Menschen

Ich habe den kölschen Karneval noch nie so vermisst wie dieses Jahr

Saufen, feiern, singen, knutschen: Wir Rheinländer sehnen uns nach dem verbotenen Exzess. So sehr, dass es weh tut.
12.2.21
Viele Leute feiern eine Karnevalsparty, alle sind verkleidet. Dieses Jahr fällt Karneval aus, das ist traurig.
Symbolfoto: IMAGO / Marc Schüler
In dieser Serie berichten wir über das Lockdown-Leben: Über Stimmungen und Hoffnungen und über alles, was wir vermissen.

Als ob Herr Krupp (Name geändert) nicht wusste, wie besoffen wir in seinem Matheunterricht waren. Zwar sagten Lehrer vor Weiberfastnacht jedes Mal, dass alle, die betrunken in den Unterricht kämen, von den Eltern abgeholt werden müssten. Aber das ist nicht ein Mal passiert. An dem Donnerstag, der im Rheinland fünf bis sechs Tage Exzess einläutet, hatte niemals jemand irgendetwas gesehen, gehört oder gerochen. Nur gespürt hat es jeder.

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Schon um sechs Uhr früh trafen wir, die ganz Harten, uns vor der Schule, die Rucksäcke voller Bier und Mischsuff. Wir mussten uns ranhalten, um pünktlich um fünf vor acht schon fröhlich schwankend im Unterricht sitzen zu können, wo wir uns dann das kindische Kichern verkneifen mussten. Denn, auch wenn es niemand zugegeben hätte, nach Hause wollten wir nicht geschickt werden, schon um den Suff unserer Eltern nicht zu stören, die wahrscheinlich nur kurz nach uns mit einem Sektfrühstück ihren Karneval begonnen hatten.

In diesem Jahr fällt der Karneval aus. 


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Für Menschen, die im Rheinland sozialisiert wurden, ist das ein Verlust. Denn der Ausdruck "Die fünfte Jahreszeit" ist zwar nur für wirkliche Hardcore-Karneval-Hardliner relevant, und doch haben die allermeisten einen Bezug zu diesem Fest, das für eine knappe Woche einfach nicht aufhören will. Eine Woche, in der ein Kater übergeht in den nächsten Rausch, in der man neben Menschen aufwacht, die man noch nie gesehen hat und lieber nie wiedersehen würde. Eine Woche, in der man schon nach dem zweiten Tag keine Stimme mehr hat.

Nun gut, ich gebe zu, seitdem ich in Berlin lebe, hat mein Karneval sich verändert. War er früher, als ich noch im Rheinland lebte, eine Pause vom Leben, ist er seitdem mehr ein kurzes Durchatmen am Donnerstag und ein harter Arbeitstag am Freitag. Das völlige Aufgeben der eigenen Existenz bei der gleichzeitigen Zelebrierung der körperlichen Freuden, findet nur noch sehr begrenzt statt. Nur wenn ich über Karneval in die Heimat fahre, ist es wieder ein wenig wie damals. 

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Dann stehen meine Freunde und ich schon vormittags beim Beueler Karnevalszug und geben uns der deutschen Kultur hin, die in diesen seltenen Momenten kölschgelb leuchtet und buntes Konfetti in jede Ritze des Körper bläst. 

Wir stehen dann da in der Kälte, grölen die Lieder, die wir als Teenager auswendig gelernt und seitdem nie wieder vergessen haben. Ich könnte aus dem Stehgreif mehr Karnevals- als Weihnachtslieder singen und ich freue mich immer, wenn jemand mich dazu auffordert, diese Behauptung zu beweisen.

Denn Karneval, das verstehen viele nicht, steckt in mir drin. Ich würde sagen, ich habe die Karnevalskultur mit der Muttermilch aufgesogen, wenn ich nicht Mitte März und damit kurz nach Karneval geboren worden wäre und meine Mutter mich nicht nur wenige Monate gestillt hätte. Karneval ist so eine Sache, die ich früher zu den Dingen gezählt hätte, die meine Persönlichkeit definieren.

