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Aufstieg und Fall von Mido: Das arrogante Ajax-Supertalent, das Zlatans Nemesis war

Vor 15 Jahren hatte Ajax in Zlatan ein großes Talent—und in Mido ein noch viel größeres. Der schoss Tor um Tor und beförderte Ibra so auf die Bank. Doch am Ende hatte das reiche Papasöhnchen zu wenig Biss. Und zu viel Appetit.

von Alex Hess
29 September 2016, 11:40am

Im Fußball kann in 15 Jahren sehr viel passieren. Bestes Beispiel Bundesliga. Vor 15 Jahren spielten noch Hansa Rostock und Energie Cottbus in der 1. Liga. Also Mannschaften, die heute mit Gegnern wie Sportfreunde Lotte bzw. dem BFC Dynamo vorliebnehmen müssen.

Zur gleichen Zeit machte sich in den Niederlanden gerade ein junger Schwede im Sturm von Ajax Amsterdam einen Namen: Zlatan Ibrahimovic. Er war aber nicht der einzige Stürmer bei Ajax, dem eine große Zukunft vorausgesagt wurde. Der andere Typ war sogar noch zwei Jahre jünger als Zlatan und schoss doppelt so viele Tore wie der Junge aus Malmö. Im 20-jährigen Zlatan hatte Ajax ein vielversprechendes Talent. Aber im 18-jährigen Ahmed Hossam Hussein Abdelhami, oder einfach nur „Mido", hatte er ein noch besseres.

Mido galt als echtes Wunderkind und verließ Ägypten, als er gerade mal 17 Jahre alt war. In nur drei Jahren schaffte er es zum berühmtesten Ägypter auf Erden. Und wie es sich für einen echten Superstar gehört, scheute er sich auch nicht davor, an seinem Showbiz-Ruf ordentlich zu feilen: Während seiner Zeit bei Gent sorgte seine Beziehung zu Miss Belgien für genug Gossip, um die Tabloid-Landschaft in gleich zwei Ländern glücklich zu stellen. Mit 20 wurde seine Hochzeit live im ägyptischen Fernsehen übertragen, was ein echter Quotenrenner wurde.

„In Ägypten wird er wie ein Gott behandelt", sagte mal sein Ex-Trainer Ronald Koeman über den 19-jährigen Ajax-Spieler, nachdem seine Mannschaft in Kairo ein Freundschaftsspiel absolviert hatte. Ihr Stürmer wurde in Kairo überall von frenetischen Fans umringt. Und eine Zeit lang konnte sein Heldenstaus sogar mit seinem verheißungsvollen Talent mithalten. „Jeder ist beeindruckt von ihm. Die Scouts, die Trainer. Jeder, der ihn gesehen hat, ist überzeugt, dass er ein großartiges Talent ist", lautete einst das Urteil von Leo Beenhakker, damals Technischer Direktor beim niederländischen Rekordmeister.

Sowohl Mido als auch Ibrahimovic gaben in der Saison 2001/02 ihr Debüt für Ajax. Und gleich in ihrer ersten Saison gewannen sie mit der Mannschaft das Double. Auch wenn ihr jeweiliger Beitrag zum Erfolg sehr unterschiedlich ausfiel. Ibrahimovic konnte an seine starken Leistungen bei Malmö FF nur selten anknüpfen und erzielte ab Dezember nur noch einen Treffer. Mido hingegen startete gleich so richtig durch und schoss allein in den letzten neun Saisonspielen zehn Tore, wodurch Ibrahimovic regelmäßig mit der Bank vorliebnehmen musste.

In Ägypten stieg seine Bekanntheit endgültig auf Ausrast-Niveau. „Mido ist das, woran die Leute in der arabischen Welt denken. Mido ist in der arabischen Welt in aller Munde. Er ist für Ägypter, was Maradona für Argentinier war, vielleicht sogar noch mehr", schrieb 2003 der Guardian.

