Hulk hat sich eben über das Einstiegsgehalt von Sportwissenschaftlern informiert. Foto: Jake Lewis

Das passiert, wenn du deinen Uni-Abschluss in der Tasche hast

Wenn du endlich dein Studium beendet hast, passiert einiges. SPOILER: Ein guter Job ist da allerdings wohl eher nicht bei.

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28 Februar 2015, 5:16am

Hulk hat sich eben über das Einstiegsgehalt von Sportwissenschaftlern informiert. Foto: Jake Lewis

Das Leben als Hochschulabsolvent ist nicht gerade rosig, oder? Schau dich doch nur mal an: Du sitzt bei der Arbeit, liest heimlich diesen Artikel und jedes Mal, wenn dein Chef vorbeikommt, öffnest du schnell eine Tabelle, die du eigentlich schon vor vier Tagen erstellen solltest. Es dauert keine vier Tage, eine Tabelle zu erstellen. Das weißt du ganz genau. Auch dein Chef weiß das ganz genau. Eigentlich ist die Tabelle, an der du angeblich arbeitest, auch völlig irrelevant. Dein Leben ist sowieso nur ein einziger trauriger Witz.

So sollte es eigentlich nicht laufen. In deiner Vorstellung hättest du nur genau einmal durch die Stellenanzeigen schauen und deinen Lebenslauf mit den Armen rausgeben müssen, die noch vom ganzen Händeschütteln nach deinem Abschluss weh tun. Und schon hätten Apple, Microsoft oder irgendeine große Werbeagentur an deine Tür geklopft und gemeint: „Sehen wir das richtig? Du hast Filmwissenschaften mit einer 2,2 abgeschlossen? Falls du nicht schon zum Chefredakteur von Empire ernannt wurdest, musst du bei uns anfangen. Sind 100.000 Euro als Einstiegsgehalt in Ordnung?"

Der Haken an der ganzen Sache? So läuft das im echten Leben normalerweise nicht ab. Stattdessen tritt nach deinem Universitätsabschluss einer der folgenden drei grundlegenden Fälle ein.

1.) Du bist erfolgreich, bekommst ohne Probleme eine Einstiegsstelle und kletterst schnell die Karriereleiter nach oben. Dann trägst du nur noch Anzüge, verteilst deine Visitenkarten und sagst so Sachen wie „Anreize schaffen". Ach ja, du gibst auch so viel Geld für Armbanduhren aus, wie andere Leute jährlich an Miete zahlen.

2.) Du fällst genau in den gleichen Trott zurück, der auch schon vor der Universität dein ständiger Begleiter war, denn dort fühlst du dich wohl. Du hast ja jetzt einen Campus und damit die Welt gesehen, stimmt's? Du weißt jetzt, wovon alle immer sprechen.

3.) Dein Leben ist von einer gewissen Durchschnittlichkeit geprägt und dein Anspruchsdenken verwandelt sich schon bald in einen inneren, sich wiederholenden Monolog: „Oh Gott, hoffentlich bekomme ich den Job in dieser Bar! Ich würde auch erstmal auf Probe anfangen. Mann, eigentlich sollte ich ja inzwischen als Anwalt arbeiten!"

Ich nehme an, dass Nummer Drei gerade auf dich zutrifft, oder du dieses Szenario in ein paar Monaten erwarten kannst, wenn du deinen Abschluss in der Tasche hast und deine gesamten Ersparnisse für die Studentenbude draufgegangen sind. Es folgen nun noch ein paar andere Dinge, auf die du dich zusätzlich noch freuen kannst.

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Hierbei handelt es sich um Cambridge-Studenten. Das bedeutet, dass der durchgepeitschte Typ mit den ungleichen Socken inzwischen wahrscheinlich irgendeine Bank leitet. Foto: Nicholas Pomeroy

DU ZIEHST WIEDER BEI DEINEN ELTERN EIN

Egal ob es sich nun um eine sechswöchige Stippvisite über die Sommerferien oder um eine flexiblere Wohnsituation handelt, damit du eine feste Adresse angeben kannst: Du wirst für eine Weile wieder zu Hause bei deinen Eltern einziehen. Und das Ganze wird von vorne bis hinten richtig beschissen.

