Popkultur

'Deine Wahl' mit Martin Schulz war die beste Politiksendung des bisherigen Wahlkampfs

Das Format zeigt endlich, dass YouTube doch mehr kann als Contouring und Titten-Clickbait.

von Lisa Ludwig
05 September 2017, 4:02pm

Illustration: VICE [Schulz: imago | photothek; Hintergrund: imago | Ikon Images; YouTuber: YouTube | Deine Wahl]

Dass etwas gut war, sieht man ja oft immer erst im Nachhinein. O.C. California wurde zum Beispiel oft verlacht, dürfte aber den Musikgeschmack einer ganzen Generation mitgeprägt haben. Da kann man auch schonmal über absurde Storylines und erhebliche Plotlöcher hinwegsehen. Ähnliches muss man auch über Deine Wahl sagen, das Format, bei dem jeweils vier YouTube-Stars Angela Merkel und Martin Schulz löchern durften.

Die Kanzlerin machte den Anfang und ließ vier gut vorbereitete, aber letztendlich größtenteils überforderte Internet-Stars, an ihrem gemütsneutralen Lächeln zerschellen. Einer der häufigsten Kritikpunkte: Die Fragensteller hätten zu wenig nachgehakt und sich mit Plattitüden abspeisen lassen. Nach dem sehr unglücklichen TV-Duell zwischen Merkel und Schulz muss allerdings gesagt werden: So viel besser scheinen es die "richtigen" Journalisten eben auch nicht zu können.

Statt Diskussionen über Themen, die für den Großteil der deutschen Wähler wichtig sein dürften, haben sie Merkel und Schulz mit AfD-Thesen und Trump-Tweets zugeballert. Abgesehen davon schien weitgehend Einigkeit zwischen den beiden Spitzenkandidaten zu herrschen. Wer vorher noch nicht wusste, wo er am 24. September seine Kreuze machen soll, dürfte danach nicht sonderlich schlauer gewesen sein. Umso überraschender, dass es schlussendlich tatsächlich YouTube-Stars sein sollten, die die größtenteils richtigen und wichtigen Fragen stellten – zumindest an Martin Schulz.


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An dem war es nun, in jeweils vier Themenblöcken Position zu beziehen. Die Fragen wurden dieses Mal nicht nur von vier ausgewählten YouTubern gestellt, sondern konnten auch von Zuschauern über Twitter eingereicht werden. Eine Änderung zum ersten Interview, bei dem nur nach den einzelnen Gesprächen Tweets verlesen wurden. Auch bei den YouTube-Stars selbst gab es Änderungen: MrWissen2go und ItsColeslaw durften zwar wieder dabei sein, sie belegten die Themenbereiche soziale Gerechtigkeit und Bildung und schienen fest entschlossen, sich dieses Mal nicht mit Allgemeinplätzen abspeisen zu lassen. Statt Ishtar Isik und AlexiBexi nahmen dieses Mal allerdings Nihan und Marcel Scorpion im YouTube-Space-Studio Platz. Leider war das nur im Fall von Nihan eine gute Idee.

Die Beauty-Vloggerin diskutierte mit Martin Schulz über Immigration und Integration, wechselte dabei gekonnt zwischen persönlicher Erfahrung und offiziellen Zahlen und nahm mehrfach Bezug auf Aussagen des SPD-Mannes. Wenn der ein bisschen zu sehr in vage "Mein Nachbar hatte das auch mal"-Anekdoten abrutschte, brachte sie ihn durch energisches Nachfragen wieder auf Kurs und wirkte allgemein wie jemand, von dem man sich gerne mehr Politisches wünschen würde – meinetwegen auch auf Instagram. Auch Schulz schien sich mit der Diskussion recht wohlzufühlen und sprach sich für mehr "Identifikationsangebote" aus. Er meinte damit Fußballspieler wie Jérôme Boateng, bei denen es keine Rolle spiele, wo ihre Großeltern herkämen, weil sie für Deutschland einständen und vom ganzen Land bejubelt würden. Zwei Identitäten in sich zu tragen, sich in zwei Ländern zu Hause zu fühlen, empfinde er als absolut nicht problematisch. Wichtig sei nur, sein Hauptaugenmerk auf das Land zu legen, in dem man eben lebe – und dazu gehöre auch, dessen Sprache zu sprechen.

Im Anschluss durfte Schulz bei MrWissen2go über sein Lieblingsthema reden: soziale Gerechtigkeit. Der YouTuber unterzog den Politiker einem "Realitätscheck" und ließ ihn die aktuellen Preise von Milchprodukten raten. Der lag bei Milch und Butter nur wenige Cents daneben und erklärte, schon zu seinen Zeiten als Europapolitiker "beim Schicksal der Milchbauern sehr involviert" gewesen zu sein. Auch gegen Schluss des Gesprächs konnte Schulz nochmal punkten, als er MrWissen2go erklärte, dass Angela Merkel keinesfalls die Abstimmung zur Ehe für Alle "freigegeben" hätte. Eine Aussage, die die Kanzlerin in ihrer YouTuber-Konfrontation noch unwidersprochen tätigen konnte.

