Drillinge wurden als Babys getrennt und als Versuchsobjekte missbraucht

Im VICE-Interview sprechen zwei der Drillinge über die große Verschwörung, die sie getrennt hielt, und die neue Doku über ihr Leben, 'Three Identical Strangers'.

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Juli 12 2018, 4:00am

Eddy Galland, David Kellman und Bobby Shafran | Foto mit freundlicher Genehmigung von NEWSDAY

Im Herbst 1980 ging Robert Shafran im Staat New York aufs College. Auf dem Campus sprachen ihn immer wieder Leute als "Eddy" an. Shafran war verwirrt, doch bald kam die Wahrheit ans Licht: Unter seinen Kommilitonen war Edward Galland, ein Zwillingsbruder, von dem er bis dahin nichts wusste. Die Geschichte ging durch die Medien. So kam es, dass ein dritter 19-Jähriger sich in Shafran und Galland wiedererkannte. Mit David Kellman wurden aus den Zwillingen sogar Drillinge. Die drei waren von verschiedenen Familien adoptiert worden. Ihre Geschichte faszinierte die USA, sie traten in Film und Fernsehen auf.

Die drei Familien hatten Fragen. Warum hatte man die Babys überhaupt getrennt? Warum hatte man den Eltern nicht gesagt, dass ihr Adoptivsohn ein Drilling war? Die neue Doku Three Identical Strangers zeigt, was sie daraufhin erfuhren: Die Brüder waren Versuchspersonen in einem Experiment, das Erkenntnisse zur Anlage-Umwelt-Debatte liefern sollte. Psychiater des Child Development Center arbeiteten dafür mit der Adoptionsagentur Louise Wise Services zusammen. Sie vermittelten eineiige Zwillinge und Drillinge an Familien, die verschiedene Umfelder boten, und beobachteten ihre Entwicklung.


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Nur die Forscher selbst wissen genau, wie viele Kinder neben Kellmann, Shafran und Galland betroffen waren. Die Ergebnisse dieser Forschung wurden nie veröffentlicht. Der Leiter der Studie, der gebürtige Österreicher Dr. Peter Neubauer, starb 2008. Vor seinem Tod beauftragte er die Yale University, alle Unterlagen bis 2065 unter Verschluss zu halten – so lange, bis vermutlich keine der betroffenen Personen mehr am Leben ist.

Die Doku erzählt die Geschichte der drei Familien Shafran, Galland und Kellman, die unerwartet durch diese Verschwörung zusammengeführt wurden. Doch der Film kann noch lange nicht alle Fragen beantworten – dazu gibt es zu viele Instanzen, die die Wahrheit verbergen. Edward Galland beging 1995 Suizid. Wir haben mit den zwei verbleibenden Drillingen Shafran und Kellman sowie mit dem Doku-Regisseur Tim Wardle über diese bizarre Geschichte gesprochen.

Foto mit freundlicher Genehmigung von NEON

VICE: Seid ihr zufrieden mit dem Film?
David Kellman: Wir wussten anfangs nicht, wie der Film werden würde, aber heute sind wir unglaublich froh über das Ergebnis.

Robert Shafran: Am Anfang des Films sage ich: "Wenn mir jemand anderes diese Geschichte erzählen würde, dann würde ich sie nicht glauben. Aber sie ist wahr, bis ins kleinste Detail." Zu dem Zeitpunkt des Drehs wusste ich ja nicht, ob der Film die Geschichte wirklich wahrheitsgetreu erzählen würde, aber das tut er. Eddy kann heute leider nicht mehr für sich selbst sprechen, aber sie haben ihn mit viel Takt und Respekt behandelt.

Seine Geschichte verdeutlicht, dass es bei diesem Experiment um Leben und Tod ging.
Shafran: Ja, um unser Leben. Ich denke, oft weiß man gar nicht, wie schlimm eine Verletzung oder ein Trauma einen mitnimmt, bis sich später die Symptome zeigen. Anfangs waren wir nur happy, einander gefunden zu haben. Ältere, erfahrenere Leute fragten uns: "Seid ihr nicht wütend, dass ihr getrennt wurdet?" Aber bevor wir von dem Experiment wussten, waren wir einfach euphorisch. Wir riefen alle unsere Eltern an – und die verwechselten uns tatsächlich, wenn sie uns nur von hinten sahen. Wir hatten ja alle diesen großen Lockenkopf.

Kellman: Ich denke auch, dass das Ausmaß des Schmerzes erst im Laufe der Zeit klar wurde. Vor allem bei Eddy.

Shafran: Wir hatten alle eine schwierige Jugend. Die Pubertät ist ohnehin eine schwierige Zeit, und wenn man adoptiert ist, kommt noch eine Schwierigkeit hinzu. Wir konnten damals noch nicht alles verstehen, was uns so belastete. Aber die Antwort, auf die wir stießen, hätte sich keiner von uns ausgemalt.

Die Yale University hat Anweisungen, die Akten unter Verschluss zu halten, und weigert sich, dagegen zu verstoßen. Wer könnte euch heute sonst die Fakten zu dem Experiment geben, das man an euch durchführte?
Shafran: Das Jewish Board of Family and Children's Services [eine gemeinnützige Organisation in New York, die das damals verantwortliche Child Development Center übernahm, Anm. d. Red.]. Wir stehen im Dialog mit ihnen. Es gab viel Hin und Her, bis wir Kopien unserer Akten bekamen, manche davon aus dem Jahr unserer Geburt, 1961. Viele Teile sind geschwärzt.

