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Hey Evanescence-Fans: Was ist das Gothigste, das ihr je gemacht habt?

"Ich habe mir in der Mittagspause die Klitoris piercen lassen." – Ok.

von Biju Belinky
13 April 2018, 11:30am

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Die Pubertät war schwierig und wir haben in dieser Zeit alle seltsame Sachen gemacht. Vielleicht habt ihr aus einem alten Buch gelernt, wie man den Teufel beschwört. Oder ihr habt grottige Gedichte in euer Tagebuch geschrieben (und dann in Brand gesteckt und aus dem Fenster gepfeffert). Oder ihr habt einem Kumpel erlaubt, euch um 3 Uhr nachts mit einer dubiosen Sicherheitsnadel ein Nasenpiercing zu stechen. Das ist auch in Ordnung. So lange ihr niemandem damit schadet, könnt ihr eure Gefühle ausdrücken, wie ihr wollt. Ist schließlich nur gesund – zumindest sage ich mir das oft.

Aber auch Leute über 19 wollen sich noch irgendwie ausdrücken. Zum Beispiel Goths. Goths bilden eine extrem missverstandene und kreative Subkultur, die regelmäßig aus Katharsis-Gründen ungewöhnliche Dinge tut. Vergiss Pogo und nach außen getragene Wut – bei Goths geht es mehr um die theatralische, düstere Seite des Lebens. Wir Schwarzträger bringen unsere Persönlichkeit und unseren Geschmack lieber entspannt zum Ausdruck und urteilen dabei nur sehr sparsam über andere.

Aber was ist denn überhaupt so richtig Goth? Bei Vollmond auf dem Friedhof Gedichte lesen und Wein trinken? Pentagramme? Blumen pflücken und schwarze Kätzchen knuddeln? Weinen? Was zur Hölle ist es eigentlich? Ein sehr guter Ort, um dieser Frage auf den Grund zu gehen: die Schlange vor dem Hammersmith Apollo in London kurz vor einem Konzert von Evanescence. Teenager-Tragik braucht prinzipiell immer einen Soundtrack und in den frühen 2000ern lieferten den vor allem Bands aus den Sparten Nu Metal, Goth und Emo. Evanescence vermittelten das Lebensgefühl epischer Trauer besonders erfolgreich. Dementsprechend werden Fans der Band um Sängerin und Pianistin Amy Lee ja wohl einige Dinge hinter sich haben, die totally fucking goth sind, oder?

SKY, 25

Noisey: Hey Sky, du siehst ganz schön schimmerig aus. Das ist nicht ja nicht so typisch Goth. Was ist denn das Gothigste, das du je gemacht hast?
Sky: Ich habe auf einem Friedhof übernachtet.

Ach! Erzähl mir mehr.
Ich war so 17, meine Freundin hatte Geburtstag. Wir waren alle Goths, Metalheads und Punks. Wir betranken uns und waren so dicht, dass wir nirgends mehr hinkonnten, nicht nach Hause und auch nicht in einen Club. Also haben wir auf dem Friedhof gefeiert und auf den Gräbern geschlafen. Das war natürlich illegal, aber irgendwie hat es Spaß gemacht. Wir haben aber bis auf die Knochen gefroren.

EMMA, 29, UND VICKY, 33

Noisey: Ihr zwei seht ganz schön Goth aus. Was ist das Gothigste, das ihr je getan habt?
Vicky: Ich habe mir in der Mittagspause die Klitoris piercen lassen. Später bin ich selber Body-Piercerin geworden.

Das hört sich klasse an! Sonst noch was?
Vicky: [zu Emma] Ich glaube, du hattest deinen lustigsten Goth-Moment, als wir da mal im Kaff am Bahnhof standen. Sie steckte in maximaler Goth-Montur, hatte in jedem Piercing-Loch Nieten drin. Da war eine alte Dame, die Probleme hatte, mit ihrem Koffer und ihren Krücken in den Zug zu kommen. Emma packte ihr höflichstes Schnösel-Englisch aus und fragte: "Kann ich Ihnen behilflich sein, meine Liebe?"
Emma: Die Dame sah zu Tode erschrocken aus. Ich glaube, sie hat vielleicht befürchtet, dass ich sie unter den Zug schubse oder so. Sie sah echt aus, als würde sie gleich tot umfallen.

