Verbrechen

Dieses Verbrecher-Hotel diente 'Scarface' als Vorbild

In diesem luxuriösen Hauptquartier des Kokainhandels von Miami trafen sich Drogenbosse und Stars.

von Seth Ferranti
09 Oktober 2017, 4:45am

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Bantam Books

Bergeweise Kokain, große Knarren und jede Menge Blutvergießen – das ist das Miami von Tony Montana in Scarface. Heute ist die Metropole in Florida zwar weiterhin ein Magnet für Reiche und Kriminelle, aber in den 1970ern und 80ern war Miami eine globale Drogenhauptstadt. Die US-Regierung lieferte sich dort ausgewachsene Drogenkriege mit lateinamerikanischen Kartellen, mittendrin stand das Mutiny.

Das Mutiny Hotel in Miami war eine verkommene Spielwiese. Dort trafen sich Drogenbosse, Mörder und CIA-Informanten mit Stars wie Jackie Onassis, Led Zeppelin und den Footballspielern der Miami Dolphins. Es wurde 1969 eröffnet, im historischen südlichen Stadtteil Coconut Grove. Zum Hotel gehörte der exklusive Mutiny Club, wo nur Mitgliedern der Zutritt erlaubt war. Zu denen zählten die Neureichen Lateinamerikas und die berüchtigten Cocaine Cowboys, die Mitglieder der gewalttätigen Drogen-Unterwelt, die damals Miami beherrschte. Ende der 1970er war das Mutiny Hotel eine der gefragtesten High-Class-Lokalitäten der Welt, man nannte es in einem Atemzug mit dem Studio 54. In den folgenden Jahren gab rund um das Hotel immer mehr strafrechtliche Ermittlungen. Der Druck steigt bis 1985 so weit, dass die Eigentümer das Hotel für 17 Millionen Dollar verkauften.

Harvard-Absolvent und NPR-Moderator Roben Farzad erforscht das Mutiny in seinem neuen Buch Hotel Scarface: Where Cocaine Cowboys Partied and Plotted to Control Miami. Wir haben uns mit Farzad darüber unterhalten, warum die Cops das Mutiny nur so schwer infiltrieren konnten, wie Stars und Gangster dort interagierten, und wie alles zu einem schändlichen Ende kam.

VICE: Wann hast du dich entschieden, ein Buch über das Mutiny Hotel zu schreiben?
Roben Farzad: Das war schon 1994, kurz vor meinem Studium. Das klingt vielleicht blöd, aber was ich gesehen hatte, verfolgte mich wie ein Geist. Ich habe keinen Hang zum Übernatürlichen, aber dieser Ort und die Menschen dort verfolgten mich. Wenn ich an der Uni Heimweh bekam, lenkte ich mich ab, indem ich Nachforschungen zum Hotel anstellte. Ich hatte immer ein Notizbuch, und inzwischen mache ich das seit 23 Jahren. Irgendwann kam der Punkt, wo ich einfach ein Buch zusammenstellen musste.


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Mit wem hast du damals gesprochen und wie hast du Zugang zu diesen Menschen bekommen?
Ich sorgte dafür, dass sich in Miami herumsprach, dass ich hinter dieser Story her bin. Irgendwann hast du dann eine eher unwichtige Person aus Club-Kreisen, und die legt ein gutes Wort für dich ein. Aber so was dauert. Der Durchbruch war, als ich einem Ex-Gangster vorgestellt wurde, der gerade aus dem Gefängnis kam und ein Restaurant in Miami Beach betreibt. Ich machte einfach unendlich viel Lobby-Arbeit für mich selbst. Aber irgendwann ging ihnen dann auf, dass sich nur Mörder jetzt noch richtig Gedanken machen müssen, denn Mord verjährt nicht. Außerdem war ich diskret und brachte Leidenschaft für die Geschichte mit. Viele wollten aber trotzdem nicht reden.

Der Kokain-Dealer Nelson Aguilar (links) war ein guter Freund von Rick James (rechts) und den damaligen Miami Dolphins

Es gibt eine gute Doku über die Drogenkriminalität im damaligen Miami, Cocaine Cowboys. Inwiefern hat sie dir geholfen?
Die Filmemacher haben die Einleitung zu meinem Buch geschrieben. Billy Corben und Alfred Spellman sind Freunde von mir, wir sind im selben Teil von Miami aufgewachsen. Ihr Film hat sehr viel Interesse für diese ganze Ära generiert. Bei meinen Nachforschungen habe ich sie kontaktiert und zu Alfred gesagt: "Ich bin Kapitän Ahab und das hier ist der Wal, den ich jage." Er war sofort sehr hilfsbereit.

Bist du bei deinen Recherchen auf große Überraschungen gestoßen?
In meiner Jugend äußerten sich Nancy Reagan, George Bush und die Drogenpolizei über diese Dinge, und wenn man ihnen zuhörte, hätte man meinen können, diese Kokain-Dealer seien alle wie Tony Montana. Aber einer der größten Kokain-Kingpins in der Geschichte von Miami, der schon sein halbes Leben Freebase raucht, spielt so wunderschön Klavier. Er weiß außerdem viel über Anthropologie, die CIA, Soziologie, Politik und Wirtschaft.

Auf einmal sieht man die Persönlichkeit all dieser Menschen, von denen man dir weisgemacht hatte, sie seien nichts als zugekokste Monster. Aber das Vorurteil wirkt in beide Richtungen. Als Scarface '82 und '83 in Miami gedreht wurde, wollten sie alle nichts damit zu tun haben. Aber jetzt wo der Film Kult geworden ist, kommen lauter Typen zum Vorschein und sagen: "Ich glaube, die Geschichte basiert auf meinem Leben."

