Ein Liebesbrief an ...

Ein Liebesbrief von Yasmo an die Schönheit der Sprache

"Ich hab mich ausgezogen vor dir, du hast mich nackt gesehen, du weißt alles über mich und du hilfst mir, mich selbst besser zu sehen." – Yasmo fasst ihre Liebe in Worte.
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von Yasmo
11 März 2019, 2:35pm
Die Rapperin, Autori und Poetry-Slam-Künstlerin Yasmo schreibt einen Liebesbrief an die Sprache.
Foto: imago | Future Image || Hintergrund: unsplash || Bearbeitung: VICE Media

Yasmo hat uns einen Liebesbrief an die Sprache geschrieben. Weil wir sie darum gebeten haben. Und weil die österreichische Poetry-Slam-Künstlerin und Rapperin von Berufs wegen mit Wörtern hantiert und das ziemlich gut kann. So gut, dass sie in ihren Texten schon mal das Patriarchat zersprengt, gegen den Instagram-Lifestyle zündelt und das kapitalistische System abfackelt. Leistungsdruck und ständige Verfügbarkeit? Yasmo spuckt ihr ins Gesicht – mit sprachlicher Finesse, die sich irgendwo zwischen Adorno, Punk und Empowerment bewegt.

Mit Worten über Worte sprechen. Wenn das jemand versteht, dann Yasmo. Obwohl die Künstlerin gerade ihr neues Album

Prekariat & Karat

veröffentlicht hat und mit der Songwriterin Mira Lu Kovacs das diesjährige

Popfest am Karlsplatz

kuratiert, nahm sie sich die Zeit, uns ihre Liebeserklärung an den "cheeky bastard", die Sprache, aufzuschreiben.

Bitteschön:

Hey du! Ich schulde dir schon lange eine Huldigung, Dankesworte, ein offizielles "Ich liebe dich!". Du bist immer da für mich, ohne Konditionen, ich weiß, manchmal tust du so, als wäre dir Grammatik oder Rechtschreibung wichtig, aber wir wissen beide, dass das nicht wirklich so ist.

Oh, du cheeky bastard! LIEBE!

Du warst da für mich, als ich mit 13 meine erste Sinnkrise hatte, und du lachst immer noch mit mir, wenn ich sage "Die Krise ist riesig aber trotzdem ohne langem ie". Du warst einfach da. Als ich Malerin werden wollte, weil ich keinen 9 to 5 Job wollte, weil ich Künstlerin werden wollte, und mein kleiner Kopf nicht gecheckt hat, dass Kunst nicht immer Malerei sein muss. Als ich meine Malerinnenkarriere dann an den Nagel gehängt hab, weil ich nicht mal einen Affen zeichnen kann, und man das hinbekommen sollte, auch wenn man danach "abstrakt" malen will – weil man nichts Anderes kann. Du warst da, nahmst mich bei der Hand und zeigtest mir einen Ausweg.

Du hast mich auch nicht für wahnsinnig erklärt, als ich das erste Mal so richtig verliebt war und an nichts Anderes mehr denken konnte. Du hast dich mit mir hingesetzt, Liebesbriefe geschrieben, "Herz-Schmerz"-Reime und "Es ist Leidenschaft, weil es Leiden schafft" zugelassen, und vielleicht hast du deine Augen verdreht, das habe ich nicht mitbekommen. Aber du hast mich nie verurteilt, nie gejudged. Schau, sogar mein Chaos mit dem Englischen lässt du mir durchgehen. Du bist so nachsichtig mit mir, wie ich es selbst nie sein kann.

Und du hast nie einen Exklusivitätsanspruch gestellt. Ich weiß, du bist für alle da und das finde ich großartig. Denn alle brauchen dich, auch wenn sie es manchmal nicht wissen.

Ich weiß, ich brauche dich! I will always love you und I can’t live tulibudibuthout you!

You see what I did there? Natürlich siehst du das, du siehst alles. Ich hab mich ausgezogen vor dir, du hast mich nackt gesehen, du weißt alles über mich und du hilfst mir, mich selbst besser zu sehen. Wenn ich die Welt mal wieder nicht verstehe, alles nur nach Verderben aussieht und ich mir denke: "How the f did we get here?!" – dann setzt du dich mit mir auf einen Kaffee, wir schreiben ein paar Zeilen und schon seh ich wieder klar.

Du bringst mich zum Weinen und zum Lachen, du unterhältst mich, bringst mich zum Nachdenken und während all dem erwartest du nie etwas zurück. Du bist so selbstlos, good Lord, bist du selbstlos!

Wenn ich fortgehe und meine Leute sich verspäten, bist du immer schon vorher da. Weißt du noch, als wir früher auf HipHop-Konzerte gegangen sind und die Leute über uns geredet haben? "Die Yasmo hat immer ein Buch mit", "Schau, die schreibt schon wieder nur", man hat uns immer zusammen gesehen. In guten wie in schlechten Zeiten.

Oh, du meine Sprache, ich wüsste nicht, wo ich ohne dir wäre! Du warst beim ersten Liebeskummer da und beim ersten Erfolg, du lebst durch so viele Menschen, du verbindest uns. Und du bist wandelfähig! Ich bin so froh, dass es das Wort "Engelmacherin" kaum mehr gibt, und finde man sollte öfter "Kleinod" sagen. Ich bin so froh, dass du zu gendern beginnst, und dass alle, die das blöd finden, das auch sagen dürfen, aber eben nicht ganz auskommen mit dem Argument "Das hat man früher nicht gemacht, wofür brauchen wir das denn?!" "Engelmacherin" hat man früher gebraucht, und ich glaube, wir sind alle froh, dass es das nicht mehr gibt! "Sharen" hat man früher auch nicht gemacht, zumindest nicht in dem Sinn wie wir das heute machen, und alle, die ein Anti-Gender Buch schreiben, brauchen das heute, sonst verkaufen sie nämlich nichts.

Die Grenzen deiner Sprache sind die Grenzen deiner Welt, aber die Grenzenlosigkeit von Sprachen und Menschen wird über Grenzen gestellt!

Danke, dass du das möglich machst, Sprache! Danke, dass ich mich durch dich ausdrücken kann, dass ich Prekariat und Karat nebeneinander stellen kann und nicht nur Schleichwerbung machen kann, nein, dass ich neue Bilder damit machen kann! Weil mit Pinsel malen könnte ich es nicht!

Danke, dass wir Framen und Spinnen, Rahmen sprengen und spinnen, und neue Realitäten schaffen können! Danke, dass du uns hilfst, einander zu verstehen.

Danke, dass du mir hilfst, die Welt und mich zu verstehen, danke, dass ich mich durch dich ausdrücken darf und danke für schlechte Wortspiele!

If you like it then you should have put a spin on it! Das ist mein Spin für Dich Sprache, lass uns tanzen!

Du bist ein Kunstwerk, baby! Und ich liebe dich!


Hier könnt ihr Yasmo & die Klangkantine live erleben:

Mi, 13.03.2019 » Innsbruck » Treibhaus
Do, 14.03.2019 » Dornbirn » Spielboden
Fr, 15.03.2019 » München (DE) » Club Milla
Sa, 16.03.2019 » Linz » Posthof - Zeitkultur am Hafen
Di, 26.03.2019 » Wien » Porgy & Bess Jazz & Musicclub
Mi, 27.03.2019 » Graz » p.p.c.

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