Im Anschluss wurde es allerdings ziemlich schnell ziemlich schrecklich. Der Themenkomplex Digitalisierung ist zwar ein durchaus wichtiger, warum genau aber Marcel Scorpion dazu auserkoren wurde, den SPD-Politiker zu löchern, bleibt ein absolutes Rätsel. Digitalisierung, das heißt für ihn zu fragen, warum deutsche Handyverträge so teuer sind, ob das Internet im Bundestag schnell genug für Netflix sei und was Schulz denn schon so gezockt habe. Sein eigenes Breitbandinternet nutzt der vermeintliche Experte für Entertainment und Games übrigens dafür, Videos über "Schöne Mädchen auf der Gamescom 2017" und "Perverse Nachrichten an Sonny (Freundin)" zu drehen, oder weltbewegende Fragen wie "Welcher YouTuberin gehören diese Beine?" und "Hatte ich Sex mit dieser YouTuberin?" zu beantworten. An dieser Stelle sollte es selbstverständlich niemanden mehr überraschen, dass er auch noch rappt.

Die YouTube-Version von Claus Strunz hangelte sich von einer wild assoziativen Frage zur nächsten ("Müssen wir jetzt Angst haben, dass deutsche Straßen aufgerissen werden?") und vergaß dabei nie, dass es ihm bei dieser ganzen Sache vor allem um eine Person ging: sich selbst, den vielleicht coolsten Typen der Welt. "Ich habe ein Buch über Glück geschrieben", warf Marcel lässig ein, bevor er aus einer Studie zitierte, nach der die Deutschen im internationalen Glücklichkeits-Rating weit abgeschlagen auf einem der hinteren Ränge lägen. Martin Schulz' Frage, wo er diese Statistik denn gefunden hätte, konnte er allerdings nicht beantworten und versicherte nur hastig, sie ganz bestimmt nicht von Wikipedia zu haben.

Schulz selbst beruhigte vage, dass man sich keine Sorgen um WhatsApp-Überwachung machen müsse und ihm schnelles Internet für alle natürlich wichtig sei. Die interessanteste Aussage zum Thema tätigte er dann, als er mit ItsColeslaw über Bildung sprach: "Wenn die Digitalisierung unser ganzes Leben bestimmen soll, dann muss der Umgang damit erlernt werden", erklärte er und forderte, das bereits in der Grundschule den Kindern beizubringen.

Trotz vereinzelter Tiefpunkte wirkte das Format in sich sehr viel runder und stimmiger als beim ersten Mal. Das mag daran liegen, dass Schulz im Allgemeinen deutlich mehr Kumpeligkeit verbreitet als Angela Merkel. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass die YouTuber vor der amtierenden Bundeskanzlerin womöglich ein bisschen mehr Respekt hatten und sich nicht ganz so viel trauten. Sicherlich dürfte es auch eine Rolle gespielt haben, dass die Inhalte, die sich die SPD so gerne auf die Fahnen schreibt, deutlich näher an den Interessen der jungen Generation sein dürften als die der konservativen CDU. In jedem Fall schien zum ersten Mal nachvollziehbar, wo die Macher mit Deine Wahl eigentlich hinwollten und welchen Vorteil es haben kann, Politiker mit ganz anderen Fragen zu konfrontieren als die, die sich erfahrene Politikjournalisten stellen.

"Wie begeistern wir junge Menschen für Politik?" ist ja die Frage, die viele Medien umzutreiben scheint. Schließlich ist es die junge Generation, die die Konsequenzen der aktuellen politischen Entscheidungen am meisten spüren wird. Bei Deine Wahl hatte man mehrfach das Gefühl, dass die Antwort darauf manchmal ganz einfach sein kann: Findet junge Menschen, die Antworten auf ihre Fragen einfordern, und Politiker, die zeigen, dass sie schlussendlich immer noch Menschen sind. So abgeschmackt das auch klingen mag.

"Ich hatte eine gewisse Phase, wo ich mein Leben weggeschmissen habe. Wo ich mir selbst nichts mehr wert war", sagte Martin Schulz gegen Ende der Aufzeichnung, als er danach gefragt wurde, wie er Tiefpunkte in seinem Leben überwunden hat. Bei Angela Merkels krampfhaft lockerer Emoji-Schnute schauten noch über 50.000 Menschen zu. Bei einem der vielleicht aufschlussreichsten und menschlichsten Momente der bisherigen Wahlkampfdebatten waren es nur noch 14.500.

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