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Sex

Ich habe versucht, so viele Orgasmus-Arten wie möglich zu erleben

Sorry Klitoris, aber: Manche Frauen können angeblich auch durch die Stimulation der Harnröhre oder Gebärmutter kommen. Zeit für einen Selbstversuch.

von Ali Pantony
11 Januar 2018, 9:33am

Nicht die Autorin | Foto: Chevanon Photography | Pexels | CC0

Als ich noch klein und unschuldig war, gab mir meine Mutter ein Buch über Fortpflanzung. Das 60er-Jahre-Handbuch mit vergilbten Seiten enthielt auch Infos über den weiblichen Orgasmus. Eine Zeile brannte sich mir besonders ein: "Frauen können nur durch Stimulation der Klitoris zum Orgasmus kommen."

Auch ich war jahrelang davon überzeugt, dass die Klitoris der einzige Weg ins gelobte Land ist. Immerhin habe ich schon in allen möglichen Positionen Sex gehabt, und immer wenn ich dabei gekommen bin, dann mit der Hilfe meines kleinen Kumpels mit der Kapuze – wie das Sexbuch meiner Mutter prophezeit hat.

Und das ist normal. "Studien zeigen, dass nur etwa 18 Prozent der Frauen allein durch Penetration mit einem Penis zum Orgasmus kommen", sagt die Psychologin Laurie Mintz, die auch ein Buch über "orgasm equality" veröffentlicht hat. "Die überwältigende Mehrheit kommt durch eine Form der klitoralen Stimulation zum Orgasmus."

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Trotzdem lesen wir häufig von exotischeren Orgasmus-Arten, ob durch Stimulation am Gebärmutterhals, über den G-Punkt oder im Traum. Je nachdem, wen man fragt, können Frauen zwischen zwei und zwölf verschiedene Orgasmus-Arten haben.

"Wissenschaftler streiten sich noch über dieses Thema", sagt Mintz. "Verschiedene Arten des Orgasmus werden erreicht, indem man ein bestimmtes Organ oder einen bestimmten Bereich stimuliert. Manche Studien haben gezeigt, dass verschiedene Orgasmus-Arten auch verschiedene Hirnregionen aktivieren." Eine definitive Antwort darauf, wie viele weibliche Orgasmen existieren, gebe es aber nicht.

Aber wen interessiert schon, was irgendwelche Eierköpfe über weibliche Orgasmen wissen? Dort, wo die Wissenschaft bisher versagt hat, werde ich furchtlos vorpreschen und mit vollem Körpereinsatz forschen. Wie viele Orgasmus-Arten kann ich wohl erleben? Ich rekrutiere meinen extrem hilfsbereiten Freund, sage all meine Termine ab und stürze mich in dieses wichtige Projekt.

Ich und mein Freund | Foto von der Autorin, außer anders angegeben

Orgasmus-Versuch 1: Die Klitoris

Also bitte. Das mach ich mit links – buchstäblich, wenn nötig. Nach einem schnellen Vorspiel drehe ich mich um und haue mir dabei den Knöchel am metallenen Bettrahmen an. Seine Berührungen lassen mich den Knöchelschmerz aber schnell vergessen. Auch wenn das hier wohl nicht der beste Orgasmus meines Lebens wird: Von hinten ist wirklich meine Lieblingsstellung, weil ich meine Klitoris gut stimulieren und gleichzeitig vaginale Penetration genießen kann.

Ich komme schnell und effizient, wie ein 16-Jähriger beim ersten Mal. Mein Freund hat auch seinen Spaß, aber egal, gerade geht es um mich. Und ich muss sagen: Ich liebe meinen Job.

Laut der renommierten Sexualforscherin Dr. Beverly Whipple hatte ich da allerdings gerade keinen klitoralen, sondern einen "gemischten Orgasmus". Sie erklärt: "Die Klitoris wird hauptsächlich vom Schamnerv versorgt, die Vagina hauptsächlich vom Beckennerv, und der Muttermund vom Nervus hypogastricus, dem Beckennerv und dem Nervus vagus." Man könne jeden dieser Bereiche stimulieren und damit einen Orgasmus auslösen, aber die kombinierte Stimulation aller drei Regionen sei besonders wirksam.

Die Kombination aus vaginal und klitoral ist zwar wundervoll, aber es ist Zeit für mehr Forschung. Nächster Halt: Beckennerv.

Orgasmus-Versuch 2: Der G-Punkt

Ich bin sehr skeptisch, was die Existenz des G-Punkts angeht. Meine Theorie ist, dass Männer ihn erfunden haben, um sich vor Oralsex zu drücken.

In dem Sex-Lehrbuch The Science of Orgasm heißt es: "Der G-Punkt befindet sich an der vorderen Scheidenwand, etwa auf 12 Uhr, wenn die Frau auf dem Rücken liegt." Weiter erklärt das Buch, dass man zur Stimulation des G-Punkts mit einer "Lockbewegung" an dieser Stelle gegen die Innenseite der Vagina drücken müsse, denn so werde das tiefliegende Gewebe stimuliert, das die Harnröhre umgibt.

