Wieso haben wir eigentlich noch Sex?

Masturbation befriedigt genauso und kommt ohne das ganze Gefühlschaos aus. Dennoch landen wir immer wieder mit anderen Menschen im Bett. Warum?

|
14 August 2017, 8:48am

Erinnerst du dich noch daran, als du zum ersten Mal durch eigene Hand gekommen bist? Eigentlich wolltest du da unten nur ein bisschen auf Entdeckungstour gehen, aber plötzlich überkam dich eine Welle an neuen, wunderbaren Gefühlen. Eine magische, bisher unbekannte Welt eröffnete sich dir. Der erste Masturbations-Orgasmus gleicht einem Wunder.

Für mich bedeutet Selbstbefriedigung auf einer kosmischen Ebene, dass ich etwas Göttliches bin und aus dem Nichts etwas Wunderschönes erschaffen kann. Wie oft habe ich mich nach einem durchschnittlichen Schäferstündchen schon gefragt, warum ich nicht einfach zu Hause geblieben bin und masturbiert habe. Und selbst bei meinen besten sexuellen Begegnungen muss ich mich häufig selbst befriedigen, um zum Höhepunkt zu kommen. Das wirkt für meine Partner manchmal komisch. Einer fragte mal, ob es helfe, wenn er das Zimmer verlässt. Ein anderer sagte, dass ich wie Houdini aussähe, der sich aus einer Wasserkammer befreit. Und als mich wieder ein anderer ficken wollte, während ich masturbierte, fühlte es sich laut seiner Aussage so an, als wolle meine Vagina seinen Penis wieder rausdrängen.

Nicht jeder Mensch ist so introvertiert und in seiner Fantasiewelt hängengeblieben wie ich. Trotzdem schießt mir eine Frage ständig durch den Kopf: Warum wollen wir trotz Pornos im Überfluss, Sexrobotern, ausgeklügeltem Sexspielzeug und funktionierenden Händen immer noch mit anderen Leuten schlafen? Ich habe Künstler und Autoren gefragt.


Auch bei VICE: Die erste realistische männliche Sexpuppe der Welt kommt


"Dafür gibt es ziemlich viele Gründe. Seit jeher existierendes körperliches Verlangen oder die Angst vor Einsamkeit zum Beispiel – egal wie sehr man andere Menschen auch hasst, ohne ein gewisses Maß an Zwischenmenschlichkeit geht es nicht", sagt der Musiker und Autor Kool A.D. Guter Sex sei immer noch besser als ein Solo im Bett. Außerdem habe die künstliche Intelligenz noch keinen richtigen Dirty Talk drauf.

"Sex ist sowohl beruhigend als auch aufwühlend", erklärt der Comedian Jaboukie Young-White. Erst wenn künstliche Intelligenz, virtuelle Realität – oder was auch immer – es schaffen, mehr als nur den körperlichen Aspekt von Sex zu imitieren, habe Vögeln ernsthafte Konkurrenz.

Alles klar, niemand ist eine Insel – auch wenn wir das gerne denken.

"Ich finde es super, dass beim Masturbieren niemand verurteilt wird."

Der Autor Christopher Zeischegg, der viel über Sex schreibt, zieht einen Vergleich zu Konzerten: "Je älter ich werde, desto mehr muss sich das Ganze lohnen. Sonst ist es mir egal. Ich hole mir einen runter und arbeite danach weiter oder gehe schlafen. So ist es inzwischen auch bei Live-Shows. Ich habe eigentlich keinen Bock mehr darauf, mich schick anzuziehen und dann in irgendeinem beschissenen Club auf die Band zu warten. Deswegen muss mir das Ganze schon sehr am Herzen liegen."

