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N26: Warum Startups Schiss vor Betriebsräten haben

Eine Mitarbeitervertretung "steht gegen alle unsere Werte", sagen die Chefs der Digitalbank N26. Fragt sich nur, für welche Werte die Bank dann steht.
13.8.20
​Die beiden N26-Gründer Maximilian Tayenthal​ und Valentin Stalf die gegen die Gründung eines Betriebsrats in ihrem Unternehmen N26 vorgehen
Die beiden N26-Gründer Maximilian Tayenthal (l.) und Valentin Stalf || Foto: imago images | tagesspiegel || Bearbeitung: VICE

Die Chefs des Bankservice N26 dürften gerade ziemlich genervt sein. Sie haben ihr Unternehmen gegründet, ordentlich Arbeit investiert und Geld verdient. Und jetzt wollen die Mitarbeiter plötzlich mitreden. Anstrengend. Aber auch nicht völlig überraschend. Seit hundert Jahren gibt es in Deutschland Betriebsräte. Als Mitarbeitervertretung dürfen sie im Unternehmen mitbestimmen. Die beiden N26-Gründer wehren sich dagegen. Das ist dumm. Denn auch Start-Ups können enorm von Betriebsräten profitieren.

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N26 ging am Donnerstag per einstweiliger Verfügung gegen die Initiatoren der geplanten Betriebsratswahl vor. Darin heißt es, die Wahlen müssten verschoben werden, weil das Hygienekonzept am geplanten Wahlort in der Coronapandemie nicht ausreiche. Ein Unternehmenssprecher schob zwar nach, dass sich weder die Gründer Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal noch das Management einer Arbeitnehmervertretung entgegenstellen würden. Dann tauchte jedoch eine mutmaßliche interne Mail an die Mitarbeiter auf: Laut Finanzmagazin Finance FWD stehe darin, dass das gewählte Gremium "gegen fast alle Werte, an die wir bei N26 glauben" stehe. Es verlangsame das Unternehmen, mache Zusammenarbeit komplexer und hierarchischer, untergrabe die Vertrauenskultur und könne zu Konfrontationen führen. Außerdem sei es kein zeitgemäßes Instrument des Mitarbeiterengagements und schränke die persönliche Karriereentwicklung ein.


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All das sind Argumente, die Unternehmen der Digitalbranche gerne nutzen, wenn sie mit Betriebsratswahlen konfrontiert sind – auch Lieferando hatte sich im April gegen Betriebsratswahlen gewehrt. Und alle diese Argumente sind Unsinn.

Klar, für Neoliberale klingt ein Betriebsrat nach Kommunismus und für Start-Up-Gründer nach Opas Geschichten vom Krieg. Man kann diskutieren, ob eine einhundert Jahre alte Institution zur innovationsgetriebenen Start-Up-Welt passt, die alles, was älter als fünf Minuten ist, einreißt und neu baut. Aber man sollte sich auch anhören, warum es eine schlechte Idee ist, wie ein feudaler Despot über die Köpfe seiner Leibeigenen, äh Mitarbeitenden, hinwegzuregieren. Nicht von mir anhören, denn ich bin selbst in einem Betriebsrat. Sondern von einem Wissenschaftler.

Martin Behrens ist Referent für europäische Arbeitsbeziehungen im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung und erforscht Betriebsräte, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften. Und er findet viele wissenschaftlich belegte Gründe dafür, warum man sich als Start-Up-Gründer von einem Betriebsrat "reinreden" lassen sollte.

Jeder Arbeitgeber profitiert von einem Betriebsrat, sagt Behrens: "Ein gut etablierter Betriebsrat wirkt sich positiv auf die Produktivität aus, hilft dabei, gutes Personal zu halten und macht Betriebe innovativer." Das zeigten die harten Forschungsergebnisse. Umso unverständlicher sei es, dass Arbeitgeber sich teils mit Zähnen und Klauen gegen die Etablierung eines Betriebsrats wehren.

Betriebsräte sind keine Wachstumsgrenze sondern ein Produkt von Wachstum

Häufig argumentieren Start-Ups, Betriebsräte würden ihr Wachstum bremsen. Das wäre schlecht, denn gerade in der Frühphase müssen Start-Ups schnell skalieren, also wachsen, um Investorengelder einzusammeln und die Konkurrenz auszustechen. Aber für diese Bedenken sieht Behrens keine Belege. "Ein Betriebsrat ist keine Wachstumsgrenze, sondern ein Produkt von Wachstum." Ab fünf Mitarbeitern darf man in Deutschland einen Betriebsrat gründen. Aber kleine Firmen mit fünf bis 20 Mitarbeitern hätten oft keine Betriebsräte, weil die Kommunikation während dieser Garagenphase auch so funktioniere, sagt Behrens. Erst wenn die Belegschaft merke, dass sie die Chefs nicht mehr erreicht, würden häufig Betriebsräte gegründet. Dann – auch das ein Vorteil – vereinfache ein Betriebsrat die Kommunikation zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern. Wie ein Klassensprecher.

"Moment mal", würde da wohl so mancher Start-Up-Manager einwenden und den Kopf aus dem Sitzsack im PlayStation-Raum recken. "Wir haben erstens total flache Hierarchien und zweitens ist meine Türe immer offen." Auch dieses Argument kennt Behrens. "In der Praxis erweist sich das allzu häufig als gnadenlose Selbstüberschätzung von Managern. Diese denken wirklich, ihre Tür sei immer offen. Sie kommunizieren den ganzen Tag mit der Belegschaft und ziehen daraus den Schluss: Alles ist in Ordnung. Die Belegschaft sieht das aber oft anders." Nicht jeder könne dem Chef ins Gesicht sagen, was ihn stört. Alleine schon aus Angst vor Konsequenzen. Ein Betriebsrat hingegen kann das. Weil ihn das Betriebsverfassungsrecht vor Sanktionen schützt.

“Am Ende kann kein Arbeitgeber ohne die aktive Unterstützung der Belegschaft erfolgreich sein, darum sollte er ihr zuhören.”

Auch das Argument, Betriebsräte machen alles komplizierter, lässt Behrens nicht gelten. "Was die eine Seite als Verkomplizierung sieht, ist eigentlich eine Versachlichung von Konflikten, Themen und deren Bearbeitung." Außerdem wisse ein Unternehmen ja, welche Rechte ein Betriebsrat hat, denn die stehen im Betriebsverfassungsgesetz. "Für den Arbeitgeber ist also völlig klar, wo er den Betriebsrat beteiligen muss. Das strukturiert das Miteinander. Ordnung statt Chaos."

Dass sich gerade Gründer schwer tun, die Macht in ihrer Firma mit dem Betriebsrat zu teilen, findet auch Behrens nicht überraschend. "Diese Personen denken, der Betrieb ist mein Eigentum und da redet mir niemand rein. Wie ich meine Geschäfte führe und mein Personal manage, entscheide alleine ich." Aber genau das, das Reinreden, sei oft sinnvoll: "Am Ende kann kein Arbeitgeber ohne die aktive Unterstützung der Belegschaft erfolgreich sein, darum sollte er ihr zuhören. Ich kenne kein erfolgreiches Geschäftsmodell, dass sich gegen die eigene Belegschaft durchsetzen lässt."

Womöglich sollte sich auch N26 mit dieser Erkenntnis anfreunden. Denn die Betriebsratswahlen werden aller Voraussicht nach stattfinden. Am Donnerstag hat kurzerhand die Gewerkschaft Ver.di die Wahlen zum Wahlvorstand bei N26 ausgerichtet.

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