Tim Wardle (Regisseur): Es steht in der Macht des Jewish Board, die Daten zugänglich zu machen und transparent damit umzugehen. Wir hoffen, dass sie das tun werden. Es gibt beteiligte Psychiater, die noch in New York leben und arbeiten, aber die wollten nicht mit uns reden. Die zwei Mediziner, die wir im Film interviewen, waren eher Randfiguren. Die Akten, die wir bisher gesehen haben, enthalten eine Mischung aus Fakten und Freud'schem Psychogelaber. Sie sammelten so viele Daten, und alles ist ein heilloses Durcheinander. Wir haben 10.000 Seiten, und das ist nur ein Bruchteil des Ganzen.

Kellman: Wir sind keine Wissenschaftler und können die Akten nicht selbst interpretieren, deshalb hoffen wir, dass das Jewish Board sich auch um eine Auswertung bemüht. Wir finden, es sollte eine Art Wiedergutmachung geben, nicht nur für uns, sondern für alle Betroffenen. Wir sind dabei, uns die Optionen in diesem Bereich anzuschauen. Diese Leute haben so vielen Menschen Schaden zugefügt.

Wie hat das Jewish Board auf den Film reagiert?
Shafran: Sie haben ihre Anwälte eingeschaltet.

Kellman: Sie kommunizieren mit uns durch eine Anwaltskanzlei, die auf ärztliche Falschbehandlung spezialisiert ist. Da kann man spekulieren, warum sie das für nötig halten. Wir wissen, dass die Studie zum Teil von der Regierung finanziert wurde.

Eddy, David und Bobby | Foto mit freundlicher Genehmigung von NEON

Und weil die Akten unter Verschluss gehalten werden, kann auch niemand von den Daten profitieren, die man so lange über euch sammelte.
Wardle: Wie bei Mengeles Experimenten in Auschwitz – danach gab es eine Debatte darüber, ob es ethisch vertretbar sei, die Ergebnisse seiner unmenschlichen Forschung auszuwerten. So viele Leben wurden zerstört, und völlig ohne Ergebnis.

Der Film wirkt extrem kritisch gegenüber den beteiligten Forschern. Ist die Doku als Anklage gedacht?
Wardle: Ich habe Psychologie studiert und damit vermutlich mehr Verständnis für den Kontext, in dem dieses Experiment durchgeführt wurde, als die meisten. In den 50ern und 60ern war die Psychologie ein wenig wie der Wilde Westen. Die Forschung steckte in einem Paradigmenwandel, man wollte die Psychologie als seriöse Wissenschaft etablieren. Dabei kamen dann so Dinge heraus wie die Milgram-Experimente oder später das Stanford-Prison-Experiment. Das war Forschung, die aus heutiger Sicht unethisch ist.

Ich interessiere mich für Grauzonen des menschlichen Verhaltens. Für gute Menschen, die Böses tun. Trotz der Ära, in der es stattfand, wussten die Forscher hinter dem Experiment, dass es falsch war. Sie hatten einige Adoptionsagenturen kontaktiert, die gesagt hatten: "Auf keinen Fall trennen wir Zwillinge und Drillinge voneinander. So etwas macht man einfach nicht."

Hat sich dein Verständnis der Anlage-Umwelt-Debatte durch die Arbeit an diesem Film verändert?
Wardle: Definitiv. Ich glaubte eingangs fest an die Bedeutung der Umwelteinflüsse. Ich war schockiert, als ich mehr und mehr sah, wie einflussreich Gene sind. Es ist einfach freaky, dass du in deinem Leben vielleicht Entscheidungen triffst, die von deinen Ahnen und Urahnen abhängen. Bei unserem ersten Treffen hatten die Drillinge alle die gleichen Schuhe an – und zu dem Zeitpunkt hatten sie gar keinen richtigen Kontakt miteinander. Heute sind die beiden wieder in sehr ähnlichen Poloshirts aufgetaucht. Solche Dinge passieren mit ihnen ständig, und ich finde es immer noch sehr seltsam.

Aber die Umwelt bildet dazu das Gegengewicht. Die Gene mögen uns in bestimmte Richtungen treiben, aber das heißt noch lange nicht, dass wir dazu geboren werden, Verbrecher oder Priester oder was auch immer zu werden.

Wäre euer Leben einfacher gewesen, wenn ihr immer gewusst hättet, dass ihr Drillinge seid, dass ihr nach der Geburt getrennt und studiert wurdet – und dass ihr anfällig für psychische Probleme sein würdet?
Shafran: Nichts kann den Schaden ungeschehen machen. Aber wenn wir zusammen gewesen wären, hätten wir sicher mehr Halt gehabt. Du weißt oft nicht, was dein Problem ist, aber wenn du es erfährst, erklärt es so einiges.

Wardle: Diese Informationen konnten buchstäblich Einfluss auf Leben und Tod haben – es ist völlig unethisch, solche Dinge nicht mit den Betroffenen zu teilen. Aber es passiert immer wieder. Wer sich zu sehr auf seine Story oder sein Experiment konzentriert, verkennt dabei vielleicht, dass er anderen schadet. Diesen Männern ist das am eigenen Leib passiert; für sie ist es nicht einfach nur eine Story.

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