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Erfundene Storys für Klicks: das Leben als deutsche Boulevardredakteurin

Schwanger oder starke Zunahme? Ungünstiger Winkel oder schlimme Cellulitis? Klatschmagazine leben davon, die Wirklichkeit zu verzerren. Wie weit dabei stellenweise gegangen wird, wissen die Leser meist nicht.

von Lisa Ludwig
11 August 2016, 8:10am

Illustration: Sarah Schmitt

„Ich weiß nicht genau, wann es angefangen hat. Vielleicht in meinem zweiten Jahr", sagt Katja*, „Irgendwann hatte ich das Gefühl, eine Heuchlerin zu sein, die ihre Ideale und Überzeugungen für eine zweifelhafte Anerkennung innerhalb eines zweifelhaften Großkonzerns über Bord geworfen hat." Die Mittzwanzigerin ist Volontärin bei einem der größten Verlagshäuser Deutschlands und arbeitet für eine Boulevardseite. Traumjob, dachte sie mal. Mittlerweile hat sich das geändert.

Die InStyle oder Gala zum Schmökern mit ins Schwimmbad nehmen, in der Mittagspause am Schreibtisch auf den Webseiten von Promiflash oder der Bunten checken, ob irgendein C-Promi irgendetwas Interessantes gemacht hat—ein grundlegendes Interesse an Klatsch schlummert in den meisten von uns. Auch wenn die Wenigsten es offen zugeben wollen. Besonders beschämend ist dabei, dass wir dabei vor allem auf Negativschlagzeilen anspringen, weil wir uns dadurch besser fühlen.

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„Speziell bei Frauen ist der soziale Vergleich im Bezug auf Äußeres und Auftreten sehr deutlich ausgeprägt", erklärt Medienpsychologe Prof. Dr. Jo Groebel gegenüber Broadly. Wer sieht, dass auch Jennifer Lopez Cellulite hat, fühlt sich eben gleich ein bisschen besser mit sich selbst. Selbst, wenn die Bilder aus einer bewusst unvorteilhaften Perspektive geschossen oder mutwillig bearbeitet wurden. Ist ja alles nur leichte Unterhaltung.

Diese zum Teil auch ironische Distanz zum Thema ist den Leuten, die diese Art von Inhalt Tag für Tag produzieren müssen, verwehrt. Wer sich, gefangen zwischen Vergnügen und Scham, durch die Heftchen blättert, denkt vielleicht darüber nach, ob es moralisch denn nun wirklich so vertretbar ist, intimste Informationen über andere Menschen zu konsumieren—die zum Teil gegen deren Willen veröffentlicht wurden. Gleichzeitig ist man aber auch „nur" passiver Konsument. Nicht die Person, die das Leben anderer in möglichst reißerische Überschriften presst.

Nachdem der anfängliche Stolz verflogen war, musste ich mich erst mal betrinken.

„Der ‚Höhepunkt' meiner Karriere als Boulevardjournalistin war ein vollkommen sinnfreier Artikel über eine Schauspielerin, die ein bisschen zugenommen hatte", erzählt Katja. Ein Fakt, der natürlich durch möglichst viele, möglichst freizügige Bikinifotos illustriert werden musste. Rund 200 Wörter Text—natürlich nicht ohne den Seitenhieb, dass der neue Liebhaber der Frau nun etwas mehr zum „anpacken" hätte—und der Hinweis „Hier gibt's die Beweisfotos!" in der Überschrift: Fertig war der Text, der später 100.000 Mal geklickt werden sollte. Vom Chef gab es ein Schulterklopfen vor versammelter Belegschaft und die Anregung, ruhig mehr in die Richtung zu machen.

„Mein Kollege veröffentlichte zeitgleich ein knallhartes und wochenlang recherchiertes politisches Stück, das aber sehr schnell wieder in den Untiefen unserer Website verschwand, da es im direkten Vergleich einfach zu wenig Klicks generiert hatte", sagt Katja. „Nachdem der anfängliche Stolz verflogen war, musste ich mich erst mal betrinken."

Selbst Schuld, könnte man sagen. Dass Investigativreportagen im Boulevardjournalismus kaum Platz haben, dürfte nun kaum jemanden überraschen. Gleichzeitig greift natürlich auch (oder vielleicht sogar gerade) im Klatschbereich die Maxime, nach der der Großteil der nicht kostenpflichtigen Online-Magazine arbeitet: Reichweite zählt. Was funktioniert, ist automatisch gut. Aufmerksamkeit bekommt—wie damals auf dem Pausenhof—die Person, die am lautesten schreit. Unklar ist für viele Außenstehende allerdings, wie genau diese sensationsheischenden Geschichten eigentlich entstehen.

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„Als ich vor drei Jahren in dieser Industrie gelandet bin, hatte ich noch Träume", sagt Katja. „Ich wollte Exklusivgeschichten schreiben, Interviews führen und Dinge aus meinem Gegenüber herausquetschen, die andere noch nicht wussten." Die Realität eines Jobs, dessen Erfolg sich primär in Zugriffszahlen misst, holte sie schnell ein. Laut Katja gibt es einen regelrechten Wettbewerb um die „besten", emotionalsten Geschichten—und sie lernte schnell, sich zu behaupten. Stolz darauf ist sie im Nachhinein allerdings nicht, dutzende Frauen auf dem Weg nach „oben" degradiert und diffamiert zu haben.

