'Love Island' ist der feuchte Traum eines Triebtäters
Foto: RTL II | Stefan Behrens
Sex

'Love Island' ist der feuchte Traum eines Triebtäters

In der neuen Dating-Show entscheiden muskelbepackte Dullis, welche Kandidatin mit ihnen ins Bett muss. Fehlen nur noch die KO-Tropfen.

Du schwitzt wie ein Schwein und deine Extensions kleben dir im Nacken, aber immerhin bist du im Urlaub und das Ferienhaus hat einen Pool. Der Alkohol fließt in Strömen und du hast beinahe so was wie Spaß. Da kommt der halbnackte Typ mit den Disco-Muskeln, der dich schon die ganze Zeit so aufdringlich anstarrt, plötzlich auf dich zu. Wie selbstverständlich legt er seinen Arm um deine Hüfte, flüstert dir ins Ohr: "Du kommst jetzt mit", und zerrt dich in sein Bett. Ihr seid jetzt ein Paar, zumindest bis zur nächsten "Paarungszeremonie".

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Klingt wie ein absoluter Albtraum? Willkommen bei Love Island – Heiße Flirts & Wahre Liebe, dem neuen Kuppelformat von RTL2 und feuchten Traum eines jeden Triebtäters.

Elf attraktive Singles aus Deutschland haben alles stehen und liegen gelassen, um in einer Villa auf Mallorca möglichst viel Sekt zu trinken und dabei möglichst wenig anzuhaben. Um Sex geht es auch irgendwie, denn um Sex geht es schließlich immer; die Kandidatinnen und Kandidaten wollen aber mehr als einfach nur ein bisschen Rumbumsen unter Palmen. Insbesondere die männlichen Teilnehmer sind auf der Suche nach der Frau "fürs Leben", zum Kinderkriegen und Heiraten, dem "netten, lockigen Pocahontas-Mädchen von nebenan". Die "Islander" sollen in den kommenden Wochen flirten, knutschen und sich quotenträchtig an die Wäsche gehen. Wer wen nackig sehen darf, entscheiden allerdings ausschließlich die Männer.


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Bei der Flut an Dating-Formaten im deutschen Fernsehen dürfte es eigentlich nicht verwundern, wenn die nächste Generation Paarungswilliger sich nicht bei Tinder kennengelernt hat, sondern direkt vor laufender Kamera Intimitäten ausgetauscht hat.

Als wäre das Konzept an sich nicht schon schwierig genug, fällt es außerdem außerordentlich schwer, die teilnehmenden Personen auf den ersten Blick auseinanderzuhalten. Vier bis auf Körbchengröße und Haarfarbe größtenteils identisch aussehende Frauen versichern sich gegenseitig, "eigentlich eine ganz gute Mischung" zu sein. In den nach und nach eingeblendeten Einspielern erfahren wir dann, dass einige von ihnen zwar auch gewöhnliche Jobs haben. Der Großteil von ihnen modelt allerdings. Manche "in Mailand, Paris und Istanbul", andere wahrscheinlich für den Quelle-Katalog, und der Rest dann eben auf Instagram. Die Männer hingegen unterscheiden sich größtenteils durch variierende Gesichtsbehaarung und ihre Catch-Phrases: "Ich glaube, ich habe eine natürliche Schönheit" (Jan), "Im Bett, wenn ich mich so beschreiben müsste, würde ich sagen: professionell" (Maik), "Auf 'ner Skala von 1 bis 10? Ich bin ne 12" (Julian).

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Damit man ihnen das auch abnimmt, werden bei Vorstellungsvideos und Einzelinterviews immer wieder Instagram- oder Facebook-Posts mit vielen Likes im Hintergrund eingeblendet. Bei den Männern coole Selfies aus dem Cabrio oder vorm Spiegel im Fitnessstudio. Bei den Frauen sexy Bikini- oder Unterwäsche-Fotos, auf denen sie züchtig nach unten gucken oder einem direkt die Kehrseite zuwenden. Ob hier vielleicht nicht die große Liebe gefunden, sondern einfach der perfekte Influencer von morgen gezüchtet werden soll?

