Foto: imago | Manngold

"Die meisten Leute, die viel feiern, verdrängen etwas" – Good Charlotte im Interview

Die ehemaligen Posterboys des Pop-Punk sind jetzt Familienväter, denen der Tod von Lil Peep so nahe ging, dass sie ein ganzes Album über Schmerz geschrieben haben.

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08 Oktober 2018, 3:08pm

Foto: imago | Manngold

Good Charlotte: Die Posterboys, die ein Subgenre endgültig an die Wände aller Kinderzimmer klatschten. Denn fies formuliert waren Good Charlotte für Pop Punk, was Limp Bizkit für Nu Metal waren. Der "Lifestyle of the Rich and the Famous"-Durchbruch liegt nun allerdings 16 Jahre zurück. Die Band um die Madden-Zwillinge ist dem Teenie-Genre schon vor langer Zeit entwachsen – zumindest inhaltlich. Musikalisch haben die Brüder noch immer ihre Hände auf dem Pop-Punk-Griffbrett, wenn auch eher als Songwriter bei jüngeren Acts wie 5 Seconds of Summer.

Häuser in Beverly Hills, verheiratet mit Nicole Richie und Cameron Diaz, Kinder, eigenes Musikstudio – Joel und Benji Madden genießen schon längst das Leben, was sie einst so kritisch besangen. Heile Welt im Paradies also? Fuck off. Nicht umsonst wurde das neue Album mit Generation Rx (Generation verschreibungspflichtige Medikamente) nach einer Seuche benannt, die die USA fest im Griff hat: der Opioidkrise.

Denn in den USA werden stark abhängig machende Opioid-Schmerzmittel wie Oxycodon oder Fentanyl massiv missbraucht und fordern immer mehr Todesopfer. 2017 sind in den Staaten über 72.000 Menschen an einer Drogen-Überdosis gestorben, fast 50.000 davon an Opioiden. Das sind täglich fast 200 Tote – mehr Opfer als durch H.I.V., Autounfälle oder Schießereien jemals in einem Jahr gestorben sind.

Dass die Krise natürlich auch vor Musikern nicht Halt macht, hat auch der tragische Tod des 21-jährigen Rappers Lil Peep im November 2017 gezeigt. Er starb an einer versehentlichen Überdosis mit Fentanyl angereicherten Beruhigungsmitteln. Da er Fan von Good Charlotte gewesen war, coverten sie ihm zu Ehren anlässlich seiner Trauerfeier einen seiner größten Hits, "Awful Things".

Als ich Joel Madden in einem Konferenzraum eines Berliner Nobelhotels treffe, ist er voll drin, im Interview-Marathon. Sein Bruder Benji arbeitet im benachbarten Zimmer parallel Presseleute ab. Trotz dieser effektiven Arbeitsteilung wirkt Joel im Gespräch nicht wie eine Maschine, die routiniert die Antworten durchrattert.

Er scheint sich vielmehr aufrichtig zu freuen, endlich über die Mitte September erschienene Platte Generation Rx reden zu können, stockt immer wieder, um die richtigen Worte für seine Gefühlswelt zu finden und verliert sich fast in Monologen:

Noisey: Ich habe mal auf Google nach "Generation Rx" gesucht und bin über eine Dokumentation und ein Buch mit dem gleichen Titel gestolpert. Besteht da eine Verbindung?
Joel Madden: Nein, ich wusste nicht mal, dass es das gibt. Aber gut, die Idee ist ja nicht neu. Ich kann nicht mal sagen, wie viele Freunde ich an die Opioidkrise der USA verloren habe, auf wie vielen Ebenen das meine Familie und jedes einzelne Bandmitglied betroffen hat. Sie war die letzten 20 Jahre zu präsent in unseren Leben.

Aber das Album selbst ist nicht über die Opioidkrise, das Album handelt eher von Schmerz. In sieben von neun Songs taucht dieses Wort auf! Wir sind der Meinung, dass der Titel der perfekte Stempel für das Gefühl des Albums und dessen Aussage einfängt: Wir alle haben Schmerzen, aber wie behandeln wir diese und vor allem womit?