„Ich packte Überschriften und Artikel mit fiesen Infos und losen Behauptungen voll. Der Babybauch von Sabia Boulahrouz werfe ja Fragen auf. Er sei nicht dem sechsten Monat entsprechend groß und sie somit eine Lügnerin und gar nicht wirklich schwanger", erzählt sie. „Ich machte Instagram-Bilder zur Grundlage von meinen sehr kurzen, aber schmierigen Artikeln. Ich versuchte sogar, bei Interviews auf dem roten Teppich Promidamen dazu zu kriegen, über ihre Kolleginnen zu lästern. Nur damit ich eine Story hatte, die fleißig geklickt wurde."

Ich kannte keinen Halt mehr und ließ meiner Fantasie freien Lauf—und das auf Basis eines Instagram-Posts von ihrem etwas verquollenen Gesicht.

Was Traffic bringt, wird—zumindest von Firmenseite aus—selten in Frage gestellt. „Unserer Arbeit als Boulevardjournalisten liegen nun mal Methoden zugrunde, die nicht immer dem entsprechen, was üblicherweise von einem korrekt arbeitenden Journalisten, ethisch, moralisch und seitens des Presserates, erwartet werden sollte."

Dass das überhaupt möglich ist, ist presserechtlich einfach zu erklären, sagt Fritz Hausjell, Professor für Publizistik an der Universität Wien. „Solange keine betroffene Person, Firma, Organisation oder Partei klagt, passiert nichts." Zwar befasse sich der Presserat durchaus „mit ethischen Verfehlungen in der heimischen Boulevardpresse. Allerdings ist auch hier in der Regel eine Eingabe durch Leser_innen oder Betroffene nötig, gleichwohl gelegentlich der Presserat auch von sich aus tätig wird, wenn ihm etwas auffällt." Erst mal machen und dann einfach hoffen, das niemand klagt—kein ideales Lehrumfeld für Jungredakteure, die noch ganz am Anfang ihrer journalistischen Laufbahn stehen.

Symbolfoto: imago | Seeliger

Trotzdem: Insbesondere für junge Menschen mag der Moment, in dem der eigene Name über einem Artikel prangt, der tausendfach in sozialen Netzwerken geteilt wird, wie eine Droge sein. Auch Katja gibt zu, es „geil" gefunden zu haben, wenn die Leute über ihre Artikel sprachen—egal ob positiv oder negativ. Jedwede Aufmerksamkeit, insbesondere dann, wenn ein Artikel kontrovers diskutiert wird, schärft erst einmal das Verständnis dafür: Die Leute reden über mich. Meine Gedanken sind wichtig. Der hilfesuchende Blick zum Chef wird mit einem bestätigenden Nicken quittiert. Läuft ja, was man da macht. Also weiter.

„Einmal habe ich in einem Artikel die Frage aufgeworfen, was mit dem Gesicht einer Z-Prominenten passiert sei. Ich schrieb lang und breit darüber, dass sie total entstellt aussehe, dank Schönheits-OPs versteht sich", erzählt Katja. „Ich kannte keinen Halt mehr und ließ meiner Fantasie freien Lauf—und das auf Basis eines Instagram-Posts von ihrem etwas verquollenen Gesicht. Wahrscheinlich hatte sie am Abend zuvor nur etwas zu tief ins Glas geschaut, aber das war mir egal." Die positive Bestätigung folgte auf dem Punkt; über den großen Bildschirm im Büro, der ständig einen Überblick darüber lieferte, welche Artikel gerade besonders gut liefen.

Die Zweifel daran, ob das wirklich alles so richtig ist, kamen schleichend. Mal waren es Diskussionen beim abendlichen Trinken gehen im Freundeskreis, die sich Katja noch dadurch schönredete, dass ihre Freunde einfach keine Ahnung davon hätten, worauf es in ihrem Job ankommt. Mal war es ein unangenehmes Bauchgefühl, weil sich das eigene Schaffen so gar nicht mit den moralischen und feministischen Überzeugungen in Einklang bringen ließ. Der endgültige Wendepunkt kam allerdings am 13. November 2015, als mehrere gezielte Terroranschläge Paris erschüttern und 129 Menschenleben fordern.

„Seitdem drängt sich mir mehr und mehr die Frage auf, ob ich vertreten kann und will, dieses Spiel weiter aktiv mitzuspielen, ob ich meine Fähigkeiten nicht, sagen wir mal, ‚gesellschaftlich relevanter' einsetzen sollte", sagt Katja und schiebt direkt nach, dass ihr durchaus bewusst ist, wie „kitschig" das klingen mag. „In dieser Phase begann ich auch erstmals, die Mechanismen und Konstrukte innerhalb der Boulevard-Verlagswelt wirklich wahrzunehmen." Boulevard als schneller Eskapismus, der „den kleinen Voyeur in uns allen befriedigt", wie Katja es ausdrückt, hat durchaus seine Berechtigung. Die Frage, die bleibt, ist: Muss es ihn in dieser Form geben?

