Kunst

Diese Neuinterpretationen klassischer Tarotkarten sind sexy, düster und divers

Eine Gruppe von Kuratorinnen hat über 70 verschiedene Künstler zusammengebracht, die gemeinsam ein modernes, feministisches und vor allem auch diverses Tarot-Deck erschaffen haben, das die mittelalterliche Bildsprache der klassischen Karten in die...

von Sirin Kale
09 Januar 2017, 8:00am

Nine of Cups, by Lauren Crow​

„Ich habe den Eindruck, dass viele Frauen Mitte 20 eine gewisse Sehnsucht nach Hexerei und dem Okkulten haben. Das liegt zum Teil auch an Filmen wie Der Hexenclub oder Sendungen über Teenager-Hexen", erklärt Ione Gamble, Chefredakteurin des Magazins Polyester und Ko-Kuratorin einer Kunstausstellung, die durch Tarot inspiriert wurde. „Hexerei und eine Teenager-Hexe zu sein war für viele Heranwachsende etwas umheimlich Erstrebenswertes—als wäre man nur ein echter Außenseiter, wenn man eine Hexe ist."

Ich bitte Gamble zu erklären, warum sich so viele Frauen für alternative Formen von Spiritualität interessieren: das Okkulte, Tarot, Sexualmagie und die altmodische Hexerei. Obwohl wir uns unaufhaltsam auf eine neoliberale, spätkapitalistische und männlich geprägte Gesellschaft zubewegen, beschäftigen sich viele Menschen mit Spiritualität, was gemeinhin als klassisch weiblich gilt.

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„Ich denke nicht, dass Menschen, die sich für Hexerei oder Tarot interessieren, auch zwangsläufig daran glauben müssen", meint Gamble. „Es geht dabei vielmehr darum, dass Frauen und andere Randgruppen zusammenkommen und die Welt außerhalb der traditionellen patriarchalen Sichtweisen betrachten."

„As der Schwerter" von Laurence Philomene

Zu diesem Zweck hat Gamble—gemeinsam mit ihren Ko-Kuratorinnen Liv Thurley, Laurence Philomene von dem feministischen Kunstkollektiv The Coven und Isabella Podpadex von der britisch-isländischen Punk-Pop-Band Dream Wife—über 70 bekannte und unbekannte junge Künstler zusammengebracht, um das Tarot-Deck des 21. Jahrhunderts zu entwickeln.

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Hieraus entstand die Ausstellung What Does Our Future Hold? mit Arbeiten von Künstlern und Designern wie Maisie Cousins, Hobbes Ginsberg, Clio Peppiatt und Grace Miceli fand am 07. Januar 2016 in London statt. Wir haben uns vorab mit Gamble in ihrem zu Hause in Südlondon getroffen, um herauszufinden, was uns die Karten über das Jahr 2017 verraten. Außerdem durften wir vorab einen exklusiven Blick auf die Bilder der Ausstellung werfen.

„5 der Kelche" von Ava Asaadi

Braodly: Hi Ione, schön, dass du die Zeit gefunden hast, dich mit uns zu treffen. Wie bist du auf das Thema Tarot gekommen?
Ione Gamble: Meine Ko-Kuratorin Isabella [Thurley] legt schon ihr ganzes Leben lang Karten, genau wie Laurence [Philomene]. Isabella ist an und für sich jemand, der seine Tarotkarten auf Partys rausholt und anfängt, jemandem die Karten zu legen. Ich habe den Eindruck, dass Tarot Frauen die Möglichkeit bietet, um mit anderen über ihr Leben zu sprechen, selbst wenn sie nicht unbedingt daran glauben. Es geht nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern vielmehr darum, über seine Erfahrungen zu sprechen und zu erzählen, was in einem vorgeht. Das klassische Tarotdeck wurde zwar von Frauen entwickelt, weil die Karten seit geraumer Zeit aber nicht mehr aktualisiert wurden, haben wir es hier noch immer mit einer sehr alten Bildsprache zu tun.

„Bube der Kelche" von Jon Estwards

Tarot bietet Gelegenheit zur Selbstreflexion. War es dir wichtig angesichts der bevorstehenden Ereignissen im Jahr 2017 eine politische Botschaft in die Ausstellung mit aufzunehmen?
Es scheint generell eine gute Zeit zu sein, um über sich selbst nachzudenken, wenn man bedenkt, was 2016 politisch alles passiert ist. Viele Künstler haben angesichts dieser turbulenten Zeiten angefangen, darüber nachzudenken, welchen Platz ihre Kunst in dieser Welt einnehmen sollte. Momentan gibt es sehr viel Negativität. Die Leute fragen sich: „Welchen Nutzen hat Kunst überhaupt?" Andere fühlen sich unterdrückt und traurig. Wir hielten es für eine schöne Geste, eine Gruppe von Künstlern zusammenzubringen—als würde man sich mit Freunden treffen, um Karten zu legen.

„Die Welt" von Tayler Smith

Wonach habt ihr die Künstler für eure Ausstellung ausgewählt?
Wir wollten eine ausgewogene Gruppe aus etablierten Künstlern und neueren Talenten. Außerdem haben wir darauf geachtet, dass die Künstler möglichst divers sind—bezogen auf ihr Geschlecht und ihre Herkunft. Diversität ist ein zentrales Thema der Ausstellung: Als wir die Künstler gebrieft haben, haben wir sie gebeten, den Aspekt der Diversität immer im Hinterkopf zu behalten, wenn sie ihre Karten gestalten, damit das Tarotdeck am Ende möglichst viele verschiedene Menschen repräsentiert. Was das Deck selbst angeht, haben wir jedem Künstler eine spezielle Karte zugeteilt. Wir hoffen, dass die Leute es am Ende wirklich kaufen und benutzen können.

„Sechs der Schwerter" von Lora Mathis

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Warum ist es deiner Meinung nach so wichtig, Okkultismus, Hexerei und alternative Formen von weiblicher Spiritualität zu fördern?
Was ich an diesem wieder aufkommenden Interesse an Hexerei und Okkultismus mag, ist, dass wir ein breites Verständnis dafür entwickeln, dass Frauen nicht von Natur aus gut oder nett sind. Der Okkultismus erlaubt es Frauen, ihre dunkle Seite zu erforschen. Das Konzept von einer soziopathischen oder bösen Frau kann sehr mächtig sein. Es ist gut, dass sich die feministische Rhetorik von der Vorstellung entfernt, dass man immer nett sein muss, um eine Feministin zu sein. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass es böse, gemeine Frauen in dieser Welt gibt, die nicht dieser perfekten Vorstellung von Weiblichkeit entsprechen.

„Fünf der Pentagramme" von Nicolette Clara Iles

„Vier der Kelche" von Hobbes Ginsberg

„Königin der Kelche" von Samantha Conlon