Wer Gzuz' Realness feiert, darf bei seiner Frauenfeindlichkeit nicht weghören

"Kein Bock auf Sex?/ Na dann klatsch ich sie weg!/ Die Schlampe war frech" – Gzuz

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14 Mai 2019, 8:30am

Gzuz mit Knarre | Screenshot aus dem YouTube-Video "Was hast du gedacht" von Channel WORLDSTARHIPHOP

Vor knapp zehn Jahren sitzt der Rapper Gzuz (bürgerlich Kristoffer Jonas Klauß) auf einer Couch und gibt ein Interview für den YouTube-Channel der 187 Strassenbande: CrhymeTV. "Ich lüge zum Beispiel nicht in meinen Texten, ich sage genau die Wahrheit, (…) auch wenn mich das selber vielleicht nicht in das beste Licht stellt", sagt er da. Zu diesem Zeitpunkt schicken sich womöglich gerade ein paar Jugendliche auf dem Schulhof seine Musik via Bluetooth auf ihre Sony-Ericsson-Handys. Gzuz ist damals ein kleinkrimineller Untergrundrapper aus Hamburg. Nicht mehr und nicht weniger.

Zehn Jahre später gehören Gzuz und seine Crew 187 Strassenbande zu den erfolgreichsten Rappern in Deutschland. Ihre Alben hören Millionen Menschen, ihre Konzerte sind ausverkauft, sogar bürgerliche Medien wie Die Zeit feiern die Rapper ab. In einem Zeit-Artikel über seine Musik steht: "Es gibt keinen Humor mehr, keine Ironie, keine Wortspielchen." Die Überschrift eines Artikels von Supernova, dem Jugendmagazin der linken Tageszeitung Neues Deutschland, lautet sogar: "Warum ich Feministin bin und Gzuz feiere". Mittlerweile distanziert sich die Autorin vom Text. Denn es gibt Vorwürfe gegen Gzuz. Er soll gegenüber einer Frau gewalttätig geworden sein. Und jetzt?

Der Reiz an der Musik von Gzuz und seinen Freunden liegt für viele seiner Fans und auch für Journalistinnen und Journalisten anscheinend genau bei der Aussage, die Gzuz schon im Interview von 2008 tätigte: "Ich sage genau die Wahrheit."

Die sogenannte Realness ist das Zauberwort. Gzuz gilt als real. Sein Wort hat Gewicht. Was er rappt, das wird ihm geglaubt. Seine Instagram-Storys – in denen er rumgrölt, feiert, Witze macht, Leute beleidigt – gelten als authentisch. Wenn er in einem Musikvideo eine Flasche auf seinem Kopf zerschlägt, dann ist das real. Wenn er in einem Video oberkörperfrei vor einer fast nackten Frau steht, dann ist das real. Wenn er in seiner Instagram-Story ein Video davon veröffentlicht, wie er einen Schwan "ohrfeigt", dann ist das real. Wenn er in einem Biergarten einem Typen die Sonnenbrille aus dem Gesicht schlägt, weil der ihn dazu aufgefordert hat, sein Bierglas nicht mit raus zu nehmen, dann ist das real. Wenn er auf der Straße ein Kamerateam anpöbelt, dann ist das real. Fans, egal ob Journalistinnen und Journalisten oder Teenagerinnen und Teenager, finden das interessant, punkig, ehrlich.

"Baller der Alten die Drogen ins Glas/ Hauptsache, Joe hat sein’n Spaß"

Gzuz ist zwar ein Künstlername, aber Gzuz scheint keine Kunstfigur zu sein. Was er rappt, so soll es in der Musik zumindest wirken, hat sich so oder so ähnlich zugetragen oder entspricht prinzipiell der "realen" Person Gzuz. Wenn Gzuz auf "Warum" zum Beispiel rappt: "Ich ging schlafen im Bau und ich träumte von Geld/ Ein Album später wach' ich auf in einem neuen CL", dann bezieht sich das auf die eigene Biografie. Gzuz war mehrere Jahre wegen eines Überfalls im Gefängnis, nach seiner Entlassung tauchten immer wieder Videos und Fotos von ihm in einem Mercedes CL auf.

Das Problem ist nur, dass Gzuz nicht nur über das harte Leben in Hamburg und seine Partyexzesse rappt, dass er nicht nur "punkig" ist, sondern auch folgendes ablässt: "Baller der Alten die Drogen ins Glas/ Hauptsache, Joe hat sein’n Spaß" (aus dem Song "Lebenslauf" von 2016).

