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Montage: VICE || Berghain: imago | Olaf Selchow || Ecstasy: DEA | Wikimedia | Public Domain

Fragen, die der Tod der Berghain-Raverin aufwirft

Thomas Vorreyer

Thomas Vorreyer

Eine US-Touristin überlebte eine Nacht im Berghain nicht, 'Der Spiegel' hat ihre Geschichte aufgeschrieben. Doch wichtige Details gehen unter.

Montage: VICE || Berghain: imago | Olaf Selchow || Ecstasy: DEA | Wikimedia | Public Domain

Die 30-jährige Anwältin Jenifer aus Kalifornien geht mit ihrem Mann und einem Freund zum ersten Mal in ihrem Leben ins Berghain. Es ist Sommer 2017, die Frau tanzt ausgelassen, es ist der Höhepunkt einer Weltreise. Den Morgen danach erlebt sie nicht mehr.

Der Reporter Alexander Osang hat diese traurige Geschichte für den aktuellen Spiegel aufgeschrieben. Es ist das erste Mal, dass ein Magazin von einem Todesfall im Zusammenhang mit dem Club berichtet. Erst vor einem Jahr hatte es das Gerücht gegeben, dass ein Gast im Berghain bewusstlos zusammengebrochen war, eine Polizeimeldung oder eine andere Bestätigung gab es nie. Osang zeichnet in dem Artikel das Bild einer Stadt, in der von Clubbetreibern über Journalisten bis hin zu Polizisten und Politikern alle Bescheid wissen, und doch jeder die Missstände schulterzuckend akzeptiert.

Allein, so einfach ist es nicht. Denn "Tod in Berlin", so der Titel des Artikels, erzählt nicht die ganze Geschichte.

Wann kommt der Krankenwagen?

Wer regelmäßig ins Berghain geht, hat vielleicht schon einmal einen hydrantenrot-weißen Wagen an der Zufahrt zum Club stehen sehen. Wer generell oft feiern geht, hat eine Ambulanz auch vor anderen Clubs nachts parken sehen. In Clubs passieren Unfälle, das unterscheidet sie nicht von Sporthallen und WG-Küchen.

Manche Gäste sind betrunken von Geländern gefallen, andere haben Gläser über den Kopf gezogen bekommen oder ihre sexuellen Vorlieben stärker ausgelebt, als dass es ihr Körper mitgemacht hat. Wieder andere hatten eine Überdosis GHB. Oder eben wie Jenifer: Ecstasy. Ihr Tod war, anders als es der raunende Spiegel-Artikel suggeriert, (leider) kein Einzelfall.

In Essen starb vor zwei Jahren ein Raver vor dem Club Frohnatur, die Polizei verschweigt bis heute, welche Pillen er genommen hatte, aber allem Anschein nach war es hochdosiertes Ecstasy. Im November dieses Jahres landete eine Schülerin aus Schleswig-Holstein nach einer Abifeier im Krankenhaus: Ecstasy-Überdosis. Sie überlebte. Das Fabric, eine Institution im Nachtleben von London, musste nach zwei Todesfällen im Herbst 2016 vorübergehend schließen. Einer der Toten hatten mehrere Pillen eingeworfen.

Was macht Ecstasy mit dem Körper?

Drogenberatungsstellen gehen davon aus, dass ernsthafte Nebenwirkungen schon ab 120 Milligramm MDMA auftreten. Fast alle derzeit im Umlauf befindlichen Ecstasy-Pillen enthalten mehr MDMA, manche sogar über 300 Milligramm. Wenn man also denkt, Ecstasy nehmen zu müssen, sollte man deshalb bestenfalls mit einer Viertelpille starten.

Jenifer nahm zwei ganze. Und sie trank Alkohol in dieser Juni-Nacht im Berghain.

Zwei Wirkungen größerer Mengen MDMA gefährden die Gesundheit besonders. Erstens wird der Harnfluss gehemmt, Menschen scheiden die Flüssigkeit, die sie zu sich nehmen, kaum aus. Im schlimmsten Fall diffundiert Wasser in den Schädel, das Gehirn schwemmt auf und drückt immer stärker an die Schädeldecke, man "ertrinkt" im eigenen Körper.

Häufiger ist allerdings ein Austrocknen. Der Tanzende heizt sich auf. Wenn es um ihn warm ist, kann es schnell zu einem Wärmestau, einem Kreislaufkollaps oder einem Hitzeschlag kommen. Alkohol verstärkt diese Wirkung noch und schlägt sich auch auf Leber und Nieren nieder. Organversagen droht.

