#metoo

Warum es so schwierig ist, seine Idole zu töten

Egal ob R. Kelly, Kevin Spacey oder Louis C.K.: Wenn du deine Helden nicht länger lieben kannst, bleiben dir drei Optionen. Und alle tun weh.

von Lisa Ludwig
30 Januar 2019, 12:27pm

Collage: VICE || R. Kelly: imago | MediaPunch || Kevin Spacey & Louis C.K.: imago | ZUMA Press

"Es gibt nicht viel, was eine berühmte Person tun kann, um ihr komplettes Publikum zu verlieren", schrieb Craig Jenkins auf Vulture zum Versuch, R. Kelly in die Bedeutungslosigkeit zu ignorieren. "Selbst Serienmörder haben Bewunderer."

R. Kelly, Kevin Spacey, Louis C.K.: Ihnen allen wird vorgeworfen, sich in unterschiedlich schwerer Form übergriffig verhalten zu haben. R. Kelly soll Sex mit Minderjährigen gehabt und Frauen in einer Art Sexkult körperlich und emotional missbraucht haben. Die Vorwürfe gegen Kevin Spacey schließen unter anderem sexuelle Übergriffe gegenüber einem damals 14-Jährigen ein. Und Louis C.K. soll vor mehreren Frauen masturbiert haben – gegen ihren Willen.

Je größer und einflussreicher der Name, umso schwieriger scheint es großen Teilen der Öffentlichkeit zu fallen, sich von ihren Idolen abzuwenden, wenn die sich als "Monster", zumindest aber als Sexualstraftäter oder ganz allgemein als "nicht guter Mensch" entpuppen. Ich verstehe das. Mir haben die Berichte über Kevin Spacey im Rahmen der #MeToo-Enthüllungen das Herz gebrochen. American Beauty ist mein Lieblingsfilm, seitdem ich ihn das erste Mal gesehen habe. Kevin Spacey ist seitdem mein Lieblingsschauspieler. Und das ist über 15 Jahre her.

Wie schaffen wir es, Menschen, mit deren Werken wir so viele schöne Erinnerungen verbinden, loszulassen und endlich als das zu sehen, was sie sind? Was bleibt, wenn man die Kunst weiter liebt, die Person dahinter aber nicht mehr lieben kann?


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Option 1: Man löscht Künstler samt Kunst aus seinem kulturellen Gedächtnis

Das klingt für mich im ersten Moment ziemlich einfach. Ein bisschen so, als würde ich einen Ex-Partner direkt nach der Trennung blockieren und aus Angst vor einem emotionalen Rückfall seine Telefonnummer löschen. Wenn ich nichts mehr von den Leuten konsumiere, von denen ich guten Gewissens eigentlich nichts mehr konsumieren kann, laufe ich gar nicht erst Gefahr, sie wieder in mein Herz zu lassen.

Bei Louis C.K. fällt mir das besonders leicht. Den fand ich zwar irgendwie lustig und hatte damit geliebäugelt, seine Serie Louis anzufangen, von der mir Bekannte immer wieder vorgeschwärmt hatten – aber dann gucke ich sie eben nicht. Easy.

Klar, "Ignition" ist ein Hit, es ist jetzt aber auch nicht so, als würde sich irgendein Song von R. Kelly auf einer der Playlists befinden, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Auf das mutmaßliche Oberhaupt eines missbräuchlichen Sexsekte kann ich auch musikalisch verzichten. #MuteRKelly? Check.

Für mich kam die Kunst vor der Person. Wieso kann ich also nicht wieder einen Schritt zurückgehen?

Schwierig wird es bei Kevin Spacey. Ich liebe die ersten beiden House of Cards-Staffeln mehr, als ich zugeben möchte. Das Beste an Call of Duty: Advanced Warfare war meiner Meinung nach, dass die Entwicklerfirma Activision Spacey als charismatischen Bösewicht verpflichten konnten. Sieben, L.A. Confidential, Die üblichen Verdächtigen – unzählige Male gesehen. Noch schlimmer ist allerdings, wie sehr ich an American Beauty hänge.