Also befolgen wir die Anweisungen. Ich lege mich auf den Rücken, während mein Freund nach meiner inneren Uhr tastet. Ich finde es nicht schlimm, dass er "12 Uhr" nicht sofort aufspürt, immerhin leben wir im digitalen Zeitalter und niemand hat mehr eine Uhr mit Zeigern. Irgendwann findet er mit meiner Anleitung die vorgegebene Stelle, aber diese ganze Uhrzeiten-Thematik ist ziemlich unsexy. Außerdem ist tiefes Fingern ohne Klit-Arbeit wie Nachos ohne Dip – in Ordnung, aber ganz bestimmt nicht großartig.

Der Bereich fühlt sich definitiv anders, empfindlicher an als andere Vagina-Regionen. Aber wie schon vermutet reicht das nicht, um mich zum Orgasmus zu bringen. Erst mithilfe meiner eigenen Finger an der Klitoris kann ich noch mal kommen – wieder ein "gemischter Orgasmus".


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Orgasmus-Versuch 3: Der Gebärmutterhals

Falls du in Anatomie eine Niete bist: Der Gebärmutterhals, auch Zervix genannt, ist der untere Teil des Uterus. Er befindet sich am Ende der Vagina und rücksichtslose Rambo-Männer haben mich an dieser Stelle mit ihrem Presslufthammer-Gevögel schon empfindlich verletzt. Daran muss ich auch jetzt denken. Wie soll das angenehm sein?

Laut dem Buch Orgasmus – Was Sie schon immer wissen wollten, sollte man den Gebärmutterhals wie folgt stimulieren: "Das Paar sollte eine Position wählen, bei der der Penis tief vordringt. Zum Beispiel kann die Frau auf dem Rücken liegend ihre Beine um den Hals oder Rücken des Mannes legen. Auch ein Kissen unter dem Kreuz der Frau kann eine tiefe Penetration ermöglichen."

Ich zünde eine überteuerte Duftkerze an, um mich von der Vorstellung abzulenken, dass meine Zervix gleich Schaden nehmen wird. Ich kann den Druck am Gebärmutterhals spüren, gut anfühlen tut sich das allerdings nicht. Dieser Bereich ist einfach zu empfindlich und fühlt sich an, als hätte er ganz gewaltig etwas dagegen, von einem Penis bedrängt zu werden. Ich breche den Versuch nach kurzer Zeit ab.

Damit bin ich nicht allein: Bei einer Studie zu sexueller Empfindsamkeit unter 132 Frauen gaben nur 46 Prozent an, dass Stimulation des Zervix zum Orgasmus beitrug. Dagegen waren es bei vaginaler Stimulation 86 Prozent und bei der Klitoris ganze 98 Prozent.

Orgasmus-Versuch 4: Die Harnröhre

Ich bin der Meinung, dass die Harnröhre genau eine Aufgabe hat: Urin ausscheiden. Und diese wichtige Aufgabe reicht ja auch schon für einen einzigen kleinen Körperteil. In der medizinischen Fachliteratur finde ich außerdem nur sehr wenig über Harnröhren-Orgasmen, also wende ich mich an meine zweitliebste (und weitaus unseriösere) Quelle für wissenschaftliche Belange: Reddit.

"Letzte Nacht habe ich masturbiert und dabei angefangen, meinen H-Punkt zu reiben", schreibt eine Reddit-Nutzerin. "Innerhalb von wenigen Minuten hatte ich einen überwältigenden Orgasmus, so mit den Beinen in der Luft und einem dicken Grinsen im Gesicht. Aber wenn ich auf Google nach H-Punkt-Orgasmen suche, finde ich nur sehr wenig. Kennt das sonst noch jemand?"

"Glückwunsch!", schreibt daraufhin jemand anderes. "Mein allererster Orgasmus war über die Harnröhre – bei mir sind das die intensivsten Orgasmen."

Theoretisch stimulierst du wahrscheinlich auch deine Klitoris, wenn du den kleinen, empfindlichen Bereich um die Harnröhrenöffnung berührst, und das führt dann zum Orgasmus. Die Klitoris ist nämlich sehr viel umfangreicher, als die meisten wissen, und das meiste davon liegt im Körperinneren. Insgesamt ist die Klitoris etwa neun bis elf Zentimeter lang und liegt am Bindegewebe der Vulva entlang. Außen sieht man von der Klitoris nur die Eichel und Vorhaut (ja, auch bei Frauen heißt das so).

Ich lege mich aufs Bett und berühre den Bereich um meine Harnröhrenöffnung. Währenddessen denke ich darüber nach, welche Entscheidungen ich in meinem Leben getroffen haben muss, um irgendwann an diesem Punkt zu landen. Das Ganze ist recht gewöhnungsbedürftig, und erst, als ich nicht mehr so sehr darüber nachdenke, was ich da gerade stimuliere, kann ich mich genug entspannen, um zum Orgasmus zu kommen. Am Ende will ich mir selbst ein High-Five geben. Es hat wirklich geklappt!

