Die Anwaltskanzlei, die für Oligarchen, Geldwäscher und Diktatoren arbeitet

Mugabe, Gaddafi, Makhlouf: Wenn Briefkastenfirmen Fluchtautos für lupenreine Bankräuber wären, wäre Mossack Fonseca der zwielichtigste Autohändler der Welt.

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01 Januar 2015, 5:00am

Illustrationen von Ole Tillmann​

Der Zweck einer sogenannten Briefkastenfirma ist es, zu verhindern, dass das Geld, das du in sie investierst, zu dir zurückverfolgt werden kann. Wenn du zum Beispiel ein Diktator bist und Terroristen finanzieren, Bestechungsgelder entgegennehmen oder die Staatskasse deines Landes plündern willst, dann hilft dir ein Briefkastenunternehmen als eine Art vorgeschobene Körperschaft, dieses Geld im Namen einer Firma einzulagern oder zu bewegen, ohne dass die Rechtsorgane und Steuerbehörden wissen, dass es eigentlich dir gehört.

Wenn du das Geld erst einmal zum Vermögen einer solchen Firma umdeklariert hast—die in der Regel von einem Anwalt des Vertrauens oder einem anderen Komplizen in einer Steueroase im Ausland gegründet wird, um die Besitzverhältnisse noch weiter zu verwischen—kannst du es ausgeben oder für neue zwielichtige Unternehmungen verwenden. Das ist es, worum es bei Geldwäsche geht: schmutziges Geld zu nehmen und reinzuwaschen. Briefkastenfirmen ­machen dies möglich. Sie sind die „Fluchtautos für Bankräuber", wie es der frühere US-Zollfahnder Keith Prager ausdrückt.

Manchmal gelingt es internationalen Fahndern aber doch, das Geld zurückzuverfolgen. Zum Beispiel im Fall von Rami Makhlouf, dem reichsten und mächtigsten Geschäftsmann Syriens. Makhlouf wird von vielen für den „Bagman" von Präsident Baschar al-Assad gehalten, der den Tod von 200.000 seiner Bürger in dem von ihm geführten Bürgerkrieg zu verantworten hat. Ein Bagman ist eine Person, die auf illegalen Wegen beschaffte Güter sammelt und managt.

Von Assad abgesehen gibt es in Syrien kaum jemanden, der so verhasst ist, wie Makhlouf. Er ist der Cousin des Präsidenten und der Bruder des Oberhaupts des syrischen Geheimdienstes. Mithilfe dieser Beziehungen hat Makhlouf ein Firmennetzwerk aufgebaut, dass von Telekommunikations- und Energiekonzernen bis hin zu Banken reicht, und hatte sich so schon mit 40 Jahren ein milliardenschweres Vermögen erarbeitet. Als sich der Aufstand gegen das Regime Anfang 2011 erhob, fackelten Protestierende eine Zweigstelle seiner Mobilfunkfirma ab und riefen: „Makhlouf ist ein Dieb!"

Das britische Magazin The New Statesman schrieb 2006, dass „keine ausländische Firma in Syrien ohne Makhloufs Zustimmung und Beteiligung Geschäfte machen kann", und eine geheime Depesche der amerikanischen Botschaft in Damaskus von 2008, die im Zuge der WikiLeaks-Enthüllungen an die Öffentlichkeit kam, nannte ihn das „Vorzeigebeispiel der Korruption in Syrien". Im selben Jahr verbot das Finanzministerium der USA amerikanischen Firmen, Geschäftsbeziehungen mit Makhlouf einzugehen, was damit begründet wurde, dass er „sein Imperium unter Ausnutzung seiner Beziehungen zu Mitgliedern des syrischen Regimes erschaffen habe" und „syrische Geheimdienstangestellte benutzt habe, um seine Konkurrenten einzuschüchtern".

Als der syrische Bürgerkrieg 2011 begann und die staatlichen Sicherheitskräfte anfingen, die Gegner Assads niederzumähen, setzten die USA und die EU Makhlouf auf eine Liste von Unterstützern des Regimes, deren internationale Vermögen ausfindig gemacht und beschlagnahmt werden sollten, weil, wie es das Finanzministerium der USA ausdrückt, er damit reich geworden sei, sich bestechen zu lassen und „die staatliche Korruption der syrischen Regimemitglieder zu unterstützen".

Will man sich Makhlouf nun als einen Bankräuber vorstellen, dann wäre sein Fluchtauto eine Firma namens Drex Technologies SA. Im Juli 2012 identifizierte das Finanzministerium Drex—eine Scheinfirma mit einer Adresse auf den Jungferninseln—als körperschaftliches Instrument, das Makhlouf kontrolliert und dazu verwendet, „seine internationalen Finanzbeteiligungen zu ermöglichen und zu verwalten". Das bedeutet nichts anderes, als dass Makhlouf, wenn er z. B. bei einem geheimen Deal mit einem syrischen Funktionär ein paar Millionen Dollar extra eingestrichen hätte, diese nicht auf ein offizielles Konto packen würde. Stattdessen würde er es durch Drex schleusen, damit es nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden kann.

Ende Oktober erhielt ich vom Firmenregister der Britischen Jungferninseln mehrere Dokumente über Drex. Aus diesen geht wenig hervor—Makhloufs Name taucht z. B. nicht auf. Das US-Finanzministerium hatte erst infolge der internationalen Fahndung nach dem Vermögen Makhloufs und anderer regimenaher Krimineller überhaupt herausgefunden, dass er Eigentümer, Direktor und Hauptaktionär war. Als sie es schließlich wussten, war es zu spät und Drex tauchte im Firmenregister der Inseln nicht mehr auf. Anders ausgedrückt war Drex Technologies SA ein Mittel gewesen, mit dem Makhlouf seine zwielichtigen finanziellen Aktivitäten kaschierte, und bis das schließlich aufgedeckt wurde, hatte er genug Zeit gehabt, diese Tätigkeiten und sein Vermögen in den Geltungsbereich einer der vielen anderen Offshore-Finanzparadiese zu verschieben.