Der Film zeigt eine nach außen hin perfekte Familie, im perfekten Haus mit perfektem Rosenvorgarten in der perfekten Nachbarschaft. Und trotzdem ist nichts OK. Protagonist Lester und seine Frau Carolyn hassen sich, die gemeinsame Tochter Jane fühlt sich von ihren Eltern emotional alleingelassen. Bis sich alles ändert. Lester verliebt sich in Janes beste Freundin Angela, schmeißt seinen Job und macht nur noch, worauf er Lust hat. Carolyn beginnt eine Affäre. Jane kommt mit ihrem neuen Nachbarn Ricky zusammen – was in der meiner Meinung nach fantastischsten Filmszene resultiert, die jemals gedreht wurde. Der, in der Ricky ihr das Schönste zeigt, was er jemals mit seiner Kamera eingefangen hat: eine Plastiktüte, die im Wind tanzt.

Trotzdem war es vor allem Spaceys zynischer, selbstgerechter und doch ehrlich bemühter Lester, der mein jugendliches Herz gewann. Er fühlte sich gefangen, so wie ich mich gefangen fühlte. Und mit seinem hintersinnigen Lächeln, hinter dem sich ein tiefer Schmerz zu verbergen schien, erinnerte er mich irgendwie an meinen Vater.

Option 1 erscheint mir nicht machbar. Zumindest nicht für alle meiner alten Helden. Eine Welt, in der ich nie wieder einen Film oder eine Serie mit Kevin Spacey gucke, kann ich mir irgendwie noch vorstellen. Schließlich habe ich American Beauty mittlerweile so oft gesehen, dass ich es mitsprechen kann.

Eine, in der ich nie wieder "N.Y. State of Mind" oder "Made You Look" von Nas höre, weil der gegenüber seiner Ex-Frau Kelis gewalttätig geworden sein soll, allerdings nicht.

Also suche ich nach Ausflüchten.

Option 2: Man versucht, "den Künstler von der Kunst zu trennen"

Stellt euch folgende Situation vor: Ihr trefft euch mit eurer Chefin außerhalb eurer Arbeitszeiten zu einem Feierabendbier. Plötzlich steht sie auf und schlägt euch ins Gesicht. Am nächsten Morgen tut sie, als sei nichts passiert. Als ihr sie darauf ansprecht und sagt, nicht länger für sie arbeiten zu wollen, starrt sie euch mit weit aufgerissenen Augen an und sagt fassungslos: "Aber … was ich als Privatperson tue, hat doch nichts mit unserer Situation am Arbeitsplatz zu tun!" Hättet ihr dafür Verständnis? Wenn ja, habt ihr auf die #MeToo-Enthüllungen wahrscheinlich auch mit dem Einwand reagiert, man müsse den Künstler von der Kunst trennen.

Das erscheint mir im ersten Moment als recht einfache Möglichkeit, einerseits irgendwie betroffen von den Anschuldigungen gegen Stars wie Kevin Spacey zu sein, andererseits aber absolut gar nichts an meinem Konsumverhalten ändern zu müssen. Ich kannte American Beauty-Protagonist Lester Burnham, bevor ich mich intensiver mit Kevin Spacey beschäftigte. Für mich kam die Kunst vor der Person. Wieso kann ich also nicht wieder einen Schritt zurückgehen?

Nun: Es ist eine Illusion, dass die Kunst nichts mit dem zu tun hat, wozu ein Künstler außerhalb seines künstlerischen Schaffens fähig ist. Zum einen bringt ihr Status als Schauspieler, Musiker, Comedians viele überhaupt erst in die Position, die Dinge zu tun, die sie tun – und jahrelang ungestraft damit davonzukommen. Ohne Kunst wäre der Künstler kein Künstler, er wäre, zumindest in den hier thematisierten Fällen, einfach nur ein übergriffiger Mann. Und der lässt sich natürlich viel schwieriger verteidigen.

Positive Erinnerungen, die man mit einem Song verbindet, verschwinden nicht, nur weil der Verantwortliche sich als übergriffiges Arschloch herausgestellt hat.

Zum anderen ist Kunst etwas zutiefst Persönliches. Ein guter Musiker schafft es mit seiner Musik, einen mitten ins Herz zu treffen. Weil er glaubhaft machen kann, dass in jedem Song ein kleines Stück von seinem eigenen steckt. Ein guter Comedian kann seine Unzulänglichkeiten, seinen Schmerz nehmen, und damit Menschen zum Lachen bringen. Und Kevin Spacey ist deswegen ein so guter Schauspieler, weil er seinen Rollen etwas verleiht, das über Regieanweisungen und Drehbuch hinausgeht. Wäre Lester Burnham nicht von Spacey gespielt worden, wäre American Beauty vielleicht kein schlechterer, in jedem Fall aber ein anderer Film. Und vielleicht würde ich ihn dann auch nicht so sehr lieben.

