Ein Mann steht vor dem Kreml
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Politik

So macht Russland Menschenrechtler fertig

Robert Latypov harrt in Deutschland aus, obwohl er gar nichts verbrochen hat. Sein Fall zeigt, wie russische Behörden vorgehen.
27 Februar 2020, 4:30am

Russland brüstet sich gerne mit seinen Erfindungen. Ob Hyperschallraketen, schwimmende Atomkraftwerke oder die Messenger-App Telegram – technische Innovationen made in Russia gibt es immer wieder. Eine russische Erfindung aber lässt Menschenrechtsaktivisten verzweifeln: die unsichtbare Rote Linie. Sie markiert eine gesetzlich nicht festgeschriebene Verhaltensnorm, trennt das, was geht, von dem, was nicht geht. Sie definiert, ab wann Kritik am Staat in Russland gefährlich wird. Wer diese unsichtbare Rote Linie übertritt, merkt es oft erst hinterher. Dann aber so richtig.

Robert Latypov ist einer der profiliertesten russischen Vorkämpfer für Menschenrechte. Er ist maßgeblich dafür verantwortlich, Verbrechen aus kommunistischen Zeiten aufzudecken. Ich treffe ihn in einem Café in Berlin. Er ist 46 Jahre alt, wirkt aber jünger und voller Ungeduld, seine Geschichte zu erzählen. Er hat scharfe Gesichtszüge, kurzes Haar, einen federnden Gang. Latypov hält sich seit einigen Monaten in Deutschland auf. Gebraucht würde er allerdings in Russland. "Bekannte sagen mir, dass ich nicht mehr zurück soll. Aber so leicht mache ich es mir nicht", sagt Latypov mit fester, schneidiger Stimme. Fast so, als spreche er sich selbst Mut zu.


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Der Fall Robert Latypov steht symptomatisch für das, was heute in Russland schief läuft, genauso wie in anderen Staaten, wo Menschenrechtler verfolgt und drangsaliert werden. Nicht nur der Grund seiner Verfolgung, sondern auch deren Art und Weise folgen dabei einer Art Skript. Als hätte jemand einmal festgelegt, wie jene zu verfolgen sind, die sich selbst für Verfolgte einsetzen.

Schritt 1: Eine Straftat erfinden, die vermeintlich mit dem Menschenrechtler zusammenhängt

Latypov ist Vorsitzender des lokalen Büros der Nichtregierungsorganisation Memorial in der russischen Großstadt Perm, die mehr als 1.000 Kilometer nordöstlich von Moskau an der Stammstrecke der Transsibirischen Eisenbahn liegt. Memorial ist die wohl bekannteste russische NGO. Sie widmet sich vorwiegend der Aufarbeitung von Verbrechen der kommunistischen Epoche, gewann bereits den Alternativen Nobelpreis, ist international anerkannt. Vor allem die Verbrechen aus der Epoche des ehemaligen Sowjet-Diktators Josef Stalin, der zwischen 1922 und 1953 Millionen von Menschen ermorden, inhaftieren und umsiedeln ließ, nimmt Memorial ins Visier. Konflikte mit den Behörden gehören für die NGO dazu. Die Organisation wurde auch schon offiziell als "Ausländischer Agent" gebrandmarkt, was in Russland vielen NGO's passiert, die Geld aus dem Ausland annehmen.

Das Projekt, das Latypov zum Verhängnis wurde, liegt in der wilden Taiga Russlands. "Ich veranstalte seit 20 Jahren ein Projekt, das 'Flüsse der Erinnerung' heißt", erklärt Latypov. Dabei wandert er mit Freiwilligen, die sowohl aus Russland als auch aus dem Ausland stammen, entlang verschiedener Flüsse zu Orten des vergangenen und oft auch fast vergessenen Terrors. Verlassene Dörfer ehemaliger Gefangener oder nur notdürftig mit Stelen markierte Gräber werden von den Aktivisten kartografiert, gepflegt, vor dem Vergessen gerettet. Sie führen Interviews mit Dorfbewohnern, stellen Infotafeln auf. "Wir haben in Russland Gesetze, die so etwas fördern, und nicht verbieten sollen", erklärt Latypov. Es ist ihm wichtig zu betonen, dass er nicht etwa eigene Regeln erschafft, sondern sie nur ernst nimmt. Finanziert wird dieses Projekt von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen selbst.

