und Psychosen?

Studien sagen das eine, konservative und rechte Medien das andere, alle rasten aus und am Ende sind wir kein bisschen schlauer. Was sagt die Wissenschaft?

von Martin Robbins
21 April 2017, 4:00am

Illustration: Ashley Goodall

"Teenager, die Cannabis rauchen, schädigen ihre Gehirne!", lautete eine Überschrift der britischen Daily Mail. Eine andere: "Nur ein Cannabis-Joint kann Schizophrenie verursachen." Diese gewann sogar den Orwellian Prize for Journalistic Misrepresentation. Neben anderen großen Patzern hatte der Journalist nicht verstanden, dass es in der von ihm zitierten Studie um eine synthetische Verbindung handelte, die gar nicht in Cannabis vorkommt.

Wie auch immer, nur weil konservative Blätter wie die Daily Mail oder die Bild Schwachsinn über Cannabis und Psychosen abdrucken, heißt das nicht, dass es gar keinen Zusammenhang gibt. Tatsächlich wurde ein wie auch immer gearteter Zusammenhang zwischen Cannabis und Psychosen bereits nachgewiesen. Wenn du gelegentlich kiffst, drohst du eher eine Psychose zu erleiden als deine nichtkiffenden Mitbürger. Wenn du viel kiffst, erhöhen sich diese Chancen noch einmal. Kann Cannabis also Psychosen auslösen? Nun, kurz gesagt: Es ist verdammt kompliziert.


Zum Thema: Unsere Dokumentation über Cannabis in Großbritannien


Die Auseinandersetzung mit diesem Thema stellt dich vor einen Haufen Probleme. Erstens ist Cannabis hierzulande illegal. Dass du ständig Gesetze brichst und Dinge versteckst, verursacht Stress und kann bei sensiblen Menschen zu psychischen Problemen führen. Es lässt sich also manchmal schwer sagen, ob die Droge größeren Schaden anrichtet oder das Verbot.

Dann stehen wir vor der nicht ganz unwichtigen Frage: "Was rauchst du?" Zwei Komponenten sind zu beachten: Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol, die wir glücklicherweise mi THC und CBD abkürzen können. Skunk, also hochpotentes Gras, beinhaltet etwa dreimal so viel THC wie die gleiche Menge Haschisch, Haschisch kann allerdings mehr als das Hundertfache an CBD enthalten. In den Medien wird selten zwischen beiden Produkten unterschieden, im Grunde sind es zwei radikal verschiedene Drogen. Und natürlich kommt für deutsche Kiffer in der Regel noch ein drittes Element dazu: Nikotin.

Studien basieren außerdem auf den Selbstangaben der Befragten – Menschen, die Wissenschaftlern sagen, was und wie viel sie von einer illegalen Substanz geraucht haben. Selbst wenn sie das akkurat hinbekommen, was ziemlich unwahrscheinlich ist, lässt sich nur anhand von sachkundigen Vermutungen schätzen, wie stark sie den einzelnen Komponenten der Droge ausgesetzt waren. Das soll auf keinen Fall heißen, dass solche Studien wertlos sind, aber sie haben ihre bekannten Grenzen.

Dann kommen wir zum größten Problem: Kausalität. Nur weil ein Zusammenhang zwischen zwei Dingen festgestellt wird, heißt das nicht zwangsläufig, dass die eine Sache die andere auslöst. Es kann zum Beispiel sein, dass Menschen, die eher Gefahr laufen an einer Psychose zu erkranken, auch eher kiffen. Vielleicht behandeln sie damit in einer Art Selbstmedikation ihre "ruhelosen Gedanken" – ähnlich wie Alkoholmissbrauch oft nach besonders stressigen Phasen geschieht.

Und dann gibt es noch eine ganze Reihe von Risikofaktoren, die den Ausbruch einer Psychose begünstigen: Depressionen, Schlafstörungen, männlich sein, Gene, Migration oder das Leben in urbanen Gebieten, um nur einige zu nennen. Mehrere davon können auch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Menschen Drogen konsumieren. Wissenschaftler klammern diese Faktoren so gut wie möglich aus, aber es besteht immer das Risiko, dass sich etwas Unbekanntes in den Daten tummelt.

Alternativ könnte es auch in beide Richtungen funktionieren: Stress kann zu gesteigertem Alkoholkonsum verleiten, der sich wiederum negativ auf die psychische Verfassung auswirken kann. Diese Risikofaktoren für Psychosen können Menschen möglicherweise dazu bringen zu kiffen, was die existierenden Probleme nur weiter verschlimmern kann.