Saufen, feiern, singen, knutschen und das Leben genießen - das sind alles Dinge, die wir Rheinländer gerne tun. Das verstehen viele nicht. In Berlin zum Beispiel wird man für seine Liebe zum Karneval eher belächelt, ignoriert oder beschimpft. Menschen, die sich "echte Berliner" nennen und über ihre Abgrenzung zu Zugezogenen definieren, sagen dann oft, dass man Karneval hier nicht bräuchte, weil jeden Tag Karneval sein könne, wenn man das will. Aber das ist Quatsch.

Denn Karneval ist eben nicht nur die Möglichkeit, abends in den Club zu gehen. Karneval ist zu wissen, dass alle heute Abend in den Club gehen. Karneval ist, kein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil die eigene Kotze nach Kleinem Feigling schmeckt. Karneval ist, einen Mittagsschlaf zu machen, um danach weiter trinken zu können und wer seinen Partner an Karneval betrügt, wird nachsichtiger behandelt als an allen anderen Tagen.

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An Karneval sind alle Menschen Freunde. Also abgesehen von denen, die Ärger wollen. Auch ich hatte an einem Karnevalssamstag schon mal ein Messer im Rücken. Aber die Leute, die andere Leute an Karneval mit Messern stechen, gehen dafür auch ins Gefängnis. So ist das im Rheinland. Karneval ist ein Fest der Verständigung und Harmonie. Vor einigen Jahren hatte eine Kölsch-Brauerei zu Karneval auf alle Bierdeckel den Spruch drucken lassen: "Keine Jeck es illejal." Der kölsche Karneval meint es, meistens, gut mit allen. 

Ich habe auch schon an anderen Orten Karneval gefeiert als im Köln-Bonner Raum. Im spanischen Cadiz etwa. Auch das war schön, alle waren bunt verkleidet, betrunken und gut gelaunt. Zusätzlich schien die Sonne und ich konnte in kurzer Hose tanzen. Das einzige, was fehlte, war die Musik. Statt "Kölsche Junge bütze jot", was bedeutet, dass Männer aus Köln so gut küssen können wie die Stars in Hollywood, lief "Charts". Also die Musik, die wir in den ganzen Erasmus-Clubs sowieso rauf und runter hörten, bis wir nicht mehr hören konnten und lieber den Sonnenaufgang über der Sierra Nevada anschauen gingen. Der Karneval in Cadiz war schön, aber das gleiche war es nicht. 

Auch der Karneval in Namibia war an sich schön. Hier sangen die deutschsprachigen Namibier sogar die kölschen Lieder und bedienten Stimmung und Symbolik des kölschen Kulturkreises. Nur dass man sich hier im Jahrhundert vergriff. Statt Völkerverständigung und Offenheit gab es Hitlergrüße und "Sieg Heil!"-Rufe. Auch das war nicht mein Karneval.

Mein Karneval, und vielleicht muss ich mir das so eingestehen, ist nur der aus meiner Heimat. Der, bei dem wir am Donnerstag um elf Uhr vormittags am Beueler Rathaus feiern, abends in die Rheinlust gehen, wo sich im hinteren Raum bei dem großen Tisch dann alle Leute aus meiner Schule treffen. Den Rosenmontagszug verfolgen wir von der Mauer meiner alten Grundschule aus und fahren abends nach Kessenich, einen Stadtteil, der in der Supernanny einmal beschrieben wurde mit "wo das Ansehen in der Gang mehr zählt als die eigene Familie". Ob das stimmt, weiß ich gar nicht, weil ich nie in Kessenich gewohnt habe. Aber ich war auch nie Mitglied einer Gang. Und mein Ansehen in der Familie ist auch sowieso nicht besonders groß.

So wie meine rheinische Heimatstadt immer ein Teil von mir bleiben wird, wie meine Eltern oder die Teenage Mutant Ninja Turtles, so wird auch der Karneval nie ganz verschwinden. Er hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Deshalb kann ich anerkennen, was meine Heimat mir mitgegeben hat, ohne je wieder dort leben zu wollen.

Dieses Jahr wird also eins ohne Karneval. 2020 habe ich ihn in einer Kölsch-Kneipe in Berlin gefeiert. Am nächsten Morgen musste ich auf die Arbeit, was schmerzhaft war, aber machbar. Denn, in alter Karnevalstradition, hatte die Kneipe um 00:11 Uhr zugemacht. Für Leute, die in einer Stadt leben, in der man doch jeden Tag Karneval feiern könnte, ist das eine gute Zeit.

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