Hier ein Beispiel: Dein Zimmer wird inzwischen als „Gästeraum" bezeichnet und du musst dein Zeug jetzt um einen Crosstrainer herum verteilen, der noch aus der Woche übrig geblieben ist, in der dein Vater durch Bewegung einem Herzinfarkt vorbeugen wollte. Wenn du mit einem Kater aufwachst, dann lässt deine Mutter jetzt die Belehrungen bleiben und macht einfach nur Frühstück, indem sie jede einzelne Pfanne laut auf den Boden fallen lässt. Nichts ist mehr so, wie es mal war.

Das liegt daran, dass deine Eltern von dir die Nase voll haben. Sie sollten inzwischen eigentlich quasi ihren Lebensabend genießen und Kreuzfahrten machen, wo sich ihre gebräunten Körper bei sexuellen Aktivitäten aneinander reiben und spaßige Limbo-Wettbewerbe angesagt sind. Stattdessen besetzt du ihre Couch und bestehst darauf, dass beim Großeinkauf auch 5-Minuten-Terrinen von Maggi im Einkaufswagen landen. Mit deiner bloßen Existenz zerstörst du die Träume anderer Menschen.

EIN FAMILIENMITGLIED WIRD DIR ERZÄHLEN, WAS FÜR EINE ZEITVERSCHWENDUNG DEIN STUDIUM WAR

Das ist normalerweise irgendeinem Onkel vorbehalten. „Was hast du studiert?", fragt er ungläubig. „Bühnenbild? Was soll denn das sein?" Wenn du ihn nach seinem Lieblingsfilm fragst, bekommst du „Jeder James Bond-Streifen" als Antwort. In seinem Leben dreht sich alles ums Rauchen, den Einfluss der Inflation auf den Bierpreis und die tollpatschigste Art und Weise, in ein Auto einzusteigen (du weißt schon, wenn das ganze Fahrzeug wie wild herumwackelt).

„Verdammte Zeitverschwendung", fährt dein Onkel fort. „Hättest du mal einen anständigen Beruf gelernt. Dein Cousin ist zum Beispiel Klempner." Dein Cousin ist sein Sohn und hat damals, als ihr beide noch sechs Jahre alt wart, die ganzen Feuer gelegt. „Aus dem ist was geworden", sagt er. „Hat sich gerade erst einen Van gekauft." Du besitzt natürlich keinen Van. „In einem Philosophie-Abschluss kannst du nicht einkaufen fahren, stimmt's?" Irgendwo hat er Recht. „STIMMT'S?" Inzwischen hat er dich schon am Kinn gepackt. Er muss von sechs Leuten zurückgehalten werden. „IM SCHWITZKASTEN HILFT DIR DEINE SCHLAUHEIT AUCH NICHTS, WAS?"

Aus irgendeinem Grund haben gewisse Leute etwas gegen das Konzept, drei Jahre lang zu studieren und einen Abschluss zu machen, und sie werden dich mit Knüppeln aus später Einsicht niederschlagen, weil du die Frechheit besitzt, dich durch Wissen zu einem besseren Menschen machen zu wollen. Helikopter-Eltern haben den Wunsch, dass ihre Kinder entweder Anwälte, Ärzte oder Anwalt-Ärzte werden, und Männer, die ohne Abaschen eine ganze Zigarette rauchen können, wollen eben, dass jeder Mensch entweder als Klempner oder als Elektriker tätig ist. „LKW-Fahrer ist auch OK", fügt dein Onkel noch hinzu, nachdem er sich draußen beruhigt hat.

Es ist übrigens unmöglich, damit richtig umzugehen. Jeder schlägt einen bestimmten Lebensweg ein und in deinem ist nunmal eine drei Jahre andauernder Umweg enthalten, bei dem du mindestens einer beschissenen Nachmittags-TV-Sendung verfällst und eine Vorliebe für extrem schlechtes Kokain entwickelst. Falls du dich fragst, warum irgendwelche entfernten Verwandten dich nicht respektieren, dann denk einfach nur an den Abend zurück, als du in einer Toga bei einer Studentenparty aufgekreuzt bist.

DAS KIND EINER BEKANNTEN DEINER MUTTER WIRD AUF EINE ELITE-UNI GEHEN

„Du kennst doch Linda?", fragt dich deine Mutter. „Klar kennst du Linda. Als du klein warst, ist sie immer zu uns gekommen und hat dir die Haare geschnitten. Bei der Hochzeit von mir und deinem Stiefvater ist sie vom Stuhl gefallen und du hast angefangen zu weinen, weil sie keine Unterwäsche an hatte und du tiefer in sie reinblicken konntest, als dir lieb war."

