Prof. Dr. Hajo Funke || Foto: imago | IPON || Alle anderen Fotos mit freundlicher Genehmigung der Lehrenden

Dozenten und Professoren erzählen, was sie von ihren Studierenden gelernt haben

"Eine Studentin ließ mich ihre Hausarbeit zitieren, eine andere schrieb mir die Texte von Neonazi-Bands auf. Sie haben mich zu einem besseren Wissenschaftler gemacht."

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Okt. 8 2018, 1:38pm

Prof. Dr. Hajo Funke || Foto: imago | IPON || Alle anderen Fotos mit freundlicher Genehmigung der Lehrenden

Wie Lemminge stürzen sie in diesen Tagen in die Hörsäle deutscher Universitäten: Erstsemester. Immer in der Hoffnung, in drei oder vier Jahren nicht alkoholkrank und verarmt zu sein, einen Abschluss zu haben und dann auch den wirklich, wirklich wichtigen Unterschied zwischen strukturellem Realismus und Konstruktivismus erklären zu können. Spoiler: Die allermeisten werden an einem dieser drei Ziele scheitern. Aber wir können dich auch trösten, denn es gibt Menschen, die von deiner Studienzeit mehr mitnehmen werden als ein Blatt Papier, das deinen Lebenslauf tunen soll: deine Dozenten.

Wir haben sieben Hochschuhllehrende gefragt, was sie von ihren Studierenden gelernt haben.

Prof. John Amoateng Kantara

Der mehrfach ausgezeichnete Journalist und TV-Autor hat Politikwissenschaft und International Journalism in Berlin und London studiert. An der DEKRA | Hochschule für Medien führt er Studierende unter anderem in Medienethik und die Grundlagen des Journalismus ein.

Als ich vor etwa sieben Jahren angefangen habe zu lehren, sah ich mich als frischer Prof mit einer Gruppe viel jüngerer Studenten konfrontiert. Die meisten von ihnen waren Frauen, ihr Anteil ist in unseren Fächern relativ hoch. In dem Moment ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich viel älter bin, als ich es immer wahrgenommen hatte.

Ich war deswegen ehrlich gesagt ziemlich arrogant. Als ich die ganzen 21-jährigen Studentinnen des Kurses gesehen habe, dachte ich: "Oh Gott, dieses grüne Gemüse." Dann gab ich ihnen die Aufgabe, einen Artikel über ein Thema ihrer Wahl zu schreiben.

Eine Studentin mit Pagenkopf wollte über rote High Heels schreiben, weil sie sich für Mode interessierte. Ich habe keine Ahnung von Mode und hatte damals keine besonders große Lust, einen Artikel über Schuhe zu lesen. Sie durfte die Geschichte schreiben, aber ich dachte insgeheim, das würde sowieso nichts werden, und habe sie nicht wirklich ernst genommen. Irgendwann legte sie mir den fertigen Text vor, und er war so gut geschrieben und interessant, dass ich kaum etwas daran verbessern konnte. Da habe ich gelernt, dass die Studenten tatsächlich talentiert sind und ich etwas mehr Demut zeigen und mich darauf einstellen sollte, dass ich auch von ihnen noch etwas lernen kann. Die Studentin berichtete anschließend von der Fashion Week und hat auch weiterhin über Mode geschrieben.


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PD Dr. Hedwig Richter

Die Historikerin arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung und untersuchte die Anfänge der Demokratie in den USA und Preußen. Im Sommersemester lehrt sie an der Uni Heidelberg.

In meiner Vorlesung zur Globalgeschichte der Demokratie wollte ich erklären, wie stark demokratisches Denken durch die Diskurse der Aufklärung durchdrungen ist. Für mich geht die Entwicklung politischer Regime eng mit dem Wandel des Körper-Regimes einher. Deshalb habe ich versucht, den Studierenden dazulegen, wie wichtig der aufklärerische Respekt vor dem Körper für die Entwicklung der Demokratie war – etwa das Engagement gegen Folter und gegen Leibeigenschaft und die Implementierung neuer solidarischer Gefühle wie Mitleid und Sympathie. Kurz: Ich habe die helle Geschichte der Aufklärung und des Westens erzählt.

