Festival Guide

Das sind die Leute, die du zu jedem Festival mitnehmen solltest

Wenn du diese Typen nicht dabei hast, kannst du gleich zur Sommernacht der Volksmusik fahren.

von Joel Golby
09 Juli 2018, 7:28am

Foto: Jake Lewis

Dieser Artikel wird präsentiert von SEAT Sounds. Er ist Teil des VICE Guides für Festivals, alle Texte findet ihr hier.

Sieh dich an. Du bist einer dieser drei Typen von Festivalgängern, je nach Alter:

14 - 19 Jahre: Es ist dein erstes Festival überhaupt und du bist aufrichtig aufgeregt. Oh, die Bands, die du sehen wirst, oh, was alles passieren wird, du wirst dieses Armbändchen für immer und ewig behalten und oh! Vielleicht wirst du Sex mit einem oder einer Fremden in einem glühend heißen Zelt haben! Oh! Vielleicht wirst du in den Schlamm fallen und in den Nachrichten gezeigt. Und vielleicht! Triffst! Du! David! Guetta!

19 - 29 Jahre : Du warst schon mal da und hast schon alles gesehen, du weißt genau, welche Food Trucks es wert sind, sich davor stundenlang anzustellen und welche nicht. Das Einzige, was du eingepackt hast, sind ein Zelt, Ravioli und eine Unterhose zum Wechseln.

29+ : Du bist einer dieser merkwürdigen alten Leute, vor denen du früher auf Festivals immer Angst hattest, als du selbst noch jung warst. "Ich hoffe, dass ich mir nie einen grauen, strähnigen Pferdeschwanz wachsen lasse und in einem Wohnwagen, den ich mir extra dafür gekauft habe, zum Festival fahre", hast du früher gedacht. Oder nicht – aber hier stehst du heute, mit einem unvorteilhaften, gestrickten Kapuzencardigan und erinnerst dich an Bands, die sich schon lange getrennt haben.

Das sind also deine Optionen. Du gehst zu einem Festival und du gehst als eine der zuvor genannten Personen. Es ist entscheidend zu erkennen, dass du das nicht alleine tun kannst, du brauchst ein Team. Ein erfolgreiches Festival besteht nicht nur aus dir und Glitzerfarbe, in einem Campingstuhl sitzend, während du versuchst, etwas Geistreiches über Muse zu sagen. Es geht darum, die Gang zusammenzubringen – jedes Mitglied hat eine essentielle, spezialisierte Rolle – und als Gruppe zusammenzufinden. Stell dir das Festival als das Bellagio und das Mirage und das MGM Grand während des großen Kampfs vor, und du und deine Freunde, ihr seid George Clooney und all die anderen, und stell dir diese holprige Ocean’s Eleven-Analogie so vor, dass sie funktioniert. Stell es dir genauso vor.

Hier sind die Leute, die du mit zu jedem Festival nehmen solltest:

JEMAND, DER ECHT LANGWEILIG IST UND ALLES ORGANISIERT UND VIEL ZU VIELE ENERGYRIEGEL EINPACKT

Ehrlich gesagt will niemand diese Person einladen. Sie liest tatsächlich das Festivalprogrammheft, nimmt an Aktivitäten teil und freut sich wirklich ernsthaft auf die Silent Disco – aber ohne sie würde es niemand von euch auch nur bis an den Eingang schaffen. Nehmt sie in eurem Auto mit, um gemeinsam mit euch zu feiern und abzuhängen und das ganze Wochenende zu organisieren.

Denk drüber nach: Willst du wirklich diejenige sein, die am Tag des Ticketvorverkaufs um 9 Uhr morgens online geht, mit ihrer Girokarte wedelt und das Geld für vier Festivaltickets vorstreckt? Willst du – du – wirklich dafür verantwortlich sein, eine Zugverbindung zur nächsten Stadt rauszusuchen und dann von dort aus einen Shuttlebus? Hast du daran gedacht, Sonnencreme einzupacken, oder verlässt du dich darauf, dass es jemand für dich tut? Ganz genau. Iss einen der 90 Powerriegel, die diese Person mitgebracht hat, setz dich in ihr makellos sauberes Zelt und versuch, dich zu entspannen. Schh. Schhh. Mami ist ja da. Festival-Mami ist da.