„Ach ja", antwortest du, „Linda."

„Wie auch immer, ihre eine Tochter, die für dich immer ein wenig zu jung war, ihr aber trotzdem ständig miteinander spielen musstet, wurde letztens an einer Elite-Universität angenommen. Sie wird mal Ärztin—aber eigentlich stehen ihr wohl alle Türen offen. Später gehen wir auf eine Party, die ihr zu Ehren stattfindet. Dein Vater hat sogar schon seinen Anzug an."

„ER IST NICHT MEIN VATER", schreist du ins Telefon, knallst dann den Hörer auf die Gabel und wendest dich anschließend trotzig an die Jobberatung.

Für dich wurde keine Party geschmissen, als du dich an deiner Fachhochschule eingeschrieben hast, denn wegen so etwas wird nicht gefeiert.

DU WIRST EINEN BERICHT ÜBER DAS DURCHSCHNITTLICHE EINSTIEGSGEHALT LESEN, DAS NATÜRLICH VIEL HÖHER IST ALS DAS, WAS DU GERADE VERDIENST

„Schlechte Nachrichten für frische Universitätsabsolventen", sagt die Nachrichtensprecherin. „Das durchschnittliche Einstiegsgehalt liegt bei knapp 39.000 Euro im Jahr. Kleine Erinnerung: Das sind ein paar Tausend mehr, als du gerade verdienst."

Diese Nachricht scheint ja fast wie auf dich zugeschnitten zu sein. Du hast jetzt allerdings keine Zeit, dich damit zu beschäftigen, denn du musst den Bus zum Einkaufszentrum am Arsch der Welt erwischen, wo du in der Zoohandlung die ganzen Käfige ausmisten musst. Das ist genau die Art Job, bei der du einen richtigen Hass auf Tiere entwickelst.

DIR WIRD KLAR, DASS SICH WIRKLICH KEINE SAU MEHR FÜR DEIN BRÜCKENJAHR INTERESSIERT

Das war zwar eigentlich schon an der Uni so, aber zumindest konntest du auf den ganzen Ersti-Partys noch mit irgendetwas angeben.

Damals war dein Brückenjahr in der ersten Woche des ersten Semesters noch interessant. Ja, die Lehmhütten hast du mit deinen eigenen Händen gebaut. Du hast die kleinen Kinder an der Hand genommen und es fühlte sich so ... Es war einfach eine augenöffnende Erfahrung, weißt du? Eigentlich lebt man ein bedeutungsloses Leben, aber wenn man einen kleinen Jungen in kindlichem Kauderwelsch anweist, die Durchfall-Pillen zu nehmen, dann ist das einfach so real. Dann fühlst du dich einfach so lebendig.

Niemanden interessiert so etwas. Das war schon immer so, gilt aber jetzt mehr denn je. Du kannst den Rastazopf jetzt endlich rausmachen.

IRGENDJEMAND WIRD DIR EINE FRAGE STELLEN, DIE NICHTS MIT DEINEM ABSCHLUSS ZU TUN HAT, UND DANN TRIUMPHIEREND DREINBLICKEN, WENN DU DIE ANTWORT NICHT WEIßT

„Englische Literatur also? Alles klar, du Klugscheißer, dann sag mir doch mal, was ein Kragträger ist. Das weißt du jetzt nicht, was? Schau an, du hast keine Ahnung, was ein Kragträger ist! Drei Jahre Studium für'n Arsch!"

Manchmal kann dein Vater ein richtiges Arschloch sein.

EIN VERHASSTER KOMMILITONE BEKOMMT SOFORT EINEN JOB

Du weißt genau, von wem ich hier rede. Dieser eine Typ, der immer in superwitzigen Shirts aufgetaucht ist. Er saß immer eine Reihe vor dir und hat sich die ganze Zeit nur mit irgendwelchen schlechten Memes beschäftigt und vor lauter Kichern sein iPad vollgesabbert. Er ist jetzt in einem Ingenieursunternehmen angestellt, wo er ein fettes Gehalt bezieht und ihm sogar der Umzug bezahlt wurde.

