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Nachtleben Bern

"Belebt die Schütz, aber nicht zu laut" – Das Interview zur Berner Zwischennutzung

Am dreckigsten Ort Berns entsteht jetzt ein Raum für Kultur. Ein Gespräch mit den Machern über Herausforderungen und Perspektiven, über Aufwertung und Verdrängung.

von Mirko Schwab und Julian Riegel
22 November 2018, 12:32pm

Alle Fotos: Jessica Jurassica

Auf Postkarten, auf Instagram und tief drin in den Köpfen der Schweizer: da ist Bern ganz Sandsteinstadt. Der Zytglogge sitzt behäbig in den grünlich-grauen Häuserzeilen, wie das Bundeshaus und das Münster. Ein Heimatgemälde.

Am nordwestlichen Rand dieses Gemäldes aber stimmt etwas nicht. Da hat die Moderne reingepfuscht und Narben hinterlassen. Willkommen auf der Schützenmatte direkt vor der Reitschule – seit dem 20. Jahrhundert ein wüster Parkplatz, Pièce de Resistance für Stadtplaner und Zufluchtsort der Verdrängten, die nicht stören sollen im touristischen Idyll: Dealer ohne Papier, Drögeler ohne Stoff, Leute von der Gasse. Vor allem aber Tausende von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die etwas erleben wollen. Die von Donnerstagabend bis Sonntagmittag das Bollwerk säumen, im Dreieck von Reitschule, ISC und Kapitel.

Hier ist Bern ein bisschen Grosstadt. Hier ist Bern ein bisschen dreckig, ein bisschen unübersichtlich, ein bisschen ungemütlich – ein bisschen "Unort" eben.

Nachdem die Schütz während vier Jahren jeweils im Spätsommer mit Bars und Konzerten umgenutzt wurde, hat die Stadt vergangenen Mai einen Wettbewerb um die saisonübergreifende Zwischennutzung ausgelobt. Wir treffen uns auf Zmittag mit Kevin Liechti und Christoph Ris. Sie sind beide eng verflochten mit dem Berner Nachtleben und gehören zu den umtriebigsten Köpfen im Kulturbetrieb der Reitschule. Mit ihrem Kollektiv PlatzKultur entschieden sie schliesslich die städtische Ausschreibung für sich.

Durch die Fensterfront im Restaurant O Bolles lässt sich direkt auf das grosse Zirkuszelt ennet der Strasse blicken, auf das vor gut einer Woche eröffnete "Schützenhaus" im ersten Schnee des jungen Winters. Das kreisrunde Zelt ist die initiale Massnahme der kulturellen Aktivisten, die das Leben auf der Schütz für vorerst drei Jahre prägen wollen.

Noisey: Ist es das, was diese Stadt braucht: Ein Zelt mit Bar auf einem Betonplatz?
Ris (lacht): Unbedingt.
Liechti: Nein, natürlich nicht bloss ein Zelt. Das hängt ja vor allem mit dem Winter zusammen. Wir wollen den Leuten auch in den kalten Monaten eine Möglichkeit bieten, Dinge zu machen. Innenraum und Freiraum sozusagen.
Ris: Anders gesagt: Das Projekt ist ja viel mehr als einfach Bar und Zelt. Das ist lediglich das Grundrauschen, das auf dem ganzen Platz zu hören sein soll. Der Kern der Infrastruktur, die über die drei Jahre bestehen bleibt. Alles andere ist uns mehr oder weniger passiert, weiteres soll daraus entstehen – genauso soll dieser Ort auch gestaltet werden können.


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Wer gestaltet denn? Wer steckt hinter dieser Zwischennutzung?
Ris: Sicher nicht nur Kevin und ich. Überhaupt wünschen wir uns, dass dieses vor allem juristisch begründete Vereinsdach PlatzKultur ganz fest in den Hintergrund rückt. Im Vordergrund soll die Schütz stehen. Sie ist jetzt kein Parkplatz mehr, aber öffentlicher Raum soll sie bleiben. Gestaltungsraum. Und wenn du dann an eine Ausstellung kommst oder ein Konzert besuchst, dann besuchst du ganz sicher nicht Kevin und mich und auch nicht eine Veranstaltung mit dem Label PlatzKultur, sondern du besuchst die Veranstaltung der Leute, die veranstalten. Die Schütz ist nicht unser Platz – wir schaffen lediglich die Rahmenbedingungen und wollen auch keine Credits abzügeln dafür. Wir übernehmen einfach das, was die meisten Leute vor dem Selbermachen abschreckt: den ganzen Papierkrieg und Behördenscheiss. Du willst ein Theater aufführen? Hier hast du eine Bühne. Und wir kümmern uns um den Rest.

