Eine Irakerin in dunkelgrünem Overall und mit Baseball-Cap steht neben einem Minenräumfahrzeug, sie gehört zu 14 Irakerinnen, die ihrem Land helfen wollen, indem sie dort die vielen Landminen und andere Sprengkörper entschärfen und wegräumen
Hend Hussein steht stolz neben ihren Minenräumfahrzeug | Alle Fotos: Azhar Al-Rubaie
Menschen

Die Frauen, die den Irak von Minen und Bomben befreien

"Das hier ist nicht gefährlicher als unser Leben", sagt die 33-jährige Hoda Khaled. Wir haben sie und 13 andere Frauen beim Minenräumtraining begleitet.
27.5.21

"Man sagt, dieser Job sei gefährlich. Das stimmt auch, er ist zu 1.000 Prozent gefährlich", sagt Hoda Khaled aus der Stadt Basra im südöstlichen Irak. Zusammen mit 13 anderen Frauen lässt sich die 33-Jährige gerade dazu ausbilden, die Gegend von Landminen und Blindgängern zu befreien.

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"Als Bevölkerung des Irak haben wir schon viel schwierigere Dinge durchgemacht", sagt Khaled. "Seit Jahren sind wir im Alltag mit Explosionen konfrontiert – egal ob auf dem Markt oder in den Straßen. Unsere Aufgabe hier ist nicht gefährlicher als unser Leben."

Laut dem United Nations Mine Action Service (UNMAS) gehört der Irak zu den Ländern, in denen am meisten Bomben und scharfe Munition verstreut sind. Nach Jahrzehnten des Konflikts sind rund 2.700 Quadratkilometer irakisches Land mit Minen und anderen Sprengkörpern durchsetzt – das entspricht einer Fläche, die ungefähr dreieinhalb mal so groß ist wie New York City. Die Minen und Blindgänger stellen dabei eine riesige Gefahr für die Leute und vor allem die Kinder dar, die in den betroffenen Gebieten leben.

Mehr als ein Drittel des betroffenen Gebiets befinde sich bei Basra, sagt Nibras Fakher Al-Tamimi vom Directorate of Mine Action, einer irakischen Behörde, die die Minenräumung organisiert. Das gleichnamige Gouvernement Basra liegt eingepfercht zwischen Kuwait und dem Iran am Persischen Golf und hat immer eine strategisch wichtige Rolle in den Kriegen gespielt, in die der Irak in den vergangenen 50 Jahren verwickelt war. Eine Folge davon: In der Gegend wimmelt es nur so von Sprengkörpern.

Mehrere Frauen in dunkelgrünen Overalls und mit verschiedenen Kopfbedeckungen stehen in der irakischen Wüste werden von einem Mann mit Brille in das Minenräumen eingewiesen

Mehrere Frauen nehmen an dem Training zur Minenräumung teil

Al-Tamimi sagt, dass während des Ersten Golfkriegs von 1980 bis 1988 Millionen Landminen im Grenzgebiet zwischen dem Irak und dem Iran verlegt worden seien. Die Region Basra wurde zudem Schauplatz heftiger Gefechte während des Zweiten Golfkriegs im Jahr 1991 und während des Irakkriegs ab dem Jahr 2003. "Im Laufe der beiden letzten Konflikte wurden Millionen Streubomben abgeworfen, vor allem auf die westlichen Teile der Stadt Basra", erklärt Al-Tamimi. "Diese Bomben töten immer noch unschuldige Menschen. Wir zeichnen jedes Jahr Dutzende solcher Zwischenfälle auf." 

Um den Räumungsprozess in Basra zu beschleunigen, hat das private Minenräumunternehmen Al Bayrak damit angefangen, auch Frauen auszubilden. Zwar stellt Al Bayrak derzeit niemanden ein, aber nach dem kostenlosen 21-tägigen Training erhalten die Teilnehmenden ein Zertifikat, mit dem sie sich für Vollzeitstellen bei der Regierung oder bei NGOs bewerben können. Es handelt sich hierbei um die erste Initiative dieser Art im Süden des Iraks. In der ehemaligen IS-Hochburg Mossul im Norden des Landes hat UNMAS bereits ein komplett weibliches Minenräumteam im Einsatz. 

"Sowohl die Auszubildenden als auch das Unternehmen hatten schon mit vielen Hürden zu kämpfen. Im Süden des Iraks ist die Arbeit von Frauen schon immer beschränkt gewesen – vor allem, wenn es um diese Art von Beschäftigung geht", sagt Walid Saadoun, der leitende Mitarbeiter von Al Bayrak, der auch für das Ausbildungsprogramm zuständig ist. "Ich glaube, wir haben dieses Tabu erfolgreich gebrochen. Die Beharrlichkeit der Auszubildenden hat uns dazu animiert, sie immer weiter zu unterstützen und an ihrer Seite zu stehen."