JEMANDEN, DER UM VIER UHR MORGENS IMMER RICHTIG CRAZY WIRD

Photo: Chris Bethell

Das Schlimmste an Festivals ist nicht, dass man nur auf der Grundlage von einem Päckchen Frühstücksflocken am Tag überleben muss, oder das fettige Gefühl von ungewaschenen, ranzigen Körpern, oder was in der Richtung. Nein: Leider ist das Schlimmste die Müdigkeit, die deine Party-Meute drei Stunden vor der groß geplanten Nacht überkommt. "Ich habe seit Donnerstag nur NicNac‘s gegessen!", sagen sie, die armseligen Feiglinge. "Ich habe nicht mal mehr die Energie, um es bis aufs Festival-Gelände zu schaffen!"


Auch bei VICE: Hinter den Kulissen eines Stinktier-Festivals


Und aus der Asche deines schon fast versauten Abends erhebt sich eine Heldin: Es ist vier Uhr morgens und sie trägt eine Sonnenbrille. Sie spricht zwar nicht mehr ganz zusammenhängend, aber sie ist der Katalysator für neuen Aufschwung. Sie erschnüffelt ein Zelt mit Afterparty, sie findet eine Late-Night-Disko, die nicht auf dem Programm steht, sie wird wie eine Motte von Leuten angezogen, die leise irgendwo im Kreis tanzen.

Müde seht ihr euch den Sonnenaufgang an und dir dämmert, dass das die beste Nacht deines Lebens war. Dann lässt du sie stehen, um dir fünf Stunden unruhigen Schlaf und danach ein Bratwurst-Frühstück und eine Tasse Tee zu gönnen, nur um sie am nächsten Tag wiederzusehen – immer noch in den gleichen Klamotten wie letzte Nacht sieht sie dir in die Augen und kann sich nicht mehr so richtig daran erinnern, wer du eigentlich bist.

JEMAND, DER SICH GERNE FÜR DAS WOHL DER GRUPPE IN EINER SCHLANGE ANSTELLT

Ich gehe mit Festivals um, wie ich mir vorstelle, dass Drake mit seinem Leben umgeht: Ich bin hier im Zentrum des Spaßes, ausschließlich um das Leben zu genießen. Die Leute um mich herum fungieren als mein "Hype Team", die sich um die Verwaltung kümmern, damit ich mich allein darauf konzentrieren kann, den besten Tag des Jahres zu erleben. Genau wie Drake Leute hat, die fotografieren, Getränke besorgen, Spitzenköchinnen für ihn buchen und Marmorlampen für ihn kaufen, sollte sich jemand darum kümmern, dass mein Zelt aufgebaut wird und dass ich Essen bekomme. Jemand muss mir Bescheid sagen, wann die guten Acts auftreten und mich dementsprechend dorthin eskortieren. In der Mitte, wie ein weich gekochtes Ei, stehe ich: dümmlich grinsend und mit unvorstellbar viel Spaß. Was ich sagen will, ist, dass ich mich nicht für 20 Minuten irgendwo anstelle, um vier stille Wasser dahin zurück zu balancieren, wo der Rest von uns steht. Das kann irgendein anderer Depp machen. Also lad ihn ein!

EINEN FAHRER

Es ist natürlich möglich, mit öffentlichen Transportmitteln auf ein Festival zu fahren, aber das ist auch einfach nervig, da kann mir niemand etwas anderes erzählen. Auf dem Weg findet man nur Horden von Typen in Hawaiihemden, die schon im Zug grölen und zu laut singen. Und auf dem Rückweg sind alle fix und fertig, matschbedeckt und ihr seid alle in denselben Waggon gequetscht, während ihr versucht, eurem eigenen Hedonismus zu entkommen, und euch gegenseitig mit euren riesigen Rucksäcken anrempelt. Nein. Für eine schöne Zeit brauchst du jemanden mit einem Führerschein, einem Auto mit ordentlichem Kofferraum, dem es nichts ausmacht, am dritten Tag für einen Großeinkauf zum nächsten Aldi zu fahren, und der genug Nerven hat, um sich aus einem Stau auf dem matschigen Feldparkplatz heraus zu manövrieren, obwohl er selbst kaum geschlafen hat. "Ich geb dir nächstes Mal Spritgeld, Alter!", lügst du ihn an. "Ehrlich, schick mir einfach deine Bankdaten. Wir geben alle was, oder Leute?" Nein. Wird nicht passieren.