Inwiefern war die Reitschule eigentlich in den Entscheidungsprozess um den Wettbewerb für die Schützenmatte involviert? Ihr seid jetzt quasi Nachbarn.
Ris: Gar nicht. Die Reitschule hat auch keine Meinung dazu. Oder dann ganz verschiedene. Du musst sehen: Die Reitschule besteht aus einzelnen Gruppen. Wie alle anderen sind sie dazu eingeladen, auf der Schütz etwas zu machen. Wir behandeln dabei alle gleich. Der einzige Konsens, den die Reitschule schon vor Jahren in der öffentlichen Diskussion zu diesem Ort gefasst hat, ist jener der Niederschwelligkeit. Kulturelle und politische Projekte sollen hier niederschwellig realisiert werden können – und das ist sowieso auch unser Anliegen.

Der Betrieb läuft nun seit zwei Wochenenden. Was sind die grössten Schwierigkeiten bisher?
Liechti (lacht): Die Heizung. Die fällt die ganze Zeit aus. Nein, das Hauptproblem liegt vor allem unter der Woche, wo man wirklich ein Programm bieten muss, damit die Leute kommen. Das wird alles noch viel breiter werden in nächster Zeit. Nicht nur Konzerte und DJs – auch Theater, Workshops oder Spieleabende sollen hier möglich sein. Dafür suchen wir aber noch Leute, die mitreissen wollen und eine möglichst heterogene Kulturgruppe bilden, die es so im Moment noch nicht gibt.
Ris: Das Schöne ist ja: Wir haben jetzt drei Jahre Zeit und die Dinge können wachsen. Wir sind eigentlich auch schon grösser gestartet, als wir uns das im Sommer noch ausgedacht haben.

Man hört aber von unbefriedigenden und unrealistischen Bewilligungen, die dem Projekt Grenzen setzen. Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Stadt in dieser Hinsicht?
Ris: Ein heikles Thema. Grundsätzlich sind wir mit der Zusammenarbeit zufrieden, was daher kommt, das dieses Projekt ja von der Stadt gewollt ist – anders, als wenn wir hier ein Festival machen wollen und uns vor den Behörden die Knie blutig rutschen müssen. Aber es ist schon so: Auch für die Stadt ist dieses Projekt wohl ein bisschen zu schnell gegangen, da gibts noch viel Ping-Pong mit den Behörden.
Liechti: Wir arbeiten auch noch nicht mit festen Betriebszeiten. Wir haben jetzt mal etwas ausgearbeitet, unterschrieben ist aber nichts. Als Veranstalter willst du natürlich immer länger machen dürfen. Aber wir verstehen auch die andere Seite, die unterschiedlichen Behörden mit ihren unterschiedlichen Anliegen.
Ris: Das Ziel ist ein Kontingent zu finden, das Sinn ergibt. Wir wollen ja auch nicht sieben Konzerte pro Woche und am Sonntag noch einen Day-Rave veranstalten. Aber wir bewegen uns da sicher in einem behördlichen Spannungsfeld. Ganz klassisch: "Belebt diesen Platz, aber bitte nicht zu laut!"

