Körperliche Selbstbestimmung

Auch Frauen mit geistigen Behinderungen haben ein Recht auf Sexualität

Sex bei Menschen mit geistiger Behinderung ist noch immer ein Tabu-Thema – darunter leidet die Aufklärung. Auch sexualisierte Gewalt ist ein großes Problem.

von Yasmina Banaszczuk
24 Oktober 2017, 6:55am

Illustration: Martin Cuer

Unsere Themenreihe widmet sich den Eingriffen in die körperliche und sexuelle Selbstbestimmung, denen Frauen mit geistiger Behinderung ausgesetzt sind. Alle Artikel findet ihr hier.

Eine Frau, die sich in einen Menschen verliebt, Nähe spüren und intim werden will – das findet wohl jeder normal und alltäglich. Nicht jedoch, wenn die Frau eine geistige Behinderung hat. Dann bekommt sie in Deutschland auch heutzutage immer noch Vorbehalte und Ablehnung zu spüren.

"Sexualität bei Menschen mit Behinderungen war lange Zeit ein absolutes Tabu-Thema", sagt Simone Hartmann von pro familia Nürnberg gegenüber Broadly. "Aber auch heute noch wird nicht vollkommen frei darüber gesprochen." Sie arbeitet seit fast 30 Jahren in Paar- und Einzelberatung mit Menschen mit geistigen Behinderungen und kennt die Herausforderungen, denen sie selbst dann begegnen, wenn sie nur lieben und zärtlich miteinander sein wollen.

Dabei lieben und begehren sie genauso wie Menschen ohne Behinderungen – sowohl hetero-, als auch bi- oder homosexuell. Zwar sind geistige Behinderungen ein Spektrum, aber auch Frauen, die komplexe Sachverhalte nicht verstehen können, können Sex zustimmen. Selbst bei einer dauerhaften Einwilligungsunfähigkeit, bei der eine Betreuungsperson auch kleinere rechtliche Entscheidungen für die Frau mit Behinderung trifft, kann Sex einvernehmlich sein.

"Für schönen und einvernehmlichen Sex brauche ich keinen hohen IQ, sondern die Fähigkeit, meinem sexuellen Empfinden Ausdruck zu verleihen und die Bedürfnisse meines Gegenübers wahrzunehmen und zu berücksichtigen", sagt Julia Zinsmeister. Sie ist Juristin und Professorin für Sozialrecht an der TH Köln und zudem Expertin für die Rechte geistig behinderter Menschen. Um in Sex einzuwilligen, bräuchten wir andere Fähigkeiten, als rechtliche Entscheidungen treffen zu können. Bei einer rechtlichen Einwilligung zu einer Operation beispielsweise müsse man langfristige Konsequenzen und komplexe Zusammenhänge verstehen und abwägen können. Um in Sex einzuwilligen, muss man im Wesentlichen unmittelbar sagen können, ob das, was gerade in diesem Moment passiert, für einen in Ordnung ist.


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"Wichtig ist für Frauen mit geistiger Behinderung, dass sie ihre Sexualität so leben können wie alle anderen Frauen auch", sagt Ulla Schmidt, Bundestagsabgeordnete der SPD und Bundesvorsitzende des Lebenshilfe e.V. auf Anfrage von Broadly. Die Lebenshilfe versteht sich als Selbsthilfevereinigung und vertritt die Interessen von Menschen mit geistiger Behinderung. "Viele wollen in Lebens-Gemeinschaften zusammenleben. Freundschaft und Partnerschaft sind für sie wichtig. Viele möchten Zärtlichkeit und Sexualität erleben. Sie können sich diese Wünsche nicht immer leicht erfüllen", beschreibt die Lebenshilfe die Herausforderungen von Menschen mit geistiger Behinderung in ihrem Grundsatzprogramm. Auch die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen versteht frei gelebte Sexualität als Menschenrecht. Als Menschen, die selbstbestimmt lieben, Lust empfinden, Sex haben und Kinder bekommen wollen, werden Frauen mit geistiger Behinderung in Deutschland immer noch selten gesehen. Das zeigt sich deutlich in den Bereichen Sexualität und Einvernehmen.

Darüber aufgeklärt, wie sie Intimität zustimmen oder ihr Bedürfnis danach äußern kann, wurde Irmi nie.

Irmi ist 67 Jahre alt, geistig behindert und lebt in Bayern. Sie war bereit mit Broadly zu sprechen, wenn wir sie nur beim Vornamen nennen. Im Gespräch erzählt sie offen von ihren Erfahrungen. Beziehungen hatte sie, manche schön, manche nicht so schön: Ihr erster Freund betrügt sie, ihre Schwester findet damals sie solle besser alleine bleiben, aber Irmi sehnt sich dennoch nach einem Partner. "Der Charakter und das Zusammenleben ist mir wichtig", sagt sie, "dass man mit ihm gut reden kann und dass er mich versteht." Auch mit 67 möchte Irmi lieben, Nähe spüren und ihr Leben mit jemandem teilen.