"Die Jungs dürfen eine von euch aussuchen. Egal, ob ihr das gut findet oder nicht!", leitet Moderatorin Jana Ina Zarrella schließlich die erste "Paarungszeremonie" ein, bei der ein durchtrainierter Kandidat nach dem anderen vor die Kandidatinnen tritt. Die dürfen einen Schritt nach vorne machen, wenn sie ihn attraktiv finden, wirklich ins Gewicht fällt das allerdings nicht. Schlussendlich stellt sich der Mann zu der Frau, mit der er anschließend im selben Bett schlafen möchte. "Gehört" die bereits jemand anderem, muss der andere wieder nach vorne und darf sich am Schluss nehmen, was übrig bleibt. "Resteficken" hieß das früher mal. Bei RTL2 bekommt es stellenweise jedoch eher den Anstrich der Nötigung.

So richtig begeistert scheinen die Kandidatinnen nämlich von keinem der männlichen Singles zu sein. Bei drei von fünf Männern tritt keine der Frauen nach vorne. Lediglich um Jan entspinnt sich eine Art Konflikt, als mit Elena eine sechste Kandidatin eingebracht wird. Die Schweizerin mit spanischen Wurzeln wurde ein bisschen zu offensichtlich für die Rolle der heißblütigen und männervernaschenden Zicke gecastet und darf einer der anderen Frauen ihren "Partner" ausspannen. Ihre Wahl fällt auf Jan, der laut seinem leicht lobotomiert wirkenden Lächeln gar nicht so richtig zu wissen scheint, wie ihm geschieht.

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Die verschmähte Annika ist somit wieder Single. Anstatt sich darüber zu freuen, sich nicht von jemandem begrabbeln lassen zu müssen, der "Free Hugs" auf seine Finger tätowiert hat, muss sie jetzt allerdings bangen, von der Insel zu fliegen. Warum das so ist, ob man jede Woche mit jemand anderem schlafen muss, um weiterzukommen und ob auf die Pärchen-wider-Willen in schönster Sommerhaus-Manier noch andere Challenges als Wetttrinken, Muskelnzählen und Bettsport warten? Keine Ahnung. RTL2 gibt sich betont mysteriös und scheint nur so viel wie zwingend notwendig über das Sendekonzept verraten zu wollen. Vielleicht ist Love Island eine Art verfrühter Adventskalender, bei dem sich Tag für Tag ein Türchen mehr öffnet und man erst am Schluss versteht, worauf das alles hinauslaufen sollte.

Vielleicht gewinnt am Schluss die Person, die am wenigsten Sex hatte und es stellt sich heraus, dass das Ganze ein Projekt fundamentalistischer, christlicher Gruppen war, um die moralische Verdorbenheit unserer Gesellschaft aufzudecken. Vielleicht, und auch das liegt absolut im Bereich des Möglichen, hat RTL2 aber auch nur einfach versucht, Jersey Shore auf Deutsch zu machen – und wird schlussendlich daran scheitern, dass die Kandidaten und Kandidatinnen weder coole Spitznamen haben noch bereit sind, sich vor laufender Kamera in die Hose zu machen.

Aktuell wirkt das vermeintliche Liebesparadies noch ein bisschen zu sehr nach klemmigen Sextouristen, die das Hawaii-Hemd beim Geschlechtsverkehr gerne anlassen würden und eigentlich auf eine Nebenrolle bei Berlin – Tag & Nacht hoffen. Vielleicht bringen die "Islander-Handys", die "nur zum Sexting in der Villa freigeschaltet" wurden, etwas Leben in die Bude. Wenn nicht, wird eben ein Praktikant eingeschleust, der mit Polizeisirene auf dem Kopf durchs für Instagram optimierte Haus rennt und durch ein Megafon sehr laut "SEX!!!" brüllt. Mehr Zaunpfahl als jetzt schon geht sowieso nicht.

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