Hier auf der Schützenmatte trifft vieles zusammen – auch Leute, die sonst nicht erwünscht sind. Wie geht euer Projekt auf diese soziale Beschaffenheit ein?
Ris: Diese Leute sollen einfach da sein. Klar, die Schlagwörter sind allgegenwärtig, Belebung, Beruhigung, Aufwertung und Verdrängung – und schon sind wir mitten im Gentrifizierungs-Wahn. Wir wollen in keiner Weise eine Verdrängung erzeugen und haben sicher keinen ordnungspolizeilichen Auftrag oder sowas. Wir beleben einfach diesen Platz im Sinne eines Nebeneinander. Wir wollen keine Randgruppen verdrängen. Der Platz ist dafür gross genug.
Liechti: Am Eröffnungswochenende war das schon schön zu sehen. Alle zusammen in diesem Zelt, von jung bis alt, arme Leute und reiche, Fläschlisammler und sicher auch Drogenabhängige. Das funktioniert.

Schützenmatte Zwischennutzung Diskokugel

Trotzdem macht das Zelt einen recht schicken Eindruck. Es ist mit Brockenstubenmöbeln zeitgeistig eingerichtet und an der Bar gibt’s Drinks, die – vorsichtig ausgedrückt – ein urbanes Publikum mit regelmässigem Verdienst ansprechen.
Ris: Beim Aufbau hatte ich diesen Gedanken auf einmal auch: "Shit, was stellen wir hier eigentlich hin? Das passt ja überhaupt nicht und gibt einen verdammten Kontrast zum Rest des Platzes." Rückblickend kann ich sagen, dass die gemütliche Ambiance bisher niemanden abgeschreckt hat. Und auf einmal mag man diesen Kontrast, der eben Neues bringt. Es wäre falsch gewesen, wenn man sich den scheinbaren Begebenheiten angepasst hätte nach dem Motto: "Das wird dann eh alles heruntergeshittet und kaputtgemacht, also bauen wir es am besten barbarensicher."

Und wenn die Leute mit ihrem Dosenbier ankommen?
Liechti: Das ist erlaubt, das kann rein. Es gibt kein Konsumzwang im Zelt. Letztes Wochenende kamen zwei Typen rein mit einem Schachbrett und einer Vierundzwanziger-Kiste Bier. Und haben den ganzen Abend Schach gespielt.
Ris: Das finde ich eben geil.
Liechti: Voilà.

Wo seht ihr die Schützenmatte in Zukunft, gerade in diesem angesprochenen Spannungsfeld der Gentrifizierungs-Diskurse?
Ris: Uns ist bewusst, dass wir Teil dieses Spannungsfelds sind. Aber eben: Wir wollen diesen Platz nicht aufwerten, wir wollen ihn beleben.
Liechti: Und ein Platz solls bleiben, einer für die Öffentlichkeit. Es ist so ziemlich die blödeste Idee, hier ein Hochhaus bauen zu wollen oder sonstwas hinzustellen, was den Raum klar abgrenzt.

Eigentlich wollte ich euch ja gestern treffen und musste dann merken, dass ihr beide an einem ganz normalen Wochenende vollständig hinter den Kulissen des Berner Nachtlebens verschwindet. Wird man auch ein bisschen zynisch, wenn man immer den Dreck zusammenwischen muss, während andere sich vergnügen?
Ris (lacht): Ja.
Liechti: Man fragt sich manchmal schon, wieso man das immer wieder macht und immer wieder aufs Neue. Keine Ahnung, wahrscheinlich brauche ich das einfach.
Ris: Es ist oft auch einfach ein bisschen verrückt. Am Samstag spät bin ich nach dem Konzert von Feine Sahne Fischfilet aus der Grossen Halle raus, um ein paar Sachen rumzufahren – und als ich unser Zelt gesehen habe auf der Schütz draussen, dachte ich nur so: "Ah, da haben wir ja auch noch einen Betrieb. Was machen wir hier eigentlich?"

À propos Verrücktheit: Was liesse sich mit diesem Platz mitten in der Stadt noch alles anstellen in den grössenwahnsinnigsten Fantasien?
Ris: Irgendwas riesiges, farbiges muss her …
Liechti: … die alte Gurtenbahn!
Ris (lacht): Das ist mir zu klein. Die verrücktesten Sachen sind willkommen! Wir sind eigentlich immer da, immer auf Platz – und wer was anreissen will, der muss sich nicht mal besonders Mühe geben, uns zu finden. Aber farbig muss es werden auf diesem Platz. Das ist sonst huere trist, alles grau in grau.

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