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Popkultur

'The Report': Mit diesem Film begreift man, was Folter wirklich anrichtet

Schlafentzug, Demütigung, Dauerbeschallung und Waterboarding: 'The Report' rollt eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren US-Geschichte auf.

von Daniel Haas
15 November 2019, 9:44am

Foto: DMC

Ein Mann steht nackt in einem grell erleuchteten Raum, seine Arme sind hochgereckt und mit Ketten an der Decke gefesselt. Aus Lautsprechern dröhnt Heavy-Metal-Musik. Später wird er auf ein Brett geschnallt, ein Handtuch liegt auf seinem Gesicht, dann wird Wasser auf seinen Kopf gegossen. Die Technik heißt Waterboarding, sie gehörte ins Programm der sogenannten Erweiterten Verhörmethoden, mit denen die CIA nach 9/11 ihre Gefangenen quälte.

Ausgedacht hatte sich das Verfahren ein Psychologenpaar: Jim Mitchell und Bruce Jessen, der eine Spezialist für Ernährungsfragen, der andere ein Familientherapeut. Erfahrung mit der Befragung politischer Häftlinge hatten beide keine. Den Mangel an Fachkompetenz machten sie mit sadistischem Erfindungseifer wett. Ihre Standardantwort auf Fragen nach der Effizienz solcher Methoden: "Es basiert auf Wissenschaft."


Auch bei VICE: Leben und Sterben unter dem IS


Scott Z. Burns' Politthriller The Report, der von VICE mitproduziert wurde, rollt eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren US-Geschichte auf: die methodische Folter von Gefangenen und den damit verbundenen Rechtsbruch. Held dieses packenden Szenarios ist kein abtrünniger Geheimagent oder militärischer Haudegen, sondern ein Schreibtischtäter. Daniel Jones (Adam Driver), ein blasser, hoch aufgeschossener Bürokrat, soll im Auftrag des Senats das Verhörprogramm der CIA untersuchen. Am Ende wird er ein Textmassiv von 6.700 Seiten und 38.000 Fußnoten erstellt haben, das opus magnum der barbarischen Selbstenthemmung eines Geheimdienstes.

Der reale Daniel Jones begann mit seiner Arbeit 2009, seine Untersuchung sollte unpolitisch und objektiv sein. Die dem zuständigen Komitee vorsitzende Senatorin, Dianne Feinstein, wollte kein Potpourri an Meinungen, sondern nur Fakten. Im Film spielt Annette Bening diese mit allen Wassern des politischen Flügelkampfs gewaschene Demokratin. "Sie müssen auf einiges gefasst sein", sagt sie ihrem Rechercheur. "Und keine Emotionalität, darauf warten die Republikaner nur."

Und so betritt man als Zuschauer mit Jones und seinem Team aus Ermittlern ein fensterloses Kellerbüro, das in seiner Kargheit bedenklich an jene Zellen erinnert, in denen die Terrorverdächtigen einsitzen. Das ist eine der vielen Stärken des Films: dass er die papierne Recherchearbeit in Washington mit der krassen Realität der Verhörverliese im Mittleren Osten kontrastiert. Dort wurden alle Regeln der Genfer Konventionen ignoriert.

Unter der Regie von Mitchell und Jessen wurden die drei Ds in Szene gesetzt: Defeat, Dependency und Dread. Ohnmacht, Abhängigkeit und Angst. Dazu gehörte das Schleudern des Opfers an eine Wand, das Einsperren in mit Ungeziefer gefüllten Holzkästen, Schlafentzug, Demütigung mittels eines Klistiers, Dauerbeschallung mit extrem lauter Musik und eben Waterboarding. Ein Gefangener wurde 183 Mal auf diese Weise gefoltert, bis man einsah, dass der Mann nichts Wesentliches über kommende Terrorattentate wusste.

"Als die Psychologen auftauchten, wurde alles absurd", erklärt ein auf den arabischen Raum spezialisierter FBI-Mann. "Es gibt nur eine Methode, die funktioniert: Vertrauen herstellen. Wenn man auf die Leute zugeht, öffnen sie sich."