Oder: "Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt/ Ganz normal, danach landet dann das Sextape im Netz" (aus dem Song "Was hast du gedacht" von 2018).

Oder: "Kein Bock auf Sex?/ Na dann klatsch ich sie weg!/ Die Schlampe war frech/ Aber ich schick sie schlafen (Tschüüühüss)/ Bei Gericht hat sie nichts zu verraten (Nöö)" (aus dem Song "Liebe meines Lebens" von 2010).

Die Frage ist nun: Wie real sind solche Zeilen? Ist das immer noch "genau die Wahrheit", sind das Übertreibungen oder reine Inszenierungen eines Künstlers? Und warum finden Fans und Kritiker an Gzuz alles real, behaupten sogar, dass es keine Humorebene mehr gibt, aber ignorieren solche Lines einfach? Denn egal, ob wortwörtlich gemeint oder nicht: Solche Zeilen, die sich Jahr für Jahr in Gzuz' Musik wiederholen, sind zumindest ein Indiz für sein fragwürdiges Frauenbild. Bisher wurden sie oft unter den Tisch gekehrt.

"Na dann klatsch ich sie weg", ist seit letzter Woche aber nicht mehr nur eine Line, sondern wurde zu einem realen Vorwurf gegen den Rapper. Eine Frau, mutmaßlich aus Gzuz engerem Umfeld, äußerte sich in mehreren Instagram-Storys (Screenshots liegen VICE vor) zum Rapper. Sie warf ihm auch vor, dass er ihr gegenüber gewalttätig geworden sein soll. Die Instagram-Storys wurden mittlerweile gelöscht. Genauso die Artikel von diversen HipHop-Medien wie rap.de, hiphop.de und 16bars.de, außerdem der Artikel von bild.de, die die Geschichte aufgegriffen hatten. Mehrere Redaktionen, die nicht namentlich genannt werden wollten, berichten gegenüber VICE, dass sich nach Veröffentlichung ihrer Artikel eine renommierte Anwaltskanzlei oder das Management von Gzuz bei ihnen gemeldet habe und sie dazu aufforderte, die Texte offline zu nehmen. Die Berichterstattung über die Vorwürfe soll offenbar unterbunden werden.

Polizei Hamburg: "von Amts wegen die Ermittlungen aufgenommen"

Einen Tag später postete der 187er Bonez MC mehrere Bilder bei Instagram, in denen er sich über die Gewaltvorwürfe der mutmaßlichen Ex-Freundin von Gzuz lustig macht. Er postete ein Bild mit blutdurchtränkten Taschentüchern und schrieb dazu: "Wieder aufs Maul bekommen von meiner Ex … Statement kommt, wenn mir nicht mehr schwindelig ist …". Außerdem postete er in seiner Instagramstory ein Haarbüschel im Abfluss und kommentierte: "Meine Ex hat mich an den Haaren durch die Wohnung gezogen (schon wieder)". Alle Bilder wurden mittlerweile gelöscht, Screenshots liegen VICE vor.

Im Gzuz-Fall sagt die Polizei Hamburg gegenüber VICE: "Wir haben in dieser Sache von Amts wegen die Ermittlungen aufgenommen. Vor dem Hintergrund der Instagram-Postings soll nun geklärt werden, ob es tatsächlich zu derartigen Straftaten zum Nachteil der Ex-Freundin gekommen ist. Diese hat die Vorwürfe bislang nicht selbstständig zur Anzeige gebracht."

Es wird also gegen Gzuz ermittelt. Medien sollen aber über die Vorwürfe möglichst nicht berichten. Fans sind sich in den Kommentarspalten unter Instagramposts und Musikvideos von Gzuz uneinig darüber, ob sie ihrem Idol treu bleiben oder nicht. Einige wollen die Realness von Gzuz und Bonez, die sie sonst abfeiern, in diesem Punkt nicht wahrhaben.

Sowohl Fans als auch wir als Medien sollten genauer hinsehen, wie real auch frauenfeindliche und sexistische Zeilen in Raptexten wirklich sind. Nicht erst dann, wenn sogar Vorwürfe physischer Gewalt öffentlich gemacht werden.

Unsere Anfragen an die mutmaßlich betroffene Person und an das Management von Gzuz zu den Vorwürfen blieben unbeantwortet. Stattdessen meldete sich eine Anwaltskanzlei im Auftrag von Gzuz bei uns.

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