In dieser Phase begann ich auch erstmals, die Mechanismen und Konstrukte innerhalb der Boulevardverlagswelt wirklich wahrzunehmen.

Wenn wir darüber sprechen, dass Boulevardjournalismus sich an vermeintlichen Unzulänglichkeiten anderer—bevorzugt prominenter Frauen—weidet, liegt der Schluss nahe, dass das unter anderem auch daran liegen könnte, dass die obersten Verlagsbosse nach wie vor größtenteils männlich sind und dadurch kein explizites Problem mit Sexismus und fragwürdigen Geschlechterbildern haben. „Es ist ja nicht so, dass mein unmittelbarer Textchef die Vorgaben macht, nach denen er unsere Texte prüft", bestätigt auch Katja. „Die großen Verlagshäuser werden von Männern geführt, die gerne mal jedem Klischee gerecht werden."

Gleichzeitig scheint es durchaus Bemühungen zu geben, boulevardeske Inhalte und eine feministische Grundeinstellung nicht länger als unvereinbare Gegenpole zu verstehen. So gab es 2014 im Berliner taz Café eine Veranstaltung zur „Boulevardisierung der Medien", zu deren abschließender Podiumsdiskussion ausschließlich Redaktionsleiterinnen geladen waren. Dort äußerte Bild am Sonntag-Chefredakteurin Marion Horn beispielsweise, dass bestimmte Boulevardstücke zwar durchaus „Männergewalt gegen Frauen" seien, es ihr aber deswegen wichtig sei, auch auf Expertenebene betont mehr Frauen einzubinden. Ines Pohl von der taz wiederum betonte, dass es auch im Boulevard primär um Aufklärung und Information, nicht um das Bedienen von Ressentiments, gehe.

Boulevardjournalismus ist dann kritisch zu beurteilen, wenn er sich den wesentlichen gesellschaftlichen Fragen nicht stellt.

Auch Fritz Hausjell wehrt sich dagegen, Boulevardjournalismus grundlegend als etwas Negatives zu sehen. Bereits 2011 schrieb er in einem Kommentar für News: „Die demokratische Gesellschaft braucht Boulevard ebenso sehr wie ,seriöse' Medien." Gegenüber Broadly erklärt er, wo die Qualitäten boulevardesker Berichterstattung liegen können. „Unter gutem Boulevardjournalismus kann jener Journalismus verstanden werden, der dem Umstand Rechnung trägt, dass in der Gesellschaft viele nicht zu formal höherer Bildung gelangen und/oder arbeitsbedingt weniger Zeit als andere für die Mediennutzung haben. Für sie ist knapp gehaltener, einfach verständlicher Journalismus nützlich."

In vielen deutschen Redaktionen sieht die Realität allerdings anders aus. „Boulevardjournalismus ist dann kritisch zu beurteilen, wenn er sich den wesentlichen gesellschaftlichen Fragen nicht stellt und überwiegend auf Themen wie Kriminalität und Prominenz, dabei zumeist spekulativ vorgeht, Verschwörungstheorien anhängt, Vorurteile schafft oder weiter unreflektiert bedient", sagt Hausjell.

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Katja wird ihr Volontariat beenden und sich danach vom Boulevard abwenden. Sie ist ehrgeizig, sagt sie, und hat verstanden, wie die Mechanismen der Klatschpresse funktionieren. Vielleicht hätte ihr die ganz große Karriere in diesem Bereich gewunken. Einzig: Sie will es nicht mehr. Die Moral hat gesiegt. „Wir Frauen haben heute mehr denn je die Chance, in dieser durch das Netz demokratisierten Medienwelt, einen Unterschied zu machen", sagt sie. „Dieser Unterschied ist bestimmt nicht von Anfang an mit einem sicheren Gehaltscheck, unbefristetem Arbeitsvertrag und Sozialleistungen begleitet, aber es gibt ihn."

Das journalistische Klatschrad wird sich auch ohne sie weiterdrehen—trotz der Tatsache, dass immer mehr Prominente ihr Privatleben über die sozialen Netzwerke freiwillig mit der Öffentlichkeit teilen. „Boulevardjournalismus leistet ja nicht nur die Klatsch- und Tratschstorys der Prominenten, die diese ohnedies gerne erzählen, sondern auch die Geschichten, auf die Prominente nicht stolz sind und daher selbst nicht ins Netz stellen", sagt Fritz Hausjell. „Diese Form des Boulevardjournalismus wird es noch so lange geben, wie Menschen aus einer Vielzahl von Motiven sich diesen Medieninhalten gerne zuwenden: Neid und Missgunst gegen andere, Trost der Unzulänglichkeiten im eigenen Leben, Stoff für Smalltalk, parasoziale Beziehungen zu Stars oder auch Empathie gegenüber Menschen, denen man (zum Glück) im realen Leben nie begegnen wird."


*Name geändert