Ich weiß noch, wie ich beim Thema Selbstbefriedigung anfangs gemischte Gefühle verspürte. Als ich 13 war, wandte sich meine damals beste Freundin von mir ab, weil sie Masturbation plötzlich ekelhaft fand und im Gegensatz zu mir damit aufhörte. Ein paar Jahre später lernte ich dann ein Mädchen kennen, das cool, selbstbewusst und sexy war. Sie machte keinen Hehl daraus, gerne zu masturbieren, und niemand sagte etwas dagegen. Sie inspirierte mich dazu, stolz auf meine Gewohnheit zu sein.

Illustration: Joel Benjamin

"Ich finde es super, dass beim Masturbieren niemand verurteilt wird", sagt Alissa Nutting, die Autorin des Buchs Made for Love. "Manchmal kann man dem Partner oder der Partnerin nur schwer erklären, warum man gewisse Sachen niemals selbst tun würde, Gedanken daran einen aber trotzdem total anmachen. Oder dass man voll auf irgendeinen obskuren TV-Charakter steht." Manchmal sei es einfach schön, sich alleine seinen ganzen "verrückten" Fantasien hinzugeben. Und diese Fantasien sähen teilweise ganz anders aus als das Zeug, was einem beim Sex durch den Kopf geht.

Manchmal fühlt sich Sex mit einem anderen Menschen so gut an wie Sex mit mir selbst. Genauso kann Masturbation viel intimer und gefühlvoller sein als Geschlechtsverkehr. Der Meinung ist auch die Künstlerin Addie Wagenknecht.

Sie sagt, dass sie als Cis-Frau schon genug schlechten Sex gehabt habe, um zu wissen, dass Masturbation nicht nur emotional und körperlich gesehen sicherer sei. Es befriedige auch schneller und besser. "Beim Sex dreht sich alles nur um den Cis-Mann. Wenn er abgespritzt hat, ist es vorbei. Ist doch super, wenn es bald männliche Sexroboter gibt. Dann bekommen Frauen auch so, was sie brauchen – ohne die ganzen Probleme wie etwa Geschlechtskrankheiten." Warum schläft sie dann überhaupt noch mit Männern? "Mein Herz folgt meiner Vagina", antwortet sie. "Deshalb habe ich auch nur Sex, wenn ich in einer Beziehung bin. Emotionale Intimität ist da für mich ein unverzichtbarer Aspekt."

Wenn ich nach dem Masturbieren gekommen bin, fühle ich mich manchmal total isoliert.

Ist vielleicht mein Herz der Grund dafür, warum ich immer noch mit anderen Menschen schlafe? Masturbation kann ja schon ziemlich traurig und einsam sein. Manchmal vergesse ich bei einem Porno mit wunderschönen Darstellern, dass es sich um einen Porno handelt. Wenn mir das dann wieder bewusst wird, verfalle ich in Melancholie. Und wenn ich nach dem Masturbieren gekommen bin, fühle ich mich ab und an total isoliert. Das passiert vor allem dann, wenn ich mich vorher einer romantischen Fantasie hingegeben habe und mich danach immer noch nach dem Objekt meiner Begierde sehne.

Eine solche Traurigkeit und gefühlte Isolation beschränkt sich allerdings keinesfalls auf die Selbstbefriedigung. Es kam auch schon vor, dass ich mich nach beschissenem Sex so weit weg von allem gefühlt habe wie noch nie zuvor.

"Uns wird ständig eingetrichtert, dass nur sexuelle Handlungen mit einem anderen Menschen Spaß machen oder etwas Besonderes sind. Dabei sind genau diese Handlungen oft doch total scheiße, weil die meisten Leute nicht wissen, wie man über Sex redet oder den Partner beziehungsweise die Partnerin befriedigt", sagt die Künstlerin Molly Soda. Auch sie glaubt, dass es beim Geschlechtsverkehr vor allem um Zweisamkeit geht. "In unserer Kultur wird Sex unglaublich viel Bedeutung zugeschrieben. Man beschwert sich zum Beispiel direkt, wenn man längere Zeit niemanden mehr flachgelegt hat. Wir glauben, sexuell immer voll aktiv sein zu müssen. Vielleicht mehr, als wir das eigentlich wollen."

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.