Um Geschäfte abzuwickeln, brauchen Briefkastenfirmen wie Drex einen offiziellen Agenten, oft einen Anwalt, der die nötigen Papiere für die Inkorporation der Firma einreicht und seine Adresse als Firmenanschrift zur Verfügung stellt. Also ein weiterer Puffer zwischen Firma und Besitzer, besonders wenn die Scheinfirma in einem Steuerparadies registriert wird, wo Informationen über die Besitzverhältnisse von Unternehmen hinter einer undurchdringlichen Mauer von Gesetzen und Vorschriften verborgen liegen. In Makhloufs Fall—und ebenso im Fall von diversen anderen betrügerischen Geschäftsleuten und internationalen Gangstern—war die Organisation, die ihm dabei half, die Briefkastenfirma anzumelden und vor dem Licht der internationalen Aufsichtsbehörden zu verstecken, eine Anwaltskanzlei namens Mossack Fonseca, die vom 4. Juni 2000 bis Ende 2011 als Agent von Drex eingetragen war.

Die Kanzlei wurde 1977 in Panama von dem in Deutschland geborenen Jürgen Mossack und einem Mann aus Panama namens Ramón Fonseca, einem Vizepräsidenten der momentanen Regierungspartei des Landes, gegründet; später kam noch der Schweizer Christoph Zollinger als dritter Anwalt hinzu. Die Kanzlei hat ihre Geschäfte seit den 70ern stetig ausgeweitet und arbeitet inzwischen mit Partnerbüros in 44 Ländern zusammen, darunter den Bahamas, Zypern, Hongkong, der Schweiz, Brasilien, Jersey, Luxemburg, den Britischen Jungferninseln und—was vielleicht noch gruseliger ist—den USA, dort insbesondere den Staaten Wyoming, Florida und Nevada.

Mossack Fonseca sind natürlich nicht die einzigen. Es gibt über den ganzen Globus verstreut zahllose konkurrierende Firmen, und viele von ihnen melden Gewerbe an, die mindestens so zwielichtig sind wie Drex. Viktor Bout, der in den 1990ern über ein in Delaware registriertes Scheinunternehmen mit Waffen für die Taliban handelte, lieferte Beweise dafür. Ein aktuelleres Beispiel von 2010 ist Khalid Ouazzani, der mit der in Kansas City, Missouri, angemeldeten Firma Truman Auto Parts Gelder für al-Qaida transferiert hat.

Reportagen und internationale Untersuchungen deuten darauf hin, dass Mossack Fonseca zu den umtriebigsten Gründern von Briefkastenunternehmen gehört, obwohl es der Firma bislang mittels diverser rechtlicher und finanztechnischer Tricks gelungen ist, weitestgehend unter dem Radar der Behörden zu bleiben.

(Die Firma bestreitet die Vorwürfe, und behauptete in einer E-Mail, dass es „keinerlei rechtliche oder staatliche Dokumente gibt, die die Schaffung irgendwelcher ‚Briefkastenfirmen' auf Mossack Fonseca zurückführen. Jeglicher Versuch, unsere Gruppe mit ‚kriminellen Aktivitäten' in Verbindung zu bringen, ist insofern vollständig unbegründet, als uns bislang keinerlei rechtliche Verfahren gegen uns bekannt sind".)

Eine einjährige Recherche ergab aber, dass Mossack Fonseca—vom Economist als auffällig „wortkarge" Branchenführer der Offshore-Finanzindustrie beschrieben—als registrierter Agent für Scheinunternehmen einer ganzen Palette von notorischen Gangstern und Dieben fungiert hat, zu denen außer Makhlouf auch Muammar al-Gaddafi und Robert Mugabe gehören sowie ein Oligarch namens Lázaro Báez, der laut amerikanischen Gerichtsunterlagen und den Berichten eines argentinischen Generalstaatsanwalts angeblich Zehntausende Millionen Dollar durch ein Netzwerk von Scheinunternehmen geschleust hat, von denen mehrere mithilfe von Mossack Fonseca in Las Vegas registriert worden waren.

Dokumente und von mir geführte Interviews zeigen, dass Mossack Fonseca Klienten bereitwillig dabei hilft, unter anderem in Las Vegas sogenannte Mantelgesellschaften einzurichten—die erlesenste Weinsorte der Geldwäscheunternehmen, die von den Justizorganen so leidenschaftlich gehasst werden, wie die Gangster sie lieben, weil sie, bevor sie verkauft werden, erst mal einen jahrelangen „Reifeprozess" durchlaufen, der ihnen den Anschein etablierter Firmen mit soliden Geschäftspraktiken verleiht. Ein internationaler Vermögensverwalter, der mit Mossack Fonseca über eine mögliche Zusammenarbeit verhandelt hatte, erzählte mir, dass die Kanzlei ihm eine 50 Jahre alte Mantelfirma für 100.000 Dollar zum Verkauf angeboten habe.

Wenn Scheinfirmen die Fluchtautos der Bankräuber sind, dann ist Mossack Fonseca wohl der zwielichtigste Autohändler der Welt.

Ich war letztes Jahr in Panama-Stadt, der Heimat des Firmenhauptsitzes von Mossack Fonseca. Victor, ein ortsansässiger Journalist, fuhr mich durch die Stadt, vorbei an den Villen in der ehemals von den USA kontrollierten Panamakanalzone, den schmuddeligen Wohngebäuden der Barackenstadt El Chorillo und dem von Wolkenkratzern gesäumten Geschäftsviertel. Zum Zeitpunkt meines Besuchs bereitete sich Panama auf die Wahlen vor und an den Telefonmasten und weiß getünchten Wänden prangten zahllose Wahlplakate. Victor kommentierte während der Fahrt die Poster: „Der Typ ist ein Arschloch", sagte er und zeigte auf die Werbetafel eines Kandidaten für die Nationalversammlung, der Beziehungen zum örtlichen Drogenhandel unterhielt. „Gut, sie sind alle Arschlöcher. Aber er da ist ein echtes Arschloch."

Panama wird schon seit über einem Jahrhundert von Arschlöschern regiert. Die Regierung von Theodore Roosevelt erschuf das Land 1903, nachdem Kolumbien ihnen die Provinz unter einigem Druck überlassen hatte. Roosevelt handelte im Auftrag diverser Bankengruppen, darunter JP Morgan & Co., die dann zum offiziellen „Treuhänder" des Landes ernannt wurden und die 10 Millionen Dollar an Hilfsgeldern verwalteten, die die USA schleunigst in das Land schütteten.

