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Drunkorexia: Wenn man weniger isst, um mehr trinken zu können

Jahrelang wurde das Verhalten für eine Art Studentenmythos gehalten, jetzt beschäftigt sich allerdings auch die Wissenschaft mit der unheilvollen Verbindung aus Essstörung und Alkoholismus.

von Gabby Bess
06 Juli 2016, 6:10am

Photo by Guille Faingold via Stocksy

Alice*, lebt in Großbritannien und erinnert sich noch genau an der Rat, den ihr ihre Schwester vor ihrem ersten Jahr an der Uni gegeben hat. „Ich war gerade dabei, mich von einer Essstörung zu erholen und eine Sache, an die ich mich noch genau erinnern kann, ist, dass mir meine große Schwester von den ‚Ersti-Kilos' erzählt hat. Dass man zunimmt, weil man so viel trinkt", schreibt sie in ihrer Mail.

Ihre Schwester riet ihr, Schnaps mit zuckerfreien Getränken zu mischen, um Kalorien zu sparen. Doch Alice ging noch einen Schritt weiter. „Bevor ich abends wegging—was im ersten Jahr so ungefähr vier Mal die Woche war oder manchmal auch öfter—, habe ich nur eine Schüssel Special K oder irgendwelche anderen kalorienarmen Cornflakes gegessen—ohne Milch. Ich dachte, so müsste ich weniger Geld für Alkohol ausgeben, um betrunken zu werden und würde auch weniger Kalorien zu mir nehmen, eine Win-Win-Situation also", sagt sie, klingt davon jedoch selbst nicht ganz überzeugt. Aber wahrscheinlich ist es eben so, sich an all die dummen und auch potenziell gefährlichen Sachen zu erinnern, die man in der Unizeit gemacht hat.

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Das Phänomen Drunkorexia, also dass man seine Kalorienaufnahme einschränkt, um „mehr Platz" für kohlehydratreiche alkoholische Getränke zu machen, hat schon früher Schlagzeilen gemacht. 2008 schrieb die New York Times in der Sektion „Fashion & Style" über die Essstörung und sorgte damit erst mal für Verwirrung. Damals gab es nur wenige persönliche Anekdoten über Drunkorexia, es fehlten die wissenschaftlichen Belege. Einige nannten es auch einen aufgebauschten Mythos, der junge Leute schlecht aussehen lassen sollte. Mittlerweile gibt es jedoch eine neue Untersuchung der US-amerikanischen Research Society on Alcoholism, die zeigt, dass Drunkorexia sehr wohl existiert und gerade unter Studenten weit verbreitet ist. Ihr Ziel ist es, entweder zu verhindern, zu viele Kalorien zu sich zu nehmen, für wenig Geld unheimlich betrunken zu werden oder eben beides. Forscher sagen, dass Drunkorexia eng mit Fällen von Alkoholmissbrauch verbunden ist und besonders negative Folgen für die Gesundheit haben kann. Dennoch glauben viele „Drunkorexics", es sei vernünftig, als Ausgleich zum Feiern Kalorien zu zählen.

„Wir wissen bereits, dass es nicht darauf ankommt, wie viel oder wie oft Studenten trinken. Das Risiko, dass einem der eigene Alkoholkonsum Probleme bereitet, hängt vielmehr damit zusammen, wie man trinkt", sagt Dr. Dipali V. Rinker, Assistenzprofessorin der psychologischen Fakultät der Universität von Houston, während eines Telefonats mit Broadly. „Ich wollte untersuchen, wie das Verhalten von Studenten vor, während und nach dem Trinken aussieht", sagt sie.

Nachdem sie College-Studenten auf dem Campus und online befragt hat, konnte Dr. Rinker feststellen, dass viele Studenten komplexe Verhaltensmuster entwickeln, um ihren Alkoholkonsum zu kompensieren. „Sie essen weniger, um schneller betrunken zu werden—ganz offensichtlich macht es einen Unterschied, ob man auf vollen Magen trinkt oder auf leeren—, sie beschränken ihre Nahrungsaufnahme tagsüber [wenn sie vorhaben, später trinken zu gehen], sie achten beim Trinken auf kalorienarme Getränke und am darauffolgenden Tag essen sie zum Ausgleich Nichts oder gehen exzessiv trainieren. Außerdem gibt es auch ein bulimieähnliches Kompensationsverhalten."

Wer denkt, dass ein typischer Student viel trinkt, neigt selbst dazu, mehr zu trinken.

Melissa* beschreibt, wie diese Methode in der Praxis aussehen kann: „Immer wenn ich ins Fitnessstudio gegangen bin, hab ich mir danach selbst das OK gegeben, um später am Abend zu trinken, weil ich den Großteil der Kalorien oder alle, die ich zu mir genommen habe, verbrannt habe", sagt sie in ihrer Mail. Um es in harten Fakten auszudrücken (Dr. Rinkers Untersuchung zu diesem Thema wurde bisher noch nicht veröffentlicht): Im Australian Psychologist erschien eine Studie, in der festgestellt wurde, dass 57,7 Prozent der befragten Studentinnen ihren Alkoholkonsum in irgendeiner Form auszugleichen versuchen.

Dr. Rinker sagt, wer versucht, sein Trinkverhalten zu kompensieren, trinkt im Vergleich zu anderen, die das nicht tun, sehr viel mehr und hat häufiger Probleme mit seinem Alkoholkonsum. Und obwohl diese Verbindung aus Essstörung und Alkoholproblem ganz offensichtlich riskant ist, sind sich viele Menschen, die Diät halten, um mehr trinken zu können, dessen oft gar nicht bewusst, sagt sie.

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„Wer denkt, dass ein typischer Student viel trinkt, neigt selbst dazu, mehr zu trinken", sagt Dr. Rinker ganz allgemein über das Problem mit dem studentischem Alkoholkonsum. Dasselbe gilt auch für Drunkorexia, was zu allem Überfluss ein selbstverstärkendes Problem zu sein scheint. Obwohl solche kompensatorischen Verhaltensweisen in Bezug auf das eigene Trinkverhalten „sehr viel verbreiteter sind, als [sie] erwartet hätte", sagt Dr. Rinker, sind Studenten meist der Meinung, dass ihre Kommilitonen sehr viel stärker davon betroffen sind, als sie selbst. Sie sagt auch, dass Frauen, die in der Vergangenheit bereits unter einer Essstörung litten, eher dazu neigen, solche Verhaltensweisen zu entwickeln.

Überraschenderweise kann das gestörte Trinkverhalten oft allein schon dadurch eingedämmt werden, dass man Studenten darüber in Kenntnis setzt, dass sich ihre Kommilitonen in Wahrheit gar nicht so oft volllaufen lassen. „Es geht immer nur darum: Jeder tut es, also tue ich es auch—selbst wenn das gar nicht stimmt. Wie wir herausgefunden haben, trinken Studenten sehr viel weniger, wenn wir ihnen sagen, dass die tatsächliche Menge, die ein durchschnittlicher Student trinkt, sehr viel geringer ist als das, was sie selbst trinken", sagt sie. Das könnte also der erste Schritt sein, um dem Problem zu begegnen. „Sie darüber zu informieren, wie ein normales Trinkverhalten aussieht, wäre sicherlich eine von vielen wirksamen Maßnahmen."


*Namen wurden geändert.

Foto: femme run | Flickr | CC BY-ND 2.0

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