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Männer brechen revolutionäre Verhütungsstudie wegen „Stimmungsschwankungen" ab

Forscher haben eine hormonelle Verhütungsmethode für Männer gefunden, die eine Erfolgsrate von 96 Prozent hat—und ähnliche Nebenwirkungen wie die Pille.

von Sarah Hagi
02 November 2016, 8:20am

Photo by J Danielle Wehunt via Stocksy

Frauen sind sich der Nebenwirkungen und der Verantwortung, die hormonelle Verhütungsmittel mit sich bringen, nur allzu bewusst. Erst im September erschien eine dänische Studie, die den langgehegten Verdacht vieler Frauen bestätigte und feststellte, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen hormonellen Verhütungsmitteln wie der Pille und Depressionen gibt—dabei werden die Nebenwirkungen hormoneller Verhütungsmittel schon von Anfang an dokumentiert. Eine neue Studie der Universität von Edinburgh kam nun zu dem Ergebnis, dass Männer vielleicht schon sehr viel eher als bisher erwartet in der Lage sein könnten, die Bürde mit der hormonellen Verhütung zu übernehmen. Mehrere Teilnehmer brachen die Studie allerdings vorzeitig ab, weil sie über Nebenwirkungen klagten. Nebenwirkungen, die ziemlich nach dem klingen, was Frauen seit Jahrzehnten durchmachen, wenn sie hormonell verhüten: Stimmungsschwankungen.

Die Studie stellte fest, dass die Verhütungsspritze für den Mann mit einer Erfolgsrate von 96 Prozent fast genauso effektiv sein könnte wie die Pille (99,9 Prozent). Insgesamt wurden für die Studie 320 Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren angeworben, die über einen Zeitraum von 56 Wochen Injektionen erhielten. Diese bestanden aus zwei Hormonen: Gestagen, das die Zahl der Spermien reduziert und Testosteron, das die anderen Effekte von Gestagen verringert (Progesteron mindert nämlich auch den Testosteronspiegel).

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Versuche, sichere und effiziente hormonelle Verhütungsmittel für den Mann zu finden, sind nichts neues. Seit den 1920er-Jahren wurden schon unzählige Versuche unternommen, ein geeignetes Verhütungsmittel für Männer zu finden. Die meisten Methoden wurden allerdings nie am Menschen getestet, wie beispielsweise Kalziumkanalblocker, die verhindern, dass die Spermien eine Eizelle befruchten können und bei Ratten zu einer dauerhaften Unfruchtbarkeit führten. In den 70er-Jahren gab es in China eine breit angelegte klinische Untersuchung, bei der ein orales Verhütungsmittel namens Gossypol getestet werden sollte. Der Wirkstoff wurde aus einer Pflanze gewonnen, von der angenommen wurde, dass sie die Spermienzahl bei Männern reduziert. Ende der 1990er-Jahre musste die Studie allerdings auf Anordnung der World Health Organization eingestellt werden, da die Spermienzahl bei zu vielen der teilnehmenden Männer dauerhaft abgenommen hatte.

Obwohl die Nebenwirkungen des aktuellen Präparats deutlich weniger dramatisch waren, „brachen von 20 Männern sechs die Einnahme lediglich wegen Stimmungsänderungen ab", so der offizielle Bericht. „Weitere sechs beendeten die Einnahme aus folgenden individuellen Gründen: Akne, Schmerzen oder Panik bei den ersten Injektionen, Herzklopfen, Bluthochdruck und Erektionsstörungen." Die verbliebenen acht Teilnehmer schieden aus Gründen aus, die ebenfalls im Zusammenhang mit Stimmungsveränderungen standen.

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Trotzdem verbuchen die Forscher das Ergebnis der Studie als Erfolg für die Zukunft von Verhütungsmitteln. In einer Pressemitteilung sagte Mario Philip Reyes Festin von der WHO: „Die Studie hat herausgefunden, dass es möglich ist, hormonelle Verhütungsmittel für Männer zu entwickeln, die das Risiko einer ungeplanten Schwangerschaft bei deren Partnerinnen reduzieren."

Diese Meinung vertrat auch Richard Anderson, einer der Autoren der Untersuchung, im Gespräch mit Broadly. Er ist der Ansicht, dass die Studie „ein großer Fortschritt ist", obwohl noch ein langer Weg vor ihnen liegt, bevor das Produkt tatsächlich auf den Markt kommen kann. Auch wenn die Studie aufgrund der Nebenwirkungen behindert wurde, sagt Anderson, „haben viele der Teilnehmer nur von sehr leichten Nebenwirkungen berichtet und es sind auch nicht besonders viele aus der Studie ausgeschieden." Das heißt, obwohl es Bedenken gab, haben sich diese letztendlich als ziemlich harmlos entpuppt. Einige Teilnehmer gaben lediglich an, dass sie sich „etwas down fühlten."

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Im Großen und Ganzen, sagt Anderson, hoffen sie durch die Entwicklung von hormonellen Verhütungsmethoden für Männer vor allem, die derzeitige Auswahl an Verhütungsmethoden vergrößern zu können. „Am Ende geht es nur darum, dass es diese Möglichkeit gibt und wenn sie die Nebenwirkungen inakzeptabel finden, hören sie eben damit auf und suchen sich eine andere Methode", sagt Anderson. „Es geht darum zu versuchen, die verfügbaren Optionen auszubauen, damit jeder eine Methode finden kann, die ihm passt."

Das ist aber längst nicht die einzig vielversprechende Entwicklung auf dem Gebiet der männlichen Verhütungsmittel. Laut Anderson planen Forscher aus den USA eine Studie zu einem hormonellen Verhütungsmittel in Gelform. „Das wäre etwas, was Männer selbst anwenden könnten, anstatt zum Arzt gehen zu müssen", sagt er. Außerdem gab es erst vergangenes Jahr ein privates Unternehmen, das Pläne für eine „reversible Vasektomie" namens Vasalgel vorgestellt hat—eine Verhütungsmethode, die ganz ohne Hormone auskommen würde.


Foto: David Goehring | Flickr | CC BY 2.0