Amerikanische Banken halfen dabei, Panama in ein Finanzzentrum zu verwandeln, und nachdem die Regierung in den 1970ern ein paar der weltweit strengsten Geheimhaltungsregeln für den Geldverkehr beschlossen hatte, etablierte sich das Land als Steueroase und sicherer Hafen für Geldwäscher aller Couleur—was vermutlich auch Mossack Fonseca ermutigte, sich hier 1977 anzusiedeln. Die Geheimhaltungsvorschriften versprachen nicht nur ausländischen Investoren Vertraulichkeit—sie machten es für die Banken auch rechtlich unmöglich, Informationen über ihre Kunden zu veröffentlichen, es sei denn, dass sie bei Terrorismus, Drogenschmuggel und anderen schweren Straftaten (zu denen Steuerhinterziehung explizit nicht gehört) gerichtlich dazu angewiesen wurden.

Diese Gesetze zogen eine ganze Reihe von Drecksäcken und Diktatoren—darunter Ferdinand Marcos, „Baby Doc" Duvalier und Augusto Pinochet—an, die in Panama ihr Diebesgut lagerten.

Als 1983 Manuel Noriega, der selbst ernannte Chef der Nationalgarde Panamas die Macht übernahm, verstaatlichte er die Geldwäschebranche im Prinzip, indem er sich mit dem Medellín Kartell zusammentat und ihm praktisch die volle Kontrolle über das Land überließ. Noriega erwies sich als verlässlicher Vertreter der Interessen der US-Außenpolitik—und wurde jahrelang vom CIA bezahlt—bis den USA irgendwann die Geduld ausging, als er sich gegen die amerikanischen Bemühungen stellte, die linke Sandinista-Regierung im benachbarten Nicaragua zu stürzen. Das war einer der Faktoren, die zu der Invasion Panamas im Jahr 1989 führte, bei der Noriega gestürzt wurde und die Macht wieder in die Hände der alten Bankeliten, der Erben der JP-Morgan-Ära, zurückfiel.

Die neue Regierung von Präsident Guillermo Endara, einem Unternehmensanwalt, der ein paar Stunden nach Beginn der Invasion am 20. Dezember 1989 auf einer amerikanischen Militärbasis ins Amt gehoben wurde, bot der Welt ein freundlicheres, sanfteres Gesicht, als das Noriega-Regime. Aber er und seine demokratisch gewählten Nachfolger haben seither wenig getan, um die gravierenden Probleme des Landes, Armut und Korruption, zu lösen. In einem aktuellen Bericht der US-Regierung heißt es, dass Panama von Betrug und internationaler Steuerhinterziehung „geplagt" wird, die beide „wichtige Quellen illegaler Geldsummen" sind.

Die Finanzgesetzgebung des Landes ist bis heute außergewöhnlich lax. Ausländische Firmen können unbegrenzte Geldsummen einführen, ohne Steuern zu zahlen, und ein Bericht des IMF von vor ein paar Monaten besagt, dass Panama von den 40 empfohlenen Schritten, die Länder unternehmen sollten, um Geldwäsche und die Finanzierung von Terrorismus zu vermeiden, lediglich einen einzigen verwirklicht hat.

Im September berichtete die New York Times, dass Kumpanen des russischen Präsidenten Wladimir Putin Gelder mit in Panama ansässigen Briefkastenfirmen außer Landes geschleust hätten. „Was die Geldwäsche betrifft, bieten wir das komplette Programm: spülen, waschen, trocknen", sagte Miguel Antonio Bernal, ein prominenter Anwalt und politischer Analyst. „Du kannst in dieser Stadt zu jeder beliebigen Kanzlei gehen und eine Briefkastenfirma eröffnen lassen, ohne dass man dir eine einzige Frage stellt."

Ich war in Panama-Stadt sehr komfortabel in einer riesigen Studio-Suite in der 16. Etage des Waldorf-Astoria untergebracht—einem glitzernden Turm mit Panoramablick über die Bucht von Panama. Ich hatte meine Reise so geplant, dass sie mit einer zweitägigen Konferenz zusammenfiel, bei sich über 70 Finanzberater der in der Finanzwelt als „über-rich" bezeichneten Einzelpersonen mit extrem hohem Reinvermögen im Hotel aufhalten würden—und hatte herausgefunden, dass einer der geladenen Referenten Ramses Owens war, ein Anwalt und Finanzexperte, der für Mossack Fonseca gearbeitet hat.

Obwohl die Veranstaltung nur für geladene Gäste war, konnte ich ein paar Dinge über die Abläufe herausfinden und mir eine Liste der Teilnehmer sowie Kopien der Vorträge und Präsentationen beschaffen. An den mit Krügen voll Eiswasser ausgestatteten Tischen saßen die Teilnehmer, zum allergrößten Teil Männer mittleren Alters mit ergrauenden Haaren und expandierenden Taillen, in dunklen Wollanzügen, die in der tropischen Schwüle draußen zu einem Hitzschlag geführt hätten, aber hier, in den klimatisierten 18 Grad des Diamond Ballroom, genau richtig waren.

Sie waren Anwälte für Unternehmens- und Steuerrecht, Steuerberater, Banker und Treuhänder und saßen um eine kleine Bühne herum, auf der für die Vortragenden ein Podium und eine Leinwand für Präsentationen eingerichtet waren. Etwa die Hälfte der Anwesenden kam aus Panama; ein Viertel war aus den USA, Europa und Südamerika eingeflogen; und ein weiteres Viertel kam aus den klassischen Off-Shore-Oasen wie den Turks- und Caicosinseln, den Bahamas, St. Lucia und Belize. „Das sind schlimme, schlimme Leute", hatte mir Jack Blum, ein ehemaliger Ermittler des US-Senat und in Washington ansässiger, auf Geldwäsche spezialisierter Anwalt vor meiner Reise gesagt. „Und sie wollen lernen, wie sie noch schlimmere Menschen werden können."

„Du spielst den einsamen Wolf, wie ich sehe", begrüßte mich Edward Brendan Lynch, ein auf den Bahamas ansässiger Finanzberater, während einer kurzen Umbaupause. Ich saß an der Bar, um die Teilnehmer von dort aus zu beobachten, und er wartete auf seinen Scotch auf Eis. „Wo kommst du her?"

Als ich antwortete, dass ich aus Washington D.C. stamme, sagte mir Lynch, dass er vor vielen Jahren mal in der Stadt gewesen sei. „Hab die Kirschblüte gesehen", erinnerte er sich. „Im Jockey Club Mittag gegessen. Wunderbarer Laden."

