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Klischees aus der „Kreativindustrie“: 6 Monate Praktikum in der Werbeagentur

Seit unsere Gastautorin denken kann, war ihr Bild von Werbeagenturen durch Haargel, weiße Wände, Stahlelementen, gebräunte Astralleiber und Lackschuhe geprägt. Seit ihrem Praktikum weiß sie, dass sämtliche Vorurteile stimmen.

von VICE Staff
25 August 2014, 11:00am

Foto von Koko Shka

Also zuerst Mal: Das ganze Dilemma nennt man nicht Praktikum, man nennt es Internship, und es ist auch keine Werbeagentur sondern eine Consulting/Design/Communication Agency. Weil wir ja in Amerika sitzen—ja genau, schön wär's. Wir sitzen am Ende der Dorfhauptstraße in einem viel zu modernen Gebäude und schauen in den anstrengenden Brainstormingphasen den Kühen von nebenan beim Grasen und Scheißen zu.

Oh Gott, wie oft wäre ich gerne einfach aufgestanden und hätte die Meute gefragt, ob jemand Lust hat, mit mir die Kühe melken zu gehen, so sehr habe ich mich danach gesehnt, etwas Anständiges zu arbeiten! Mir ein bisschen die Hände schmutzig zu machen in der realen Welt. Fette Euter anzufassen, anstatt die fetten Euter der Testimonials auf meinem Bildschirm anzustarren. Aber stattdessen habe ich mir eine laktosefreie Bio-Fairtrade-Milch aus der Edelstahlküche geholt und sie in meinem ergonomischen Schreibtischsessel schweigend geext. Aber zurück zum Thema. Seit ich denken kann, gab's da dieses Idealbild der Werbeagentur in meinem Kopf, das vor Haargel, weißen Wänden, Stahlelementen, gebräunten Astralleibern und Lackschuhen, Glasfronten, und Geld nur so glänzte, und man möge es mir glauben, das Bild hat sich vollkommen bestätigt.

Bis auf die Tatsache, dass man Haargel tendenziell durch Hornbrillen ersetzt hat. Ansonsten alles gleich. Ich schwöre. Ich bin mit Scootern regelmäßig zur Fingerscan-Druckerstation durch das Gebäude gebrettert, habe unzählige Stunden mit Internetsurfen verbracht und es auf „Recherche“ gebucht, habe mit meinen Kollegen über die Kunden hergezogen (ohne jeglichen Grund) und habe Meetings erlebt, in denen eine Ewigkeit diskutierte wurde, ob das „O“ des Logos jetzt runder oder ovaler sein soll. Dabei wurde besprochen, dass es rund ruhiger wirkt, aber auch exzentrischer, es oval jedoch möglicherweise zu altmodisch rüberkommt und generell nicht so gut zu Blau passt.

Das musste natürlich gründlich abgewogen werden, wofür man extra eine Powerpoint-Präsentation anfertigen ließ, in der alle O-Möglichkeiten, deren Vor- und Nachteile, Wirkungsfelder und Farbmuster nochmal schön aufbereitet waren. Man einigte sich schließlich auf die Mitte, nicht zu rund, nicht zu oval und nicht zu blaublau, weil man
muss ja jedem gefallen. Und genau da sind wir beim Thema dieses Artikels, denn um was es wirklich geht, und was ich wirklich gelernt habe bei meinem Internship—mal abgesehen davon, dass ich nun weiß, dass mich regelmäßiges Mittagessen fett werden lässt—ist, dass die Menschen, die in einer Werbeagentur arbeiten, auch nur mit Wasser kochen, genauso scheißen und im Allgemeinen die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen haben.

Sie sind der gespitzte Bleistift, der lose in einem riesigen Umzugskarton kullert, welcher mit heißer Luft gefüllt und mit Luftpolsterfolie umwickelt ist und in einem größeren Karton steckt, welcher wiederum in ganz, ganz glänzendes silbernes Geschenkpapier gepackt ist. Die Schleife ist vintage, wurde auf einem Fashionflohmarkt in München gekauft und ist so skinny, dass man sie fast nicht sieht. Auf der Karte ist ein Dreieck und wenn man sie aufklappt, steht da in Helvetica Bold: „Lorem Ipsum“. Schönes Geschenk!