Auch 2019 führte Latypov solche Expeditionen in die Wildnis, fünf sollten es über das Jahr verteilt werden. Es hatten sich Engländer, Franzosen, Deutsche, natürlich Russen und andere angemeldet. Die ersten vier verliefen ohne Probleme. Im Rahmen der fünften und letzten Expedition des Jahres, an der auch fünf Litauerinnen teilnahmen, ging Latypov nach Galyaschor, einem verlassenen Dorf, zu dem keine Straße mehr führt und in dem ein kleiner Friedhof an zahlreiche hier in der Zeit des Zweiten Weltkriegs gestorbene Litauer erinnert. "3.000 Menschen waren es", erklärt Latypov, aber er sagt nicht, dass sie gestorben seien, er sagt "verendet" und erklärt: "Wie Tiere einfach in der Wildnis zum Sterben ausgesetzt." Wie damals üblich wurden die Menschen, die Stalin als mögliche Feinde des Kommunismus aus ihrer Heimat im Westen der Sowjetunion entfernen wollte, tausende Kilometer weiter östlich entlang der Zugstrecke ihrem grausamen Schicksal überlassen.

Die Expeditionsteilnehmer begannen den verwitterten Friedhof am Ende der Welt aufzuräumen. Sie schafften Äste und Gestrüpp beiseite.Plötzlich rückte eine Armada aus Polizei, Geheimdienst, Forstamt und weiteren Beamten an. Die Aktivisten hatten zu gehen. Formell wurde ihnen nichts vorgeworfen, sie wurden lediglich als Zeugen verhört, in einem angeblichen Fall von Diebstahl. Es ging um die eben von den Aktivisten fortgeräumten Äste.

Latypov hält kurz inne und sagt: "Danach begann es."

Schritt 2: Aus Zeugen werden Tatverdächtige

Ich habe Robert Latypov vor unserer Begegnung in Berlin schon einmal getroffen. Das war 2017, in seiner Heimatstadt Perm, im Büro von Memorial. Auch dieses Treffen hatte mit Latypovs Tätigkeit zu tun, obwohl es damals im Kern nicht um ihn ging. Ich war in der Stadt, um mir Perm 36 anzuschauen, das landesweit einzige Museum, das an die Schrecken des stalinistischen Lagersystems erinnert und eben in einem solchen Lager, einem ehemaligen Gulag, untergebracht ist. Es gab zu dieser Zeit viel Aufregung um das Museum, weil es von Aktivisten aufgebaut worden war – und anschließend von staatlichen Stellen gekapert wurde. Die Ausstellung wurde verändert, ein milderer Ton abgeschlagen, das Lagersystem zwar als sehr hart, aber auch irgendwie notwendig dargestellt. Mein Besuch dort hatte etwas Surreales, weil eine Museumsführerin aus der früheren Aktivisten-Mannschaft und eine aus der neuen staatlichen Truppe parallel hinter mir herliefen und sich um die Deutung der sowjetischen Geschichte stritten. "Dieses Museum ist ein Test dafür, was mit unserer Erinnerungskultur passiert", sagte mir Latypov damals. Nun spricht sein eigener Fall das Urteil: durchgefallen.

Mich hat Latypov damals beeindruckt, weil er in der sonst von vielen verkopften und eher weichen Menschen durchsetzten Sphäre der Menschrechtsaktivisten sehr energetisch, präzise, auf positive Art unnachgiebig wirkte. So ein Typ, der nicht aufhören wird, das Unrecht zu bekämpfen, selbst wenn ihm ein Koffer voller Geld angeboten oder eins in die Fresse angedroht wird. Bei unserem Gespräch im Jahr 2020 in Berlin hat er von dieser Aura nichts verloren. Aber als er in dem Café im Wedding, in dem wir sprechen, auf Englisch Tee bestellen will, zuckt die Bedienung nur mit den Schultern. "Ick sprech nur Deutsch", blafft die Frau Latypov an. Plötzlich wirkt er kurz verlegen, fast hilflos. Deutschland ist nicht seine Welt. Die liegt ein paar Tausend Kilometer weiter östlich.

