Menschen

Ich hasse das Internet

Nach einem Jahr Pandemie existiere ich nur noch in 385 offenen Tabs.
19.5.21
Das Bild ist eine Collage aus Screenshots aus dem Internet, unten links befindet sich die Autorin auf einem Webcambild, links oben ist ein Bild der Netdoktor Startseite, unten rechts ist die Wikipediaseite von Chloe Sevigny und oben rechts eine Benachrich
Screenshots: NetDoktor | Co-Star | Wikipedia | Google

Bis vor Kurzem hatte ich ein sehr klares Bild von meinem Leben: Ich werde geboren und dann – 60, 70, vielleicht 80 Jahre lang – scrolle ich durch Netdoktor.de oder suche nach meinen Kopfhörern in tausend Jackentaschen für die Instastory mit einem Gif, das mir sagt "Ton an", und dann sterbe ich. Ich liebe das Internet. Eigentlich. Nach über einem Jahr Pandemie weiß ich nicht, ob das noch stimmt. Gerade gilt: Alles, was nicht ins Jahr 2022 verschoben wird, findet online statt. 

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An dieser Stelle würde ich jetzt eigentlich meine Bildschirmzeit offenbaren, aber weil die Zahl mich jeden Tag schockiert hat, habe ich das Feature, das diese zählt, nach zwei Monaten Corona deaktiviert. 

Die Verlagerung ins Digitale gibt uns die Möglichkeit, weiter zu machen, trotz allem. Weihnachtsfeier per Videocall, Spieleabende vor der Laptopkamera, Tanzen im Club Quarantäne. Wir heben die Gläser Richtung Kamera. "Bleibt mal so! Ich mache einen Screenshot." Ich fühle mich lächerlich. Zum Glück bin ich angetrunken.


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So anders als das Meeting morgens fühlen sich die Online-Treffen, die mehr Spaß als Pflicht sein wollen, aber dann doch nicht an.  Die Dinge, die Spaß machen, tun es nicht mehr, sobald sie online stattfinden. Und trotzdem verabreden wir uns, schalten uns zu, sagen "Sorry mein WLAN war kurz weg", als müssten wir uns gegenseitig beweisen, dass Spaß nicht etwas ist, was man verlernen kann. Die Welt geht vielleicht unter, aber die Kopfschmerzen von diesem Rotwein kann mir niemand nehmen.

Während Corona fehlen uns Dinge, durch die wir uns selbst definieren. Wenn ich gerade nicht auf einer Party einen Streit über unpassende Sneakerfarben anzetteln oder im Restaurant das Falsche bestellen kann, weil ich mich von der Präsenz der Bedienung neben mir zu gestresst fühle, bin ich dann überhaupt noch ich? 

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In der Zeit, in der dieser Halt wegfällt, gibt ihn mir das Internet zurück. Es sagt mir, wer ich bin. Ich bin meine 385 offenen Tabs. Ich bin "66 Podcasts Guaranteed to Make You Cry" oder Chloe Sevignys Wikipediaseite oder "Legally blonde: Boris Johnson's hair history" oder "Rappers, ranked by the number of unique words used in their lyrics" oder "Crystal meth is North Korea's Trendiest Lunar New Year's Gift" oder die Googlesuche "Kopfschmerzen Schläfe". 

Mittlerweile finde ich es fast anstrengend in 385 Tabs zu existieren und kaum noch in echt. Immer wenn der Begriff "Digital Detox" fiel, hatte ich den Drang, hundert Jahre lang Youtube-Videos von Haarbleich-Fails anzuschauen und gleichzeitig am Handy Sudokus zu lösen und dann an der Strahlung aller Geräte um mich herum zu sterben. Doch nach einem Jahr mit einer peinlich hohen Bildschirmzeit pro Tag stelle ich mir manchmal vor, wie ich mein Handy mit einem Hammer zerschlage, um mir dann draußen ein paar Bäume anzuschauen oder so. Und dann schäme ich mich, weil ich fast klinge wie die "Früher haben wir uns noch persönlich getroffen"-Senioren. Aber eigentlich will ich das gerade. Das Internet ist toll, aber ich langweile mich. Die digitalen Stützräder sind zu einer Last geworden. Das Internet will effizient, praktisch, zeitsparend sein. Das Internet will so tun, als ob. So tun, als ob das Leben normal weiter geht, obwohl es sich seit über einem Jahr so anfühlt, als würde alles still stehen. Wenn ich beide Impfungen bekommen habe, will ich wieder alles ernst meinen. Ich will, dass Dinge wieder kompliziert und umständlich sind. Mein Leben soll wieder etwas sein, was mir wie aus Versehen passiert.

Nach einem Winter am ersten Tag, an dem es heiß genug ist um ein bisschen unzufrieden zu schwitzen, frage ich mich immer, wie es sein kann, dass alle es noch können. Das In-der-Sonne-liegen, das Unbeschwert-aussehen, das Schwitzen. 

Gerade sieht es so aus, als würde in diesem Sommer etwas Normalität zurückkehren. Vielleicht frage ich mich dann auch, wie es sein kann, dass ich es noch kann. Das Falsche bestellen oder auf einer Party streiten oder existieren außerhalb von 385 Tabs.

In diesem Sommer hasse ich das Internet. Wahrscheinlich bis ich "Sonnenbrand Hausmittel" googeln muss.

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