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Ich versichere dir, dass Thor und Tim Burtons Vorstellung eines Schulmädchens inzwischen nichts mehr miteinander zu tun haben. Foto: Jake Lewis

DER KONTAKT ZU DEINEN UNI-FREUNDEN WIRD ABREISSEN

„Für immer Freunde!", sagst du noch, während du für ein letztes Selfie mit deinen Kumpels posierst, danach für einen Monat wieder zu Hause einziehst und in der Heimat versuchst, die Kohle für euren gemeinsamen Urlaub zusammenzukratzen. Moment mal, Oli ist nicht mehr am Start? Er ist jetzt Bankangestellter? Und wie bitte, Jonas kommt ebenfalls nicht mit? Australien?

Und schon sind sie für immer fort—wie die Fetzen der schrecklichen Abschlussarbeit, die du lieber in den Aktenvernichter hättest stecken sollen, anstatt sie abzugeben. Aber dann fällt dir wieder ein, dass sie eigentlich sowieso ziemliche Idioten waren. Jonas hat deinen einzigen guten Teller immer als Aschenbecher benutzt. Oli hat mal deine Bettdecke an die Couch geklebt. Und der sonst eigentlich so stille Micha hat die ganze Zeit davon geredet, die große Frühstücks-Challenge eurer Mensa zu absolvieren, das Ganze dann aber nie durchgezogen. Die Typen können sich echt verpissen.

LEUTE, MIT DENEN DU EIGENTLICH NICHT WIRKLICH WAS ZU TUN HATTEST, WOLLEN MIT DIR AUF DIE ALTEN ZEITEN ANSTOßEN

„Ich habe hier was zu erledigen", sagt er. „Hast du Lust auf ein paar Bierchen?" Und du denkst dir nur: „Woher kenne ich den Typen noch mal? Hat der sich nicht auf dieser einen Party mal einen runtergeholt? Ist das wirklich Wichser-Jan?" Da dir alle Uni-Freunde inzwischen den Rücken zugekehrt haben, bleibt dir jetzt nur noch Wichser-Jan, der auf deiner Couch pennen will.

DU HAST ENDLICH NICHT MEHR DAS GEFÜHL, ZU IRGENDEINER CLIQUE GEHÖREN ZU MÜSSEN

Egal wie du es auch drehst und wendest, eigentlich war das Studium nur ein ständiges Streben nach Coolness, und dabei war dir jedes Mittel recht. Es ging immer nur darum, dich an jeden Menschen zu klammern, der auch nur im Entferntesten die gleichen Interessen hatte wie du, und dann eine Mauer um diese Person herum zu bauen. Erinnerst du dich noch daran, als du dem einen Typen erzählt hast, dass du „ein bisschen" als DJ aktiv bist, er dich dann wirklich für eine Veranstaltung gebucht hat und du anschließend von den Security-Mitarbeitern nach Hause begleitet werden musstest, weil dein Set so scheiße war? Genau das meine ich.

Jedes geschwänzte Seminar und jedes wichtig aussehende Philosophiebuch, das du in der Öffentlichkeit gelesen hast—das waren alles deine Versuche, irgendwie dazuzugehören.

Dann wirst du in die große weite Welt entlassen und dir wird klar: Moment mal, so etwas wie Cliquen existiert hier im echten Leben nicht wirklich. Keinen interessiert's, wie gut du dich beim Bowling anstellst. Du kannst jetzt deine Festival-Bändchen abschneiden, deine T-Shirts mit obskuren Sprüchen loswerden und endlich normal sein.

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Foto: Nicholas Pomeroy

IRGENDEIN VERHASSTER IDIOT VON DAMALS WIRD EINEN FOODTRUCK ERÖFFNEN UND MAN WIRD EINEN ARTIKEL ÜBER IHN SCHREIBEN

„Florian Meier, 22, hat seinen Abschluss an der gleichen Universität gemacht wie du. Sein Leben läuft jetzt allerdings viel besser. ‚Im zweiten Studienjahr hat es bei mir Klick gemacht', sinniert Flo. „Meine Kommilitonen haben die ganze Zeit nur Party gemacht, aber ich wollte einfach zu Hause bleiben und mein Burger-Rezept perfektionieren.'"

Obwohl die Investitionsmesse damals sogar direkt an deiner Universität veranstaltet wurde, hast du davon nichts mitbekommen. Genau da hat sich Meier allerdings das riesige Investment in seinen Foodtruck „Burger für Bürger" gesichert.

