Eine Frau liegt zusammengekrümmt auf einem Sofa im Dunklen und hält sich schützend die Hände vors Gesicht. Sie sieht aus, als hätte sie Angst.
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Menschen

Häusliche Gewalt im Lockdown: Mehr Therapieangebote könnten Frauen schützen

Rund vier Prozent der Frauen sind während der Corona-Pandemie von Gewalt durch Partner betroffen. Wir haben die Leiterin der Studie gefragt, was den Frauen bei einer zweiten Welle helfen könnte.
03 Juni 2020, 1:06pm

Natalie ging während der Konktakbeschränkungen nur noch auf die Toilette, wenn sie es wirklich nicht mehr halten konnte. Die 21-Jährige hatte Angst. Sie lebte mit ihrem Vater zusammen, der sie bedrohte, sie kontrollierte. Janina Steinert nennt das "emotionale Gewalt". Steinert ist Professorin für Global Health and der TU München und hat kürzlich die erste Umfrage zu häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie in Deutschland veröffentlicht.

Durch die Coronakrise nahm das Risiko für psychische Belastungen zu, die Telefonseelsorge berichtete von mehr Anrufen als üblich. Mit ihrer Kollegin Dr. Cara Ebert vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hat Janina Steinert in der Zeit überprüft, wie die Situation in den Haushalten wirklich aussah. Rund 3.800 Frauen in unterschiedlichen häuslichen und familiären Situationen zwischen 18 und 65 Jahren haben sie befragt.

Die Studie zeigt, dass Natalie kein Einzelfall ist: Rund vier Prozent aller befragten Frauen litten während der strengen Kontaktsperren zu Hause unter emotionaler Gewalt. Rund drei Prozent waren von körperlicher Gewalt betroffen, 3,6 Prozent wurden sogar von ihrem Partner vergewaltigt. In über sechs Prozent der Haushalte wurden darüberhinaus Kinder gewalttätig bestraft. Waren die Frauen in Quarantäne oder hatten die Familien finanzielle Sorgen, lagen die Zahlen noch deutlich höher. Auch Ängste und Depressionen haben das Gewaltpotential deutlich gesteigert. Erschreckend ist: Nur ein sehr kleiner Teil der betroffenen Frauen nutzte Hilfsangebote.

Wir haben mit Janina Steinert gesprochen und sie gefragt, was diese Zahlen bedeuten und wie Frauen und Kinder bei einem weiteren Lockdown besser geschützt werden können.

VICE: Drei Prozent Ihrer Befragten waren während der Coronapandemie von häuslicher körperlicher Gewalt betroffen, 3,6 Prozent wurden nach eigenen Angaben von ihrem Partner vergewaltigt. Das klingt viel. Was bedeuten diese Zahlen im Vergleich zu "normalen" Zeiten wirklich?
Janina Steinert: Das Problem ist: Es gibt keine vergleichbaren Zahlen aus der Zeit vor der Pandemie. Wir haben Frauen zwischen 22. April und 8. Mai 2020 nach dem vorangegangenen Monat gefragt, also während der Zeit der strengsten Kontaktbeschränkungen. Typischerweise beziehen sich Studien zu häuslicher Gewalt auf einen Zeitraum vom letzten Jahr oder sogar auf das ganze Leben. Für einen direkten Vergleich eignen sich diese Studien nicht. Wir wollen deshalb keine Aussagen darüber treffen, ob diese drei Prozent höher sind als sonst.

Aber sie können Aussagen darüber machen, welche Frauen einem besonderen Risiko ausgesetzt sind?
Ja, genau. Die von uns befragten Frauen befanden sich in sehr unterschiedlichen häuslichen und familiären Situationen. Wie unterscheidet sich also zum Beispiel die Situation einer Frau, die mit Kindern in Quarantäne sein musste von der einer Frau, die nicht in Quarantäne war? Wir sehen: Quarantäne ist ein Risikofaktor. Daneben kam häusliche Gewalt auch häufiger bei finanziellen Sorgen, Angst vor Arbeitslosigkeit oder Depressionen vor.

Besonders belastet sind Familien mit kleinen Kindern von null bis zehn Jahren. In diesen Familien ist das Gewaltpotential höher, auch gegen die Kinder. Es kann sein, dass der Stress der Eltern gerade durch die Schul- und Kita-Schließungen größer wurde und das erhöht wiederum das Konfliktpotential.

In Beziehungen, in denen mindestens ein Partner an Ängsten oder Depressionen leidet, sind die Zahlen besonders hoch: Fast 10 Prozent der Frauen berichteten von Gewalt gegen sich selbst, fast 15 Prozent von Gewalt an ihren Kindern. Wie erklären sie sich das?
Hier haben wir ein Problem, denn wir können die Kausalrichtung nicht klar bestimmen: Was war zuerst da, die Gewalt oder die psychischen Probleme? Das können wir in unseren Daten nicht auseinanderhalten. Aber wir sehen, dass in Haushalten, in denen einer oder auch beide Partner psychische Probleme haben, das Gewaltpotential höher ist.

