aktivismus

Unser Planet ist so am Ende, dass viele Frauen bewusst keine Kinder kriegen

Ist es angesichts des fortschreitenden Klimawandels noch zu verantworten, Kinder in diese Welt zu setzen? Nein, sagen diese Aktivistinnen.
19 Dezember 2016, 8:00am
Image by Callie Beusman

Der Klimawandel ist real, anthropozentrisch und wird immer schlimmer. Im September 2016 hat der Kohlendioxidwert in der Atmosphäre einen unwiderruflichen Höchststand erreicht, vor dem uns Wissenschaftler schon seit Jahren warnen.

Trotz dieser extrem beunruhigenden Tatsache hat der designierte US-Präsident Donald Trump—der auch mal getwittert hat: „Die globale Erwärmung wurde von und für die Chinesen erfunden, damit amerikanische Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren"—vor Kurzem angekündigt, dass er Myron Ebell, einen bekannten Leugners des Klimawandels, auserwählt hat, um die Wende in der amerikanischen Umweltschutzbehörde anzuführen.

Kurz gesagt: Es sieht ziemlich schlecht für uns und unseren Planeten aus—doch noch viel schlechter steht es um unsere potenziellen Nachkommen: Forscher sagen, dass es die zukünftigen Generationen sein werden, die am meisten unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden werden, nicht wir. Vor dem Hintergrund dieser Tatsache haben einige Frauen angefangen, ihren Kinderwunsch noch einmal zu überdenken.

Mehr lesen: Junger Menschen wollen nach wie vor die Welt verändern—sie tun nur nichts dafür

Harriet Spark, Social-Media-Managerin und Tauchlehrerin aus Sydney, Australien, ist eine von ihnen. „Ich arbeite als Umweltaktivistin. Deshalb lese und lerne ich jeden Tag mehr über die unzähligen Probleme, vor denen unsere Welt stehen wird", sagt sie gegenüber Broadly. Im Rahmen ihrer Arbeit sieht Spark die desaströsen und schon jetzt unleugbaren Konsequenzen des Klimawandels, wie die großflächige Korallenbleiche am Great Barrier Reef.

Sparks Entscheidung, keine Kinder zu bekommen, beruht auf zwei Überlegungen: Sie will nicht zu der bereits existierenden Ressourcenverknappung beitragen, indem sie einen weiteren Menschen auf diesen Planeten bringt und sie will auch keine Kinder in eine Welt setzen, die in ihren Augen dem Untergang geweiht ist. „Das klingt vielleicht dramatisch, aber ich bin einfach nur realistisch", sagt Spark. „Unser derzeitiger Lebensstil verkraftet einfach keine zusätzlichen Menschen mehr."

Da gab es diese Zahl: 9.441. Das ist die Summe der zusätzlichen Tonnen Kohlenstoff, die man mit jedem einzelnen Kind, das man bekommt, zur Atmosphäre hinzufügt.

Stefanie Weiss, eine New Yorker Schriftstellerin Mitte 40, hat aus Sorge vor der Umwelt ebenfalls entschieden, kinderlos zu bleiben. „Ich habe vor Jahren von einer Studie gelesen", sagt Weiss gegenüber Broadly und meint damit eine Studie aus dem Jahr 2008, die von zwei Forschern von der Oregon State University in den USA durchgeführt wurde. „Da gab es diese Zahl: 9.441. Das ist die Summe der zusätzlichen Tonnen Kohlenstoff, die man mit jedem einzelnen Kind, das man bekommt, zur Atmosphäre hinzufügt. Das kann man niemals wieder rückgängig machen. Das hat meine Pläne komplett umgeworfen."

In derselben Studie wurden die 9.441 Tonnen Kohlenstoffdioxid ins Verhältnis gesetzt: Wenn eine Durchschnittsfrau ihr Leben lang Zeitungen, Magazine, Glas, Plastik, Aluminium und Blechdosen recycelt, dann würde sie der Umwelt lediglich 17 Tonnen Kohlenstoffemission sparen.

Die Überlegung, aufgrund des jämmerlichen Zustands dieser Welt keine Kinder zu bekommen, ist nicht neu. Gruppen wie Conceivable Future hingegen schon. Die gemeinnützige Organisation aus dem amerikanischen New Hampshire versucht, „ein Bewusstsein für die Bedrohung zu schaffen, die der Klimawandel für unsere reproduktive Gerechtigkeit darstellt." „Unsere ergänzende Frage ist, wie der Klimawandel die reproduktive Freiheit der Menschen einschränkt", sagt Meghan Kallman, die Mitbegründerin von Conceivable Future. „Das ist eine Frage, mit der sich sehr viele Menschen beschäftigen."

Folgt Broadly bei Facebook, Twitter und Instagram.

Über lokale Gruppen und Vertretungen in den gesamten USA hofft die Organisation, mit Frauen in allen Teilen des Landes ins Gespräch zu kommen. „Wir möchten Menschen den Raum geben, um über diese sehr persönliche und zutiefst politische Entscheidung, die sich auch auf das Leben jedes einzelnen auswirkt, nachzudenken", sagt Kallmann.