Den Artikel liest du natürlich auch, genau nachdem dir der Job an der Supermarktkasse gekündigt wurde, den du schon während des Abiturs hattest. Anscheinend bist du jetzt plötzlich „überqualifiziert".

DIR WIRD KLAR, WIE BESCHISSEN DU DICH BEIM ABSCHLUSSBALL UND ALLGEMEIN WÄHREND DES STUDIUMS ANGEZOGEN HAST

Converse Chucks zum Anzug? Eine von deinem Vater geliehene, riesige schwarze Fliege? Schulterfrei? Gelocktes Haar, obwohl du sonst eigentlich nie Locken trägst? Augenbrauenpiercing? Meine Herren, du hast echt verdammt beschissen ausgesehen.

Irgendwie hat das aber auch etwas Gutes an sich: Wenn du dir heutzutage dein Abschlussfoto ansiehst und dann denkst, dass du darauf gut und cool aussiehst, dann bist immer noch ein Kind und ein Idiot. Sobald du dir das Bild anschaust und sich dann in dir drin alles unweigerlich zusammenzieht, dann bist du offiziell zu einem besseren Menschen geworden. Du bist auf dem besten Weg, ein Erwachsener zu werden—ein Erwachsener, der mit widerlich grün-grauen Rückständen überzogene Augenbrauenpiercings nicht mehr als wirklich akzeptablen Look ansieht.

DU DENKST DARÜBER NACH, EINEN MASTER ZU MACHEN

Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn du nicht vorhast, als Professor zu enden, der nach Moschus riechende Jacken mit Ellenbogen-Patches trägt, dann mach keinen Master. Und selbst wenn dem so sein sollte, dann ist ein MA-Abschluss nur ein Schritt in Richtung Promotion, den man halt der Form halber macht. In zwei Jahren wird die Welt nicht weniger schrecklich aussehen und du wirst nicht besser für den Arbeitsmarkt geeignet sein. Du hast bereits so viel gelernt wie nur möglich. Die Bewerbung für einen weiteren Studienkredit kannst du also getrost in den Mülleimer befördern.

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„Ballet-Outfits? Mann, du bist einfach der BESTE!" Foto: Jake Lewis

WENN DU JETZT BEI EINER STUDENTENPARTY AUFKREUZT, DANN WIRST DU DICH RICHTIG ALT FÜHLEN

Du hast zwar erst gestern dein Abschlusszeugnis überreicht bekommen, aber trotzdem wurden bereits sieben neue Drogen und 100 neue Trends erfunden, als du im Auto deines Vaters zu Hause ankommst. Wenn das neue Semester beginnt, haben sich diese Zahlen dann noch mal verdreifacht. Die ganzen jungen Leute sagen dann so Sachen wie „Snapchat!" oder „Klebstoff schnüffeln ist wieder richtig in—total 90er!"

Du gehst in denselben Club wie sonst auch immer und der Typ an der Kasse wird dich nicht mehr erkennen. „Komm schon, Mann!", flehst du ihn an. „Du kennst mich doch! Ich habe dir geholfen, als diese Arschlöcher deinen Kopf in einem Fahrstuhl eingeklemmt haben!" Daraufhin antwortet er: „Ohne Studentenausweis kostet es 10 Euro." Und dann bekommst du grobschlächtig einen Stempel auf den Handrücken gedrückt.

Drinnen stehen inzwischen andere Zweitsemester hinter der Bar und deine Toilettenschmierereien sind schon ziemlich vom Zahn der Zeit gezeichnet. Hast du überhaupt wirklich existiert? Warst du überhaupt wirklich hier? Falls du jetzt in diesem billigen und schäbigen Club sterben würdest, hättest du dann überhaupt irgendeinen Fußabdruck auf dieser Welt hinterlassen? Und mein Gott, schauen so heutzutage 18-jährige Mädels aus? Während du als zusammengebrochener, alter Mensch auf dem Boden kauerst und irgendein Typ mit Weste seinen Wodka-Energy-Drink über dein zerfurchtes, sterbendes Gesicht verschüttet, kannst du dir nur eines denken: „Verdammte Scheiße!"

