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Vom deutschen Thaibox-Star zum IS-Kämpfer: Die rätselhafte Geschichte von Valdet Gashi

Unser Autor kannte den Weltmeister persönlich. Und weiß: Gashi war kein „radikaler Verlierer", sondern radikaler „Idealist". Der womöglich selbst vom IS umgebracht wurde.
24.10.16

Valdet Gashi war ein 28-Jähriger mit einer großen Zukunft. Er hatte eine Frau, zwei Kinder und war ein erfolgreicher Muay-Thai-Profi. Doch gestorben ist er in Syrien als IS-Kämpfer. Wer war der Mann, der vom Weltmeister zum Glaubenskrieger wurde? Mich interessiert diese Frage besonders, weil ich Gashi aus unserer gemeinsamen Zeit in Thailand persönlich kannte. Oder dachte zu kennen.

Gashi kam als Sechsjähriger aus dem Kosovo nach Deutschland. Er wuchs mit seiner Familie in der Oberpfalz auf, wo er schon früh mit Kampfsport in Berührung kam. Am erfolgreichsten war Gashi als Muay-Thai-Kämpfer. Er lebte zeitweise in Thailand, wo er mit der Crème de la Crème trainierte und zum Medienstar aufstieg. Elite Boxing TV produzierte eine rund 45-minütige Doku über Gashi. In seiner Zunft war er einer der ganz Großen.

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Darum waren auch Enttäuschung und Entsetzen in der Szene groß, als ein Freund von ihm 2015 auf Facebook postete, dass sich Gashi dem IS angeschlossen habe—und sich mit deutlichen Worten von ihm distanzierte. Vor allem die Menschen, die ihm nahestanden und seinen Werdegang in den Jahren zuvor aufmerksam verfolgt hatten, waren wütend auf den Mann. Ein Mann, der seine Familie zurückließ, um sich einer barbarischen Organisation anzuschließen. Früher noch Sportheld, jetzt nur noch verhasste Persona non grata. Nicht wenige wünschten ihm öffentlich den Tod, darunter auch einige seiner ehemaligen Freunde und Teamkameraden.

Einer von ihnen schrieb, „Ich hoffe, eine Drohne geht in deinem Arsch hoch", während ihm ein anderer folgenden Gruß mit auf den Weg gab: „Viel Spaß mit deinen kindertötenden Kameraden, du kranker Wichser."

Als ich Valdet Gashi das letzte Mal sah, war ich mir sicher, dass niemals jemand so über den Mann aus Singen in Baden-Württemberg sprechen würde.

Kurz nachdem Gashi seine Syrienreise auf Facebook bestätigt hatte, wurde es ruhig um ihn. Kein Wunder, denn der IS hatte seinen „prominenten" Kämpfern befohlen, ihre Social-Media-Aktivitäten auf Eis zu legen, aus Furcht vor Drohnenangriffen. Am 4. Juli wurde vermeldet, dass Valdet bei Kämpfen in Nordsyrien ums Leben gekommen sei. Als einer von rund 20.000 ausländischen Kämpfern in den Reihen des IS.

Valdet war ein junger, wütender Mann. Aber im Gegensatz zu vielen anderen wütenden Männern—und zu dem, was Essayist Hans Magnus Enzensberger in seinem Band „Schreckens Männer" über islamistische Terroristen schrieb—war Gashi kein „radikaler Verlierer". Der Mann war viermaliger Weltmeister—und das in einer Sportart, in der nur wenige Athleten außerhalb von Asien überhaupt eine Chance haben. Doch in seinem Herzen war er immer auch ein Idealist, er wollte Teil einer größeren Sache sein. Er wollte als gläubiger Muslim am Aufbau eines „echten" islamischen Kalifats mitwirken.

Für Valdet und andere Leute wie ihn war der Ruf zu den Waffen vonseiten des IS eine ehrenwert wirkende Sache—mit Aussicht auf einen ehrenwerten Tod. Er war ein Romantiker. Und der syrische Kriegsschauplatz war aus seiner (verzerrten) Sicht nur eine andere Ausprägung des Spanischen Bürgerkriegs. Valdet hat sich von der Propaganda manipulieren lassen. Er hätte bei seiner Frau und den Kindern in Deutschland bzw. Thailand bleiben sollen.

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Ich ziehe es vor, mich so an ihn zu erinnern, wie ich ihn kennengelernt habe. Als ruhigen, bescheidenen, netten und respektvollen Menschen. Valdet war eine unschlagbare Kombination aus Sportler und Gentleman. Einer, der selbst gegen Muay-Thai-Legende Shuki Rosenzweig im Ring gestanden hat.

Weil Bangkok eine kleine Stadt ist, sind wir uns ständig über den Weg gelaufen. Mal beim Training in der „Fighting Spirit"-Gym; mal beim Joggen im Lumpini Park; mal auf dem Rücksitz eines Motorrad-Taxis, mal mit seinen Freunden im arabischen Viertel der Stadt. Valdet mit seinem zottligen Bart, seinen freundlichen Augen und seinem warmen Lächeln.

Noch heute, über ein Jahr nach seinem unehrenhaften Ende, kratze ich mir angesichts der Widersprüchlichkeiten ratlos den Kopf. Angesichts der genauso unsicheren wie vagen Berichte, die von internationalen Beobachtern und angesehenen Nachrichtenkanälen verbreitet wurden. In der Hitze des Gefechts haben sogenannte „Fakten" die Tendenz, selbst zwischen die Fronten zu geraten. Was bleibt, ist grenzenloses Unverständnis über seinen Entschluss, nach Syrien zu gehen.

Im Telefoninterview sagte Valdet weiter, dass er zusammen mit anderen ISIS-Kämpfern die türkische Grenze in Euphrat-Nähe patrouillieren würde, auf der Suche nach Schmugglern und verbotener Ware. Doch laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) wurde Valdet wegen Desertion festgenommen und in einem Gefängnis in Manbej, einer Stadt nordöstlich von Aleppo, festgehalten. „Verlässliche Quellen" haben der SOHR berichtet, dass ISIS den früheren Weltmeister hingerichtet hat, weil er versucht haben soll zu desertieren. Angeblich soll Valdet angesichts der ISIS-Gräueltaten, die er miterleben musste, so schockiert gewesen sein, dass er—kaum angekommen—schnellst möglich wieder nach Deutschland zurückwollte. Zwischen 2014 und Juli 2015 sollen laut SOHR-Informationen 143 ISIS-Mitglieder wegen Desertion umgebracht worden sein. War Valdet einer von ihnen?

Ich habe darüber mit dem oben erwähnten gemeinsamen Freund—der Valdet auf FB „denunziert" und verurteilt hatte—gesprochen. Er hat weiterhin eine klare Meinung zu Valdet:

„Valdet hat es da drüben geliebt, Bruder. Er hatte die Zeit seines Lebens."

Keiner weiß mit Sicherheit, wie es Valdet wirklich beim IS ergangen ist. Nur eines ist sicher: Er hat seine Entscheidung, nach Syrien zu gehen, mit dem Leben bezahlt. Und dabei seine Familie und sich selbst eine Zukunft zerstört.