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Warum Verschwörungstheorien gefährlich sind

Holt die Aluhüte raus, Verschwörungstheoretiker vermehren sich neuerdings explosionsartig. Warum das nichts Gutes bedeuten kann.
29.10.15
Header via VICE Media

Unsere Erde wird seit Jahrhunderten von reptiloiden Formwandlern regiert, 9/11 war inszeniert, Chemtrails sind real und Infektionskrankheiten existieren nicht. Theorien über Verschwörungen gegen unsere Gesellschaft und generell die ganze Welt gibt es viele (auch, wenn es streng genommen selten bis nie Theorien sind und fast immer einfach Meinungen oder Glaubensgrundsätze). Mindestens genau so viele Menschen glauben an ebendiese.

In der Regel lachen wir über sowas und sehen vor unserem inneren Auge schnell diese paranoiden Leutchen, die mit Aluhüten in ihren Kellern hocken und einen Monolog darüber führe, wie das US-Forschungsprogramm HAARP das Wetter manipuliert. Klar macht das Spaß—weil das Bild, das wir uns von diesen Menschen machen, ein vollkommen durchgeknalltes ist. Wir äffen sie sogar nach, übertreiben, sind dabei gerne ironisch. Verschwörungstheorien und ihre Vertreter sind aber eben nur so lange lustig, bis sie es nicht mehr sind.

Warum glauben Menschen überhaupt an Verschwörungstheorien? Weil sie damit Konzepte untermauern, auf die sie ihre Ideale bauen? Weil es ihnen an Bildung oder Wissen fehlt? Weil ihnen fad ist? Oder weil sie einfach komplett wahnsinnig sind?

Verschwörungstheorien treten in der Regel dort auf, wo Menschen Sachverhalte nicht verstehen und/oder sich irgendwie von außen bedroht fühlen. Menschen, die befürchten, offizielle Seiten würden ihnen Informationen vorenthalten.

Eine Angst, die sich irgendwann in einer Überzeugung manifestiert und den ganzen restlichen Informationsfluss bis ins Unkenntliche verzerrt. Das fast schon religiöse innerliche Mantra lautet dann ungefähr auf „Alle sind gegen mich. Ich bin als einziger richtig informiert, die anderen sind blind." Verschwörungstheorien sind einer Paranoia nicht ganz unähnlich.

In einer Zeit vor dem Internet saßen solche Menschen in ihren Kellern und ahnten nicht, dass im Haus nebenan vielleicht jemand sitzen könnte, der genauso dumm ist. Heute findet sich online schnell eine Gruppe von Leuten, die sich gegenseitig bestärkt, ganz egal wie abwegig eine These auch klingen mag. Vernetzung ist super, sie macht uns jedoch nicht immer schlauer—im Gegenteil.

Foto: Daniel Lobo | Flickr | CC BY 2.0

Studien haben ergeben, dass Verschwörungstheoretiker eher dazu tendieren, sich schwach zu fühlen und wenig Selbstwertgefühl zu haben. Außerdem sollen sie mehr zu Autoritarismus neigen und einen Mangel an Wissen über soziale Normen aufweisen. Plötzlich scheint auch der rechte Hang zu Verschwörungstheorien Sinn zu ergeben.

Liest man sich durch Kommentare zur Flüchtlingsdebatte, bekommt man schnell den Eindruck, immer mehr Menschen wären neuerdings mit dem sprichwörtlichen Aluhut unterwegs, der so gerne benutzt wird, um diesen Umstand irgendwie witzig zu machen, wobei er das in Wahrheit eben nicht wirklich ist. Alle wittern plötzlich die große Weltverschwörung der Gutmenschen, vom üblichen Illuminati-Schmäh ist das leider weit entfernt.

Chemtrails über Wien. Eine globale Verschwörung.

