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Auf der Treibjagd

„Ich hörte, wie die Patronen die Äste über mir trafen, vor mir ins Gras einschlugen oder an meinem Kopf vorbei zischten. Der Jäger vor mir wurde unruhig und rief: ,Passt's a bissl auf!'"

von Simon Lehner
16 März 2015, 2:00pm

Treibjagden finden in Österreich generell von Ende November bis Ende Dezember statt. In dieser Zeit werden laut Jagdleitern nur Hasen, Fasane und sichtlich leidende Tiere geschossen. Rehe dürfen aufgrund der Schonzeitenverordnung nicht erlegt werden. Trotzdem wurden bei jeder der fünf Jagden, bei denen ich Ende 2014 fotografiert habe, ein bis drei Rehe getötet.

Die häufigste Reaktion darauf war „Ups, des woa a Reh", meist genau nachdem der Abzug des Gewehrs gedrückt wurde. Nach einigen Unfälle stürzten sich auch die Medien auf Treibjagden, weshalb ich noch vor der Begrüßung meist die Frage hörte: „Bist du eh net von da Zeitung?"

Vor Jagdbeginn werden die Regeln bekanntgegeben, welche Tiere geschossen werden dürfen—danach wird mit „Weidmanns Heil" die Jagd eröffnet. Als es dann wirklich losing, hatte ich eigentlich mehr das Gefühl, dass auf alles geschossen wird, was sich bewegt. „Wennst ned aufpasst, kriegst hoit a Lodung Schrott in' Bauch!", warnten mich die Jäger.

Einer der bizarrsten Momente war, als die Jäger einen Waldstreifen umstellt hatten und der Schütze neben mir plötzlich „A Fuchs!" schrie. Das Startsignal für einen regelrechten Kugelhagel. Ich hörte, wie die Patronen die Äste über mir trafen, vor mir ins Gras einschlugen oder an meinem Kopf vorbei zischten. Der Jäger, hinter dem ich stand, wurde auf einmal unruhig und rief ein verunsichertes „Passt's a bissl auf!"

Nachdem der Fuchs getroffen und die Schießerei beendet war, fragte einer in die Runde: „Sats e olle nu do?" Das Alter der Jäger variierte von Ende 50 bis Anfang 80. David war der Jüngste, der mir bei den Treibjagden begegnete. Er war acht Jahre alt und unglaublich begeistert davon, wenn ein Hase von einer Kugel getroffen wurde: „Boah host des gseng, wies'n gwuzlt hot, wie a gschoßn worn is?"

„Wenn a nu net tot is, hauma ma hoit numoi drauf!", schrie ein Jäger dem Treiber nach. Wenn ein Hase getroffen wurde, sich aber noch bewegt, wurde einfach mit der flachen Hand draufgeschlagen, bis er nicht mehr zuckte.

Vor 10 Jahren kam man laut Jagdleiter meist noch auf 80 bis 100 Tiere pro Jagd. Durch die kalten Frühlinge und die Treibjagden im Herbst sterben die gejagten Tiere langsam aus. „Schauma moi, wos ma nächstes Joahr nu schiaßn kinnan?", antwortete Hans auf die Frage, ob denn noch genügend Tiere übrig sind für kommende Jagden. In manchen Ortschaften werde die Tiere extra für die Jagd gezüchtet, damit es auch im nächsten Jahr wieder Rehragout geben kann.