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black friday

Leute dafür zu shamen, am Black Friday einzukaufen, ist neoliberaler Bullshit

Natürlich musst du bei Sonderangeboten nicht zuschlagen, wenn du wohlhabend bist.

von Magdalena Berger
22 November 2018, 12:20pm

Collage bestehend aus: 

imago | Photocase & imago | Dean Pictures

Der Black Friday kommt aus den USA zu uns und wie bei allem, was aus den USA zu uns rüberschwappt, sind wir zuerst skeptisch: Von McDonald's, Starbucks bis hin zu der naiven Idee, dass man alles auf dieser Welt schaffen kann, wenn man nur fest genug daran glaubt. Skeptisch gegenüber dem Black Friday zu sein, das heißt im breiten deutschen Konsens, sich dafür zu "entscheiden", an diesem Tag nichts zu kaufen. Der Black Friday provoziert nicht nur Shopping-Exzesse, sondern auch Demonstrationen gegen eben diese und Social-Media-Aufrufe dazu, der Wirtschaft eins auszuwischen und keinen Cent in einem Laden zu lassen.

Dabei vergessen manche Konsumkritiker und -kritikerinnen, dass die Entscheidung, wie man vermeintlich richtig konsumiert, ein ziemliches Privileg ist. Wenn etwas in dir jetzt über die unfairen Arbeitsbedingungen in Produktionsfabriken und "das Blut burmesischer Kinderhände" schreien will, dann bist du hier richtig. Vor zwei Jahren hätte ich an dieser Stelle auch geschrien. Es war 2016 und ich wollte die Welt retten – und ich war überzeugt davon, dass die Welt zu einem besseren Ort wird, wenn sich jeder und jede der eigenen Verantwortung bewusst wird. Was wir kaufen, was wir essen und wie wir reisen, das können wir doch selbst entscheiden, oder?


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Ich bin Lehrerkind in einer Großfamilie. Das heißt, wir hatten immer genug Geld, um uns keine wirklichen Sorgen darüber machen zu müssen. Ich bin eine von denen, die fast immer genug auf der Seite hatten, um Bio-Bananen statt die einer Billigmarke zu kaufen. Aus einem absurden Verständnis von Moral heraus habe ich früher oft vergessen, dass es so etwas wie Entscheidungsfreiheit zwischen Produkten im Kapitalismus nur dann gibt, wenn man nicht jeden Cent an der Kasse zweimal umdrehen muss.

"Das Blut burmesischer Kinderhände" will ich nach wie vor nicht an meiner Kleidung haben, aber eins hat sich verändert: Ich glaube nicht mehr, dass "wir nur einfach darauf achten müssen, was wir kaufen", um die Welt zu retten. Mehr noch: Ich glaube, dass uns dieser Zugang oft eher schadet als nützt.

Don't blame the Consumer!

In Deutschland lag die Armutsquote 2017 bei 15,7 Prozent. Das bedeutet, dass 12,9 Millionen Menschen offiziell als arm gelten. Menschen, die sich Sorgen darüber machen, wie sie ihre Miete bezahlen oder ihre Wohnungen heizen sollen. Das sind Frauen, die an Beziehungen festhalten, um nicht auf der Straße zu landen, genauso wie Alleinerziehende oder Arbeitslose. Das sind Menschen, die sich am Black Friday vielleicht endlich richtige Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder leisten können.

Sind diese Menschen als Konsumenten und Konsumentinnen Schuld daran, dass Textilfabriken in Bangladesch einstürzen? Die meisten würden auf diese Frage wahrscheinlich mit "Nein" antworten. Vielleicht wollt ihr mir jetzt entgegenrufen, dass außer einer grünen Marie Antoinette auch niemand je sagen würde, dass arme Menschen einfach Bio-Baumwolle kaufen sollen. Aber genau das wird impliziert, wenn Moral an die eigene Kaufentscheidung geknüpft wird.

Wenn du ein besserer Konsument, eine verantwortungsvollere Konsumentin bist, weil du nicht mehr zu Primark gehst oder nach keinem Schnäppchen am Black Friday geierst, sind alle, von denen du dich abhebst, im Umkehrschluss immer die weniger Guten, die Schuldigen.