Als Gegenperspektive stellte ich den Philosophen Foucault vor, der die Geschichte der Moderne und des Westens als dunkle Vision beschreibt: als die Unterwerfung und Disziplinierung des Subjekts und seines Körpers. Freiheit – immerhin ein demokratisches Kernelement – ist für Foucault ein heimtückischer Machtdiskurs.

"Ihr Optimismus, der ist doch unglaublich." Es klang freundlich milde, aber mitleidig.

Zu meinem Erstaunen ließen sich die Studierenden viel stärker auf Foucault ein. Sie fanden ihn überzeugender als das optimistische Aufklärungsnarrativ. Foucault habe doch schlicht recht, meinte ein Student: Es gehe um Disziplinierung in unserer Gesellschaft, "schließlich werden die Körper 'hergerichtet'". Ein anderer erklärte, wir würden alle überwacht. Nach der Veranstaltung sagte eine Studentin zu mir: "Ihr Optimismus, der ist doch unglaublich." Es klang freundlich milde, aber mitleidig.

Mich hat das zu einer Frage gebracht: Warum wirkt kritisches, pessimistisches Denken so viel attraktiver als optimistisches? Ich erkannte, dass die Kritik im Kern unseres westlich-aufklärerischen Denkens liegt. Wir leben von Kritik – und zwar von der Selbstkritik; von der Selbstbeschränkung, Selbstrelativierung. Es ist paradox: Aber Foucault ist unter diesem Gesichtspunkt der Aufklärer. Und die Studierenden sind Kinder des Westens und der Aufklärung im besten Sinne.

Prof. Dr. Karim Fereidooni

Der Juniorprofessor der Sozialwissenschaften bildet an der Ruhr-Universität Bochum Politiklehrende aus und forscht zu Rassismuskritik an Schulen und Universitäten.

Niemand ist frei von Rassismus. Mich beeindruckt die Offenheit meiner Studierenden, während mich das Desinteresse einiger Kollegen und Kolleginnen überrascht, wenn ich Rassismus thematisiere. Einige Kolleginnen und Kollegen scheuen sich davor, das Wort in den Mund zu nehmen. Die Studierenden sind offen gegenüber Rassismuskritik. Von ihnen habe ich gelernt, wie traurig und verunsichert Weiße Menschen werden können, wenn sie mit 25 Jahren im Seminar das erste Mal begreifen, was Rassismus mit ihnen macht.

Einige glauben beispielsweise, nichts mit dem NSU zu tun zu haben, bis sie im Seminar erfahren, dass einige Studierende of Color seit dem Auffliegen des NSU sehr viel Angst vor rassistischer Gewalt haben. Mich beeindruckt, dass die 25-, 26-jährigen Weißen dann begreifen: Wir leben in unterschiedlichen Realitäten. Dass sie sich selbst reflektieren. Und dass sie dann in die Schulen gehen und mit den achten, neunten Klassen dazu Unterricht machen.

In der kritischen Weißheitsforschung wird oft gesagt, Weiße müssten ihre Privilegien checken. Ich glaube, was Eske Wollrad sagt: Rassismus beschädigt die Integrität aller Menschen. Weiße Menschen erleben auch eine Art von Gewalt in Bezug auf Rassismus.

Wenn ein 8-jähriger Karim von seiner Grundschullehrerin als Macho konstruiert wird, dann erfährt er rassismusrelevante Gewalt von ihr. Aber genauso hat die Grundschullehrerin, die den achtjährigen Karim als Macho konstruiert hat, rassismusrelevante Gewalt erlebt, denn sonst würde sie einen achtjährigen nicht als Macho sehen. Im Umgang mit meinen Studierenden habe ich gelernt, dass auch der Weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft Gewalt angetan wird. Welche Kinderbücher haben sie gelesen, welche Bilder von Karims und Mohammeds vermittelt bekommen? Rassismus manipuliert das Wesen aller Menschen, damit sie Schwarze und Menschen of Color als Gefahr betrachten.