Jenifer, ihr Ehemann Carlo und ihr Freund Rob kamen um 0:38 Uhr an den Türstehern vorbei ins Berghain. Um 5:55 Uhr lag Jenifer in einem nahegelegenen Krankenhaus. Die Ärzte, schreibt Der Spiegel, notierten: "Zu­stand ko­mat­ös. Stark überhitzt." Keine fünf Stunden später war Jenifer tot.


Auch bei VICE: Die Wahrheit über Ecstasy


Um mögliche Schäden zu mindern, raten Drogenberatungsstellen nicht nur vom Mischkonsum ab. Sie warnen davor, auf der Straße oder im Club bei Unbekannten Drogen zu kaufen. Sie raten: Falls du dich für Drogen entscheidest, dann nimm sie in einem entspannten Umfeld ein. Ohne Druck. Und sie sagen: Passt aufeinander auf.

Jenifer, Carlo und Rob wollten unbedingt Ecstasy im Berghain nehmen. Die Pillen hatte Carlo in der Nacht zuvor auf der Straße gekauft, heißt es in dem Magazinbericht. Die Türsteher fanden Jenifers Pille, sie musste sie wegschmeißen. Die Anwältin soll wütend gewesen sein und habe sich keine Pille mit ihrem Mann teilen wollen. Rob, der Freund, habe auf der Clubtoilette schnell Nachschub besorgt. Und zwar gleich zwei Pillen – Jenifer soll darauf bestanden haben. Carlo erfuhr erst später davon.

Einige Zeit später verloren Carlo und Rob Jenifer – mittlerweile allesamt high – irgendwo zwischen Mainfloor und Panorama Bar. Aufgefallen soll ihnen das um 4:37 Uhr sein. Gut eine halbe Stunde später erhielten sie eine SMS von Jenifers Mobilnummer. Sie sei im Erdgeschoss. Eine Mitarbeiterin des Clubs hatte die Nachricht geschrieben.

Welche Schuld trägt der Club?

Carlo erzählte dem Spiegel, die Berghain-Mitarbeiterin habe sich geweigert, den Notruf zu wählen, auch dann noch, als Carlo sie anflehte. Jenifers Mann erzählt, sie habe Schaum vorm Mund gehabt, Krämpfe hätten sie geschüttelt. Die Mitarbeiterin soll geantwortet haben, Jenifer werde sich schon erholen. Laut Spiegel soll sie erst nach einer Viertelstunde Hilfe gerufen haben. Zwei Minuten später waren die Sanitäter im Club.

Wann jemand nur ein Wasser oder etwas Bewegung und wann einen Krankenwagen braucht, ist schwer zu entscheiden. Erfahrene Clubleute sollten einer Person anmerken, was sie genommen hat. Wie viel es war, das kann man ohne Mithilfe der Freunde des Betroffenen nur schätzen – eben auch, weil es an verlässlichen Informationen zu den in Deutschland im Umlauf befindlichen Drogen mangelt. Deutsche Clubs und ihre Mitarbeiter können sich aber für Notfälle mit Gästen auf Drogen schulen lassen. BEST heißt ein Programm, durchgeführt wird es vom Fixpunkt e.V. im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Auch das Berghain-Team dürfte an einer solchen Schulung oder ähnlichen teilgenommen haben.

Aber Training hin oder her: Wenn jemand den Notruf wählen möchte, dann sollte man ihm das nicht verwehren. Und wenn jemandem Schaum aus dem Mund läuft, sollte jeder Umstehende schnellstmöglich die 112 wählen (oder die 911).

Ansonsten gilt: Wenn einer zu viel säuft, kann ihm die Bar weitere Drinks verwehren. Wenn einer zu viele Drogen nimmt, hat ein Club praktisch keine Möglichkeit einzuschreiten. Der Betrieb gibt die Drogen nicht selbst aus. Und die kleinen Plastiktütchen finden immer wieder ihren Weg vorbei an den Türstehern, obwohl die Taschen-, Schuh- und Abtastkontrolle im Berghain sich über mehrere Minuten hinziehen kann – im Fall von Jenifer auch mit Erfolg.

So sehr Drogen zum öffentlichen Bild von Clubkultur gehören, so sehr tun viele Clubs nach außen hin, als würden bei ihnen "nur" ab und an ein Bier zuviel getrunken. Sie verzichten komplett darauf, ihre Gäste über Risiken oder Safer-Use-Regeln zu informieren – aus Selbstschutz. Hinter vorgehaltener Hand berichten Techno-Clubs und -Festivals aus ganz Deutschland gegenüber VICE, dass sie Probleme mit den Ordnungsbehörden oder der Polizei bekämen, wenn sie ihre Gäste offensiv im Sinne einer Schadensminimierung über Drogen aufklärten. Währenddessen schmeißen die Raver einfach weiter.