Auf den ersten Blick macht es vielleicht Sinn, sich ein Video anzusehen, in dem Menschen sich am Black Friday um die neuesten Laptops prügeln, "Humans of late capitalism!" zu schreien und den Willen zu verspüren, sich davon abzugrenzen, mit dem Finger auf sie zu zeigen.

Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass wir alle diese "humans of late capitalism" sind. Wir leben in einer Gesellschaft, die uns die ganze Zeit suggeriert, dass uns etwas fehlt – und wir diese Lücke mit einem Kauf sofort füllen können. Sich dem zu entziehen, geht maximal dann, wenn wir uns ohnehin immer alles leisten konnten.

Natürlich kann man argumentieren, dass nachhaltiger Konsum zumindest ein Schritt in die richtige Richtung wäre. Dass es besser ist, wenn du weißt, dass die Person, die dein T-Shirt genäht hat, zumindest halbwegs fair bezahlt wurde. Und natürlich fühlt es sich tausendmal besser an, sein Geld edel für sich zu behalten, als am Black Friday mit 80 anderen nach dem besten Schnäppchen am Wühltisch zu jagen.

Wir wollen die Welt mit unserem Konsum ja gar nicht zerstören, wir wollen ja bessere Menschen sein. So entsteht die Marktlücke Nachhaltigkeit auch erst. Aber mit diesem wahrscheinlich ehrlichen Willen zur Besserung werden am Ende doch wieder nur Symptome bekämpft und Geld gemacht. Am System ändert sich nichts, es wird dadurch vielmehr legitimiert.

Wir spielen uns vor, dass unser Konsum keine globalen Ungerechtigkeiten schafft, sondern sie verringern kann. So bringt es der britische Schriftsteller und Theoretiker Mark Fisher in seinem Essay Capitalist Realism auf den Punkt. Alles, was wir dafür angeblich machen müssen, ist, die richtigen Produkte zu kaufen. Das macht grundlegenden Widerstand verdammt schwer. Den braucht es aber, wenn wir Klimawandel und steigende Ungleichheiten tatsächlich bekämpfen wollen.

Wenn du am Black Friday verzichten kannst, bist du privilegiert

Wir halten fest: Es gibt Menschen, die brauchen Black Fridays – damit sie sich ihre Winterjacken und neuen Laptops kaufen können. Es gibt Menschen, die nicht automatisch zen werden, wenn sie ihre Kleiderschränke entrümpeln und damit bewusst verzichten – weil sie ihr ganzes Leben immer verzichten mussten.

Freu dich, wenn du nicht monatelang auf einen Tag warten musst, bis du dir ein neues Gerät zulegen kannst. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Sich eine bestimmte Art von Konsum leisten zu können, ist ein gottverdammtes Privileg.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Menschen, die auf Sonderangebote angewiesen sind, und Obere-Mittelschicht-Kids, die sich ihr drittes Tablet kaufen, einfach weil sie das neueste Modell besitzen wollen. Es ist völlig legitim, Konsum-Exzesse beschissen zu finden, aber wir müssen dabei aufpassen, sie nicht jedem, der am Black Friday einkauft, einfach zu unterstellen und Pauschalurteile zu fällen.

Das heißt nicht, dass wir diese Ungerechtigkeiten hinnehmen und es uns in unserem kuscheligen Kinderblut-Pulli mit Ausbeuter-Kaffee auf der Couch bequem machen sollen. Es heißt vielmehr, dass man es sich zu einfach macht, wenn man sagt: "Kauf doch einfach nichts!"

Konsumenten und Konsumentinnen sind das letzte Glied der Kette. Statt sie zu moralisieren und ihnen eine Verantwortung aufzuzwingen, die sie so nicht haben, sollten wir unsere Energie dafür verwenden, die zur Rechenschaft zu ziehen, die uns diese Ungerechtigkeit überhaupt erst eingebrockt haben: Konzerne und neoliberale Politik. Es gibt keinen Grund, einen Lifestyle, der auf teuren Produkten und Verzicht basiert, als neue Revolution und allgemeingültigen Weg zur Rettung der Welt zu verkaufen.

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