Sex

Grace hat Tourette, Paul Autismus, so haben sie Sex

"Ich habe keine Affären mehr. Wir haben uns darüber verständigt, was wir in einer Beziehung erwarten", sagt Paul.
06 Oktober 2020, 3:15am
Ein Mann mit Asperger-Syndrom und eine Frau mit Tourrette-Syndrom umarmen sich in einem Bett. Das Paar muss aufgrund der individuellen Störungen anders kommunizieren als andere Paare
Illustration von Hunter French und Cathryn Virginia

Paul und Grace sind ein älteres Paar. Paul hat das Asperger-Syndrom, eine Form der Autismus-Spektrum-Störung. Grace hat das Tourette-Syndrom und ein paar damit einhergehende Probleme wie Konzentrationsschwächen und eine geringe Impulskontrolle. Viele Leute sehen Menschen wie Paul und Grace nicht als sexuelle Wesen.

Menschen mit Asperger haben manchmal Probleme, andere zu verstehen oder ihre eigenen Bedürfnisse mitzuteilen. Nonverbale Kommunikation, abstrakte Ausdrucksweise, persönliche Grenzen oder die Bedürfnisse anderer können für sie schwierig sein. Aufgrund dieser potenziellen Kommunikationsbarrieren befürchten viele Außenstehende, dass Menschen mit Asperger Probleme haben, sich in den Komplexitäten körperlicher Intimitäten zurechtzufinden.

Tourette äußert sich in körperlichen und verbalen Tics, die nur vorübergehend und mit großer Mühe unterdrückt werden können. In seltenen Fällen umfassen diese Tics auch sexuelle Kommentare oder Handlungen, wie beispielsweise jemanden ungefragt zu begrapschen. In manchen Fällen tritt Tourette auch zusammen mit Symptomen anderer Beeinträchtigungen wie Aufmerksamkeitsdefizit- oder Zwangsstörungen auf, die Lernschwächen und unangebrachtes Verhalten mit sich bringen. Man könnte denken, dass es für Menschen mit diesen Symptomen sehr schwer ist, in sexuellen Situationen klar und deutlich zu kommunizieren.

Aber die meisten Menschen mit Autismus oder Tourette haben die gleichen sexuellen Bedürfnisse wie die restliche Bevölkerung und sind genauso zu Beziehungen fähig. Mit Autismus kann es ohne frühe und zielgerichtete Förderung schwierig sein, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Einige Menschen mit Tourette brauchen Hilfe dabei, ihre Symptome zu kontrollieren und sie anderen gegenüber klar zu kommunizieren.

In den vergangenen Jahren haben Verbände und Organisationen allerdings daran gearbeitet, umfangreiche Materialien zur sexuellen Aufklärung und Unterstützung von Menschen mit Autismus und ihr Umfeld zusammenzutragen. Menschen mit Autismus wie Amy Gravino sprechen offen über ihre sexuellen Erfahrungen – die guten und die schlechten. Und es gibt Beziehungsratgeber für Menschen mit Tourette.

VICE hat mit Paul und Grace über ihre Erfahrungen mit Sex und Intimität gesprochen sowie über die Kommunikations- und Erwartungshürden, die ihre jeweiligen Störungen mit sich bringen. Ihre Erfahrungen sind aber keineswegs repräsentativ für andere Menschen mit Autismus, Tourette oder ähnlichen Störungen.

Und noch eine Anmerkung: Ein Psychologe und Experte für Behinderungen und Missbrauch, der in der Vergangenheit mit Paul gearbeitet hat und Paul und Grace seit Jahren kennt, hat VICE dem Paar vorgestellt. Paul selbst ist ein glühender Verfechter eines selbstbestimmten und unabhängigen Lebens. Das Paar hatte ausdrücklich eingewilligt, über das Thema zu sprechen, beide baten VICE allerdings darum, ihre Namen für diesen Artikel zu ändern, um ihre Privatsphäre zu schützen.


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Grace: Als Kind war ich in Jungs verknallt und habe mich unangemessen verhalten, weil ich ihre Aufmerksamkeit wollte. Später habe ich gelernt, dass es positive Dinge seine sollten, mit denen ich auf mich aufmerksam mache. Aber auch das funktioniert manchmal nicht, also muss ich einfach damit aufhören, ein bisschen in mich gehen und mich mit Grace wohlfühlen. Ich muss mich daran erinnern, dass ich nicht ändern kann, was andere fühlen.

Paul: Als ich jung war, habe ich Dinge lieber alleine gemacht, wie auf dem Schaukelpferd zu schaukeln. Lehrer haben mich ermutigt, mit anderen Kindern zu interagieren, was für mich schwer war. Wenn ich mich zurückgewiesen gefühlt habe, habe ich mich wieder in meine eigene Welt zurückgezogen und versucht, darin Freude zu finden. Mit Asperger kann es manchmal schwer sein, bestimmte Beziehungen zu bilden, weil Veränderungen sehr schwer sind. Du denkst, das Leben bewegt sich in einem Kreis und wenn andere Kreise dazukommen, macht dich das verrückt.

Bevor ich Grace kennengelernt habe, hatte ich schon mit anderen Frauen Beziehungen und Sex. Als ich sie kennenlernte, war ich in einer Beziehung, aber wir haben uns ein Jahr später getrennt. Dann war ich vier Jahre lang Single. In der Zeit habe ich mit Grace telefoniert und irgendetwas an ihr hat mich angemacht. Es war ihre herzliche Persönlichkeit. Wir entschieden uns, es mit einer Beziehung zu versuchen, und es ist wunderschön.