Prof. Dr. Hajo Funke

Foto: imago | IPON

Der Politikwissenschaftler unterrichtete an der Freien Universität Berlin und in Berkeley, bevor er 2010 emeritierte. Heute betreut er noch immer einzelne Studierende bei Masterarbeiten und Dissertationen und wird von Journalisten und Journalistinnen angerufen, wenn sie seine Expertise zum NSU und zur AfD brauchen.

Frühere Professoren haben ihre Studierenden oft als Assistenten und Arbeitskräfte gesehen. Ich bin an der Sache interessiert und habe meine Studierenden deshalb immer neugierig für die Sache gemacht. Die haben dann freiwillig 40 Seiten Hausarbeit abgegeben, statt 15, weil sie sich wie junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gefühlt haben. Und ich konnte – nach Absprache – das neue Wissen selbst zitieren. Sei es aus einer empirischen Studie unter ehemaligen SS-lern, die eine Studentin für ihre Dissertation erhoben hat, sei es aus einer Hausarbeit, in der eine Studentin über Rituale geschrieben hat, die Nazis bei Massenveranstaltungen durchgeführt haben. Dabei war und ist es unüblich, dass Professoren und Professorinnen aus Hausarbeiten oder unfertigen Dissertationen zitieren.

Eine Studentin, selbst Aussteigerin aus der Szene, hat mir Ende der 90er die brutalen, menschenverachtenden, aber unverständlichen Texte aufgeschrieben, die die Bands aus dem sogenannten Blood-and-Honour-Netzwerk singen.

Eine meine Studentinnen war eine damals 70-jährige Psychoanalytikerin aus Wien. Sie hat mich sehr viel über die Freud’sche Psychoanalyse gelehrt. Jetzt konnte ich autoritäre Phänomene von Gruppen besser analysieren. Eine andere Studentin hat mir Ende der 90er die brutalen, menschenverachtenden, aber unverständlichen Texte aufgeschrieben, die die Bands aus dem sogenannten Blood-and-Honour-Netzwerk singen. Sie selbst ist eine Aussteigerin aus der Szene.

Heutige Studierende sind viel lockerer und offener, als meine Generation es war. Es ist viel einfacher, mit ihnen zu diskutieren, man kann viel assoziativer sprechen. In den letzten Jahren waren Seminare oft offen analytische Prozesse, richtige Brainstormings. Auch so haben mich meine Studierendem zu einem besseren Wissenschaftler gemacht.

Prof. Dr. Karl-Heinz Leven

Der Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg ist Historiker und approbierter Arzt. In Vorlesungen berichtet er gerne auch mal aus seinen Forschungen zur Geschichte der Seuchen und antiker Medizin.

Ein voller Hörsaal, 150 Studierende der Medizin, 1. Semester. Eine Studentin hatte ihr Kind dabei, es kam während der Vorlesung alleine die flache Hörsaaltreppe heruntergelaufen. Ein Konstantin, wie sich durch meine Fragen herausstellte, circa 3 Jahre alt, sehr aufgeweckt. Gott sei Dank hatte ich eine kleine Tüte Gummibärchen in der Jackentasche, die habe ich dem Jungen gegeben, bevor die Mutter ihren Konstantin bei mir abholte. Das Ganze erregte eher Heiterkeit, alle wirkten entspannt.

In der Evaluation, der anonymen Begutachtung zu Semesterende, las ich dann "Der einzige kinderfreundliche Dozent!" – und freute mich. Der nächste Kommentar war: "Herr Leven soll gefälligst seine Vorlesung halten und sich nicht mit Kleinkindern beschäftigen!"

Da habe ich gelernt, dass die anonyme Evaluation zwar ein interessantes Instrument ist, das Studierenden die Möglichkeit und Freiheit gibt, sich kritisch zu äußern, aber man darf und soll sich nicht alles zu Herzen nehmen. Stattdessen mache ich, was ich für richtig halte, zumindest in der Vorlesung.

Prof. Dr. Jascha Nemtsov

Foto: Rut Sigurdardottir

Der Pianist und Professor für Musikwissenschaft unterrichtet an der Universität Potsdam und der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar. Das Sommersemester hat Nemtsov als Gastdozent an der Universität Haifa in Israel verbracht.