Wenn ich also nicht einfach einen Strich zwischen der Person und dem, was sie mit ihrer Persönlichkeit macht, ziehen kann – was bleibt mir dann noch?

Option 3: Man arrangiert sich mit seiner künstlerischen Vergangenheit, unterstützt den Künstler aber in Zukunft nicht mehr

Seien wir realistisch: Ein Song wird nicht per se schlechter, nur weil die Person dahinter ein schrecklicher Mensch ist. Und positive Erinnerungen, die man mit einem Song verbinden, verschwinden nicht, nur weil der Verantwortliche sich als übergriffiges Arschloch herausgestellt hat. Wenn ich sage, dass ich meine Lieblingsfilme mit Kevin Spacey jetzt hasse, würde ich lügen.

Wie schwierig es ist, sich von Menschen loszusagen, die einen großen Einfluss auf das eigene Leben hatten, zu denen man aufgesehen hat, zeigt sich bei Dave Chappelle. Der Comedian kommt in seinem aktuellsten Netflix-Special gleich mehrfach auf Bill Cosby zu sprechen, der aktuell wegen schwerer sexueller Nötigung hinter Gittern sitzt. Cosby war für Chappelle ein Idol. Der erste Schwarze Mann, der einen Emmy gewonnen hat. Der Erste, der es geschafft hat, in einer mehrheitlich weißen Medienwelt mit einer Serie Erfolg zu haben, die Schwarze Menschen nicht als rassistische Klischees darstellte. "Das ist, als würde dir jemand sagen, dass Schokoladeneis 54 Menschen vergewaltigt hat", beschreibt Chapelle den Schock über die Anschuldigungen. Bill Cosby hat Dave Chappelle mehr gegeben als ein paar gute Stand-up-Sets, er hat seine Vorstellung davon geformt, wie man es als Schwarzer Comedian ganz nach oben schaffen kann. Wie soll Chappelle das rückgängig machen?

Wir können uns nicht mit einem chirurgischen Eingriff entfernen lassen, wie Kunst uns beeinflusst hat – egal, wie wir mittlerweile zu den Künstlern stehen, die sie geschaffen haben. Wir haben allerdings durchaus einen Einfluss darauf, wie wir zukünftig mit der Kunst von Leuten wie Louis C.K. oder Kevin Spacey umgehen. Kaufe ich Kinokarten für den Film eines mutmaßlichen Sexualstraftäters und gebe Produktionsfirmen damit das Signal, dass es sich lohnt, besagten mutmaßlichen Sexualstraftäter weiter zu engagieren und ihn somit in einer Position zu halten, in der ungestraft weiter Grenzen überschreiten kann? Nein? Gut. Denn diese Konsumverweigerung zwingt auch all jene zum Umdenken, die bisher noch wirtschaftlich von mutmaßlichen Sexualstraftätern profitiert haben.

Mit einer aktuellen Petition wollen Aktivistinnen verhindern, dass R. Kelly Anfang April zwei Konzerte in Deutschland spielen darf. Schließlich würde dem R&B-Sänger "von diversen Seiten Pädophilie, sexueller, körperlicher und emotionaler Missbrauch vorgeworfen". Bisher haben knapp 37.000 Menschen die Petition unterschrieben. Das Konzert in Ludwigsburg wurde bereits abgesagt.

"Wie kann sich jemand rehabilitieren, wenn er so etwas gemacht hat?", fragte mich mein Chef, als ich ihm von dieser Artikelidee erzählte. Ich muss an ein Interview mit der Schauspielerin Robin Wright denken, das ich kürzlich gelesen hatte. Angesprochen auf Kevin Spacey, mit dem sie für House of Cards vor der Kamera stand, erklärte sie: "Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll. Ich glaube, jeder Mensch hat die Fähigkeit, sich zu bessern." Sie glaube daran, jemandem eine zweite Chance zu geben.

"Vielleicht müssen sie sich gar nicht rehabilitieren können", antworte ich schließlich meinem Chef. Es gibt kein Recht darauf, gefeierter Star zu sein, zu dem Millionen aufblicken. Das muss man sich verdienen. Und manchmal gibt es eben auch kein Recht auf Wiedergutmachung, weil sich manche Dinge einfach nicht wieder gut machen lassen. Sie können nicht dahin zurück, wo sie mal waren. Und das ist auch richtig so.

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