Alle Fotos: Yasmin Nickel

10 Fragen an eine Discounter-Kassiererin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Wie einfach ist es für dich, Ware mitgehen zu lassen? Tut es dir weh, wenn sich Stammkunden jeden Morgen eine Flasche Korn kaufen? Wie kaputt ist dein Körper wegen dieser Arbeit?

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07 April 2019, 9:00am

Alle Fotos: Yasmin Nickel

Als Melanies* Frühschicht um 14 Uhr endet, ist sie genervt. Es fehlen zehn Euro in ihrer Kasse: "Wenn die Konzentration nachlässt oder im Laden Stress aufkommt, greift man halt mal ins falsche Fach oder zwei Scheine kleben zusammen", sagt die Netto-Kassiererin.

Bei fast 1.000 Kunden pro Tag komme das eben vor. Nicht nur wegen des Stresses hinter der Kasse hat Melanies Job einen schlechten Ruf. Die Kunden seien unfreundlich, das ständige Kisten-Geschleppe anstrengend und die Bezahlung mies, heißt es.

Melanie ist eine von 75.000 Angestellten bei Netto und sie macht ihren Job ordentlich und gewissenhaft: Insgesamt sechs Mal am Tag wasche sie sich die Hände, sagt die Kassiererin, alleine schon wegen der ganzen Geldscheine und Münzen, die sie täglich berührt.

Wir haben Fragen.

VICE: Beurteilst du Menschen nach dem Inhalt ihres Einkaufswagens?
Melanie: Klar. Besonders bei Alkoholikern. Ich kenne das Thema aus meiner eigenen Familie. Trotzdem frage ich mich immer wieder: "Muss das wirklich sein?" Auch bei sehr dicken Kunden würde ich gerne mal sagen: "Ernähr dich gesünder und nicht nur von Fertignahrung." Aber mit Ratschlägen halte ich mich natürlich zurück.

Ist dein Gehalt wirklich so beschissen, wie man sich das vorstellt?
Für meine Arbeit ist das Gehalt definitiv beschissen. Ich nehme mir kaum Pausen, gehe höchstens mal eine rauchen oder auf die Toilette. Bei 37 Stunden in der Woche habe ich ungefähr 1.300 Euro raus. Wenn ich meine Kinder alleine versorgen müsste, würde das Geld wahrscheinlich nicht reichen, um am Monatsende Lebensmittel zu kaufen.

Welcher Kundentyp ist mit Abstand der nervigste?
Rentner und Touristen. Rentner, weil sie so langsam sind und ihren Einkauf immer auf den Cent genau bezahlen wollen. Ich warte dann und warte, aber es dauert ewig. Da suche ich mir lieber schnell selber das Geld aus dem Portemonnaie. Viele bieten das ja auch an.

Noch nerviger sind die Touristen, die mit ihren Freunden quatschen, anstatt ihre Sachen einzupacken. Teilweise sind die schon genervt, wenn sie mit dem Bezahlen dran sind. Und halten arrogant ihre EC-Karte gegen das Lesegerät, ohne etwas zu sagen.

Meine unangenehmste Erfahrung hatte ich im letzten Sommer. Ein Obdachloser kam an einem Tag gleich zweimal in den Laden. Er wurde vorher wahrscheinlich zusammengeschlagen und sah richtig ekelhaft aus, mit blutigen Fingern und einer Platzwunde am Kopf. Beim ersten Einkauf hat er mir an die Hand gegrabscht und sie dann ganz sanft gestreichelt. Beim zweiten Mal war er so wütend, dass er mich mit seinem Kleingeld beworfen hat. Dann ist er einfach abgehauen.

Wie lautet der dümmste Anmachspruch, den du dir an der Kasse anhören musst?
Wir haben einen Kunden, der mir beim Bezahlen häufiger sagt, dass ich schöne Augen habe. So richtig belästigt fühlte ich mich von einem Typen, der mich zwei Jahre lang damit genervt hat, dass ich seine große Liebe bin. Immer wieder und total penetrant. Irgendwann habe ich ihm gedroht, dass ich meiner Chefin Bescheid sage und die ihm ein Hausverbot erteilt. Dann hat er es gelassen.