DIR WIRD BEWUSST, DASS DU NIE WIEDER SO JUNG UND LEBHAFT SEIN WIRST

Meine Herren, weißt du noch, als du damals der heiße Scheiß warst? Erinnerst du dich an den Fotografen der Lokalzeitung, der dich darum bat, dein Abschlusszeugnis in den Händen zu halten und vor Freude in die Luft zu springen? Ihn interessieren jetzt nur noch die jüngeren Leute—die Leute, die alle bessere Noten haben als du, die alle auf die Uni gehen, an der du nicht angenommen wurdest, die alle das studieren, was du eigentlich immer wolltest, und die alle vor dir einen Job bekommen werden.

Jedes mal wenn ein neues Semester beginnt, gibt es auch wieder die altbekannten Schlagzeilen: „Das braucht jeder Student! Die zehn wichtigsten Küchenutensilien, die Sie ihren Sprösslingen mit auf den Weg geben müssen!" Und dann erinnerst du dich an die ganzen IKEA-Trips, an das Bügelbrett, das du dir damals ernsthaft gekauft hast, an das Studentenkochbuch, an die Broschüre zum sicheren Drogenkonsum und an diese Kondome mit Blaubeer-Geschmack, die in der Uni verteilt wurden. Und dann wirst du bittere Tränen wegen deiner verlorenen Jugend vergießen, während du den gummiartigen Geschmack von Blaubeeren auf deiner Zunge spürst.

Gewöhn dich besser an dieses erdrückende und durch deine Jugend hervorgerufene Trauergefühl, denn es wird gut sechs Jahre lang dein treuer Begleiter sein. Manche Menschen werden es sogar ihr ganzes Leben lang nicht mehr los.

WÄHREND EINER LANGEN ZUGFAHRT WIRST DU AUF EINE PERSON IN EINEM UNI-PULLOVER TREFFEN, DEREN UNI-SPITZNAME ZUSÄTZLICH DARAUF AUFGEDRUCKT IST, UND DU WIRST DAVON BIS ZUM ERBRECHEN ANGEWIDERT SEIN

Hey Melanie, niemand nennt dich „Bücherwurm"! Ich habe keine Ahnung, warum du mehr Geld bezahlt hast, nur damit das noch auf deinen Kapuzenpullover gedruckt wurde.

DU WIRST FÜNF JAHRE LANG KEIN BUCH IN DIE HAND NEHMEN

Es sei denn, du zahlst drei Jahre lang horrende Summen für das Privileg, dass man dich anweist, ein Buch zu lesen.

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„Hey Mama, du kannst mir nicht mehr verbieten, meine Haare kupferrot zu färben. Ich bin jetzt STUDENT!" Foto: Jake Lewis

DEIN ERSTER CHEF WIRD JÜNGER SEIN ALS DU

Es ist völlig egal, was dein erster Job sein wird. Du kannst in einem Café arbeiten, Formel-1-Autoteile mit einem 3D-Drucker herstellen, irgendwelche Daten in einem Computer eintippen oder als Astronaut zum Mond fliegen, aber irgendwann an deinem ersten Tag wirst du die Hand von jemandem schütteln, der zwar auf der Karriereleiter schon mindestens zwei Stufen weiter ist als du, aber auf unerklärliche Weise trotzdem erst geschätzte zehn Jahre alt ist.

Moment mal! Du hast doch alles richtig gemacht, oder? Du hast gestern dein Abschlusszeugnis erhalten. Du bist 21 Jahre alt. Du bist so jung, wie es für einen normalen Arbeitnehmer eigentlich nur möglich ist. Aber dann läuft da dieser Steppke rum und meint so: „Jep, ich habe direkt nach dem Abitur das Arbeiten angefangen und wohne auch noch zu Hause, wodurch ich mir die Miete spare. Deswegen kann ich mir wohl nächstes Jahr ein Haus kaufen."

Ihr Alter endet immer noch auf „-zehn" und sie haben trotzdem schon für die Zeit nach der Arbeit vorgesorgt. Aber mach dir mal keine so großen Gedanken wegen solcher Leute. Das sind Freaks und ihre Vorstellung eines wilden Wochenendes besteht daraus, mal richtig bei Galeria Kaufhof shoppen zu gehen.

DU WILLST VERZWEIFELT DEINE EINST TEUREN LEHRBÜCHER LOSWERDEN, UM DIR ETWAS ZU ESSEN KAUFEN ZU KÖNNEN

Anscheinend ist die Gedichtsammlung der englischen Literatur, die du als Türstopper genutzt hast, inzwischen nur noch ein paar Euro wert, weil es jetzt eine neue Edition mit einem zusätzlich enthaltenen Gedicht gibt.