Meine Zweifel bleiben allerdings. War es vielleicht doch einfach ein Orgasmus durch die Klitoris, nur eben anders ausgelöst?


Orgasmus-Versuch 5: Der Traum

In Anbetracht der Tatsache, dass ich gerne schlafe und gerne komme, sollte diese Methode kein Problem für mich darstellen.

Die Sexologin Beverly Whipple sagt dazu: "Orgasmen können bei Frauen über viele Körperregionen ausgelöst werden, oder auch nur durch Bilder." Es handle sich dabei nicht um eine Art Reflex, sondern eine "Ganzkörper-Erfahrung". Es fällt mir leicht, Whipple zu glauben, denn ich gehöre zu den vielleicht 37 Prozent der Frauen, die schon einen Orgasmus im Schlaf hatten.

Warum das bei manchen Frauen passiert, ist allerdings nicht klar. "Die Hirnregionen, die bei Körperkontakt aktiv werden, können sich auch im Schlaf oder bei großer geistiger Konzentration aktivieren", sagt Vanessa Marin, Sex-Therapeutin und Gründerin des Orgasmus-Online-Kurses Finishing School. "Träume oder geistige Konzentration können dieselben physiologischen Reaktionen auslösen, die wir bei einem Orgasmus im Wachzustand erleben."

Im Schnitt habe ich vielleicht etwa einmal im Monat einen Schlaf-Orgasmus. Und zwar meist dann, wenn ich sehr entspannt, sehr müde und mit Sex im Kopf einschlafe. Wenn ich um Mitternacht noch eine Runde Bettsport mit meinem Freund hatte, komme ich später im Schlaf nicht mehr.

Mein Plan ist also ganz einfach: Ich werde keinen Sex haben und mich stattdessen so gut und gründlich anturnen wie möglich. Und das geht bei mir am besten mit der britischen Seifenoper Eastenders. Dieser Danny Dyer ist einfach unfassbar erotisch. Als die Folge zu Ende ist, dusche ich mit meinem Freund und denke dabei durchgehend an Dyer. Dann falle ich müde und sehr frustriert ins Bett. Es funktioniert! Nach etwa drei Stunden Schlaf werde ich wach, weil ich einen Orgasmus hatte. In meinem Traum war ich im Queen Vic, dem Pub, in das alle bei Eastenders immer gehen.

Dass mein Körper schon mit einem Orgasmus gerechnet hat, war bestimmt hilfreich für das Schlafexperiment. Aber was, wenn ich mein Hirn dazu bringen kann, einen Orgasmus auszulösen, während ich wach bin? Das wäre nicht nur für diesen Artikel ziemlich cool. Es wäre fürs ganze Leben so ziemlich das Coolste überhaupt.

Orgasmus-Versuch 6: Die Gedanken

Wenn wir mal ehrlich sind, ist das wohl die einzige Superkraft, die es wirklich bringt: Allein durch Denken zum Orgasmus kommen. Meine Broadly-Kollegin Sirin Kale hat es schon probiert und ist (Achtung, Spoiler) leider gescheitert.

Laut Whipple können Bilder allein schon ausreichen, um einen Orgasmus auszulösen. Also sollte ich es auch fertigbringen, mich ins Ziel zu denken. Whipple selbst hat dieses Thema erforscht und dabei festgestellt: Frauen, die zu solchen psychisch ausgelösten Orgasmen fähig sind, reagierten auf "selbst induzierte Bilder" mit typischen Orgasmus-Symptomen. Dazu gehören geweitete Pupillen, erhöhter Blutdruck und eine höhere Hemmschwelle für Schmerzen.

Aber selbst nach 40 Minuten Pornos schauen fühle ich mich kaum erregt. ( Eastenders ist mindestens genauso erotisch und hat mehr Story!) Mein Herz schlägt zwar schneller und ich habe größere Pupillen, aber einen mentalen Orgasmus kriege ich nicht zustande.

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Ich schätze, es ist schon mal nicht schlecht, wenn vier von sechs Orgasmus-Versuchen geglückt sind. Außerdem sollten wir vielleicht nicht immer nur an den Höhepunkt denken. Manchmal kann es genau so schön sein, ein bisschen sexuellen Schaufensterbummel zu betreiben, ohne den Orgasmus mit nach Hause zu nehmen.

"Wir sollten Frauen ermutigen, sich mit den verschiedenen Arten des sexuellen Empfindens wohlzufühlen, ohne bestimmte Ziele zu haben, wie etwa den G-Punkt zu finden oder allein von vaginaler Penetration Orgasmen zu kriegen", mahnt Whipple. "Gesunder Sex beginnt damit, dass man sich selbst akzeptiert, und nicht mit sexuellen 'Zielen'."

Nach meinen Experimenten kann ich ihr nur Recht geben. Private Sex-Forschung macht zwar Spaß, aber am Ende geht es ums Gefühl und nicht darum, wie viele Punkte auf einer Liste du abhaken kannst.

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