Mido in einem Champions-League-Spiel gegen Arsenal // Foto: PA Images

Zusammen mit Außenstürmer Andy van der Meyde verband Mido und Ibrahimovic eine nicht immer ganz regelkonforme Freundschaft: ein Trio hochtalentierter Rebellen, denen die Welt zu Füßen lag. Der Holländer erzählte, dass sich die Drei in den Außenbezirken von Amsterdam wilde Straßenrennen lieferten („Zlatan hatte einen Mercedes, Mido wechselte zwischen einem Ferrari und einem BMW Z"). Die beiden Mittelstürmer schienen es darauf abgesehen zu haben, die süßen Vorteile ihrer lukrativen Berufung voll auszuschöpfen.

Die meiste Zeit verstanden sich Mido und Ibra ausgezeichnet. Doch wenn nicht, dann flogen ordentlich die Fetzen. Oder die Schere. Nach einem Spiel soll Mido mal mit einer Schere auf seinen Sturmpartner geworfen haben, wofür er prompt in die Reservemannschaft strafversetzt wurde. „Ich bin zu ihm rüber und habe ihm eine geklatscht. Aber zehn Minuten später lagen wir uns schon wieder in den Armen", schrieb Ibrahimovic in seiner Autobiographie. „Erst viel später habe ich herausgefunden, dass unser Trainer die Schere als Andenken für seine Kinder aufgehoben hat."

Ebenfalls vereinte Mido und Ibra ein besonders ausgeprägtes Ego mit einem Hang zu Knallerzitaten. Als Mido mal von einem Reporter gefragt wurde, ob sich seine Frau schon in Holland eingelebt habe, konterte Mido: „Sie ist hier natürlich glücklich. Sie ist ja bei mir. Wie könnte sie da nicht glücklich sein?" Geht es zlatanesker?

Doch auch wenn es in Sachen Talent und Ego große Parallelen gab: Ihr familiärer Hintergrund hätte unterschiedlicher nicht sein können. Mido wurde als Sohn einer schwerreichen Kairoer Familie geboren und Papa bezahlte ihm kostspielige Fußballakademien aus der Portokasse, während Ibrahimovic' Aufstieg in die Weltspitze im bitterarmen Malmöer Stadteil Rosengård begann. „Bierdosen, Jugo-Musik, leere Kühlschränke und den Balkankrieg. Das hatten wir zu Hause", schrieb er später.

Auf der einen Seite ein Rich Kid, auf der anderen Seite ein Gossenjunge. Und beide genauso hochtalentiert wie antiautoritär. Für eine kurze Zeit sah es so aus, als würden Mido und Zlatan den europäischen Fußball viele Jahre lang prägen können.

Doch während einem von beiden genau das geglückt ist—indem er sein unbändiges Ich und seine schier grenzenlose Selbstverliebtheit in eine glanzvolle Karriere kanalisieren konnte—, hat der andere eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Ibrahimovic hat seiner Zeit bei Ajax 330 Tore, sechs Supervereine und 16 wichtige Pokale folgen lassen. Bei Mido sieht es auf der Habenseite deutlich mickriger aus: 49 Tore in knapp einem Jahrzehnt, darunter eine Leihe an den englischen „Spitzenclub" Barnsley. Während der eine gerade in der stärksten Liga der Welt durchstartet, ist der andere schon seit drei Jahren im Fußballer-Ruhestand.

Mido blieb nur zwei Saisons bei Ajax, sein Scherenwurf war für seinen Trainer Koeman der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es folgten Engagements bei Celta Vigo, Marseille und der Roma, bevor er zu den Spurs wechselte. Dort spielte er zweieinhalb Jahre unter der väterlichen Leitung von Martin Jol. Dort war es auch, wo er mehr oder weniger sesshaft wurde, zumindest für Mido-Verhältnisse. Danach begann er eine rund fünfjährige Odysee durch die Niederungen des englischen Fußballs. Auch zwei Ausleihen in Ägypten „schmücken" diesen Karriereabschnitt. Bis er schließlich, im Alter von nur 30 Jahren, aufgedunsen und von Verletzungen ramponiert zurücktrat.