Aber vertrauensbildende Maßnahmen passen nicht zum politischen Klima. Amerika ist nach 9/11 tief verunsichert, die Dienste stehen unter enormem Druck. Diesen Druck wird auch Daniel Jones zu spüren bekommen, seine Untersuchung ruft massiven Widerstand von Seiten der CIA auf den Plan. Elegant blendet The Report zwischen Gesprächen in Hinterzimmern, offiziellen Hearings und geheimen Treffen in Tiefgaragen hin und her. Jones ist nicht mehr nur der zwanghafte Datenfresser, der im Auftrag seiner Senatorin recherchiert. Er wird selbst zum Politikum. Denn von den 119 Gefangenen, die die CIA dem erweiterten Verhörprogramm unterzog, wurde mindestens ein Viertel unrechtmäßig festgehalten. Und: Das Verfahren lieferte bei keinem einzigen von ihnen nennenswerte Ergebnisse.

"Alle Informationen, die die CIA den Verhören zuschrieb, hatte sie zuvor bereits aus anderen Quellen gewonnen", erklärt Jones seiner Vorgesetzten. "Anstatt Terror zu verhindern, haben sie es unmöglich gemacht, Massenmörder wie Chalid Scheich Mohammed, einen der Drahtzieher von 9/11 zu bestrafen. Denn wenn jemals bekannt werden würde, was wir ihm angetan haben, wäre der Fall vor Gericht erledigt."

Dieses Ringen um Rechtsstaatlichkeit wird irgendwann ein Gesinnungskampf: Auf der einen Seite stehen Jones und die Senatorin, die zunehmend wegen des Reports unter Druck gerät. Auf der anderen Seite die Mächtigen der CIA, die sich ihre Vorstellung vom vorauseilenden Kampf gegen den Terror nicht kaputtrecherchieren lassen wollen. Jones dampft sein Mammutwerk auf 500 Seiten ein, die CIA erwirkt das Recht, den Bericht redigieren zu dürfen. Am Ende ist fast die Hälfte des Texts geschwärzt.

Der Kampf zwischen Ermittler und CIA-Vorderen ist atemberaubend; Burns inszeniert ihn als rhetorischen Schlagabtausch, der trotz der Faktenfülle nie ermüdend wird. Eigil Brylds Kamera präsentiert eine Szenerie der Enge und des Verlorenseins, streckenweise umkreist sie die Akteure wie das Auge eines Überwachungsapparats. Jeder ist im Visier, suggeriert dieser Look, gerade jene, die der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen wollen.

Man weiß, wie die Geschichte in Wirklichkeit ausging: 2014 wurde der Bericht veröffentlicht, 2016 unterzeichnete Obama das McCain-Feinstein-Gesetz zum Verbot der Erweiterten Verhörmethoden der CIA. Angeklagt wurden die Folterknechte nicht, im Gegenteil: Es gab zahlreiche Beförderungen.

Burns' Regie lässt keinen Zweifel über die politische Agenda aufkommen. Der modernste Geheimdienst der Welt fiel nach 9/11 in vorzivilisatorische Zustände zurück. Aus Scham, den Angriff auf die Twin Towers nicht verhindert zu haben, verteidigte die CIA ihr Verhörprogramm wider besseres Wissen. Die leitende Idee: Wenn es funktioniert, ist es legal. Aber es funktionierte nicht, und es war nicht legal.

Wie soll man auf so ein Verbrechen reagieren? Der Film überlässt dem ersten Präsidenten der USA das letzte Wort: "Sollte ein amerikanischer Soldat so niederträchtig sein, einen Gefangenen zu verletzen, rate ich Ihnen, ihn so streng zu bestrafen, wie es die Schwere des Verbrechens erfordert", schrieb George Washington. "Denn durch solches Verhalten bringen sie Schande, Schmach und Verderben über sich und ihr Land."

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