Foto: Martin Alonso | Flickr | CC BY 2.0

Kommen wir noch einmal auf die beiden Komponenten THC und CBD zurück. THC ist bereits ziemlich eingehend unter Laborbedingungen untersucht worden und kann "psychose-ähnliche Erfahrungen" auslösen. Diese sind allerdings temporär und von kurzer Dauer. Es lässt sich unmöglich sagen, ob sie langfristige Schäden verursachen. Feldstudien geben allerdings Hinweise auf einen Dosis-Wirkung-Zusammenhang. Kombiniert mit plausiblen Erkenntnissen zur Hirnchemie kann man von einem Zusammenhang ausgehen. Die Vermutung liegt nahe, dass THC das Risiko für anfällige Gruppen erhöht. Vollkommen bewiesen ist das noch nicht, aber die bisherigen Erkenntnisse deuten in diese Richtung.

Jetzt kommt der Twist: CBD wird ebenfalls mit Psychosen in Zusammenhang gebracht, bloß genau andersherum. Aktuell wird der Stoff von Forschern als Mittel zur Behandlung von psychotischen Episoden bei schizophrenen Menschen getestet. Erste Studien lassen vermuten, dass CBD genau so effektiv wie die momentan auf dem Markt erhältlichen Antipsychotika, aka Neuroleptika, ist – nur ohne die ganzen schweren Nebenwirkungen.

Wie vorhin bereits erwähnt, die Sache mit Cannabis und den Psychosen ist kompliziert. Einige chemische Komponenten im Gras können das Risiko für anfällige Menschen oder Teenager, an einer Psychose zu erkranken, tatsächlich erhöhen. Das alles hängt jedoch nicht zuletzt auch von der Dosis ab und so lange Cannabis illegal ist und keinen Auflagen oder Standards unterliegt, kann man unmöglich sagen, welche Dosis THC oder CBD sich Konsumenten in ihre Tüten drehen.

Substanzen wie Zucker, Alkohol oder Tabak, die wir tagtäglich konsumieren, haben viel größere Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit.

Nächste Frage: Spielt das alles überhaupt eine so große Rolle? Das große Ganze betrachtet betrifft das, worüber wir hier sprechen, nur einen Bruchteil der Konsumenten – vielleicht einen von mehreren tausend Kiffern. Trotz des angestiegenen Cannabis-Konsums gibt es zum Beispiel bislang kaum bis keine Hinweise auf einen Anstieg psychotischer Erkrankungen.

Ich sage damit nicht, dass diese Fälle nicht wichtig sind, aber die Nebenwirkungen des Cannabis-Konsums sind verglichen mit denen der allermeisten anderen Drogen – legal oder illegal – relativ harmlos. Substanzen wie Zucker, Alkohol oder Tabak, die wir tagtäglich konsumieren, haben viel größere Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit. Die Besessenheit der Medien mit etwas, das eigentlich ein Nischenthema sein sollte, erscheint einem angesichts dessen mehr politisch motiviert als alles andere: rechtskonservative Babyboomer, die ihre Hippie-Mitbürger für ihre "Sünden" bestraft sehen wollen.

Alle anderen sollten aus der Geschichte mitnehmen, dass die Wissenschaft keine Faktenmaschinerie ist, die immer die richtigen Antworten ausspuckt. Wir haben es hier mit komplizierten Fragen zu tun, die wir gerade erst entsprechend unter die Lupe nehmen. Und genau wie beim Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebsrisiko kann es Jahrzehnte dauern, bis wir eine definitive Antwort auf unsere Fragen bekommen. Bis dahin gilt: Jeder, der behauptet, die genauen Risiken zu kennen, ist wahrscheinlich ein Idiot.

Wir gehen jeden Tag Risiken ein, wenn wir eine Straße überqueren, ins Flugzeug steigen oder einen Hügel zu schnell mit dem Fahrrad runterfahren. Nur weil es ein Risiko gibt, heißt das nicht, dass man es auf keinen Fall tun darf. Wäre ja auch ein ziemlich tristes Leben. Viel wichtiger ist es, sich über die Risiken, die man eingeht, im Klaren sein und sich nicht selbst zu bescheißen.

Ich will hier eigentlich keine Ratschläge geben – dafür bin ich unqualifiziert. Aber vielleicht passt an dieser Stelle ein Satz meiner verstorbenen Großmutter, den sie selbst oft genug ignoriert hat: "Alles in Maßen."

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