Uni-Lehrbücher sind gut mit einem Neuwagen vergleichbar, der schon an Wert verliert, wenn du damit vom Gelände des Autohauses fährst. Stell dir jetzt noch vor, wie du das Auto dann direkt danach mit voller Geschwindigkeit gegen einen Baum setzt, dann sowohl das Fahrzeug als auch der Baum das Brennen anfangen, dann das ganze Autohaus Feuer fängt und der Verkäufer die ganze Zeit nur „Oh Gott, hier geht gerade so viel kaputt, so viel Geld verbrennt einfach so!" herumschreit. Bitte schön, diese Vorstellung beschreibt ziemlich passend die Marktwirtschaft von gebrauchten Lehrbüchern.

DIR WIR SOFORT KLAR, DASS DU ABSOLUT KEINE ZEIT MEHR DAFÜR HAST, IRGENDETWAS WIRKLICH KREATIVES ZU MACHEN

Wie steht es eigentlich um dein Zine? Ich meine das, von dem du während des ersten Studienjahrs erzählt hast, als irgendwelche durchtriebenen Amateur-Redakteure meinten, dass deine Bewusstseinsstrom-Filmkritiken „überhaupt gar nicht" für die Studentenzeitung geeignet wären. Hast du jemals den Typen angerufen, in dessen Club du einen Soca-Abend veranstalten wolltest, oder hast du seine Nummer „verloren"? Hast du eigentlich überhaupt richtig mit der Fotografie angefangen oder hast du deine Eltern einfach nur wegen der Spiegelreflexkamera als Weihnachtsgeschenk genervt („Seht es einfach als Investition für meine Karriere an!"), dann ein paar Schwarz-Weiß-Makroaufnahmen deiner Hände gemacht und alles schließlich für Tausende Abende voller FIFA und Gras wieder links liegen lassen?

Nun, die glorreichen Tage, in denen du noch genügend Zeit hattest, dich voll und ganz einer kreativen Tätigkeit zu widmen, sind jetzt so gut wie vorbei. Herzlichen Glückwunsch!

HANGOVER IN DER VORLESUNG >>> HANGOVER AUF DER ARBEIT

Wenn du mit einem Kater in die Vorlesung gehst, dann ist das kein Problem: Du hörst halt ab und an ein bisschen zu, trägst dabei einen bequemen Jogginganzug und snackst ein paar Chips weg. Danach verpisst du dich schnell wieder nach Hause, haust dich auf die Couch und schaust dir Big Bang Theory-Wiederholungen an, bis du wieder vollständig genesen bist. Du bist einfach ein richtiger Sheldon!

Mit einem Kater auf der Arbeit zu erscheinen, ist jedoch etwas ganz Anderes: eine achtstündige Schinderei mit Hin- und Rückfahrt und einem Döner zu Mittag. Man erwartet von dir, dass du arbeitest. Dabei wird kein Mitleid gezeigt. Dazu klingelt das Telefon noch richtig laut. Es ist die Hölle auf Erden.

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„Hey, Mama? Nein, hier ist es voll scheiße! Sag Papa, dass er mich abholen soll." Foto: Jake Lewis

DIR WIRD BEWUSST, WIE SINNLOS DEIN STUDIENGANG WAR

Wenn du nicht gerade Medizin studiert hast (du bist dann jetzt Arzt und solltest das hier nicht lesen. Musst du nicht irgendjemandem das Leben retten oder so?), dann war dein Studiengang für'n Arsch, und zwar so richtig. Das ist das Erste, was dir nach dem Universitätsabschluss bewusst wird.

Du willst in der Kreativ-Branche arbeiten? Dann kannst du dein Abschlusszeugnis auch gleich verbrennen, um Energie für das mindestens sechsmonatige Praktikum zu sammeln, das du sowieso zuerst machen musst. Du willst lieber etwas Wissenschaftliches machen? Dann freu dich schon mal auf die innerbetriebliche Ausbildung, du Nerd. Du bist Fremdsprachenexperte? Mehrsprachige Menschen scheinen nur noch von Banken angestellt zu werden und selbst dann wird eigentlich erwartet, dass du einen Abschluss in Mathe vorweisen kannst und halt zufällig noch gut in Französisch bist.