Ist man der Typ Mensch, der das Geschenk ganz sachte auspackt, weil man sich so sehr an der Verpackung erfreut, hat man mit der Agentur das große Los gezogen. Wenn man aber der Typ Mensch ist, zu dem auch ich mich zähle, der das Geschenk am liebsten auf den Boden wirft, weil er hofft, so zerspringt oder explodiert das äußere Zeug am schnellsten und man sieht sofort, was drinnen ist, hat man Pech gehabt. Weil drinnen ist nicht viel. Der Inhalt ist ziemlich banal und überteuert. Generell und prinzipiell. Ein Bleistift ist zwar superpraktisch und ganz toll, aber erst die aufregende Verpackung macht ihn zu etwas Besonderem. Das alles hat mich wenig bis gar nicht überrascht. Nach meinem kreativen Studium war mir schon klar, dass die Uhren in der realen, kapitalistischen Welt da draußen im Takt des Geldes ticken.

Was mich aber wirklich schockiert hat, ist die Tatsache, dass—auch wenn die Firma manchmal etwas ineffizient und weltfern auf einem Meer der Aufgeblasenheit vor sich schaukelt—die Menschen, die Kollegas, mein Herz im Sturm erobert haben und ich das erste Mal in meinem Leben nur 80 Prozent der sonst so üblichen 98 Prozent Deplatziertheit verspürte, die sich immer dann bemerkbar macht, wenn ich nicht gerade schlafe, high bin oder esse.

Foto von Koko Shka

Die Tatsache, dass diese für meine Begriffe coolsten Menschen auf Gottes Planeten normale Leute waren, die auch nicht wussten, was sie taten und generell den Job machten, um im Sommer nach Italien zu fahren und sich in Lignano eine Woche vollaufenzulassen, beruhigte mich ungemein. Mehr als ich es für möglich hielt. Die Leute in der Werbeagentur sind ohne ihre Hornbrille und ihrem Helvetica-Bold-T-Shirt stinknormale Leute, die genauso dumm und genauso engstirnig, genauso intelligent und weitsichtig, genauso geldgeil und genauso bescheiden, genauso unterfickt und übersext, genauso unsicher und genauso egoistisch, genauso nett und genauso verwirrt, genauso individuell und unspeziell durch die Welt watscheln wie alle anderen.

Das hat mich schon ein bisschen gewundert. Sie sind tendenziell etwas mehr der Technik verfallen, und alt werden die Menschen in der Werbeagentur scheinbar auch nicht, aber der Schwulenanteil ist gar nicht so hoch wie vermutet, bei Frisören und Bundesheerlern ist er wahrscheinlich sogar höher, und so anders, modern, künstlerisch, innovativ und gottähnlich wie in meiner Vorstellung sind die Leute dort gar nicht. Mit dieser Erkenntnis enttäusche ich zwar das naive Kind in mir, dem Erwachsenen in mir fällt aber gleichzeitig eine riesige Last von den Schultern.

Deswegen ist dieser Artikel gegen Ende hin dann doch den Menschen gewidmet und dreht sich nicht darum, wie scheiße es ist, in einer Werbeagentur zu arbeiten. Weil ehrlich Leute, man verkauft zwar seine Seele, aber das macht man sowieso, sobald man beschließt, Schuhe anzuziehen und nicht barfuß durch Indien zu trampen. Und da macht es keinen Unterschied, ob es Turnschuhe, Highheels oder Mokassins sind. Und wenn man die Alternativen anschaut, kommt einem die Werbeagentur wie der Himmel auf Erden vor! Ein Himmel, in dessen Flüssen Evian fließt und dessen Engel photogeshoppte Supermodels sind. Um was es bei dem Ganzen aber wirklich geht, ist, die Menschen um dich herum wertzuschätzen, für das, was sie sind, nicht für mehr oder weniger, dich weniger von Stereotypen leiten zu lassen und mehr mit dem Herzen zu sehen. Denn egal, wo du arbeitest und was du tust, die Menschen um dich herum sind diejenigen, die dir Sinn stiften und dich tagtäglich von der Absurdität dieses Lebens ablenken. Danke dafür!

Wenn du aber keinen Bock auf den Hippie-Scheiß hast, und deine Welt, genauso wie deine Socken, sortiert in einer Ikea-Malm-Kommode sehen willst, hier ein paar Stereotypen der Werbeagentur:

Der Chef
Der Chef hat immer recht. Punkt. Mehr gibt’s da nicht zu wissen, OK? Und wenn er Schals trägt, den Hemdkragen seines Poloshirts aufstellt und Mokassins (ohne Socken) anzieht, hat er auch recht, weil es halt so ist. Punkt. Aus.

Der Chef des Chefs
Wenn dein Chef mit seinem Chef spricht und du zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist und dieses Kulturschauspiel beobachten darfst, siehst du, dass in echt auch eine Ziege mit Socken und ohne Mokassins recht haben könnte, wenn sie genug Geld hätte, sich jemanden anzustellen, der nicht das Gegenteil behaupten darf. Denn der Chef deines Chefs hat selbst dann recht, wenn dein Chef echt recht hat.