Welche Schuld tragen Polizei und Politik?

Klaus Lederer, der Stellvertreter des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenator von Berlin, hat ebenfalls einen Auftritt in dem Spiegel-Artikel. Der Linken-Politiker wird mit den Worten zitiert: "Wenn der Nor­bert, dem das Berg­hain ge­hört, ein Pro­blem hat, dann fin­det er mich. Und wenn ich eins habe, dann fin­de ich den Nor­bert auch." Für Osang klingt das, als ob der Kultursenator mit dem "Lord der Finsternis" verhandle, als ob die Berghain-Macher die wahren Chefs der Stadt seien.

Auf Twitter schreibt Klaus Lederer, es habe sich um ein Hintergrundgespräch zum Thema Clubkultur gehandelt. Osang habe ihn zu keinem Zeitpunkt "zu dieser Sache" und dem Todesfall befragt.

Auch die Berliner Polizei kommt in dem Artikel nicht gut weg. Sie hat sich allem Anschein nach keinerlei Mühen gemacht, Rob – den Freund von Jenifer und Carlo –, seinen Toiletten-Dealer oder – noch wichtiger –, die Pillen, die Jenifer genommen hatte, ausfindig zu machen. Wären die etwa mit anderen Stoffen verunreinigt oder besonders hochdosiert gewesen, hätten die Behörden vor ihnen warnen und so verhindern können, dass sich andere Raver dem Risiko aussetzen.

Und damit liegt die Sache doch wieder bei Klaus Lederer und der Berliner Politik. Anders als in Österreich, der Schweiz und den Niederlanden haben Drogenkonsumenten hierzulande nicht die Möglichkeit, ihre Pillen und Pulver bei Drogenberatungsstellen abzugeben und im sogenannten Drugchecking auf ihre Zusammensetzung prüfen zu lassen. Die genauesten Informationen bieten noch Projekte wie "sauber drauf!", die Tests aus anderen Ländern sammeln. Da aber selbst identisch aussehende Pillen unterschiedlich zusammengesetzt sein können, bieten auch diese Angebote keine hundertprozentige Sicherheit.

Hessen und Berlin wollen deshalb Drugchecking auch hierzulande einführen, passiert ist allerdings noch nicht viel, außer dass Partygänger vor Berliner Clubs nach ihrem Konsumverhalten gefragt wurden und die Gesundheitssenatorin ankündigte, weitere 300.000 Euro in Aufklärungs- und Präventionsprojekte zu stecken. Der Fall von Jenifer zeigt, dass die Zeit drängt.

Der Spiegel schreibt, das Berghain habe sich zu den Recherchen nicht äußern wollen. Wie immer also, die Verschwiegenheit der beiden Betreiber Michael Teufele und Norbert Thormann gehört genauso zur medialen Berghain-Folklore wie die Vergleiche des Clubs mit einer Kirche oder Kathedrale. Aber das stimmt nicht ganz. Wenn es wichtig wird, gibt es auch im Berghain die berühmte Ausnahme.

Vor sechs Jahren äußerten sich Club und Betreiber, als die GEMA-Tarife reformiert werden sollten – die große Tariferhöhung blieb aus. Und als der damalige Justizminister Heiko Maas vor drei Jahren für ein Festival ins Berghain kam, gab ihm einer der beiden Chefs anschließend eine Tour durch die Anlage.

Die Berghain-Macher und ihr Team haben Jenifer weder Drogen verkauft noch sie dazu animiert, diese zu nehmen, schon gar nicht auf eine dermaßen riskante Weise. Trotzdem starb die 30-Jährige in letzter Konsequenz wohl auch, weil die Mitarbeiterin zögerte, Hilfe zu rufen. Allein deshalb sollte das Berghain jetzt erneut öffentlich Position beziehen. Der Club sollte seine Kontakte nutzen und so mit dafür sorgen, dass Drogengebrauch in Deutschland sicherer wird: durch mehr Prävention, weniger Stigmatisierung der Szene, und durch Drugchecking. Damit Fälle wie der von Jenifer nicht erneut geschehen. Denn eins steht auch fest: Auf den wochenendlichen Konsum wird der Tod der Touristin – vorerst – kaum einen Einfluss haben.

Wenn du schon einmal ambulant behandelt werden musstest, nachdem du Drogen genommen hast, – oder Freunde von dir – und mit dem Autoren über deine Erfahrung sprechen möchtest, erreichst du ihn per E-mail oder via Twitter.

Disclaimer: Der Autor war freier Mitarbeiter des Pop-Kultur Festivals, als dieses 2015 auf dem Gelände des Berghains stattfand.

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