Doch darüber aufgeklärt, wie sie Intimität zustimmen oder ihr Bedürfnis danach äußern kann, wurde sie nie. Auch darüber, wie man verhütet, hat in ihrer Jugend niemand mit ihr gesprochen, sagt sie. In ihrer Altersgruppe sei das nicht unüblich, sagt auch Simone Hartmann von pro familia. Die Quote der aufgeklärten Frauen mit geistiger Behinderung sei bei den jüngeren Frauen heute jedoch wesentlich besser als bei den älteren Generationen.

Einerseits würden Menschen mit geistiger Behinderung zwar inzwischen in Schulen aufgeklärt wie andere Jugendliche auch. Andererseits "oft nicht so selbstverständlich wie Jugendliche und Frauen ohne Behinderung", sagt die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und ehemalige Gesundheitsministerin Schmidt. Und das, obwohl sich Eltern von Menschen mit geistiger Behinderung häufig mehr sorgen würden: "Um mögliche Übergriffe wie auch ungeplante Schwangerschaften", sagt sie.

Die Sorgen vor sexualisierter Gewalt sind begründet. Eine von der Bundesregierung finanzierte repräsentative Befragung stellte 2012 zwei bis drei Mal häufiger sexualisierte Gewalt bei Frauen mit geistiger Behinderung fest, verglichen mit dem Bundesdurchschnitt. "Die meisten, die mit Menschen mit Behinderung zu tun haben, wissen um die Gefahr und wie hoch das Risiko ist", sagt Hartmann von der Beratungsstelle pro familia. Auch Irmi hat sexualisierte Übergriffe erlebt – bei der Arbeit. Ein Kollege fasste sie gegen ihren Willen an, bedrängte sie. "Ich hab gesagt, er soll das sein lassen, aber er hat darüber gelacht", erzählt sie. "Ich wollte das nicht. Der war so aggressiv."

Wegen der Gefahr eines Übergriffs sollen Frauen verhüten, die gar nicht sexuell aktiv sind.

Irmi fand den Mut, die Vorfälle bei einer Mitarbeiterin des Sozialdienstes zu melden und sich ihr anzuvertrauen. Ein Selbstverteidigungskurs, den sie später besuchte, stärkte sie zusätzlich. "Ich möchte versuchen, mich zu wehren, wenn ich etwas nicht will. Das hab ich dann schon gelernt", sagt die Rentnerin. Der Selbstverteidigungskurs war die erste Gelegenheit für Irmi, in einem geschützten Rahmen zu lernen, wie man sich wehrt und was man ganz praktisch sagen kann, wenn man etwas nicht möchte. "Wenn mich da jemand anpöbeln will, dann sag ich 'Lassen Sie mich gehen, gehen Sie bitte weiter!'", erzählt sie. "Oder man kann sagen: 'Polizei!'"

Vielen Frauen fehlt es jedoch bis heute an genau solchen Anleitungen. Denn erst in den letzten Jahrzehnten wurde begonnen, Frauen mit geistiger Behinderung aufzuklären. Aber das Grundproblem bleibt: Was man nicht weiß, kann man nicht verstehen. Was man nicht versteht, kann man nicht einschätzen. Was ist Intimität? Was ist angemessen? Wann sage ich ja? Wie sage ich nein?

"Und diese Angst und Befürchtung vor sexualisierter Gewalt führt eher wieder zu präventiver Verhütung", sagt Hartmann. Sie würde nicht selten von Eltern oder Betreuenden hören: "Im Falle eines Übergriffs gibt es wenigstens keine Schwangerschaft." Die Gefahr eines Übergriffs diene dann sogar als Begründung dafür, dass Frauen verhüten sollen, die gar nicht sexuell aktiv sind. Eine junge Frau aus ihrer Beratungsgruppe berichtete der Expertin von pro familia, dass sie die umstrittene Dreimonatsspritze nahm, obwohl sie keinen Freund hatte. "Ich hab sie gefragt, warum sie dann Verhütungsmittel nimmt. Sie sagte, damit ihr nichts passiere, was sie nicht wolle." Die Verhütung werde im Fall eines Übergriffs als Schutz wahrgenommen, so die Expertin der Beratungsstelle. Andererseits kämen manche Übergriffe erst durch Schwangerschaften ans Licht. "Das ist wirklich ein ganz schwieriges Thema", fasst Hartmann die Situation zusammen.

Auch die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe Schmidt weiß um die Brisanz. "Für Frauen mit geistiger Behinderung sind sexualisierte Übergriffe ein großes Thema, sie sind dem viel häufiger ausgesetzt als Frauen ohne Behinderung", sagt sie. Der Verein setzt sich weiterhin für einen verbesserten Schutz von Frauen mit geistiger Behinderung ein. Auf Anfrage von Broadly nannte der Verein konkrete Verbesserungsvorschläge: Unter anderem würde es helfen, Frauenbeauftragte in Werkstätten für Menschen mit Behinderung zu etablieren. Außerdem sollten Mitarbeitende in der Behindertenhilfe ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Letztendlich sei aber vor allem eins wichtig: Aufklärung. Für das Umfeld, um Vorurteile und veraltete Vorstellungen abzubauen. Und für die Frauen, um selbstbestimmt entscheiden zu können. Denn Wissen ist auch in diesem Falle Macht.

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