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Darum war die Olympia-Anerkennung von Cheerleading überfällig

Vor Kurzem bekam Cheerleading das Siegel „Olympische Sportart". Bevor du Schnappatmung kriegst: Echtes Cheerleading hat nichts mit Puschelschwingen zu tun, sondern ist eine der gefährlichsten Sportarten der Welt.

von Charlie Brinkhurst-Cuff
13 Januar 2017, 4:00pm

EPA/Igno Warner

Wettkampf-Cheerleading (nicht zu verwechseln mit dem Cheerdancing beim American Football) ist die mental und physisch anstrengendste Sportart, die ich jemals ausgeübt habe—und das sage ich als begeisterte Fußballspielerin. Es verdient dieselbe Aufmerksamkeit und Anerkennung, die anderen Teamsportarten zuteil kommt. Vor allem angesichts des nur kaum verborgenen Sexismus, der den Sport seit Ewigkeiten begleitet und dazu führte, dass viele noch heute auf ihn herabblicken.

Darum war die Nachricht im Dezember, dass Cheerleading (zusammen mit Muay Thai) provisorisch als olympische Sportart anerkannt wird, pure Genugtuung. Provisorisch heißt, dass sich der Cheerleading-Weltverband nach drei Jahren offiziell für die Aufnahme in das Olympia-Programm bewerben kann. Und die Chancen auf eine Aufnahme stehen gut, wenn man hört, wenn man bei IOC-Sportdirektor Kit McConnell zwischen den Zeilen liest:

Cheerleading ist ein Sport mit wachsender Popularität. Es ist besonders auf junge Menschen ausgerichtet, dem tragen wir Rechnung.

Meine erste Berührung mit Cheerleading auf Wettkampfniveau hatte ich 2000 durch den Film Girls United mit Kirsten Dunst in der Hauptrolle. Für einen Teenie-Film der damaligen Zeit war er überraschend fortschrittlich und bestand eindeutig den Bechdel-Test, der den Status von Frauenrollen in Filmen bewertet und dabei nach Stereotypisierungen Ausschau hält. Soll heißen: Die Frauen in dem Film hatten einen Namen (wow!), sie haben auch miteinander gesprochen (wurden also nicht nur als schöne, aber stumme Hüllen abgebildet) und in ihren Gesprächen ging es zur Abwechslung auch mal nicht um irgendwelche Männergeschichten und Schwärmereien.

Seitdem ich den Film geschaut habe, habe ich als Cheerleaderin zwei verschiedene Uni-Teams angefeuert und dabei festgestellt, wie (unrealistisch) einfach der Sport filmisch dargestellt wird. Klar, bei Girls United ist man schon einen Schritt weiter und verzichtet darauf, Cheerleaderinnen als „schlampige" und aufgedreht rumhüpfende Blondies darzustellen. Trotzdem fängt der Film nicht wirklich ein, wie schwer es ist, die drei Kernelemente dieser Sportart zu meistern. Die Rede ist von Gymnastik, Akrobatik und Tanz. Denn die verschiedensten Stunt-Elemente—also etwa Leute in die Luft werfen, wieder auffangen und dann über dem Kopf sicher festhalten—sind beileibe kein Pappenstiel. Cheerleading ist verdammt anspruchsvoll und so viel mehr als bloße Unterhaltung zwischen Halbzeiten oder Vierteln.

Doch Cheerleading ist nicht nur schwierig , sondern auch gefährlich. 2013 wurde es in den USA zur gefährlichsten Frauensportart erklärt. Laut dem zugrundeliegenden Bericht war Cheerleading bei Mädchen und Frauen für 66% der schweren Sportverletzungen verantwortlich. Bei 37% der untersuchten Cheerleaderinnen wurden Symptome von Gehirnerschütterung festgestellt, ohne dass diese offiziell gemeldet worden waren. Und auf YouTube finden sich tragische Videos, die Unfälle dokumentieren, durch die manche Athletinnen im Rollstuhl gelandet sind. Auch in meinen Teams lief eigentlich immer irgendjemand auf Krücken herum. Bei einem unserer Auftritte hat sich unsere beste Gymnastin den Daumen ausgerenkt—und ihn einfach wieder selbst eingerenkt, the show must go on und so. Ich selbst habe durch den Sport in beiden Knien eine Sehnenscheidenentzündung davongetragen.

Eine Übung der britischen Cheerleading-Meisterschaft

Aufgrund der häufig kitschigen Musik, der extrem ausgeprägten Weiblichkeit, die bei dem Sport im Mittelpunkt steht, und der unzähligen, harten Trainingseinheiten, die für eine dreiminütige Übung nötig sind, müssen die Athletinnen schon eine bestimmte Lebenseinstellung mitbringen, vor allem aber einen starken Charakter haben. Für Männer ist Cheerleading aus einem ganz anderen Grund schwierig. Schließlich wird es als „Frauensport" angesehen. Viele unserer männlichen Kollegen taten sich mit der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Sportart schwer. Dabei sind sie häufig für den „männlichen" Part zuständig, also die Hebe- und Wurfelemente.

Tori Rubin ist Head Coach an der Unity Allstars, eines der bedeutendsten und erfolgreichsten Cheerleading-Programme in Großbritannien. Und sie blickt optimistisch in die Zukunft.

„Das fände ich natürlich toll, wenn das am Ende mit Olympia klappt", so Rubin. „Das ist etwas, auf das wir alle gehofft und wovon wir geträumt haben. Aktuell herrscht noch viel Unsicherheit, was Cheerleading eigentlich ist. Wird Cheerleading olympisch, werden die Leute einsehen, dass es eine Sportart ist und nicht nur ein Haufen Puschel an der Seitenlinie, was eine gängige Fehlannahme ist."

Auch wenn meine Cheerleading-Tage mit dem Verlassen der Uni ein jähes Ende nahmen, bin ich dem Sport noch immer tief verbunden. Und hoffe, ihn eines Tages während zukünftiger Olympischer Spiele im Fernsehen bewundern zu können.