Ist etwas Bestimmtes passiert, dass euch dazu getrieben hat, dieses Thema so intensiv anzugehen?
Nun, offensichtlich der Tod von Lil Peep Ende letzten Jahres. Das hat uns hart getroffen. Wir haben auch unseren Freund Chester [Bennington, Sänger von Linkin Park, Anm. d. R.] verloren. Es ist so krass, wenn du Leute siehst, die einfach nur freundlich und lieb sind und du nicht weißt, was sie eigentlich durchmachen. Scheiß auf die Musik, das waren Menschen, die jetzt fort sind.

Wir haben letztes Jahr auch ein paar Menschen verloren, die keine berühmten Musiker waren. Es war verrückt. Da habe ich zum ersten Mal die Opioidkrise wirklich begriffen. Du hörst immer davon, aber dann habe ich innegehalten und mich mal wirklich umgeschaut. Das war so ein "Holy Shit, es ist real", weil ich erkannt habe, wie stark sie mein Leben schon beeinflusst hat.

Am Ende des Jahres habe ich sehr viel reflektiert und war in einer dunklen, nachdenklichen Phase. Im Januar rief mich dann mein Bruder an, der ein Album aufnehmen wollte. Ich sollte die Texte schreiben, mir ein paar Sachen anhören und vielleicht würde ich es fühlen. Und ja, beim Schreiben kam dann alles raus.

Letztes Jahr sind wirklich viele Musiker gestorben, vor allem junge. Es fällt schon auf, dass vor allem in der Rapszene viel offener und öfter über Xanax, Drogen und psychische Probleme gerappt wird. Fragst du dich manchmal, warum die Jugend so verloren scheint?
Ich bin ja schon etwas älter. Wir hatten kein Social Media wie heutzutage. Also war es einerseits anders, andererseits aber genau gleich. Wenn du jung bist … Wie alt bist du?

28.
OK, also bist du jung. Du bist näher an einem 23-Jährigen als ich. Also kannst du dich leichter in ihn hineinversetzen und redest mit ihm nicht wie ein Vater. Ich hingegen bin ein Familienvater. Ich habe die gleichen Sachen wie diese Jungen gemacht, hatte aber das Glück, da rauszuwachsen und die andere Seite mit einer Frau und Kindern zu sehen. Das echte Leben.

Wenn ich auf Good Charlotte und die Musik blicke, ist das nicht mein echtes Leben, sondern Arbeit. Das echte Leben ist zu Hause bei meiner Familie. Mein Sohn ist acht und meine Tochter zehn. Denen ist meine Musik und ob sich mein Album gut oder schlecht verkauft scheißegal. Die kümmern sich um ihre Schule und ihren Kram.


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Mit Good Charlotte ging es ab, als wir 21, 22, 23 Jahre alt waren, die Band gegründet hatten wir mit 15, 16. Ich dachte, dass ich damals einfach nur eine gute Zeit hätte. Erst als ich älter wurde, habe ich realisiert, dass ich viele Probleme hatte, die ich nicht verstand und deswegen einfach mit Medikamenten bekämpfte.

Ich war ein verwirrtes Kind ohne Selbstbewusstsein, das an einem Trauma litt, das Dinge verarbeiten musste – ohne zu wissen, wie das gehen soll. Also habe ich mich in der guten Zeit verloren. Nur für die Musik leben, immer auf Tour sein, immer diese Person in der Band sein: Das hat mich definiert.

2011 habe ich davon Abstand genommen, weil ich das nicht mehr sein wollte. Ich wollte nur noch ein Familienvater sein, alt werden, dieses Leben genießen. Das klang so schön, aber dann habe ich gemerkt, dass ich trotzdem in einer Band sein und Musik machen will. Diese beiden Leben können koexistieren, du musst es nur arrangieren.

Also sehe ich auf junge Typen wie dich oder diese jungen Rapper und sage euch: "Lebt einfach euer Leben und denkt daran, dass es mit jeder Phase besser wird."