Vor Jahren hätte es schon einmal Scherereien mit den lokalen Behörden um den Friedhof und eine Gedenktafel gegeben, erklärt Latypov, aber das sei lange ausgeräumt. "Wir fragen lokale Behörden auch mal nach logistischer Hilfe, oft haben wir sie auch bekommen."

In den folgenden Tagen kamen sowohl zu ihm als auch ins Büro von Memorial Beamte, durchsuchten die Räume, nahmen Computer und Aktenordner mit. "Dabei waren wir offiziell ja nur Zeugen in diesem abstrusen Fall", ereifert sich Latypov. Es wirkt beinahe seltsam, dass er sich an technische oder rechtsstaatliche Begriffe klammert, wo diese in bestimmten Fällen in Russland doch so offensichtlich nicht mehr zu gelten scheinen. Aber die Durchsuchung war nur der erste Schritt.

Schritt 3: Vorwürfe in zwei Eskalationsstufen – Drogenbesitz oder Pädophilie

Die wichtigste Szene im vorgegebenen Skript der Verfolgung von Menschenrechtlern erfolgt kurz nach der Durchsuchung: ehrabschneidende Vorwürfe. Dabei gibt es zwei Stufen. Wer bezichtigt wird, Drogen zu besitzen, muss mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen, kommt aber zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht maximal schlecht weg. Dies ist etwa Latypovs Kollegen bei Memorial passiert, Oyub Titiev, der in der tschetschenischen Stadt Grosny unter widrigsten Bedingungen gearbeitet und schließlich wegen angeblichen Drogenbesitzes verhaftet wurde.

Am härtesten wirkt jedoch der Verdacht der Pädophilie, dem etwa ein weiterer Kollege von Latypov, Juri Dmitrijev, ausgesetzt worden ist. Auch bei Latypov tauchten eines Tages Männer auf, die sich als Journalisten eines staatlichen TV-Senders bezeichneten und ihn penetrant danach befragten, warum die Polizei bei der Durchsuchung seines Computers angeblich Nacktaufnahmen von Mädchen gefunden hätte. Latypov schmiss die Männer raus. Medial wurde er trotz der völlig haltlosen Vorwürfe vorverurteilt. Ein russisches Sprichwort besagt: "Etwas bleibt immer haften."

"Ich habe erst im Nachhinein, auch mit Hilfe von Kollegen, rekonstruiert, welche Rote Linie ich überschritten habe", erklärt Robert Latypov in dem Café im Wedding. Sein Tee ist mittlerweile kalt geworden, er kommt nicht dazu, ihn zu trinken, er muss erzählen. "Ich habe Litauer zu der Expedition mitgenommen, und Russland liegt mit Litauen, wie mit vielen ehemaligen Sowjetrepubliken, besonders im Clinch. Es wird nicht akzeptiert, dass sie jetzt selbstständige Länder sind, die es auch noch wagen, das russische Imperium zu kritisieren." So hätte er in Erfahrung gebracht, dass litauischen Staatsbürgern kürzlich das Visum verweigert worden war, um bei einem vergleichbaren Projekt wie seinem mitzumachen. Er aber hätte die Menschen, darunter Angehörige ehemals an diesem Ort Verstorbener, eben dorthin geführt.

Schritt 4: Vollständige Verunsicherung

Formell erhebt der russische Staat gegen Latypov aktuell keine Vorwürfe. Er hatte sich aber zur Ausreise entschieden, weil kundige Stellen ihm signalisiert hatten, dass das so besser sei. Zu oft verschwinden Aktivisten wie er trotz absurder Vorwürfe hinter Gittern.

Er und die anderen Teilnehmer der Wanderung haben zunächst eine Geldstrafe von jeweils 20.000 Rubel bekommen, etwa 280 Euro, aber ein Gericht hat diese Strafe als unrechtmäßig wieder kassiert. "Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich zurückkehre", sagt Latypov. Er vermutet aber, dass dann neue Vorwürfe fingiert werden, um ihn und Memorial am Arbeiten zu hindern. Wer bei staatlichen Stellen einmal auf dem Kieker ist, bleibt in Russland häufig für immer dort. Oder eben für immer im Ausland, fort. Das ist die letzte und entscheidende Stufe der Behandlung von unliebsamen Aktivisten in Russland: Wer einmal die Rote Linie übertreten hat, lebt von da an in quälender Unsicherheit.

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