Eine Irakerin in Schutzausrüstung und nähert sich in der Wüste mit einem Detektor einer Landmine

Hoda Khaled während einer Trainingseinheit

Khaled erzählt, dass ihre Familie mit ihrer Entscheidung zur Ausbildung nicht einverstanden gewesen sei. "Ihre Ablehnung fußt zum Teil auf den Traditionen hier, aber Angst spielt auch eine Rolle", sagt sie. "Minen und Sprengsätze machen jedem Menschen Angst. Ich habe zufällig mitgehört, wie einige meiner Verwandten sagten, sie hätten Angst, dass ich einen Teil meines Körpers verliere oder entstellt werde, wenn etwas explodiert."

Khaled gibt aber zu, dass sie am Anfang des Trainings selbst Angst hatte. Diese Angst sei aber immer weniger geworden, je mehr sie über die Arbeit lernte. "Ich finde nicht, dass es bestimmte Jobs nur für Männer oder Frauen gibt. In allen Bereichen sollte Gleichberechtigung herrschen", sagt die Irakerin. "Ich wollte an diesem Programm teilnehmen, um meine Stadt von Minen und Sprengkörpern zu befreien. Dieses Problem besteht hier schon seit über 40 Jahren."

Eine Irakerin in dunkelgrünem Overall und mit Baseball-Cap überprüft ihr Minenräumfahrzeug

Hend Hussein überprüft ihr Minenräumfahrzeug

Während der Trainingseinheiten müssen die Teilnehmenden Schutzwesten, Helme und Gesichtsmasken tragen. Hend Hussein ist eine von ihnen. Sie ist 32 Jahre alt und hat Philosophie studiert. Sie sagt, dass sich ihre Familie ebenfalls Sorgen um sie mache, sie aber dennoch voll unterstütze. 

"Meine Freunde und Verwandten sagen mir immer, wie stolz sie auf mich seien. Aber manche Männer denken, dass Frauen in diesem Feld nicht bestehen können", sagt Hussein. "Ich weiß nicht, ob das der Tradition geschuldet ist oder der Angst, dass wir Frauen hier doch erfolgreich sein könnten. Ich bin mir sicher, dass sich einige Iraker diesen Job nicht trauen würden, während sich viele Irakerinnen darin schon bewährt und die Klischees infrage gestellt haben. Mir ist nur wichtig, dass ich meinem Land dienen kann – und das in einer Zeit, in der es die Unterstützung der kompletten Bevölkerung so dringend braucht – egal, ob Mann oder Frau."

Eine nicht detonierte, verrostete Bombe liegt in der irakischen Wüste und wartet darauf, entschärft zu werden

Einer der Blindgänger, die im Trainingsbereich liegen

2010 schätzte die ehemalige irakische Umweltministerin Narmin Othman, dass zwischen 1991 und 2003 bis zu 55 Millionen Streubomben über dem Land abgeworfen wurden. 40 Prozent davon sind nie hochgegangen. Diese hohe Blindgänger-Rate macht Streubomben noch schlimmer. Sie sind nicht nur während des Kriegs eine reale Gefahr für die Zivilbevölkerung, sondern auch noch in den Jahrzehnten danach.

Das ist auch einer der Gründe, warum Streubomben 2008 im Übereinkommen über Streumunition verboten wurden, das bislang von 122 Ländern unterzeichnet wurde. Die USA gehören nicht dazu – und auch nicht zu den 164 Staaten, die die sogenannte "Ottawa-Konvention" unterschrieben haben. Dieser Vertrag verbietet den Einsatz und die Herstellung von Antipersonenminen. Allein während des Zweiten Golfkriegs haben die US-Streitkräfte im Irak und in Kuwait 120.000 Landminen verlegt.

Trotz der fortlaufenden Minenräumung wird in einem aktuellen Bericht des humanitären Informationsportals ReliefWeb geschätzt, dass ungefähr 8,5 Millionen Menschen im Irak weiterhin einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, auf eine Landmine oder andere Sprengkörper zu treffen. Neben Mossul, wo noch bis zu acht Millionen Tonnen Sprengstoff geräumt werden müssen, gehört auch das Gouvernement Al-Anbar zu den gefährlichen Gegenden, in denen sich viele Überbleibsel des Kriegs gegen den IS finden lassen: Dort sind rund 150.000 Quadratmeter immer noch mit Sprengkörpern durchzogen, vor allem rund um die Städte Ramadi und Falludscha.

Khaled und Hussein hoffen, nach dem Ende ihrer Ausbildung weiter in der Minenräumung arbeiten zu können – egal ob für die Regierung oder für ein privates Unternehmen. Die Arbeitslosigkeit ist im Irak derzeit sehr hoch, gerade unter Frauen. Abdul Zahra Al-Hindawi, ein Sprecher des irakischen Planungsministeriums, sagt am Telefon, dass 10,9 Prozent der Iraker und 31 Prozent der Irakerinnen gerade keine Arbeit hätten. In anderen Worten: Bei Irakerinnen ist es dreimal so wahrscheinlich, dass sie ohne Job dastehen.

"Es ist mir egal, wie gefährlich diese Arbeit ist. Ich hoffe nur, dass ich nach dem Training eine Festanstellung finde", sagt Khaled. "Und ich hoffe, dass ich all das Gelernte anwenden, so viele Minen wie möglich räumen und auf diese Weise unschuldige Menschen schützen kann."

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