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10 Fragen an einen Todeskandidaten, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Hast du Angst vor dem Tod? Wie stehst du selbst zur Todesstrafe? Ist es schlimmer zum Tod oder zur lebenslangen Haftstrafe verurteilt zu werden?

von Johanna Senn
03 Dezember 2019, 10:57am

Symbolfoto: imago images | Rüdiger Wölk

In den Vereinigten Staaten wurden vergangenes Jahr 25 Menschen hingerichtet. Obwohl die Todesstrafe ethisch, rechtlich und moralisch umstritten ist, halten 29 US-Bundesstaaten daran fest.

Anstatt durch den elektrischen Stuhl, wird die Exekution immer öfter durch eine Giftspritze vollstreckt. Diese vermeintlich "humane" Exekution hat jedoch große Mängel: Immer weniger Pharmaunternehmen wollen das Gift bereitstellen, viele Staaten verweigern Exportgenehmigungen in die USA. Deshalb haben in der Vergangenheit einige Staaten das Gift aus zwielichtigen Quellen bezogen. Zum Beispiel von einem kleinen Londoner Pharmaunternehmen, das sich im Hinterhof einer Fahrschule befinden soll. 2005 wurden in einer Studie die Blutwerte von 49 Hingerichteten getestet. Dabei kam heraus, dass sich die Gefangenen in 21 dieser Exekutionen in einem Stadium des Bewusstseins befanden. Das Gefühl, das dabei erzeugt werde, sei, wie wenn jemand Feuer in die Venen pumpt.

Die Giftspritze wird auch in Florida eingesetzt. Dort wartet Richard seit über 33 Jahren im Todestrakt auf seine Hinrichtung. Er wurde für den Mord an einem elfjährigen Mädchen verurteilt. Richard hält daran fest, dass er unschuldig sei. Weil er nicht will, dass sein Fall wieder in die Medien gerät, haben wir seinen Namen geändert.

Wir haben Fragen.

VICE: Ist es schlimmer zum Tod oder zu lebenslanger Haft verurteilt zu werden?
Richard: Die lebenslange Haftstrafe, ohne Möglichkeit, jemals raus zu kommen, finde ich viel schlimmer. Dort, wo die Männer ohne Todesurteil untergebracht sind, ist es ganz anders. Es ist gefährlicher. Wegen der anderen Insassen und auch wegen der Wachen, denen vieles einfach egal ist und die gerne Hass verbreiten. Wenn du lebenslänglich hast, bist du auch bei denen, die irgendwann wieder raus kommen. Junge, wilde Männer. Wer möchte den Rest seines Lebens unter solchen Bedingungen verbringen? Es gibt sogar Männer, die andere töten, um in den Todestrakt zu kommen. Lebenslänglich bei diesen jungen, wilden, sturköpfigen Männern zu sein, war zu viel für sie. Das ist verständlich und bedauernswert zugleich.

Hier ist Richard auf dem Bild
Hier ist Richard auf dem Bild

Hast du Angst vor dem Tod?
Es ist nicht so, dass ich nie Angst vor dem Tod habe. Aber ich versuche, nicht zu oft darüber nachzudenken. Ich vertraue darauf, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Ich glaube und vertraue in Yahusha (Jesus, Anm. d. Red.). Wir haben alle gesündigt und haben nach Yahushas Standards versagt. Ich akzeptiere das, erkenne es an und versuche nun, der Mann zu sein, der ich nach seinen Lehren sein sollte. Das ist Buße für mich.


Auch auf VICE: Unschuldig zum Tod verurteilt: Wie Fehler in der Spurensicherung Leben zerstören


Merkst du etwas davon, wenn andere hingerichtet werden?
Ich weiß ungefähr, wann eine Hinrichtung stattfinden wird, aber nicht wann genau. Der Todestrakt ist in einem anderen Gebäude als die Hinrichtungskammer.

Gibt es bei dir im Todestrakt Gangs?
Unter den Männern, die im Todestrakt sind, gibt es kaum Gang-Aktivitäten. Die meisten von uns akzeptieren, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Das heißt aber nicht, dass es zu keiner Gewalt kommt. In den 33 Jahren, in denen ich hier bin, hab ich schon einige Kämpfe gesehen. Ich war auch selbst an welchen beteiligt. Der letzte ist aber um die zehn Jahre her. Es gibt draußen wie hier drinnen Leute, mit denen man besser klarkommt und solche mit denen man weniger gut klarkommt. Wenn jemand keine Zeit mit mir verbringen will, nehme ich das nicht persönlich. Wir grüßen uns meistens trotzdem, wenn wir uns sehen. Wenn du einen Aufseher fragst, mit welchen Inhaftierten er am wenigsten Stress hat, und er ehrlich antwortet, müsste er auf uns im Todestrakt zeigen.

Welche Dinge im Leben hättest du gerne gemacht, kannst es aber nicht mehr?
Eine Familie gründen.

Was magst du im Todestrakt?
Dass ich noch am Leben bin und die Freundschaften, die ich hier geschlossen habe.

Wie hast du im Todestrakt Freundschaften geschlossen?
Einige meiner Brieffreunde stehen mir sehr nah, einige davon liebe ich sogar. Mit den Leuten, die ich kannte, bevor ich hierher gekommen bin, habe ich keinen Kontakt mehr. Wenn ich von Freunden im Todestrakt spreche, benutze ich den Ausdruck sehr locker. Es gibt hier Männer, die ich kenne und denen ich vertraue. Das heißt, dass ich mit ihnen über alltägliche Dinge reden oder auch mal über andere lästern kann, ohne dass sie es weitererzählen.

Was wird deine letzte Mahlzeit sein?
Ich weiß es noch nicht und hoffe, dass ich das nie entscheiden muss.

Wie stehst du selbst zur Todesstrafe?

Meine Ansichten zur Todesstrafe haben sich über die Jahre verändert. Aktuell glaube ich zwar, dass es Vergehen gibt, für die Menschen mit dem Tod bestraft werden sollten. Aber ich glaube, jedes System, in dem Menschen den Tod anderer Menschen entscheiden, ist anfällig für Fehler, Korruption und Machtspiele. Darum sollte es abgeschafft werden. In unserem System sind die Anforderungen für die Beweisführung in einem Prozess zu milde. Sie lassen genug Spielraum, um jemanden für eine Tat schuldig zu sprechen, die er nie begangen hat. Ich finde, niemand sollte die Todesstrafe erhalten, solange nicht zwei Augenzeugen bei der Tat vor Ort waren und diese mit übereinstimmenden Aussagen bestätigen. Klar, dann würde fast niemand mehr zu Tode verurteilt werden, aber es gäbe auch andere angemessene Strafen für die Tat. Ich glaube auch, niemand sollte länger als 20 Jahre im Gefängnis sein, außer man kann davon ausgehen, dass die Person die Tat wiederholen würde. Aber meine Stimme bedeutet eh für niemanden in einer Machtposition irgendwas.

Was würdest du tun, wenn du frei wärst?
Einen Beyond Burger probieren, mit jemandem zusammensein, den ich liebe, und schauen, dass ich nicht mit dem Gesetz in Konflikt gerate.

Den Briefkontakt zu Richard stellte Connect Deathrow her, ein Projekt, das Brieffreundschaften mit Insassen des Todestrakts organisiert.

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