Die Projektmanagerin
Komischerweise (und ich bin mir nicht sicher, ob das ein Zufall war) sind alle Projektmanager, die ich kennen zu lernen schien, weiblich. Vielleicht weil Frauen besser organisiert sind als Männer? Ach was ... Vielleicht auch, weil sie auf dem Weg zur Chefetage auf der Fast-Chef-Etage zum Stehen gekommen sind? Weil sie sich dann doch nicht drüber getraut haben? Könnte sein ... Ich denke, das ist eine Charaktersache. Warum auch immer, sie sind Projektmanagerinnen und sie haben einen harten Job, das sag ich euch. Sie kümmern sich genauso um die harten Fakten der Finanzen wie auch um die weichen Kerne und zerbrechlichen Seelen der kreativen Mitarbeiter. Sie sind die Vertrauenslehrer der Firma, ein Hoch auf die Projektmanagerinnen dieser Welt!

Der Nerd
Der Nerd hat einen kleinen aber süßen Bauchansatz, weil er den ganzen Tag Zucker in seinen unmuskulösen Körper schüttet, um ständig auf Zack zu bleiben. Er ist so angeknipst wie eine 1000-Watt-Birne und löst im Alleingang alle Probleme der Firma. Denn anders als die kreativen In-die-Luft-Schauer arbeitet er wirklich hart. Er schreibt den Code, die Apps und die Interfaces und versucht dabei, die schwebenden Designer auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Denn anders als von den Designern behauptet, gibt’s auf der Welt keine Grauzone. Sachen sind entweder 0 oder 1. Wahr oder falsch, schwarz oder weiß. Pragmatisch und sympathisch, diese Leute.

Der Hornbrillentyp
Er ist der Innbegriff eines Werbefuzzis. Seine Stimme ist gedämpft, er ist immer höflich und jedes vierte Wort aus seinem Mund ist englisch. Er arbeitet irgendwo im Marketing, aber eigentlich weiß keiner, was er wirklich tut. Er ist so aalglatt, dass jedes Wort von dir an ihm abperlt wie Wasser auf einer Lotuspflanze. Er bringt es üblicherweise sehr weit, denn obwohl ihn selten wer vermisst, wenn er weg ist, tut's auch keinem weh, wenn er da ist ...

Der, der immer dagegen ist
Er bleibt üblicherweise nicht lange. Er wird gegangen, aber selbst da ist er gegen.

Die Assistentinnen
Sie sind die jungen Dinger, die gleich nach der Handelsschule eingesammelt werden. Jede Woche heiratet eine von ihnen. Sie tragen meist Perlenohrringe und Basic-Teile von H&M. Sie sind wirklich nett.

Der Hottie
Er ist schwul, vergiss es.

Der Hund
Es ist verdammt entspannend, einen Hund durchs Gebäude flitzen zu sehen! Selbst ich als eingefleischter Katzenmensch muss zugeben, dass das gelegentliche Streicheln eines Hundes Wunder bewirkt. Und außerdem hat ein Hund eine ähnlich gesprächsfüllende Wirkung wie Kinder. Wenn man nichts zu reden hat, redet man halt über den Hund.

Der Besitzer des Hundes
Ich sag nur: Who's your Daddy?

Der Praktikant
Und da sind wir auch schon am Ende der Kette, beim schwächsten Glied—bei mir, der Praktikantin. Es gibt natürlich die unterschiedlichsten Arten von Praktikanten, aber da wir ja in der Ikea-Malm-Kommodenschublade stecken, hier mal der Klassiker: Der Praktikant hat üblicherweise nichts zu verlieren, und so verhält er sich auch. Denn auch, wenn er oder sie, solange er oder sie da ist, ein gern gesehener Mitarbeiter ist und sich jeder um ihn reißt (weil seine Mitarbeit an Projekten üblicherweise nicht viel kostet), wird es ihm auch nicht besonders übel genommen, wenn er high zur Arbeit kommt und tausendmal nachfragt, auf welchem Server nochmal das Projekt liegt, denn verdienen tut er sowieso so gut wie nichts und das weiß auch jeder. Diese Tatsache stört ihn am Ende des Tages aber gar nicht so richtig, denn auch wenn er keinen Job angeboten bekommt und nach sechs Monaten so still und unbedeutend abhaut, wie er aufgetaucht war, kann er danach wenigstens einen Artikel darüber schreiben.