Nach seiner Zeit bei den Spurs gelangen ihm nie wieder mehr als vier Tore pro Saison. Der Ruf, mehr fett als fit zu sein und nicht die beste Einstellung mitzubringen, verfolgte ihn bei all seinen späteren Stationen. Vor allem seine Karriere in der Nationalmannschaft war geprägt von Streitereien, Rücktritten und Rücktritten vom Rücktritt.

Während Ibrahimovic seinen zwei ersten Trophäen mit Ajax noch eine imposante Sammlung folgen ließ, gewann Mido nur noch zwei Titel. Und beide Male unter bittersüßen Umständen.

Midos Gewicht wurde zu einem Dauerthema während seine Karriere. // Foto: PA Images

Im Jahr 2006 erreichte die ägyptische Nationalmannschaft das Finale im Africa Cup, wo man im Elfmeterschießen gegen die Elfenbeinküste die Nerven behielt und sich den ersten Titel seit zehn Jahren sicherte, und das auch noch im Heimatland. Es hätte der Höhepunkt von Midos Karriere sein können—vielleicht war es das auch—, aber im Endspiel saß er nur auf der Tribüne, weil er sich im Halbfinale nach einer vorzeitigen Auswechslung mit seinem Trainer Hassan Shehata angelegt hatte. „Wäre ich auf dem Feld geblieben, hätte ich noch getroffen. Es tut mir für die Fans leid, aber nicht für Shehata." Klare Ansage.

2010 folgte dann ein weiterer (kleiner) Triumph. Nachdem er bei Middlesbrough ins Hintertreffen geraten war und auch seine zahlreichen Ausleihstationen an einer Verpflichtung kein Interesse hatten, kam der rettende Anruf von seinem früheren Spurs-Trainer Jol. Er holte ihn für ein Jahr zurück zu Ajax. Nach anfänglichen Verletzungssorgen schoss er in fünf Spielen als Joker zwei Tore und wurde danach in die Startelf befördert. Als Starter gelang ihm prompt ein Tor. Doch weil die Mannschaft nicht über ein 1:1 hinauskam, musste Jol seine Sachen packen. Und damit der größte (und) einzige Fürsprecher von Mido im Verein. Frank de Boer übernahm und das Kapitel Ajax war für Mido zwei Wochen später Geschichte.

De Boer schaffte echt noch die Wende und führte Ajax ganz knapp zur Meisterschaft. Wenn man will, könnte man argumentieren, dass auch Midos zwei Saisontore zum Titel beigetragen haben. Doch als der Meister-Bus durch Amsterdam tuckerte, war Mido schon längst wieder woanders.

Drei Jahre später, als Mido (endlich) zurücktrat, legte sein alter Kumpel Ibrahimovic in Frankreich erst so richtig los und schoss PSG mit seinen 30 Toren zur ersten Meisterschaft seit 20 Jahren. Mittlerweile spielt Ibra bekanntlich unter seinem alten Homie Mourinho, während man Mido vor Kurzem im ägyptischen Fernsehen bewundern konnte, wie er sich nach einer verlorenen Leicester-Wette eine Glatze rasierte.

Auf den ersten Blick könnte man die beiden als unterschiedliche Seiten derselben Medaille ansehen. Zwei talentierte Rebellen, deren jeweilige Geschichte zeigt, wie wichtig neben Talent auch Fleiß, Disziplin und Hingabe sind.

Im Fall von Ibrahimovic war Beliebtheit nur ein Nebenprodukt seines Erfolgs. Und dazu noch ein recht spätes. Er ist seit einer gefühlten Ewigkeit der beste Fußballer seines Landes, doch das Kind jugoslawischer Flüchtlinge gewann erst 2007 den Jerring-Preis, den Preis für den beliebtesten Sportler Schwedens. Da war er aber schon seit vielen Jahren im Profigeschäft erfolgreich. Bei Mido war es genau andersrum. Er wurde mit Unmengen von Vorschusslorbeeren bedacht und als Nationalheld gefeiert, als er noch ein Teenager war. Genau das—der Druck, die immense Erwartungshaltung einer ganzen Nation—war am Ende zu viel für den Mann, der früher als besserer Zlatan galt.