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Tut es dir weh, wenn Stammkunden jeden Morgen eine Flasche Korn kaufen und daran kaputtgehen?
Bei einem obdachlosen Stammkunden tut es mir sehr leid. Das ist so ein lieber Mensch. Ich habe ihn richtig ins Herz geschlossen. Er ist immer freundlich, drängelt nie vor und wäscht sich die Hände im Brunnen, wenn ich ihn darum bitte. Aber er hängt halt an der Flasche.

In manchen Situationen würde ich ihm gerne keinen Alkohol verkaufen. Wenn er gerade Kummer hat, will ich ihm sagen, dass er da mit 'nem klaren Kopf rangehen muss. Er hat mir zum Beispiel erzählt, dass sein Freund im letzten Winter ermordet wurde. Früher waren die beiden immer gemeinsam unterwegs. Als Kassiererin kriege ich viel aus dem Leben meiner Kunden mit.


Auch bei VICE: Obdachlose erzählen, wie sie den Winter überstehen


Stört es dich, dass viele Menschen hinter der Supermarktkasse eine Frau erwarten?
Nö, das stimmt ja nicht. An der Supermarktkasse arbeiten nicht nur Frauen. Wir haben einen Mann in der Filiale, bei insgesamt zwölf Kassen-Mitarbeitern. In anderen Filialen sind es zwei oder drei. Ich finde es ja einerseits gut, dass auch Männer hinter der Kasse sitzen.

Aber andererseits helfen sie uns mehr, wenn sie die schweren Getränkekisten schleppen und damit ältere Arbeitskolleginnen entlasten. Insgesamt würde ich mich aber schon über mehr Männer freuen. Mit denen kann man besser schäkern oder sich gegenseitig verarschen. Kolleginnen sind da manchmal zickiger.

Wie kaputt ist dein Körper, wenn du den ganzen Tag entweder sitzt, Ware durch die Gegend ziehst oder in niedrige Regale einräumst?
Ich persönlich fühle mich fit. Mir schmerzt der Rücken nur, wenn ich wochenlang ohne Unterbrechung an der Kasse gesessen habe. Einige ältere Kolleginnen nehmen täglich Medikamente ein. Eine Kassiererin bei uns schluckt zum Beispiel jeden morgen drei Schmerztabletten. Nur, um überhaupt hinter der Kasse sitzen zu können.

Andere haben Probleme mit dem Karpaltunnel, einem Nerv im Handgelenk. Ein Kollege musste sich den Arm aufschneiden lassen, damit das Gelenk wieder richtig funktioniert und er weiterarbeiten kann.

Wie einfach ist es für dich, Ware mitgehen zu lassen?
Wenn unser Sicherheitsmann nicht da ist, wäre es sehr leicht. Dann würde es nicht auffallen, wenn ich mal eine Tafel Schokolade einstecken würde. Aber die Kasse ist ja immer besetzt. Einen Kasten Bier könnte man also nicht rausschleppen.

Es sind bestimmt Tausende Euros, die uns jährlich durch Diebstahl fehlen. Ich habe aber noch nie erlebt, dass Kollegen etwas in der Filiale geklaut haben. Und selber hatte ich auch noch nie den Gedanken, etwas mitgehen zu lassen. Ich bin ein ehrlicher Mensch.

Wie einfach wäre es, dir die Kasse beim Schichtwechsel aus der Hand zu reißen?
In der Kasse dürfen maximal 400 Euro drin sein. Scheine ab 50 Euro packe ich eine Cash-Box. Am Ende meiner Schicht habe ich vielleicht 3.000 Euro in den Händen. Man könnte mir die Kasse zwar aus den Händen reißen, aber ohne Schlüssel kommt da keiner ran.

Und Angst, dass mir jemand die Kasse oder die Cash-Box klaut, habe ich nicht. Ich habe da noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Und außerdem kenn ich den Weg, wie man am schnellsten ins Lager kommt.

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Hast du Angst, deinen Job zu verlieren, wenn in Zukunft alle bei Amazon einkaufen?
Ich glaube nicht, dass sich das durchsetzt. Die Rentner werden definitiv nicht anfangen, morgen online ihre Lebensmittel zu kaufen. Und auch wenn es manchmal nervig ist, an einer langen Kasse zu stehen, schätzen viele das Zwischenmenschliche.

Im Supermarkt sehen die Leute genau, wofür sie gerade Geld ausgeben. Angst um meinen Job habe ich deshalb nicht. Selbst wenn alle Kassen automatisch funktionieren, müssen ja Mitarbeiter Lebensmittel packen und das Lager aufräumen.

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