JEMAND, DER EINFACH PAUSENLOS BILDER MACHT

Foto: Chris Bethell

Die einzigen guten Fotos, die je von dir gemacht wurden: 1. Schnappschüsse, bei denen du nicht mitbekamst, dass du fotografiert wurdest, und 2. das eine einzige Foto, das du von dir hast, wo du tatsächlich einen Anzug oder ein schickeres Kleid trägst, weil du auf der Sommerhochzeit eines Freundes warst, kurz bevor du dir die Bratensauce auf die Brust gekleckert hast. Jedes andere Bild von dir sieht schrecklich aus. Also kannst du auch einfach diese eine Freundin von dir mitnehmen, die immer eine Kamera dabei hat, um jeden einzelnen Moment Spaß für dich zu dokumentieren, weil – seien wir mal ehrlich – das ist die einzige Möglichkeit für dich dieses Jahr noch ein paar neue Fotos für dein Tinder-Profil zu bekommen. Oder etwa nicht? Es kommen doch nicht mehr so viele Matches rein in letzter Zeit, oder? Oder?

EINEN GROSSEN, STARKEN KERL, DER DICH AUF SEINE SCHULTERN WUCHTEN KANN

Foto: Chris Bethell

Du denkst vielleicht, dass es nur Sinn ergibt, einen großen, starken Kerl mitzubringen, wenn du eins dieser Mädchen in Hotpants bist, die beim Melt!-Headliner ein bisschen über der Menge sitzen wollen und immer etwas angepisst reagieren, wenn Leute ihre leere Becher nach ihnen werfen. Aber tatsächlich ergibt es immer Sinn, einen großen, starken Kerl im Repertoire zu haben, weil Festivals oft diesen leicht düsteren, unheilvollen Touch haben. Ja, ja – das meiste sind nur Leute mit Blumenhaarkränzen, die dir erzählen, wie gesund tanzen ist, aber man spürt auch diesen gesetzlosen Wilder-Westen-Vibe und manchmal hat man einfach das Gefühl, dass bald alles in Flammen stehen könnte. Und dann willst du einen großen, starken Kerl, hinter dem du dich verstecken kannst, während er Leute wegboxt, die stärker sind als du. (Es handelt sich oft um den ekelhaft fitten Neuen deiner Ex, also sei darauf vorbereitet. Du willst ihn zwar hassen, aber dann hast du eine glückselige Phase um drei Uhr morgens und du musst zugeben, dass er nicht nur verdammt verlässlich ist, sondern du auch einfach mies zu ihr warst, oder etwa nicht? Komm schon, Alter. Guck dir mal dein Verhalten an.)

JEDEN ODER JEDE, DER ODER DIE DICH NICHT FÜNF STUNDEN WARTEN LÄSST, WÄHREND ER ODER SIE SICH IM AIRBNB FERTIG MACHT

Foto: Chris Bethell

Wenn du nicht wortwörtlich auf der Main Stage performst, solltest du dein Festival aus einem Zelt heraus genießen. Entweder ein Zwei-Personen-Ding, das du danach auf dem Feld stehen lässt, oder so ein schreckliches 16-Personen-Gerät, das irgendjemand anderes abbaut, wenn alles vorbei ist. Alle, die einen "Festival-Look" planen – alles, was mit einem Glätteisen zu tun hat oder Hautmalfarbe oder einem perfekt beleuchteten Schnappschuss für Instagram – gehören weit, weit weg von dir und deiner "Das T-Shirt geht noch; komm, lass uns tanzen"-Festivalästhetik.