Grace: Ich hatte eine tolle Zeit, als ich mit Paul zusammengekommen bin. Ich war sehr aufgeregt, zu diesen ganzen Veranstaltungen mit ihm zu gehen, ihn zu Hause zu besuchen und seine Freunde zu treffen. Das hat richtig Spaß gemacht.

Paul: In einer Liebesbeziehung muss man auf beiden Seiten Kompromisse eingehen und das war in der Vergangenheit schwer für mich. Ich habe versucht, sie zu ermuntern, sich auf Dinge einzulassen, die mir viel bedeuten: Lesen und Kunst. Aber aufgrund ihrer Behinderung hat sie eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne als ich. Mit der Zeit habe ich das akzeptiert.

Beziehungen erfordern, was du bereits in der Sesamstraße lernst: Kooperation. Du musst lernen, Dinge zusammen zu machen und auszuklamüsern, anstatt einfach den Schwanz einzuziehen und die Beziehung aufzugeben. Ich weiß, dass ich in meinem Kopf manchmal sehr eingleisig denke. Aber man muss auch an die andere Person denken, um eine Lösung zu finden.

Grace: Das gilt auch für Sex. Wir können keinen Sex haben, weil Pauls Penis nicht in meine Vagina passt. Wir haben es über die Zeit schon mehrere Male probiert und es war unglaublich schmerzhaft. Ich weiß nicht, warum ich so bin. Aber wir haben immer akzeptiert, dass wir keinen penetrativen Sex haben können. Ich bin mir nicht sicher, ob andere Typen das auch akzeptieren würden.

Paul: Das ist so eine Sache, die nicht geklappt hat. Wir haben da kein großes Ding draus gemacht. Das Schöne ist, zusammen zu sein. Wir können uns auch so unsere Zuneigung gegenseitig zeigen und das ist wunderschön.

Grace: Ich bin sehr dankbar, Paul in meinem Leben zu haben, und wir machen ständig sexuelle Dinge miteinander. Wir duschen zusammen. Wir berühren uns. Wir küssen uns. Wir schlafen zusammen. Wir umarmen uns. Wir miauen wie Katzen. Paul sagt immer: 'Wir sind die Katzen. Wir sind die Katzen.' Es gibt ein Lied, das er mir ständig im Auto vorsingt. Er klatscht in die Hände und singt: "We're the cats, we're the cats…"

Paul: We're the cats. We're the cats. We're the cats!

Grace: Und das macht uns gute Laune.

Paul: Wenn wir uns sexuell anmachen, machen wir Katzengeräusche. Miauen oder Schnurren. Wir stellen uns vor, welche Art von Zuneigung zu einer Katze passen würde. Wir streicheln und kraulen uns und tun so, als wären wir beide Katzen.

Wir haben Sex auf unterschiedliche Arten. Wir berühren und fühlen uns gegenseitig. Ich masturbiere, bis ich ejakuliere.

Grace: Wir masturbieren ständig zusammen und haben viele Orgasmen.

Paul: Manche Dinge bereiten ihr Lust, andere mir. Ab und zu habe ich das Bedürfnis nach Penetration und das kann sie nicht erfüllen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, eine Balance zwischen diesen Dingen und einem ausgeglichenen Leben zu finden. Wir arbeiten daran, es hinzubekommen.

Grace: Manchmal muss ich ihn darum bitten, nicht nur auf sich selbst zu schauen und zu verstehen, wenn ich etwas nicht machen kann. Ich muss das bei Paul auch akzeptieren. Aber das passiert in jeder Beziehung. Ich bin ein flexibler Mensch, genau wie Paul.

Paul: Das Küssen, das Umarmen, sich gegenseitig an der Schulter berühren – wir genießen all die sexuellen Dinge, die wir miteinander machen.

Grace: In der Vergangenheit war es schwieriger für uns, einen Ausgleich zu finden. Als meine Mutter durch Diabetes und Lupus sehr krank wurde, musste ich mich um sie kümmern. Ich konnte nicht mehr zu diesen ganzen Veranstaltungen mitkommen. Er hatte ein paar Affären hinter meinem Rücken, weil ich in seinen Augen zu wenig da war. Das war sehr falsch von ihm, weil ich dadurch viel Vertrauen in ihn verloren habe.

Paul: Ich verstand nicht, dass man in einer Beziehung nicht betrügen soll. Manchmal dachte ich, dass ich mehr will. Mir gefiel der Mangel an Sex nicht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht darüber nachgedacht habe, wie sich Grace mit der Sache fühlt oder was ihre Sicht war. Ich habe keine Affären mehr. Wir haben uns darüber verständigt, was wir in einer Beziehung erwarten, damit sie funktioniert.

Wenn sie mir jetzt sagt, was sie will und warum sie es will, und wenn ich den Grund nicht verstehe, dann können wir das erörtern. Dann funktioniert es für uns beide. Es hat viel Übung und Geduld erfordert, Verständnis für die andere Person und Kompromisse zu lernen.

Grace: Jetzt, da ich Paul jeden Tag sehe, sagt er, dass er seine Lektion in Sachen Affären gelernt hat. Er will Dinge gemeinsam angehen und sich nicht einfach rauszuziehen.

Manchmal frage ich ihn: "Bist du mich leid, hast du die Nase voll von mir?"

Und er antwortet: "Nein, überhaupt nicht. Wir sind die Katzen." Er gibt sich Mühe und will, dass es mit uns funktioniert. Ich hatte noch nie einen Freund, der das getan hat. Ich bin sehr glücklich, Paul in meinem Leben zu haben.

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