Zurück im Diamond Ballroom betrat nun Ramses Owen das Podium. Makellos gekleidet, die Haare perfekt geschnitten und gelegt, war er die Verkörperung der Banalität des finanzindustriellen Bösen unserer Zeit. Owens, im Konferenzprogramm als Meister der „Steuerplanung" angekündigt, witzelte, dass er die Arbeit für seine Kunden lieber als „Vermögensoptimierung" bezeichnen würde.

Als er bei Mossack Fonseca arbeitete, konnte Owens auf seine Sachkenntnisse über die Vorteile der Inkorporation von Firmen auf der südpazifischen Insel Niue zurückgreifen. 1996 erlangte die Firma die Exklusivrechte, auf dieser Insel Briefkastenunternehmen zu gründen und innerhalb von vier Jahren waren dort bereits 6.000 Firmen registriert, von denen einige, internationalen Ermittlungen zufolge, von osteuropäischen Verbrechersyndikaten und internationalen Drogenkartellen kontrolliert wurden. Die Ermittlungen hatten zur Folge, dass 2001 internationale Sanktionen verhängt wurden, die die Insel dazu zwangen, das Geschäft mit den Firmeneintragungen fünf Jahre später einzustellen. Mossack Fonseca wusste sich auch aus dieser Situation zu helfen, indem sie halfen, die Konten ihrer Klienten aus Niue in andere Steueroasen zu verlegen, darunter Samoa, und—wie aus Gerichtsunterlagen, zu deren Herausgabe man Mossack Fonseca per Gerichtsbeschluss zwang, hervorgeht—Nevada. (Diese Unterlagen beweisen allerdings nicht, dass die Firmen in kriminelle Aktivitäten verwickelt gewesen waren. Die Identitäten der Besitzer sind nach wie vor unbekannt.)

Die Sanktionen gegen Niue waren Teil der groß angelegten Bemühungen der USA, Großbritanniens und anderer westlicher Nationen, die ursprünglich als Maßnahme gegen Terrorismus und das organisierte Verbrechen angeregt wurden, aber inzwischen angesichts der gravierenden Löcher im Haushalt dieser Staaten an Fahrt gewonnen haben. Man geht davon aus, dass Amerikaner über 1 Billion Dollar an den Behörden vorbei in Offshore-Steueroasen eingelagert haben, wodurch jährliche Steuerverluste von an die 100 Milliarden Dollar entstehen. 2010 erließ die US-Regierung den Foreign Account Tax Compliance Act (FATCA), nachdem sie dem Schweizer Bankriesen UBS eine Strafe in Höhe von 780 Millionen Dollar aufgebrummt hatte, weil dieser Tausenden Amerikanern geholfen hatte, ihre Vermögen zu vertuschen. Der FATCA, der in mehreren Stufen in Kraft treten soll und wegen des massiven Widerstands der Finanzindustrie noch immer nicht vollständig umgesetzt wurde, schreibt ausländischen Banken bereits vor, die amerikanische Bundesteuerbehörde über Konten zu informieren, die amerikanischen Steuerzahlern gehören.

So war FATCA für die im Diamond Ballroom Versammelten natürlich ein Grund zur Sorge—unter ihnen Marie Fucci, eine Beraterin für amerikanische und europäische Klienten, die den Act als Form der finanziellen „Apartheit" verurteilte. Owens bemühte sich, sie zu beruhigen. Während er sich durch Power-Point-Tafeln mit Bildern von Banktresoren, Bergen von 100-Dollar-Noten und anderen Finanzpornos klickte, skizzierte Owen mögliche Wege, die lästigen und verhassten internationalen Vorschriften zu umgehen. FATCA, beteuerte er, werde dem Offshore-System nichts anhaben können, vor allem nicht in Panama, wo Anwälte, Steuerberater und andere Helfer beim Errichten der Briefkastenunternehmen mächtige politische Unterstützer hätten (wie den zu dem Zeitpunkt noch amtierenden Finanzminister, der ebenfalls bei der Veranstaltung auftrat). Owens schätzte, dass neun von zehn in Panama registrierte Unternehmen in ausländischer Hand seien und dass die privaten Trusts des Landes—eine nationale Spezialität—immer noch in der Lage seien, Geld anonym aufzubewahren, selbst wenn FATCA einmal vollständig umgesetzt sei.

Am Morgen nach Owens Rede machte ich mich vom Waldorf aus auf den Weg zum Büro von Mossack Fonseca. Ich machte mir keine Hoffnungen auf ein Gespräch, da ich bereits mehrfach um eine Audienz ersucht und jedesmal freundlich, aber bestimmt abgewiesen worden war. „Wir haben uns entschieden, nicht an diesem Interview teilzunehmen", wimmelte mich die Sprecherin der Kanzlei, Lexa de Wittgreen, in einer Antwort-E-Mail ab, was immerhin zeigt, dass Mossack Fonseca in der Lage ist, ihre Korrespondenzpartner sorgfältig zu prüfen—wenn auch eher die Journalisten unter ihnen und und weniger die Klienten.

Ich benutzte eine Karte aus dem Hotel und verlief mich binnen kürzester Zeit in dem wuseligen Geschäftsviertel Panama-Stadts, das wie eine tropische Miniversion von Hongkong wirkt. Als ich mich umsah, um mich zu orientieren, sah ich, wie ein junger Mann in dunklen Hosen und einem grünen Nadelstreifenhemd aus einem der Bürogebäude—dem Edificio Omega—spaziert kam und die Fahrertür eines schwarzen Mitsubishi Sportero Pick-up öffnete.

„Es ist noch ein ganzes Stück von hier", sagte er in fehlerlosem Englisch, als ich ihn fragte, wie ich zu dem Mossack-Fonseca-Gebäude käme. „Haben Sie einen Termin bei denen? Ich bin nämlich in derselben Branche tätig und könnte Ihnen vielleicht ebenfalls weiterhelfen." Er zog eine Visitenkarte heraus und übergab sie mir mit einem Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reichte.

Er stellte sich, wie es der Zufall wollte, als Alejandro Watson Jr. von Owens & Watson heraus, der Firma, bei der Ramses Owens namensgebender Partner ist. „Ich arbeite direkt da drüben", sagte er mir und deutete auf die Büros der Firma im zweiten Stock. „Ich bin leider schon spät dran für ein Meeting, aber ich kann Sie gern später treffen oder Sie jetzt mit reinnehmen und einem meiner Kollegen vorstellen."

Vor meiner Reise hatte ich mich gefragt, ob ich eine örtliche Kanzlei kontaktieren sollte, um zu testen, wie einfach es sein würde, eine Briefkastenfirma zu gründen. Nun bot sich mir die perfekte Gelegenheit.