An der Universität Haifa war mehr als die Hälfte meiner Studierenden arabischsprachig. Sie sind Christen verschiedener Denominationen, Muslime und Drusen und haben mir die arabische Kultur in ihrer ganzen Vielfalt gezeigt.

Israel ist eine multikulturelle Gesellschaft, die nach gängigen Vorstellungen schön bunt und gemischt sein soll. Aber das Land ist in der Tat nur bunt – und überhaupt nicht gemischt. Jede Gemeinschaft lebt sehr abgeschlossen für sich, auch wenn viele Leute an sich sehr freundlich und offen sind. Etwa im drusischen Dorf Daliyat el-Karmel oder in Nazareth, wo ich meine Studierenden besuchen durfte. In der eigentlich jüdischen Universität von Haifa treffen dann alle Gruppen aufeinander. Viele von ihnen haben dort das erste Mal überhaupt miteinander Kontakt, das hat mich sehr überrascht.

Über das Judentum kann ich mit den Studierenden viel leichter, offener und kontroverser reden als mit älteren Leuten.

Meinen Studierenden in Deutschland macht es Spaß, über Themen zu sprechen, bei denen ältere Leute oft verkrampfen; das Judentum etwa. Darüber kann ich mit den Studierenden viel leichter, offener und kontroverser reden, ohne dass Spannungen entstehen. Ältere nehmen das Thema immer über den Begriff "Schuld" wahr, Jüngere haben da eine größere Distanz.

Christian Hunt

Der Literatur- und Sprachwissenschaftler aus North Carolina hat in Oxford studiert, zog dann erst nach Bonn und später in den Ruhrpott. An der Universität Duisburg-Essen versucht er, seinen Studierenden ein ordentliches "th" beizubringen.

Nach zehn Jahren als Lehrkraft in Essen bin ich immer noch oft erstaunt von dem, was ich von meinen Studierenden lerne und von dem ungeahnten Potenzial, das manchmal einfach ans Tageslicht kommt. Sei es der Student, der vor fünf Jahren eine Präsentation als Blues vorgetragen hat, seien es sonst eher "zurückhaltende" Studierende, die mich in ihren Texten auf einmal mit ihrer Wortgewandtheit überzeugen konnten.

Aus dem letzten Jahr ist mir besonders eine Erasmus-Studierende aus Istanbul in Erinnerung geblieben. Sie hat in zwei Präsentationen mir und der ganzen Seminargruppe bislang unbekannte traditionelle türkische Kulturformen nähergebracht. Dabei führte sie eine Art Schattentheater mit selbstgemachten Puppen auf: ein Karagöz-Theater. Dann zeigte sie uns eine Art Wassermalerei: die Ebru-Malerei. Ich fand es sehr erfrischend, mit welcher Begeisterung sie diese mir unbekannten Kunst- und Kulturformen aus ihrem Land vorgetragen hat. Für mich war das eine persönliche Bereicherung.

Janina Schier, M.A.

Die Kommunikationswissenschaftlerin hat in Deutschland und Dänemark studiert. Derzeit lehrt sie als Doktorandin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Als Studentin habe ich die Beziehung zwischen Studierenden und Dozierenden immer als distanziert wahrgenommen. Für mich war das meist in Ordnung.

Durch meine eigene Lehrerfahrung an der Universität wurde mir schnell bewusst, dass einige Studierende mehr brauchen als den "Semesterstoff". Die Herausforderungen des alltäglichen Lebens beeinträchtigen auch zunehmend ihr Leben an der Uni. Für sie erscheint die Arbeitsbelastung des Studiums enorm. Und ich hatte mal eine sehr fleißige Studentin, die viel Potenzial hatte. Aber sie wollte ihren Bachelor-Abschluss in fünf, statt in sechs Semester absolvieren. Das wurde ihr schnell zu viel und für die Seminararbeit war nicht mehr genug Zeit.

Ich spreche wegen solcher Fälle oft mit meinen Studierenden über Zeitmanagement. Denn ich versuche, mehr zu sein als Lehrende und die Probleme der Studierenden früh zu erkennen.

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