Irgendwann seid ihr älter und dann zählt all der Scheiß, der euch in euren Zwanzigern so wichtig erscheint, nicht mehr viel. Alles verändert sich. Das Leben an sich wird viel kostbarer. Ihr wisst dann, dass ihr Glück hattet, bis hierhin durchzuhalten und wie wichtig es ist, auf sich aufzupassen, sich selbst zu lieben, an sich zu arbeiten.

Klar weiß ich, dass Partys Spaß machen, aber die meisten Leute, die viel feiern, verdrängen etwas oder versuchen, ihre Probleme dadurch zu lösen. Das musste ich auch erstmal verstehen.

Ich sehe den jungen Typen zu, wie sie allen zeigen müssen, dass sie viele Drogen nehmen, Kodein und das alles, und kann es nachvollziehen. Aber ich sehe noch mehr. Wenn ich mit jungen Künstlern rede und sie so tun, als ob ich nichts raffe, weil ich alt bin und das bei mir doch anders war, denke ich immer: "Nö, ich verstehe das schon alles."

Sie verstehen dagegen nicht wirklich, was sie da tun und wie gefährlich es ist. Man hofft, dass sie auf sich aufpassen und ihr Gleichgewicht finden. Ich verurteile sie auch überhaupt nicht, wie könnte ich auch. Ich habe einen Haufen Fehler gemacht, viel Scheiße gebaut und nichts auf die Reihe bekommen. Aber ich hab es geschafft. Es ist verdammt schwer, das zu erklären, aber mit dem Alter bekommst du einen Sinn für dich selbst und Zuversicht.

Ich werde es hoffentlich irgendwann merken. Du hast in einem Interview gesagt, dass ihr musikalisch nichts mehr erreichen musstet, aber mit dieser Platte "brutal ehrlich" sein wolltet. Wie schwer war es also, die richtigen Worte für die Texte zu finden?
Es war nicht unbedingt schwer, alles rauszulassen. Es geht eher darum, sich dem Zynismus von Leuten bewusst zu sein. Manche Leute wollen nichts von uns hören, weil sie schon längst für sich entschieden haben, wer wir sind. Die Musik kann stigmatisierend sein. All das musste ich ausblenden, musste mit mir im Reinen sein. Denn wenn ich komplett ehrlich bin, bin ich verletzlich und deswegen muss ich die Scheiße der Leute akzeptieren, die kommen kann, sobald meine Texte veröffentlicht werden.

Welcher Song vom Album trifft dich am meisten, wenn du ihn hörst oder singst?
Die Strophen von "Selfhelp" sind sehr verletzlich, sehr ehrlich … Ich habe da zugegeben, dass ich unter einem geringen Selbstwertgefühl leide. "Better Demons" ist ein tiefgehender, persönlicher Song. Aber eigentlich hat jeder Song Momente, in denen ich ein paar Sachen gestehe. Wenn jemand zuhört und mich auf bestimmte Sachen anspricht, würde ich das sicher nur schüchtern erläutern.

Rein hypothetisch: Denkst du, Generation Rx-Good Charlotte sind eine Band, die die 2002er Jungs von The Young And The Hopeless-Good Charlotte gehört hätten?
Ich hoffe, sie tun es, weil sie uns echt wichtig ist. Wir haben unser Herz da reingesteckt. Trotzdem wäre ich ihnen nicht böse, wenn sie es nicht tun,

Das ist das Ding, wenn du ein Familienvater bist: Du wirst du viel ruhiger. Ich brauche das nicht, dass jemand die Platte kauft, mag oder versteht. Wir könnten komplett daneben liegen. Natürlich könnten Leute uns dafür angreifen, was wir schon über dies oder das wissen sollten. Das kann ich verstehen, ich bin niemandem böse, der er selbst ist. Jeder soll sein Leben so schön wie möglich leben. Ich mag die Idee, dass ich als 21-Jähriger eine Platte wie Generation Rx gehabt und zugehört hätte, aber … Wer weiß das schon, Alter.

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