Nelson Aguilars Mitgliedskarte für den Mutiny Club
Nelson Aguilars Mutiny-Club-Halskette

Wie schwierig war es für die Polizei, das Mutiny zu infiltrieren?
Extrem schwierig. Ein Cop sagte mir, diese Typen hätten damals pro Nacht mehr weggeschnieft als ein Polizist pro Jahr verdiente – und zwar mit Überstunden. Wer so viel Geld hat, kann Cops korrumpieren und Richter kaufen. Die Drogenszene wurde von Kubanern beherrscht, und in Kuba hatte vor dem Sozialismus alles einen Preis, selbst die Justiz. Wer jemanden totgefahren oder vergewaltigt hatte, konnte sich freikaufen, und diese Haltung brachten sie mit ins Mutiny. Das Miami Police Department hatte es sehr schwer, weil so viele führende Beamte bei der Polizei und in der Justiz korrupt waren. Sie sahen das viele Geld und konnten nicht widerstehen.

Wie wichtig war es den Leuten, im Mutiny gesehen zu werden?
Die Protzigen, das waren die Kubaner und ihre Gringo-Gefolgsleute. Die Kolumbianer, die ins Mutiny gingen, waren keine protzigen Menschen. Sie waren mehr businesslike, für sie ging es dabei um Leben und Tod. Dealer warfen mit Geld um sich, um zu zeigen, dass sie massenweise davon hatten. Sie hatten unzählige Flaschen Dom Pérignon und Perrier-Jouët am Tisch. Zwei Oldschool-Dealer tranken immer Lafite Rothschild, den superteuren Wein aus der Zeit vor der kubanischen Revolution. Sie zahlten in bar, so 1.200 Dollar pro Flasche, und gaben dem Kellner noch mal 200 Dollar Trinkgeld.

Das Protzigste, das sie tun konnten, war: ganze Kisten Dom Pérignon bestellen, alles in einen Whirlpool schütten und dann mit Groupies nackt reinspringen. Cash war der große Gleichmacher – ein Kubaner oder Venezolaner, der aus der Armut zum Kingpin aufgestiegen war, konnte sich hier fühlen wie ein König. Diese Typen hingen mit Bands ab wie Crosby, Stills, Nash and Young, Fleetwood Mac, The Cars, und so weiter.

Polizisten mit beschlagnahmtem Bargeld

Bist du bei deinen Recherchen auf eine besonders denkwürdige Persönlichkeit gestoßen?
Viele in Miami hatten Alpträume von Ricardo "Monkey" Morales, darunter auch Staatsanwälte und Polizisten. Er war die Personifizierung all dessen, was zwischen den USA und Kuba schieflief. Er war wie eine Art Spion, der hier auf Selbstmordmission durch die Stadt irrte. Wenn er länger am Ball gewesen wäre, hätte mein Buch auch "Monkey in Miami" heißen können. Er war ein großes Bündel aus posttraumatischer Belastungsstörung, Kokain und Gewalt – aber es gab viele solche Männer in Miami.

Wie haben Stars, Musiker, Drogenbosse, Informanten und Cops sich im Mutiny zueinander verhalten?
Zwischen den Cops und den Drogenbossen gab es eine Art Freihandelszone: "Hey, wir wissen, warum ihr hier seid und ihr wisst es von uns, aber lasst uns keine Szene machen." Die Kriminellen hatten nichts persönlich gegen diese Cops. Es war nun mal deren Job, sie zu jagen, und es war der Job der Kriminellen, ihnen zu entwischen und sie korrupt zu machen.

Wenn so ein Drogenboss sah, wie zum Beispiel Stevie Nicks oder Led Zeppelin reinkam – das waren damals mit die größten Stars unter den Besuchern – dann wollte er sie nicht umschwärmen wie ein kleines Kind bei einem Beatles-Konzert. Stattdessen schickte er ihnen zum Beispiel eine Flasche an den Tisch. Allgemein wussten alle, warum alle anderen da waren und größtenteils beschossen sie einander dort nicht und nahmen auch niemanden dort fest. Das ging so, bis in Miami einfach das Maß voll war und diese ganze blutrünstige Ära ein Ende nahm.

Ein Zimmer im Mutiny Hotel

Wann hat die Polizei den Machenschaften im Mutiny Hotel ein Ende gesetzt?
Ab 1981 sagten die Cops dem Besitzer: "Uns reicht es langsam, wir empfehlen ihnen dringend, das Hotel zu verkaufen." Der Besitzer checkte das mit seinem Astrologen und verkaufte es für 17 Millionen Dollar. Im Mutiny Hotel hatte es eigentlich kaum Morde gegeben, bis zu der Sache mit Margarita.

Wer war sie?
Margarita war eine Dominikanerin, die von einem psychopathischen Cocaine Cowboy ermordet wurde. Dieser Typ war ein Serienmörder und machte Tieropfer. Er überzeugte Margarita, dass er ihr Filmrollen besorgen konnte. Sie fanden Margarita in eine Mutiny-Decke gewickelt in den Florida Keys. Da ging vielen im Club auf, dass das alles kein Spiel mehr war.

Zu dem Zeitpunkt, als die Flüchtlinge der Mariel-Bootskrise den Club infiltrierten, gab es im Obergeschoss schon Schießereien. Damit blieben dann auch die Gäste weg und viele vom Personal kündigten und eröffneten lieber eigene Clubs. Die ganzen Promis gingen dann in diese neuen Clubs, das Mutiny wurde verkauft und ging bankrott.

Hotel Scarface: Where Cocaine Cowboys Partied and Plotted to Control Miami erscheint am 17. Oktober bei Bantam Press.

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