Erst flohen sie vor der syrischen Armee, jetzt machen sie Eis
Alle Fotos: Sebastian Castelier
Jordanien

Erst flohen sie vor der syrischen Armee, jetzt machen sie Eis

Die Menschen, die das Kriegsgebiet verlassen, nehmen ihre Küche und ihre Traditionen überall hin mit. Und wenn die Geflüchteten Eis machen, dann klingt das so, als würden sie musizieren.

Mit einem lauten Geräusch landet ein riesiger Stößel in einem tiefen Metallbottich. Man denkt eher an einen Schmied, der mit Hammer und Amboss ein Stück glühend heißen Stahl zu einem Schwert schmiedet. Doch auf dem Boden des Bottichs liegt eine weiße, amorphe Masse. Denn das hier ist keine Schmiede, sondern eine Eiscrememanufaktur. Und unter den geschickten Händen der Eismacher klingt das Schlagen auch nicht martialisch, sondern eher wie Musik.

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Unter den neugierigen Blicken der Kinder schlägt ein Angestellter des syrischen Eisladens Bakdash die Eismasse und macht dabei "Musik". So wird die Masse weich und kann den Kunden serviert werden | Alle Fotos von Sebastian Castelier.

Der Mann mit dem Stößel in der Hand trägt ein weißes Polo und eine weiße Haube auf dem Kopf und verpasst diesem weißen Etwas heftige gezielte Schläge. Schläge, die wie rhythmische Musik klingen und durch die ein aromatischer Duft durch den ganzen Laden strömt, der Duft nach Orchidee. Es erinnert an die Altstadt von Damaskus. Kinder mit eigenwilligen Frisuren beobachten das Spektakel und drücken sich die Nasen an der Scheibe vor den Bottichen platt.


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Der Mann, der im Takt mit dem Stößel schlägt, heißt Mohammed. Mit erst 17 Jahren ist er aus Syrien nach Jordanien geflohen – in seiner Heimat muss man mit 18 in die Armee. Doch er wollte nicht an die Front geschickt werden, sobald er die Volljährigkeit erreich: "Ich wollte keine Unschuldigen töten. Also habe ich alles hinter mir gelassen, auch mein Studium."

In der Bakdash-Filiale in Amman, Jordanien, arbeiten sechs Eismacher

Sein gleichnamiger Kollege Mohammad ist 28 Jahre alt und ist auch wegen des Krieges aus Damaskus geflohen: "Ich hatte drei Möglichkeiten: Entweder ich sterbe, weil ich nicht in die Armee gehe, oder ich werde bei den Kämpfen zerstückelt oder ich riskiere die Flucht. Ich habe mich für die letzte Option entschieden. Die Armee ist eine Mafia", erzählt er scheinbar emotionslos.

Im Bakdash in Amman, der jordanischen Filiale des berühmten Eisladens aus Damaskus, sind 7 von 13 Angestellten Syrer. Die Grausamkeit des Assad-Regimes hat ihre Spuren hinterlassen. Sie hat sie aus ihrem Land getrieben, weg von den Kalaschnikows, den Uniformen und den Granatwerfern. Am Ende ihrer Flucht fanden sie eine kalte zuckrige Köstlichkeit.

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Auch Hamza Ahmad, ein großer, 23-jähriger Typ, arbeitet lieber mit seinem Eisstößel, mit dem er das Eis bei Bakdash so weich und so elastisch bekommt, als in die Armee zu gehen: "Ich bin 2012 nach Jordanien geflohen. Das syrische Regime hat alle Jungen ab 16 eingezogen. Weil die Armee unser Viertel in Duma nicht komplett kontrolliert hat, sind meine Familie und ich mit dem Auto in Richtung jordanische Grenze geflohen. Da haben wir dann Soldaten bestochen, damit sie uns passieren lassen", behauptet er.