Da ist die Rede von der Lügenpresse, gefälschten Statistiken, der verlogenen Regierung, die uns etwas verschweigt—„wacht auf". Das Besondere an diesen Menschen ist, sie glauben, sie wären die einzigen, die die Wahrheit kennen—als hätten sie die ganz große Erleuchtung gehabt. Alle anderen leben in „einer Scheinwelt", verschließen die Augen vor „der Wahrheit" und schwimmen bloß mit diesem verschworenen Strom, den es aufzuhalten gilt. Es ist ein Verhalten, das von Wahnvorstellungen wohl gar nicht mehr so weit entfernt ist.

Verschwörungstheorien als Welterklärungs-Werkzeug sind—so möchte man meinen—vor allem bei unteren Bildungsschichten beliebt. Im Gegensatz dazu sind es laut Forschern der MedUni Wien aber vor allem „Personen mit hohem Bildungsniveau", die Impfungen skeptisch gegenüberstehen und in diesen eine Verschwörung von Ärzten und Pharmafirmen vermuten.

Die Frage danach, wie sich die Psyche eines Verschwörungstheoretikers erklären lässt, ist, wie uns ein Arzt bereits erklärt hat, eine schwierige—sicher ist jedoch, dass es eine ziemlich abgefahrene und äußerst pessimistische Psyche sein muss. So eine hat wohl auch Heinz-Christian Strache, der oft lieber von „Verschwörungspraxen" als von Theorien spricht und diese dann mittels Social Media verbreitet.

„BETRUG!!!" Fotos: pressefreiheit24.wordpress.com

Dass sich die FPÖ mit ihren Handlungen, insbesondere den Inseraten zum angeblichen Wahlbetrug, diesem Muster immer mehr annähert, haben wir erst vor der Wien-Wahl erläutert. Ob sie dabei absichtlich mit Verschwörungslogik spielten, oder das Ganze einfach Ausdruck einer gewissen Empfänglichkeit innerhalb der Partei für solche Gedanken war, ist nicht klar. Ihre Anhänger zumindest fordern schon längst Neuwahlen, weil die Wahlurnen ja nicht abgeschlossen waren (Fakt!!!1).

Die erste FPÖ-Verschwörung war es jedenfalls nicht. Schon als der damalige Landeshauptmann von Kärnten, Jörg Haider, 2008 bei einem Unfall ums Leben kam, machten schnell Geschichten über einen Mordanschlag die Runde, obwohl eigentlich so rein gar nichts dafür sprach. Auch Theorien, in denen ein Wodka-getränkter Anal-Tampon eine zentrale Rolle spielte, wurden verbreitet.

Der Gedanke an ein mögliches Komplott gegen einen selbst und eventuell sogar das ganze Heimatland zeichnet Entwürfe schwarzseherischer Utopien in die Köpfe vieler Menschen und bereitet ihnen Ängste, die sich zuerst in Misstrauen, irgendwann in hasserfüllten Behauptungen und letztendlich auch in Taten äußern können.

Foto: Michael Coghlan | Flickr | CC BY-SA 2.0

Wenn zunehmend mehr Menschen an Theorien und Ideen glauben, die in Wirklichkeit aus einer Furcht entsprungen sind, sind das keine Aluhütchen-Träger mehr, sondern ernstzunehmende Bedrohungen für ein Miteinander wie wir es kennen. Im Fall von Impfgegnern, die sich auf Pseudomediziner stützen, kann es sogar lebensbedrohlich werden.

Im Grunde genommen geht es hier nicht mehr um Theorien als solche—das heißt, sofern man eine Theorie als System aus Hypothesen definiert. Vielmehr ist der tatsächliche Glaube an Verschwörungen eine Art von Religion oder Meinung, die auf, naja, nichts aufbaut. Es ist absurd.

Glaubt man an gesellschaftliche Verschwörungen, nimmt man letztendlich einen Standpunkt ein, der sich gegen die Gesellschaft richtet. Und das ist der Punkt, an dem es anfängt, gefährlich zu werden. Oder glaubt ihr wirklich, es wäre reiner Zufall, dass Jörg Haiders Todestag, die Wien-Wahl 2015 und der internationale Tag des Coming-outs auf dasselbe Datum fallen? Äußerst verdächtig.

Franz auf Twitter: @FranzLicht