„Ich bin für ein paar Tage aus den Staaten hier, um mir Immobilien anzusehen", improvisierte ich, während neben uns der Verkehr vorbeiströmte und Autos hupten. „Ich müsste hier eine Firma gründen, um die Grundstücke kaufen zu können. Was für Unterlagen bräuchten Sie dafür?"

„Alles was ich brauche, ist Ihr Pass, Ihren Führerschein, etwas, aus dem Ihre Heimatadresse hervorgeht, und eine Referenz von einer beliebigen Bank", sagte mir Watson. „Wir verlangen keine Informationen über Ihr Unternehmen. Wir wollen Ihnen nur bei Ihren Geschäften helfen, damit Sie auch in Zukunft mit uns arbeiten."

„Wird mein Name irgendwo in den Unterlagen auftauchen?", fragte ich.

Ich dachte, dass meine Direktheit ihn zumindest ein wenig verunsichern würde—schließlich war es gerade das Versprechen der Anonymität, das all die anrüchigen Klienten nach Niue gelockt hatte, als sein momentaner Boss noch bei Mossack Fonseca angestellt war. Aber er war weiter so fröhlich und eifrig wie ein Softeisverkäufer im Park. „Sie haben ein FATCA-Problem", sagte Watson mit einem wissenden Lächeln. „Das bekommen wir hin. Ich würde ihnen empfehlen, einen Trust zu gründen, denn dieser kann ganz legal unter einem anderen Namen eingetragen werden."

Ich fragte ihn, ob ich mir für meine Briefkastenfirma auch ein Konto einrichten könne, um Zugang zu meinem Geld zu bekommen. Schließlich nützt einem das ganze im Ausland angelegte Geld ja nichts, wenn man es nicht ausgeben kann.

„Aber sicher", beteuerte mir Watson enthusiastisch. Er griff in den Sportero und zog eine Broschüre aus einem zwischen den Vordersitzen klemmenden Stapel hervor. „Wir haben ein globales Bankennetzwerk", sagte er und zeigte auf eine Liste von einem Dutzend Finanzinstituten, mit denen seine Firma zusammenarbeitete.

Dieses Netzwerk umfasste kleine Banken in Panama, den Cayman Islands, Monaco und Andorra sowie bekannte Größen der Branche wie die HSBC und die UBS. Der Bericht eines Komitees des US-Senats beschrieb erstere als ein wichtiges Verbindungsglied in den Geschäften diverser Drogenbosse und Schurkenstaaten, und die Bank musste im vergangenen Jahr eine Abfindung in Höhe von immerhin 1,92 Milliarden Dollar an das Justizministerium zahlen, nachdem sie eingestanden hatte, bei der Geldwäsche von Millionensummen für mexikanische und kolumbianische Kartelle über Briefkastenfirmen beteiligt gewesen zu sein. Selbst eine US-amerikanische Einrichtung befand sich im Netzwerk von Owens & Watson, die Helm Bank in Miami. Die Bank hatte 2012 von den Behörden wegen mehrfacher Verstöße gegen das Bankgeheimnis und die Vorschriften gegen Geldwäsche eine Vergleichsverfügung aufgebrummt bekommen.

Eine solche Liste war sicher geeignet, das Vertrauen potenzieller Kunden zu erwecken, zumindest der Gauner unter ihnen, die Gelder vor den Steuerbehörden oder Rechtsorganen zu verstecken gedachten.

Der ganze Prozess würde nur ein paar Tage dauern, sagte mir Watson, und die Kosten wären kaum der Rede wert: circa 1.200 Dollar für die Inkorporation der Firma, 300 Dollar für den von der Regierung verlangten Aufschlag und eine paar weitere Hundert Dollar, damit Owens & Watson mir noch, so nötig, die nominellen Geschäftsführer vermitteln konnte. Wenn ich eine Mantelfirma wollte—die gereifte Version—würde es etwas mehr kosten.

„Und mein Name erscheint nirgendwo, richtig?", fragte ich, weil ich fand, dass ich nun auch so weit gehen konnte.

„Nein, nein, nein", rief Watson. „Das ist kein Problem."

Kurze Zeit nach meinem Gespräch mit Watson erreichte ich die Büros von Mossack Fonseca, die die drei obersten Stockwerke eines vierstöckigen Glasgebäudes einnahmen, in dessen Erdgeschoss sich eine Zahnklinik befand. Obwohl ich gehofft hatte, irgendwie hineinzugelangen, gab ich die Idee wieder auf, als ich mitbekam, dass am Eingang ein Wärter alle Besucher des Gebäudes überprüfte.

Wenigstens wollte ich ein Foto von dem Büro machen, in dessen Glashülle sich das Wahrzeichen der Stadt, der Revolution Tower, spiegelte, ein scheußliches Bürogebäude in der Form eines Korkenziehers. Aber Mossack Fonseca bewacht das eigene Hauptquartier beinahe genauso gut wie die Identitäten seiner Klienten. Eine Frau, die mit einer Restaurant-Take-Away-Tüte auf das Gebäude zuging, schrie, als sie mich beim Fotografieren mit meinen Handy sah: „Er fotografiert!" Sie rief es noch einmal und zeigte auf mich: „Er fotografiert!"

Als Nächstes versuchte ich mein Glück in Las Vegas. Mossack Fonseca beschreibt Nevada wegen seiner „Vielseitigkeit, niedriger Kosten und schnellem Service" als „eine der besten Jurisdiktionen" der USA, um eine Firma zu gründen. Amerika ist für Mossack Fonseca ohnehin einer der besten Orte, um ihren Geschäften nachzugehen, da es, laut den Angaben einer in Washington beheimateten Gruppe namens Global Financial Integrity, nach Kenia das Land ist, in dem es am einfachsten ist, ein Scheinunternehmen anzumelden. Und Gauner mögen es auch, ihre Firmen hier anzusiedeln, da der Besitz einer in den USA ansässigen Firma ihnen einen Anschein von Respektabilität verleiht, der von ihren kriminellen Taten ablenkt, wie mir Heather Lowe, die Direktorin für Regierungsangelegenheiten der Gruppe sagte.