Die gemeinschaftlich organisierten Events von Conceivable Future finden in alten Mühlen oder Kinos statt, aber in der Regel treffen sie sich bei irgendwem zu Hause, sagt Kallmann. Die Ansichten der Frauen sind meist genauso vielfältig wie die Veranstaltungsorte. „Es gibt einige Leute, die fest davon überzeugt sind, dass sie keine Kinder haben wollen. Andere haben beschlossen, dass sie Kinder kriegen wollen und wieder andere sind noch unentschlossen", sagt Kallman. „Manchmal sind bei den Meetings auch viele Kinder dabei [die mit ihren Müttern kommen]."

Die Interessensgruppe denkt allerdings nicht nur über die Frage nach, was der Klimawandel für die reproduktive Zukunft von Frauen bedeutet. „Die Leute, mit denen wir uns zusammentun, machen alle möglichen Dinge—Dinge, mit denen sie das [politische] System verändern wollen", sagt Kallman.

Die Organisation wirbt aktuell mit 68 „Erfahrungsberichten"—geschriebenen oder auf Video aufgezeichneten Dokumenten, die den Menschen eine Stimme verleihen, die angesichts des Klimawandels mit der Frage, ob sie Kinder bekommen wollen, hadern. „Die Idee hinter den Erfahrungsberichten ist, dass dein Leben und die gelebten Erfahrungen stärker dazu beitragen können, die politischen Strukturen zu verändern, als alle Tabellen und Zahlen der Welt", sagt Kallman.

Junge Frauen nehmen die Diskussion in der Regel sehr viel ernster und betrachten die Botschaft als eine Form der Selbstbestimmung.

Die Entscheidung, ob man Kinder bekommen möchte, ist für Frauen meist kein einfacher Prozess, sagt Kallman. Dennoch sind sie gegenüber dem Argument, dass es die beste Entscheidung für die Umwelt wäre, keine Kinder zu bekommen, in der Regel sehr viel empfänglicher. „Ich habe beobachtet, dass die Reaktionen sehr stark geschlechtsabhängig sind", sagt Travis Rieder, Leiter eines Bioethikprogramms an der Johns Hopkins University in Baltimore.

„Junge Frauen nehmen die Diskussion in der Regel sehr viel ernster und betrachten die Botschaft als eine Form der Selbstbestimmung", sagt er weiter. „Ich war Dozent in Georgetown tätig und habe an der Hopkins University unterrichtet. Das sind alles sehr ambitionierte junge Menschen. Ich kann mir vorstellen, dass viele dieser Frauen das Thema Familienplanung vor dem Hintergrund ihrer beruflichen Karriere sowieso schon als Herausforderung betrachtet haben."

Junge Männer, sagt er, denken sehr viel seltener darüber nach, keine Kinder zu bekommen. „Nach all meinen Jahren als Dozent kann ich die Zahl der Männer, die ihre Meinung dazu schnell geändert haben, an einer Hand abzählen", sagt Rieder. „Sie sind sehr lautstarke Gegner." In Rieders Augen macht es Sinn, dass Männer normalerweise eher weniger über den Einfluss ihrer reproduktiven Entscheidungen nachdenken: „Ich kann mir vorstellen, dass viele Männer bewusst oder unbewusst immer davon ausgegangen sind, dass sie immer in der Lage sein werden, eine Familie zu gründen, weil jemand anders den Großteil der Arbeit macht", erklärt er.

Mehr lesen: Warum der Aufstieg rechter Parteien den Untergang reproduktiver Rechte bedeutet

Weiss, die New Yorker Schriftstellerin, findet die Theorie über die männliche Arroganz ebenfalls sehr plausibel. „Es waren überwiegend Männer—im persönlichen Umfeld oder online—, die mir gesagt haben, dass es egoistisch sei, so eine Entscheidung zu treffen", sagt sie. „Als ich die Entscheidung [keine Kinder zu bekommen] getroffen habe, war ich in einer ernsthaften Beziehung mit meinem damaligen Freund. Obwohl wir noch nicht einmal an dem Punkt in unserer Beziehung angekommen sind, wo wir über Kinder nachgedacht haben, war meine Entscheidung ein riesiger Streitpunkt. Er war der Meinung, dass ich aus ethischer Sicht Unrecht hätte und egoistisch sei."

Weiss selbst findet ihre Entscheidung pragmatisch und moralisch absolut zu vertreten: Die Welt kann nicht noch mehr Menschen ernähren, also wird sie kein neues Leben in diese Welt setzen. Die Ironie, dass ihr Ex-Freund, sie „egoistisch" genannt hat, ist ihr nicht entgangen. „Das liegt daran, dass Männer noch nicht einmal über die Entscheidung, die Frauen zu treffen haben, nachdenken müssen. Es betrifft schließlich weder ihre Karriere noch ihren Körper."