Fotos: Rebecca Rütten

Ich habe Nackt-Yoga gemacht und entdeckt, was Juicyness bedeutet

"Ihr könnt euch jetzt langsam ausziehen."

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23 November 2017, 12:22pm

Fotos: Rebecca Rütten

Um 20:10 Uhr klingelt es an der Tür. Eine junge Frau weht herein, mit Pelzmütze und dunklen Locken. Ihre Wangen sind rot vor Kälte. "Sorry I'm late!" Dann ist unsere Nackt-Yoga-Gruppe komplett.

Vier Frauen sind wir, zwischen 25 und 35. Zwei kennen sich schon – auch vom Nackt-Yoga. Es riecht nach Räucherstäbchen. In einer Ecke des Studios hat jemand Teelichter, Blumen und Buddha-Figuren aufgestellt. Der kleine Altar wirkt etwas verloren in dem großen, weiß-verputzten Raum. Ich sitze auf meiner Matte und bin dankbar für den vertrauten Untergrund. Die Frau neben mir hat ihre vergessen. Ich leihe ihr mein Handtuch. "Ist das wirklich ok?" – "Klar. Kann man ja waschen." Sie schenkt mir ein Lächeln und legt den Frotteestoff über die blaue Studiomatte, die sie sich aus dem Regal geholt hat. Draußen ist es dunkel. Wir ziehen die Vorhänge zu; durch den schweren, weißen Stoff scheint das Licht einer roten Glühbirne vom Haus gegenüber. Ich schließe die Augen und lausche den Elektro-Schamanen-Klängen aus der kleinen Stereoanlage. Dann ziehen wir uns aus.

"Streicht mit den Händen an eurem Körper entlang", sagt die Lehrerin. "Nehmt bewusst die Berührungen auf eurer Haut wahr."

Bier-Yoga ist schon Trend in Berlin. Ziegen-Yoga schwappt gerade aus den USA zu uns rüber. "Und jetzt Nackt-Yoga?", denke ich, als ich bei Facebook auf das Event "Naked Yoga for Women" stoße. In der Beschreibung lese ich:

"Let's tap into deeper sensitivities of our body, mind, and spirit; may we swim in the JuIcY-ness that lives beneath the 'masks' that we wear in our everyday lives."

JuIcY-ness ... Ich versuche, die versteckte Botschaft hinter der Schreibweise zu entdecken; JIY? JIY-ness? Ich gebe auf.

Im April erst bin ich nach Berlin gezogen. Eine zerbrochene Beziehung hatte mich zum Umzug bewegt. Mit dem Ortswechsel habe ich auch begonnen, in meinem Innenleben zu kramen. Seitdem habe ich verschiedene Events besucht und Dinge ausprobiert, die man alle unter die Überschrift "Selbstfindung" packen kann. Alternative Festivals (yes!). Buddhistische Meditation (no!). Vegan essen (no!). Ecstatic Dance (yes!). Und jetzt: Nackt-Yoga.


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Yoga sieht nicht nur schön aus, für mich ist es auch ein Weg zu mehr Stärke, Flexibilität und Ausgeglichenheit. Sobald ich auf der Matte stehe, bin ich bei mir. Von Nackt-Yoga habe ich zum ersten Mal gehört, als der Instagram-Account @nude_yogagirl durch die Presse ging. Nacktheit und Spiritualität – wie passt das zusammen? Ich melde mich an.

Einige Tage später, 19:45 Uhr, im Studio "KREUZBERG YOGA". Ich bin zu früh. Angespannt nippe ich an meinem "World Peace"-Tee, den die Yoga-Lehrerin Danielle für uns gekocht hat. Ich sitze auf meiner Matte auf dem Boden. Die Matten bilden einen Halbkreis. Hintereinander liegen sie beim Nackt-Yoga nie. Ich sage nur: Downward Facing Dog. Noch sind wir angezogen.

Danielle trägt Leo-Leggings und pinkfarbene Stulpen, sie ist mir sofort sympathisch. Erst mit Anfang 20 habe sie andere Menschen zum ersten Mal nackt gesehen, erzählt mir die Amerikanerin. "It’s a gift", sagt sie. Durch Nackt-Yoga habe Danielle ihren Körper besser kennengelernt und einen neuen Stolz auf ihre Kurven entwickelt. Diese transformative Kraft von Nackt-Yoga möchte sie mit ihren Kursen weitergeben. "Ihr könnt euch nun langsam ausziehen. Macht das ganz bewusst."

"Es ist anstrengend, und ziemlich schnell habe ich meine Nacktheit vergessen."

Wo soll ich anfangen? Ich entscheide mich für oben und pelle mich umständlich aus T-Shirt, Sport-BH, Yoga-Pants, Socken und Slip. Keine Push-up-BHs, Shaping-Leggings, Marken oder Oversize-Shirts, hinter denen man sich verstecken kann. Meine nackt-yoga-erfahrene Nachbarin ist schneller, im Nullkommanichts ist sie aus ihren Klamotten raus.