Seit Mossack Fonseca vor über einem Jahrzehnt anfing, seine Dienstleistungen in dem Staat anzubieten, haben sie eine eng mit ihnen verbundene ortsansässige Firma namens MF Corporate Services benutzt, um über 1.000 Firmen in Nevada zu registrieren, von denen die meisten von Orten im Ausland wie Genf, Bangkok und den Jungferninseln aus gemanagt werden, wie man aus Unterlagen im Ministerium erfahren kann. Laut Gesetz sind in Nevada die einzigen Namen, die in den öffentlichen Unterlagen einer Briefkastenfirma aufgeführt sein müssen, die eines ortsansässigen Agenten und eines „Managers", von denen keiner eine natürliche Person sein muss. Der ortsansässige Agent ist daher typischerweise die Firma, die das Briefkastenunternehmen anmeldet, und der Manager kann einfach eine weitere anonyme Firma sein. Das macht es so gut wie unmöglich, herauszufinden, wer tatsächlich hinter einer in Nevada ansässigen Briefkastenfirma steckt, solange die Rechtsorgane oder ein Gericht nicht die Offenlegung dieser Informationen anordnen.

Rein technisch gesehen ist MF Corporate Services unabhängig von Mossack Fonseca. Aber in der Praxis zeigen Gerichtsunterlagen, Inkorporationsurkunden und andere vertrauliche Dokumente, dass die Firma als Mossack Fonsecas lokale Zweigstelle fungiert, deren leitenden Angestellten ihre Anweisungen aus Panama erhalten. Diese Art vorgetäuschter Trennung ist eine Taktik, die von vielen der Firmen, die die Inkorporationen von Briefkastenfirmen organisieren, verwendet wird, weil sie dem Mutterunternehmen ermöglich, jede Verbindung zu dem lokalen Büro zu leugnen, wenn die Kacke von einem rechtlichen Standpunkt aus gesehen zu dampfen beginnt. Es funktionierte so ähnlich, wie wenn Walmart in Bangladesch operiert, aber durch lange und verworrene Lieferketten eine Distanz zwischen sich und den Ausbeuterbetrieben herstellt. (Wie Walmart ist auch Mossack Fonseca nie direkt wegen der Handlungen der mit ihnen verbundenen Firmen verklagt worden.) „Es sind nahtlos und vertikal eng verknüpfte Organisationen—bis zu dem Punkt, wo ein Ermittler oder Polizist aufkreuzt", beschrieb es Jack Blum, mein Experte für Geldwäsche. „Dann lösen sie sich urplötzlich in eine Reihe separater Einheiten auf und jeder behauptet felsenfest, nicht zu wissen, was irgendjemand sonst innerhalb des Systems tut. Es ist wie ein zusammengebasteltes Puzzle, das urplötzlich auseinanderfällt, wenn jemand zu ermitteln beginnt."

Und genauso hat Mossack Fonseca dann auch reagiert, als man sie über die zwielichtigen Aktivitäten, mit denen sie in Las Vegas in Verbindung stehen, befragen wollte. Obwohl es unmöglich ist, herauszufinden, wer hinter der großen Mehrheit der Scheinfirmen steckt, deren Gründung die Kanzlei dort in die Wege geleitet hat, vermitteln die in Argentinien laufenden strafrechtlichen Ermittlungen und ein damit verbundener Fall vor dem US District Court in Nevada, in dem es u. a. um den Oligarchen Lázaro Báez geht, einen Eindruck von den Ausmaßen des Ganzen. Die Ermittlungs- und Gerichtsunterlagen werfen Báez vor, der geheime Eigentümer hinter über 100 Briefkastenfirmen zu sein, an deren Gründung Mossack Fonseca in Nevada mitgewirkt hat. Alle diese Firmen wurden von Aldyne Ltd. gemanagt—einem anonymen Unternehmen, das Mossack Fonseca in den Seychellen eintragen lassen hat, wie die Staatsanwaltschaft behauptet. (Mossack Fonseca ist bis zum jetzigen Zeitpunkt weder in Argentinien noch Nevada angeklagt worden, aber einer ihrer Angestellten in Las Vegas wurde im Zuge der juristischen Auseinandersetzung abgesetzt, und der District Court hat die Firma aufgefordert, ihre Unterlagen zu den mit Báez verbundenen Briefkastenfirmen offenzulegen—eine Anordnung, der sie bisher nicht nachgekommen ist.)

Báez, ein ehemaliger Bankangestellter, konnte mittels Verträgen, die ihm seine engen Freunde Cristina Kirchner, die derzeitige Präsidentin Argentiniens, ihr inzwischen verstorbener Mann Néstor, der vorherige Präsident, und ihre politischen Verbündeten in seiner Heimatprovinz zugespielt haben, ein riesiges Geschäftsimperium aufbauen, wie es vonseiten der Ermittler heißt. Báez war, als sein Patron Néstor 2010 starb, so untröstlich, dass er ein dreistöckiges Mausoleum erbauen ließ. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Briefkastenunternehmen in Nevada Teil eines Netzwerks waren, das Báez benutzt hat, um über 65 Millionen Dollar außer Landes zu schaffen, die er bei öffentlichen Infrastrukturprojekten abgezweigt hatte.

Die mit Báez verbundenen Firmen in Nevada wurden von MF Corporate Services eingetragen, dessen stellvertretende Direktorin, Patricia Amunategui, vom Hauptquartier Mossack Fonsecas beauftragt worden war, auch als Sekretärin von Aldyne Ltd. zu fungieren, wie es eine Quelle, die eng mit der Sache zu tun hat, berichtete. Als ich Mossack Fonseca über die illegalen Aktivitäten der Firmen einiger ihrer ehemaligen Klienten befragte, erinnerten sie mich in einer Antwort-E-Mail, dass „registrierte Agenten in keiner Weise für die geschäftlichen Transaktionen oder irgendwelche anderen Aktivitäten der von ihnen inkorporierten Firmen verantwortlich sind". Amunategui—eine geborene Chilenin, die zuvor als Cocktailkellnerin in einem Casino gearbeitet hat und laut ihrer Facebook-Seite Yoga, Spiritualismus und das Wandern liebt und den Dalai Lama, die Tea Party und den früheren chilenischen Diktator Augusto Pinochet verehrt, hat für ihren Teil ausgesagt, dass MF Corporate Services „keinerlei Beziehungen zu Lázaro Báez unterhält oder je unterhalten hat".