JEMAND, DER DIE SECURITY BEZIRZT

Meine schönste und unvergesslichste Festivalerinnerung involviert einen Security-Mitarbeiter, dem im Laufe seines Lebens die Hälfte seiner Zähne ausgeschlagen worden waren und der mir androhte, mein Grinsen aus mir herauszuprügeln, weil ich ihm zu "frech" zu ihm gewesen sei. Ich persönlich bin also vielleicht nicht der richtige Kandidat für diese Rolle, aber: Es ist immer nützlich, jemand Charmantes dabeizuhaben, der oder die es schafft, ein paar von euch hinter ein paar Metallzäune zu bekommen oder in einen Bereich, in den man nur mit Armband darf, oder Backstage. Ihr kennt doch alle jemanden, der oder die charmant genug dafür ist. Und wenn du denkst, du seist diese Person: Nein, bist du nicht.

DIE TOTALE CHAOTIN

Foto: Chris Bethell

Du solltest versuchen, irgendwo zwischen zu viel Spaß (diese Menschen, die es schaffen, so abzudrehen, dass sie am Ende sonnenverbrannt von einem Rote-Kreuz-Mitglied verarztet werden müssen) und zu wenig Spaß (Menschen, die ernsthaft beschließen, Freitagabend früh ins Bett zu gehen, damit sie Kings of Leon am nächsten Tag besser genießen können) zu fluktuieren.

Du willst Hertha sein, ehrlich. Nicht Bayern München, nicht der FC Köln, sondern Hertha. Du willst leise vor dich hin raven, aber nicht so sehr, dass sich jemand medizinische Sorgen um dich machen muss. Und hier kommt unsere totale Chaotin als Blitzableiter ins Spiel: Du brauchst jemanden, der oder die es einfach ständig ein bisschen übertreibt und damit als Puffer zu deiner eigenen bacchantischen Abstammung fungiert. Ich war mal auf einem Festival, wo eine Frau, die ich kannte, es irgendwie geschafft hat, sich das Bein zu brechen, was die Aufmerksamkeit sehr gut davon abgelenkt hat, dass ich irgendwoher Kratzer im Gesicht hatte. Lade also die totale Chaotin ein und lass ihren Vater sie am Sonntagabend abholen. Die Chaotin ist äußerst wichtig für deine Gesundheit.

Jemanden, der hingeht und eine echt gute Zeit hat, und ja, er muss sich eineinhalb Stunden am einzigen Geldautomaten anstellen, um noch 200 Euro mehr abzuheben als geplant ("Nein, Mama bitte – nein, ich hab gerade die Zeit meines Lebens. Ich will doch nur ... Wir klären das, wenn ich nicht gerade! In! Einem! Verdammten! Feld! Stehe!"). Und ja, er übertreibt es Freitagabend total und alle müssen sich am Samstagmorgen um ihn kümmern und ihm Energydrinks bringen und den letzten Wegwerfgrill verbrauchen, um ihm zwei Würstchen zu grillen, die er zusammen mit dem letzten Brötchen essen kann. Und ja, er versucht aus irgendeinem Grund, nicht nur zu singen, sondern zu rappen? Zum Haupt-Act? Sodass er die Show für alle ruiniert, die im Zwei-Meter-Radius um ihn herumstehen. Und ja, er braucht einen Pep-Talk von allen um ein Uhr nachts, wenn er völlig aufgewühlt ein bisschen weint. Und ja, ja: Wenn man alle Vor- und Nachteile abwägt, wirkt sich seine Anwesenheit auf dem Fünf-Tage-Festival eigentlich negativ auf die Gruppe aus. Und die ganze Geschichte hat ihn mindestens 100 Instagram-Follower gekostet, weil er über nichts anderes berichtet. Und wenn er wieder zu Hause ist, sind alle seine Freunde sauer, weil er nur noch über das verdammte Festival redet und was für einen Spaß er hatte und wie nächstes Jahr alle unbedingt mitkommen müssen zu dem Festival. Nein, wirklich, wir sollten alle fahren, es macht so viel Spaß. Das Festival. Und es wäre fundamental besser für ihn gewesen – für seinen Kontostand, sein Gehirn und jede Beziehung, die er jemals hatte – nicht auf das Festival zu gehen. Aber ich schätze, er ist doch hingegangen und hatte eine gute Zeit. Gut für ihn.

Aha! Das bist also du!

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.