Ich muss grinsen, die Situation erscheint mir auf einmal skurril: eine Gruppe Frauen, die nackt auf ihren Yoga-Matten stehen. Und ja klar, man guckt sich auch die anderen an. Automatisch fangen die Augen an zu wandern: ein Ananas-Tattoo, dunkelroter Nagellack auf den Fußnägeln, ein blauer Fleck, Brustwarzen, große und kleine.

Viele meiner sonst so toleranten Yogi-Freunde reagierten fast empört, als ich ihnen von Nackt-Yoga erzählte. "Das habe ich in Indien noch nie gesehen!" Die Vorurteile hat sich Nackt-Yoga in den sozialen Netzwerken eingefangen: zu billig, zu künstlich, zu inszeniert. Zu aufmerksamkeitsgeil. Willst du Follower um jeden Preis, dann zieh dich aus. Aber macht einen eine Lululemon-Leggings zu einem besseren Yogi? Ist nicht Nacktsein das Natürlichste auf der Welt und eben nichts Schmuddeliges?

Nackt-Yoga gibt es seit Jahrhunderten. Nur halt ohne Instagram

"Streicht mit den Händen an eurem Körper entlang. Nehmt bewusst die Berührungen auf eurer Haut wahr." Immer mehr kann ich mich darauf einlassen, das Grinsen verschwindet. Ich komme im Moment an und bin einfach nur da. Ganz für mich, gelöst, ganz auf meiner Matte. Die Stunde, die im Ashtanga-Stil unterrichtet wird, ist herausfordernd. Innerhalb von wenigen Minuten habe ich meine Nacktheit vergessen. Nur bei der Happy-Baby-Pose, bei der man auf dem Rücken liegt, mit den Händen die Füße greift und die geöffneten Beine in die Luft streckt, denke ich nochmal: "OK, mehr Entblößung geht wirklich nicht."

Tatsächlich steckt hinter Nackt-Yoga mehr als nur ein Hype auf Instagram. Nackt-Yoga folgt einer jahrhundertealten Tradition, es steht für Genügsamkeit und die Abkehr von allem Materiellen. Während Nackt-Yoga in den sozialen Netzwerken oft Spanner und Voyeure anzieht, wird das Sexuelle schnell entschärft, sobald man in der Offline-Welt plötzlich selbst nackt auf der Matte steht. Bei Nackt-Yoga geht es um ein gesundes Verhältnis zu seinem Körper; um Akzeptanz, Sinnlichkeit und Freiheit. Nicht um Sex oder Selbstdarstellung. Etwas mehr Liebe zu unseren Körpern haben wir auch dringend nötig: Mehr als 90 Prozent aller Frauen sind mit ihrem Körper unzufrieden.

Ich merke, dass sich die Yoga-Asanas, also die Haltungen, nackt anders anfühlen, intensiver. Sie sehen auch anders aus. Man sieht, wie sich die Bauchdecke mitbewegt und verändert bei den Drehungen. Wie sich Muskeln unter der Haut anspannen. Sehnen dehnen. Ich fühle mich unperfekter. Und gleichzeitig perfekter.

Im Raum hat es bestimmt 25 Grad. Damit wir nicht frieren, hat Danielle am Anfang die Heizung voll aufgedreht. Ein leichter Schweißfilm bildet sich auf meinem Körper. Als wir eine Position in Bauchlage durchführen, hinterlasse ich auf meiner Matte einen Abdruck, der mich an die Bilder von Yves Klein erinnert. Immer wieder seufzt eine der Frauen im Raum. Sonst gehört das selbstverständlich zum Yoga dazu. Doch ohne Klamotten empfinde ich es als etwas befremdlich. Dass die Lehrerin uns anfasst hingegen, um unsere Haltungen zu korrigieren, interessanterweise nicht.

Ist Nacktsein nicht das Natürlichste auf der Welt? Eben nichts Schmuddeliges?

Bei der Abschlussentspannung dürfen wir unsere Socken anziehen: Vier Frauen im Shavasana auf dem Rücken, Arme und Beine von sich weggestreckt, nackt mit Socken.

Dann streifen wir wieder unsere Klamotten über, Hülle für Hülle. Ich schlüpfe in meine Marken-Yoga-Pants. Meine Marken-Sneaker. Meine XXXL-Daunen-Jacke, die mich vor dem Berliner Winter schützt. Doch etwas hat sich verändert. Auch wenn es kitschig klingt: Ich habe das Gefühl, mehr im Einklang mit der Welt um mich herum zu sein. Ich fühle mich gut. Und sexy irgendwie. Das ist wahrscheinlich die JuIcYness, die Danielle gemeint hat.

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