Sie behauptete auch, in keinerlei Angestelltenverhältnis zu Mossack Fonseca zu stehen, obwohl sie vor ein paar Jahren eine Art Kundenbewertung geschrieben hat, die in einer Werbebroschüre der University of Nevada, Las Vegas, erschienen ist, und in der sie sagt, dass sie direkt nach dem Abschluss einer Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin an der Universität „einen tollen Job als Vizepräsidentin von Mossack Fonseca gelandet [hat], einer internationalen Anwaltskanzlei". (Sie behauptet, man habe sie falsch zitiert.) Amunategui war die Person, die ich am meisten zu treffen hoffte, als ich Anfang November nach Las Vegas flog.

„Sie finden ihr Auto auf dem Parkplatz B-15", sagte mir die Mittzwanzigerin von der Autovermietung nach meiner Ankunft im McCarran International Airport. „B wie Bordell."

Ihr Gesicht war komplett ausdruckslos, also wusste ich nicht, ob ich es als Beleidigung oder als Scherz nehmen sollte. Aber ich war den ganzen Tag von Washington aus unterwegs gewesen und hatte zwei lange Flüge in der Economy Class hinter mir, also war es mir zu diesem Zeitpunkt relativ egal. Ich war froh, in Vegas angekommen zu sein, auch wenn der Flughafen nach Pat McCarran benannt ist—dem Casinos liebenden, Juden hassenden, rassistischen Politiker, dem angeblich der korrupte Senator in Der Pate: Teil II nachempfunden ist.

2001 schlug die Legislative Nevadas ein Gesetz vor, dass Unternehmen ermutigen sollte, sich hier zu inkorporieren, indem es ihnen Schutz vor der gesetzlichen Offenlegungspflicht und dem Haftungsrecht versprach. „Wir halten also ein Schild hoch, auf dem steht: ‚Betrüger und Abzocker willkommen'", sagte die Senatorin Dina Titus während der Debatte zu dem Gesetzesvorschlag. Dessen Unterstützer argumentierten, dass es dringend benötigte Einnahmen in die Kassen des Bundesstaates spülen würde.

Titus, die inzwischen im US-Repräsentantenhaus sitzt, stimmte der Gesetzesvorlage dann bizarrerweise aber trotzdem zu und ihre Vorhersage bewahrheitete sich. Innerhalb weniger Jahre avancierte Nevada zum Hauptquartier diverser Pyramidenspieler, Wirtschaftskrimineller, Bilanzfälscher, Internetbetrüger und Steuerhinterzieher. Darunter waren u. a. Donald McGhan, der 2009 zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, nachdem er Investoren mittels eines betrügerischen Immobilienunternehmens namens Southwest Exchange um 100 Millionen Dollar geprellt hatte, und der Rüstungsunternehmer Mitchell Wade, der eine in Nevada registrierte Briefkastenfirma benutzte, um Bestechungsgelder an den damaligen Kongressangehörigen Randy Cunningham zu überweisen. (Das Paar brachte sich selbst zu Fall, als Cunningham während eines Mittagessens eine verhängnisvolle Liste der von Wade erhaltenen Bestechungsgelder und der entsprechenden staatlichen Aufträge, die er Wade im Gegenzug zugeschustert hatte, auf seinem eigenen offiziellen Kongressbriefbogen in ein Diagramm eintrug.)

Auf der Website des Secretary of State des Bundesstaats werden eine ganze Reihe von Gründen angeführt, warum Firmen sich in Nevada inkorporieren sollten. Insbesondere wird das Fehlen der Einkommensteuer für Unternehmen angepriesen und die Tatsache, dass es hier nahezu unmöglich sei, den „Schleier der geschäftlichen Geheimhaltung" zu lüften. Diese Art Regelungen haben dazu beigetragen, an die 300.000 aktive Unternehmen in dem Staat anzusiedeln (also einen pro neun Einwohner) und ihm zu Einnahmen in Höhe von 133 Millionen Dollar allein im Jahr 2012 zu verhelfen. Der Anteil von Aktivitäten mit potenziell kriminellem Hintergrund ist derart hoch, dass der Deputy Secretary of State, Scott Anderson, sagt, dass sein Amt inzwischen eine Reihe Schritte unternommen habe, um den Missbrauch einzudämmen, darunter eine Regel, nach der es strikt untersagt ist, in Nevada ein Unternehmen anzumelden, das der Ausübung eines Verbrechens dient. „Zugegebenermaßen wird jemand, der etwas Illegales vorhat, das aber kaum offenlegen", gestand Anderson allerdings ein.

Während meines Aufenthalts interviewte ich Cort Christie, den Direktor der Nevada Corporate Headquarters, einer der umtriebigsten Inkorporationsfirmen für Briefkastenunternehmen des Staates. Seine Firma ist in einem überdimensionierten, sterilen Bürogebäude in einer Gegend namens Spring Valley untergebracht. Christie ist ein ehemaliges Vorstandsmitglied der mächtigen, politisch gut vernetzten Nevada Registered Agent Association (der auch MF Corporate Services angehört), die „daran arbeitet, die Zukunft des Staates als Amerikas Inkorporationszentrum sicherzustellen", wie es auf der Website der Gruppe heißt. Hier wird auch gewarnt, dass, wenn Nevadas „momentanes steuergünstiges und geschäftsfreundliches Klima verloren geht, auch der Ruf des Staates leidet. Ist dieses öffentliche Vertrauen einmal gebrochen, wird es nicht so leicht wieder herzustellen sein".

Letztes Jahr machte sich die Lobbygruppe gegen einen Vorschlag des Secretary of State stark, die geschäftliche Geheimhaltung strenger einzuschränken. Der Gesetzesvorschlag, der, wie Christie mir sagte, „dem Eindruck entgegengewirkt hätte, die Leute könnten hierherkommen, um sich zu verstecken", wurde mit großer Mehrheit abgelehnt.

Am Morgen des 4. November cruiste ich den S. Casino Center Boulevard im Herzen der Downtown von Vegas entlang, vorbei am Golden Nugget und El Cortez (dem originalen Mafiacasino) und der dichtesten Konzentration von Restaurants, die ein Prime-Rib-Dinner für 9.99 Dollar anbieten, in ganz Amerika. Dann bog ich auf die Interstate 15 ein und fuhr Richtung Süden nach Henderson, einer Vorstadt, wo gigantische Shopping-Malls in schier endlose Reihe von Stuckfassade- und Lehmziegelhäuser übergehen.

Das Büro von MF Corporate Services befindet sich im Parc Place Professional Complex, einer Ansammlung mehrerer identischer, einstöckiger Gebäude mit roten Ziegeldächern. Auf dem Parkplatz befanden sich nur ein paar wenige Autos und ich sah außerhalb der Gebäude auch niemanden. Ein rot-weißes MF-Corporate-Services-Schild, das zwischen ein paar Felsbrocken und Kakteen aufgestellt war, wankte einsam in der warmen Brise.

