Collage mit Bildern von: Wikimedia | CC BY-SA 4.0, WikimediaFreegreatpicture und Pixabay

Pornodarsteller, Verfassungsschützer, Rechter, Islamist: Die unfassbare Geschichte des Roque M.

Und dann tat er auch noch so, als plane er einen Anschlag.

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08 September 2017, 9:37am

Collage mit Bildern von: Wikimedia | CC BY-SA 4.0, WikimediaFreegreatpicture und Pixabay

Wenn sich normale Menschen langweilen, zählen sie die Fliesen in ihrem Bad, gucken sich Videos von Katzenbabys an oder checken, welche ihrer Nachbarn sich bei Tinder herumtreiben. Die Geschichte von Roque M. zeigt, dass manche zu noch extremeren Mitteln greifen, um die Langeweile zu bekämpfen. Er gab sich im Internet als Rechter aus und später als Islamist. Dann tat er so, als plane er einen Anschlag auf den Verfassungsschutz. Damit nicht genug: M. arbeitete selbst bei dem Geheimdienst – und war dort sogar für die Observierung von Islamisten zuständig.

Zuvor hatte der 52-Jährige aus dem nordrhein-westfälischen Tönisvorst 35 Jahre lang als Bankangestellter gearbeitet. Dann bewarb er sich als Reservist bei der Bundeswehr, wo er wegen seines hohen Blutdrucks nicht genommen wurde. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz hatte er mehr Glück und bekam im April 2016 als Quereinsteiger eine Stelle. "Es war etwas ganz anderes und hat mir Spaß gemacht", sagt er heute. Doch irgendwann schlug die Langeweile zu.

Im November 2016 wurde Roque M. in einem Islamisten-Chat erwischt. Er hatte sich dort selbst als Islamist ausgegeben und geschrieben, dass er sich dem IS anschließen und einen Anschlag in der Kölner Zentrale des Verfassungsschutzes mitorganisieren wolle: "Ich kann euch zum Einlass ins Haupthaus verhelfen", schrieb er. "Ein Anschlag in der Zentrale wäre doch ganz in Allahs Sinne." Mit einem vermeintlich islamistischen Chatpartner hatte sich M. außerdem zu einem Treffen in einem Krefelder Fitnessstudio verabredet – unter der Dusche, damit niemand das Gespräch überwachen könne.


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Der Chatpartner war allerdings kein Islamist, sondern ebenfalls in geheimer Mission unterwegs: Einem Kollegen von M. beim Verfassungsschutz, der den Chat zu dem Zeitpunkt überwachte, fiel der ungewöhnliche User auf. Er lockte Roque M. in einen Privatchat, wo dieser so viele Informationen über sich und den Geheimdienst ausplauderte, dass der Kollege M.s wahre Identität herausfand. Einen Tag später wurde er gekündigt und festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Bei seiner Vernehmung gab M. zunächst an, 2014 telefonisch zum Islam konvertiert zu sein. Der Fall schien klar, die Aufregung war groß: Ein Islamist habe sich beim Verfassungsschutz eingeschleust, um Anschläge zu planen, hieß es.

Am Dienstag fand der erste von fünf Verhandlungsterminen statt. Der Vorwurf, M. habe Anschläge geplant, war schon vor dem Prozess vom Tisch. Die Staatsanwaltschaft hat keine Hinweise dafür gefunden, dass M. tatsächlich islamistische Anschläge planen wollte. Das betonte auch sein Verteidiger: "Er ist kein Islamist."

Vor Gericht steht Roque M. nun, weil er trotz Verschwiegenheitsverpflichtung Dienstgeheimnisse über Einsatzorte an vermeintliche Islamisten weitergegeben hat. Das stritt er am Dienstag auch nicht ab – und erklärte sogar den etwas eigenartigen Grund dafür: Langeweile. "Das Ganze hat sich bei mir zu Hause auf dem Sofa abgespielt, während ich auf meinen schwerbehinderten Sohn aufgepasst habe", sagte der Vater von vier Kindern vor dem Düsseldorfer Gericht. Weil er sich so langweilte, erzählt M., habe er vor zehn Jahren angefangen, sich mit Rollenspielen im Internet abzulenken.

Sein Chat-Pseudonym hat er schon früher benutzt – als er in Pornos mitspielte

Bevor er sich als Islamist ausgab, habe er sich online der rechten Vereinigung "Nordic Brotherhood" angeschlossen und darüber nachgedacht, ins Kloster zu gehen. Es sei für ihn ein Spiel gewesen, eine "Flucht aus der Realität". Und glaubt man den Aussagen des Angeklagten, belastet ihn die Realität seit Bekanntwerden des Falls noch mehr: "Meine Kinder wurden in der Schule verprügelt, meine Frau hat die Scheidung eingereicht", erzählte er am Dienstag, "die Sache ist aufgebauscht worden."

Tatsächlich hatte der Fall nicht nur wegen der vermeintlichen Anschlagspläne des Ex-Verfassungsschützers für viel Aufmerksamkeit gesorgt. M. war in seinem Doppelleben nämlich nicht nur als fiktiver Islamist oder Rechter unterwegs, sondern auch als echter Porno-Darsteller. Bei einer Hausdurchsuchung bei Roque M. im Dezember tauchten Schwulen-Pornos auf, in denen er schon vor seiner Bewerbung beim Verfassungsschutz mitgespielt hatte. Dabei sei er unter dem Namen aufgetreten, den er später auch als vermeintlicher Islamist im Chat benutzte, berichtet die Washington Post und beruft sich dabei auf die Informationen von zwei Ermittlern.

Warum der Verfassungsschutz erst dann von der Porno-Vergangenheit ihres Ex-Mitarbeiters erfuhr, warf Fragen auf – vor allem, weil potenzielle Mitarbeiter vor der Einstellung umfassend geprüft werden. Innenminister de Maizière sagte damals, es gäbe keine Hinweise, dass das Bundesamt bei der eineinhalbjährigen Prüfung nicht sorgfältig gehandelt habe. Das fand auch der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Clemens Binninger: "Man hat all das überprüft, was notwendig war."

Welche Strafe Roque M. nun erwartet, soll innerhalb der nächsten vier Verhandlungstage geklärt werden. Am Freitag geht der Prozess weiter. Immerhin dürfte M. vorerst nicht langweilig werden, er hat schließlich mal wieder eine neue Rolle gefunden: die des Häftlings.

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