Er ist der einzige, der vorher schon mal als Eismacher gearbeitet hat. Das war in Syrien, im Bakdash in Damaskus und das war sein früheres Leben. Dort hat er gelernt, in dieser einzigartigen Melodie zu schlagen, die die Eismacher bei der Herstellung erzeugen: "Dieser Rhythmus ist typisch für das Bakdash in Damaskus. Ich habe den anderen beigebracht, wie man ihn spielt."

Alle Syrer und seine geflüchteten Landsleute wissen sofort, wie dieses berühmte Eis schmeckt: nach Mastix, nach Vanille und nach Salep, einem Pulver aus einer Orchideenwurzel. Sobald die Eismischung fertig ist, bedecken die Eismacher sie mit Pistazien und für einen halben jordanischen Dinar mehr geben sie noch Schokolade oder Honig darüber.

"Vorher haben wir alle Zutaten aus Syrien bezogen, die Grundmischung kam direkt vom Bakdash in Syrien. Aber drei Monate nach Eröffnung haben wir das eingestellt. Der Weg von Syrien nach Jordanien war für unsere Kühllaster zu gefährlich. Seitdem haben wir eine kleine Fabrik, wo wir unsere eigene Mischung herstellen, aber immer noch mit syrischem Know-how, denn ein Syrer leitet sie", erzählt Ahmad Ababneh, der Manager der jordanischen Filiale, mit tiefer Stimme.

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Er hebt sich mit seinem dunklen Shirt und seiner zarten Statur von den Eismachern ab. An diesem Freitag – freitags ist Ruhetag im Nahen Osten – kommen zahlreiche Familien und bestellen sich Eis: "Circa 40 Prozent unserer Kunden sind Syrer", berichtet der Manager. In Jordanien gibt es über eine Million syrische Flüchtlinge. "Einer der Söhne der Bakdash-Familie [die den Eisladen gegründet hat, Anm. d. R.] kam 2012 hierher und uns wurde sofort klar, dass man dieses Geschäft auch in Jordanien aufbauen muss. Wir stehen mit ihnen nicht mehr in Verbindung, weil wir die Mischung nicht mehr bei ihnen kaufen. Durch den Krieg sind sie in Damaskus eingeschlossen", erklärt der Manager.

Es ist fast 21 Uhr, es ist voll. Drei Syrer sitzen an einem Tisch und essen ein Eis: "Unser Land fehlt uns. Wir sind vor dem Krieg geflohen und jetzt werden wir lange Zeit nicht mehr zurückkehren können", meinen die drei Freunde schmerzvoll und bewegt.

Alle drei haben Syrien vor fünf Jahren verlassen. Fünf Jahre voller Leid und mit nur einem tröstenden Bezugspunkt: dem Bakdash. Einer der drei, er möchte lieber anonym bleiben, gesteht: "Wir kommen so oft wir können. Das ist etwas aus meiner Heimat und damit fühle ich mich ein paar Sekunden wie zu Hause. Das Eis hier schmeckt ein bisschen anders als in Damaskus, aber es kommt dem nahe."

Keiner von ihnen will über Baschar al-Assad oder über die Armee reden. Einer von ihnen macht sich sogar mit zitternden Händen aus dem Staub und geht Eis bestellen. "Wir kennen das Bakdash seit vier Jahren. Hier fühlen wir uns wie zu Hause. Siehst du dieses Mosaik? Das ist wie in der Altstadt von Damaskus", erzählt ein anderer der Freunde.

Eine syrische Familie kommt herein. Ahmad, 26, ist mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn gekommen. Für sie ist es das erste Mal hierher. Sie kennen es eher vom Hörensagen von syrischen Bekannten. "Ich bin vor vier Jahren wegen des Krieges nach Jordanien gekommen. Ich komme aus Damaskus und kenne das Eis und wollte es wieder essen. Meine Heimat fehlt mir und ich hoffe, dass ich heute Abend kurz dahin zurückkehren kann", sagt er lächelnd.