DU WIRST EIN JAHR LANG IN EINEM JOB FESTSTECKEN, DEN DU HASST

Es ist quasi in Stein gemeißelt, dass du ein kostbares Jahr deines Lebens verschwendest, weil du in einem schrecklichen und sinnlosen Job feststeckst. Du wirst dann zum Beispiel der stellvertretende Marktleiter einer REWE-Filiale sein, die Kontaktdaten der alten Datenbank einer Wohltätigkeitsorganisation aktualisieren oder an irgendeinem Empfang arbeiten und dabei heimlich Netflix anwerfen. Wenn es dir so wie mir ergeht, dann wirst du sowohl deine Jugend als auch deine Lebensfreude wegen eines dreiringingen Ablagesystems verlieren, in das du zweieinhalb Jahre lang Akten mit zwei Löchern einordnen musst. Die letzten Tage deiner unschuldigen Jugendjahre verbringst du dann damit, den Umgang mit einem Faxgerät zu erlernen.

Das ist die bittere Realität eines Einstiegsjobs und der Karriere, zu der du als junger und selbstbewusster Hochschulabsolvent erst einmal verdammt bist. Natürlich besteht dabei auch immer die Gefahr, noch tiefer in den endlosen Verwaltungsstrudel hineingezogen zu werden: Jede auch noch so kleine Beförderung gleicht einer Fußfessel, die dich an die lebenslange Aktensortierung kettet—und dabei wolltest du doch eigentlich Illustrator werden. Eine schnelle Lösung ist auch nicht in Sicht. Du kannst dich höchstens für deine Traumjobs bewerben und dich nicht vom Selbstzweifel und von der Traurigkeit zerfressen lassen.

Du wirst ein Jahr durch einen beschissenen Job vertrödeln. Sieh das Ganze einfach als eine Art Service für die Leute an, die dir mehr als einen römischen Kaiser aufzählen können.

IRGENDWANN WIRD SICH ALLES FÜGEN UND DU WIRST MINDESTENS EINEN KOMMILITONEN ÜBERTRUMPFEN

Todsichere Behauptung: An der Uni hatte jeder einen Erzfeind (falls das bei dir nicht der Fall war, dann warst du der Erzfeind von jemand anderem). Dabei kann es sich entweder um das ständig heulende Mädchen, den ehrgeizigen Typen, der sich als Studentensprecher profilieren wollte, die spanische Nachbarin, die durch markerschütternde Schreie ihre Orgasmen ankündigte, oder jeden Studenten handeln, der zu irgendeinem Zeitpunkt mal eine Weste getragen hat.

Aber irgendwann wird sich auch für dich alles zum Guten wenden. Wenn das passiert, dann bleibt für dich eigentlich nur noch Eines zu tun: Öffne Facebook oder Xing und schau dir an, wie beschissen das Leben deines Erzfeindes im Vergleich zu deinem ist. Dann reckst du deine Fäuste in die Luft und erklärst dich zum eindeutigen Sieger.

ACH JA, DU WIRST DIE BEZIEHUNG BEENDEN, DIE DU WÄHREND DER UNI-ZEIT HATTEST

„Du musst meine Freunde kennenlernen", werden sie sagen, nachdem du einen Haufen Geld für das Zugticket und die Reise in ihre Heimatstadt (natürlich mitten im Nirgendwo) bezahlt hast und dich nach der Ankunft noch nichtmal wirklich setzen konntest. „Du musst meine lahmen Freunde aus der Heimat kennenlernen!" Diese Freunde werden dir dann ein paar gezwungene Lächeln zuwerfen, dabei eigentlich ganz woanders hinschauen und nach ein paar Bierchen wird die Stimmung schnell ins Aggressive kippen. Dann wird dir eine innere Stimme ganz leise folgende Worte zuflüstern: „So könnte dein Leben aussehen."

Ihre Eltern reden dann scherzhaft über eure Hochzeit und der Vater meint zu dir: „Ich weiß, wo hier in der Gegend gerade ein paar richtig gute Bürojobs zu vergeben sind. Dann könntet ihr euch doch noch ein kleines Häuschen zulegen. Wie sieht es denn eigentlich mit Kindern aus?"

Und dann kommt diese innere Stimme zurück: „Du fandest sie eigentlich nur attraktiv, weil sie zufällig auch in deinem Seminar war." Du wirst die Beziehung beenden, in der du während der Uni-Zeit warst. Falls das noch nicht geschehen ist, dann nimm jetzt das Telefon in die Hand und mach dich ans Werk.

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