Wie hat Corona das beeinflusst?
Wir haben nach Angstzuständen gefragt, die durch Corona ausgelöst wurden und sehen hier einen Zusammenhang. Da wir aber keine Daten von vor der Pandemie haben, wissen wir nicht, ob sich die Situation in dem Haushalt verschlechtert hat. Wir wissen nur: Ängste und Gewalt hängen zusammen – und während einer Pandemie werden Ängste und Stress natürlicherweise verstärkt.


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Was heißt das für den nächsten Lockdown?
Therapeutische Angebote für Menschen mit Ängsten und Depressionen, die niedrigschwellig genutzt werden können, wären möglicherweise hilfreich. Es gibt ja schon viele Psychotherapeuten, die Online- oder Telefonberatungen anbieten. Auch Online-Angebote wie zum Beispiel eine Mindfulness-Meditation könnten gegen Ängste helfen.

Und wie kann man Kinder besser vor Gewalt im Haushalt schützen?
Wir üben keine generelle Kritik an Maßnahmen, die aus virologischer Sicht notwendig sind. Aber bei einem erneuten Lockdown ist Notbetreuung für alle Eltern wichtig. Es muss Hilfe für alle Eltern geben, die sich überfordert fühlen – nicht nur für solche, die in systemrelevanten Berufen arbeiten. Selbst wenn es nur ein paar Stunden sind, zum Beispiel durch eine Hausaufgabenbetreuung. Das kann Eltern entlasten und möglicherweise sogar verhindern, dass Gewalt überhaupt erst entsteht.

Sie haben erschwerte Bedingungen gehabt, denn die Personen, die sie erreichen wollten, waren mit ihren gewalttätigen Partnern eingesperrt. Wie erreicht man in dieser Zeit Opfer von Gewalt, ohne dass gewalttätige Partner das bemerken?
Um diese Menschen zu erreichen, haben wir eine möglichst anonyme Umfragetechnik gewählt: die Online-Befragung. So kann der potentiell gewalttätige Partner nicht mithören. Gleichzeitig ist natürlich nicht auszuschließen, dass wir genau die Frauen, die am meisten von Gewalt betroffen sind, und den stärksten Kontrollmechanismen unterliegen, nicht erreicht haben. Es gibt also eine unbekannte Dunkelziffer.

Rund die Hälfte der Betroffenen kannten die Telefonseelsorge, aber nur rund vier Prozent haben tatsächlich schon einmal dort angerufen – das ist eine erschreckend hohe Differenz. Wie erklären Sie sich das?
Uns haben schon die 50 Prozent erstaunt. Das bedeutet, dass die Hälfte der Betroffenen gar nicht weiß, wo sie Hilfe finden kann. Das ist erschreckend.

Wir erklären uns das so, dass gerade das Telefonieren problematisch für die Betroffenen ist – die Familie ist zu Hause, jeder kann mithören. Es ist deshalb sehr sinnvoll, dass das Hilfetelefon und andere Beratungsangebote auch Online-Hilfe anbieten. Einige Befragte haben uns darauf hingewiesen, dass sie sich in Facebook-Gruppen austauschen. Vielleicht könnte das also ein weiterer Ansatz sein.

Die Studie baut auf dem klassischen Familienbild auf: Mutter, Vater, Kinder, ein Haushalt. Haben sie auch Paare ohne Kinder, homosexuelle Paare oder Menschen in anderen Lebensmodellen befragt? Was ist in diesen Familien anders?
Weniger als die Hälfte der Befragten unserer Stichprobe hat Kinder. Deshalb können wir kinderlose Paare und Familien vergleichen und sehen, dass das Gewaltpotential steigt, je mehr Personen im Haushalt sind. Das heißt, in Familien mit Kindern kommt häufiger Gewalt vor, als bei Paaren ohne Kinder.

Aussagen zu homosexuellen Paaren können wir leider nicht treffen. Der Anteil lesbischer Frauen, die in in einer Partnerschaften leben und die wir befragt haben, war leider so gering, dass diese Vergleiche nicht verlässlich wären. Das sind wissenschaftlich tatsächlich unterbeleuchtete mögliche Opfergruppen.

Warum haben Sie eigentlich nur Frauen befragt und keine Männer?
Wir wollen mit unserer Studie auf keinen Fall aussagen, dass nicht auch Männer Opfer von Gewalt werden können. Aber tatsächlich sind Frauen deutlich häufiger von häuslicher Gewalt betroffen als Männer. Und Gewalt gegen Frauen steht in den Medien im Fokus. Eine Zahl aus einer Studie im Lancet macht sehr deutlich, dass die Gefahr für Frauen größer ist: Rund 50 Prozent der Frauen, die getötet werden, kannten den Täter, weil er aus ihrem privaten Umfeld stammt. Bei Männern sind es nur sechs Prozent.

Nach dieser ersten Studie, wie machen Sie weiter? Welche Fragen beschäftigen Sie?
Wir wollen wissen, wie sich die Zahlen über die Zeit verändert haben. Und wir wollen mehr mit administrativen Zahlen arbeiten, also mit statistischen Erhebungen von Hilfsverbänden wie zum Beispiel dem Weißen Ring. Die wichtigste Frage ist: Kam es wirklich zu einem Anstieg oder nicht? Und: Wie können wir Frauen während einer möglichen zweiten Welle besser unterstützen?

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