So weit ich es aus den öffentlichen Dokumenten und Gerichtsunterlagen entnehmen konnte, empfängt die Firma hier keine Kunden, sondern ist ausschließlich damit befasst, in Nevada Briefkastenfirmen für Klienten von Mossack Fonseca einzurichten. Die wenig zugängliche Lage des Büros schien das zu bestätigen. Amunategui leitet das Alltagsgeschäft, obwohl interne Firmenunterlagen, die ich in den Gerichtsakten fand, zeigen, dass sie eng mit Mitarbeitern von Mossack Fonseca in Panama zusammenarbeitet, darunter auch Leticia Montoya, die im Auftrag von Dutzenden Briefkastenunternehmen als Treuhänderin fungiert und mit Lázaro Báez in Verbindung gebracht worden ist.

Montoya blickt auf eine recht schillernde Karriere zurück. Sie war in der Vergangenheit als nominelle Direktorin für mindestens sechs anonyme Firmen registriert bzw. tätig, die in größere internationale Korruptionsskandale involviert gewesen sind. Eine davon ist die in Panama ansässige Briefkastenfirma Nicstate, zu deren wirtschaftlich Berechtigten auch der ehemalige nicaraguanische Präsident Arnoldo „Fat Man" Alemán gehört. Dieser benutzte Nicstate und andere Off-Shore-Einrichtungen, um fast 100 Millionen staatlicher Gelder in seine eigenen Taschen umzuleiten. Montoya half auch dabei, Mirror Development Inc. zu gründen, über die Siemens Bestechungsgelder an die argentinische Regierung durchstellte und sich so einen 1 Milliarde Dollar schweren Vertrag für die Herstellung von Ausweisen sicherte. Dies war nur eine Komponente eines global angelegten Plans vonseiten des deutschen Konzerns, der außerdem bezahlte Geheimagenten nutzte, um Beamte in Bangladesch, Venezuela und im Irak zu bestechen, wobei der Empfänger im letzten Fall kein Geringerer war als Saddam Hussein.

Ich hatte mir ausgerechnet, dass meine Aussichten, Amunategui zu sprechen, am günstigsten wären, wenn ich unangekündigt bei ihr vorbeikäme, also hatte ich sie nicht angerufen. Als ich an die Glastür von MF Corporate Services klopfte, winkte mich ein Mann, der auf einem Stuhl in der Lobby des Gebäudes saß und ein Clipboard in den Händen hielt, herein. Absurderweise stand eine weiße Mülltüte mit geschredderten Dokumenten direkt neben der Tür und an einer Wand hing eine Weltkarte. Über ihr hingen vier Uhren, die die Uhrzeit in Las Vegas, Hongkong, der Schweiz und Panama anzeigten.

Der Mann auf dem Stuhl—wie sich herausstellte ein Schlosser—rief Amunategui, als ich nach ihr fragte, und sie kam aus einem Hinterzimmer. Ihr Gesicht war mit Sommersprossen übersät und sie trug ihr langes braunes Haar zu einem Knoten hochgesteckt. Sie runzelte leicht die Stirn und weigerte sich, etwas zu sagen, als ich ihr mitteilte, dass ich ein Journalist sei, der sich für die Arbeit von MF Corporate Services für Báez interessiere. „Geben Sie mir Ihren Namen und dann schaue ich, ob unser Anwalt mit Ihnen sprechen kann", sagte sie, während sie ablehnend mit dem Finger wackelte.

„Den Anwalt von Mossack Fonseca?", fragte ich.

„Nein, den Anwalt meiner Firma", sagte sie, womit sie MF Corporate Services meinte. „Es sind zwei verschiedene Unternehmen."

Ich stand einen Moment lang im hellen Licht der Deckenstrahler, und suchte verzweifelt nach irgendeinem Weg, die Unterhaltung am Laufen zu halten. Es gab noch so viel, das ich wissen wollte, und Amunategui war meine bisher einzige Chance, direkt mit jemanden zu sprechen, der mit Mossack Fonseca in Verbindung stand und Informationen hatte.

Ich wollte sie zu bestimmten Personen befragen, die von der US-Regierung, diversen Gerichten und internationalen Ermittlern mit von Mossack Fonseca inkorporierten Firmen in Verbindung gebracht worden waren: Bill Rauterbach, ein mutmaßlicher Geldbote Robert Mugabes, des langjährigen Herrschers von Simbabwe; Julia Timoschenko, der ehemaligen ukrainischen Premierministerin und Oligarchin mit dem Spitznamen „die Gasprinzessin"; Benny Steinmetz, einem israelischen Milliardär, der Berichten zufolge eine von Mossack Fonseca inkorporierte Briefkastenfirma auf den Jungferninseln genutzt haben soll, um eine Ehefrau des menschenmordenden Diktators Guineas zu bestechen, wo Steinmetz sich um eine riesige Bergbaukonzession bemühte (die er dann auch bekam). Ich wollte ihre Meinung zu der fröhlichen Facebookseite und dem Twitterfeed von Mossack Fonseca hören, auf denen Bilder von strahlenden Empfängern großzügiger Spenden der Firma zu sehen und Sinnsprüche à la Dr. Seuss („Today you are you! That is truer than true!") zu lesen waren.

Aber Amunategui sagte keinen weiteren Ton, nachdem sie sich meine Kontaktinformationen notiert hatte. Sie versprach, sie an ihren Anwalt weiterzuleiten. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, mich zur Tür zu begleiten, sondern verschwand sogleich wieder in ihrem Büro und setzte sich an einen mit Ordnern und FedEx-Paketen übersäten Schreibtisch, wo sie sofort nach dem Telefon griff. Ich konnte sie vom Flur aus sprechen hören, verstand aber nicht, was sie sagte. Ihre Stimme klang sehr aufgeregt, während sie—vermutlich—mit dem besagten Anwalt der Firma sprach (der sich nie bei mir gemeldet hat).

Amunateguis Weigerung, Fragen zu beantworten, war frustrierend, aber letztendlich wenig überraschend. Wenn man für Mossack Fonseca arbeitet, gibt es jede Menge schmutzige Geheimnisse, die man für sich behalten muss, und so ist Verschwiegenheit wohl einer der wichtigsten Aspekte ihres Jobs.

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