STEPH, 27, UND "MAMA", 58

Noisey: Hey, ihr beiden. Was ist das Gothigste, das ihr je getan habt?
Steph: Ich weiß nicht, ich hab jetzt noch keiner Fledermaus den Kopf abgebissen oder so.
Mama: [zeigt auf Steph] Sie zur Welt bringen, das war das Gotheste, das ich je gemacht habe.

Und schon mal auf Friedhöfen abgehangen? Sieht aus, als gäbe es hier einen Trend in die Richtung.
Steph: Nichts dergleichen. Einmal bin ich allein auf die Isle of Wight gefahren, um The Cure zu sehen. Das war ziemlich cool, ich war als Robert Smith verkleidet. Ich reise nicht gern allein, also fand ich die ganze Aktion recht rebellisch.

Stimmt! Was bedeutet "Goth" für dich?
Steph: Goth bedeutet für mich, man selbst zu sein, sich in seiner Haut wohlzufühlen und seinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe eigentlich noch nie Goths getroffen, die das nur aus Mitläufertum machen, weil ihre Freunde auch so drauf sind. Es ist was ziemlich Individuelles. Und das ist echt verdammt cool!

DYLAN, 19, KAREN, 54, UND CONNOR, 25

Noisey: Hey, Eyeliner für die ganze Familie! Was ist das Gothigste, das ihr je gemacht hat?
Connor: Ich bin schon mal auf einem schlecht gemalten Pentagramm auf dem Boden eingeschlafen?

OK, wow. Bisschen mehr Hintergrund dazu, Connor?
Connor: Zu viel Alkohol.

Was bedeutet "Goth" für euch?
Karen: Ich schätze, ich würde mich heute nicht mehr als Goth bezeichnen. Aber damals war es ein Weg, um sich auszudrücken und visuell umzusetzen, wie man sich innen drin fühlt. Vor allem für Frauen bedeutete das, dass wir total alternativ aussehen konnten. Wir waren unabhängig und mussten uns nicht an irgendeine Gruppe Typen klammern. Wenn ich an die frühen 80er zurückdenke, war das wirklich eine Glanzzeit für uns Mädchen. Und das hatten wir alles dem Punk zu verdanken.

Meint ihr, Goth ist tot?
Karen: Nein. Ich denke, es geht eine Weile ein bisschen underground, aber dann kommt es immer wieder an die Oberfläche. Die Menschen wollen sich mit der dunklen Seite beschäftigen und das halte ich für sehr gesund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Goth stirbt.
Dylan: Dafür ist es zu einzigartig.

Dylan, deine Mutter hat einen alternativen Stil – hast du einen ähnlichen Antrieb verspürt, dich in diese Richtung zu bewegen, wie sie?
Dylan: Ich denke schon. Ich fühle mich in schwarzer Kleidung sehr wohl. Ich hoffe sehr, dass die Subkultur nicht ausstirbt. Viele in meiner Generation scheinen sich nur für HipHop zu interessieren. Leute wie uns trifft man nicht so oft. In der Generation meiner Mum war das alles noch neu und richtig groß. Aber es kommen immer wieder neue Sachen, und die Leute interessieren sich dann mehr für diese Dinge als für das hier. Trotzdem: Ich hoffe, Goth bleibt bestehen.

ROCKY, 29

Noisey: Hey, Rocky – die Farben deines Outfits hast du grandios kombiniert. Was ist das Gothigste, das du gemacht hast?
Rocky: Ich schätze, eine Goth-Halloweenparty? Das hat Spaß gemacht. Niemand hatte ein Humor-Kostüm. Wir waren alle richtig scary – so, wie es an Halloween sein sollte.

Und was ist auf der Party so passiert? Filme? Rituale?
Wir haben uns einfach mit Kunstblut vollgeschmiert und sind auf die Party gegangen. Mehr war da eigentlich nicht.

Na gut. Aber was ist mit Hexerei und so?
Ich habe mich tatsächlich eine Weile mit Heidentum und Hexerei beschäftigt. Das fand ich sehr interessant, als ich jünger war, aber inzwischen habe ich das schon lange nicht mehr gemacht. Dabei habe ich festgestellt, dass Heidentum und Hexerei nicht das sind, was die Leute sich darunter vorstellen. Es geht mehr um Positivität, Heilung und Frieden. Das ist nichts Schlechtes. Ich bin ein ziemlich glücklicher Goth.

Würdest du sagen, Goth ist tot?
Es gibt heute ein bisschen weniger davon. Vielleicht weil die meisten denken, Goths haben irgendwas mit Satanismus zu tun, oder mit Mord, Suizid, Tieropfern und so weiter. Das stimmt natürlich nicht.

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